»Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor -- neunundneunzig -- hören Sie -- und
wenn Sie blind sein sollten -- einen Ball werden Sie doch machen.«
»Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.«
»Ah!« Der junge Mann warf sich rittlings auf einen Stuhl am Tische. »Dann
vielleicht -- Dame, Domino -- oder Schach oder Mühle, was Sie wollen -- Sie
können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind -- ja, Sie brauchen nicht
einmal zu ziehen, ich ziehe für Sie -- die Hälfte Steine gebe ich Ihnen --
ja, Donner und Doria!« rief er plötzlich aus und lachte laut und roh. Er
hatte Graus Reisesack entdeckt. Er sprang auf und besah sich den Reisesack
in der Nähe. Er lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne
kitzle. »Was für eine kostbare Sache!« schrie er. »Wohl ein altes Stück?«
»Es dürfte ziemlich alt sein, ja.« Grau lächelte, er änderte nicht den Ton
der Stimme.
»Wohl ein -- ein Familienstück -- ein Erbstück?«
»Nein.«
»Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie sagen, mein Freund, wenn
Ihnen jemand für die Tasche zwanzig Mark gäbe?«
»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete Grau geduldig.
Der Baron lachte laut heraus. Er lachte Grau ins Gesicht, dicht ins Gesicht
und sagte: »Hundert Mark! In die Hand! Na?«
Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. »Ich sehe, der Herr sind in guter
Laune,« sagte er, »ich verstehe das recht wohl, daß der Herr scherzen
wollen, aber sollte es nicht jetzt genug sein?« Er sah den Baron an und
plötzlich veränderten sich seine Augen. Eine leichte Glut begann in ihnen
aufzuleuchten und ihr Blick schien langsam in die flackernden Augen des
Barons einzudringen, bis hinab in die Tiefe.
Der Baron blinzelte, wie um sich von einer Macht zu befreien. Er kniff die
Lider zusammen und lachte.
»Aber, Herr Baron!« kicherte die blonde Frau im Erker.
»Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung? Nicht? Aber Herr, Herr, was
ist mit Ihnen? Sie scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein -- aber hole
mich der Teufel, ich darf Sie doch zu einer Flasche Wein einladen?«
»Ich danke Ihnen herzlich,« sagte Grau und errötete, »ich habe keine Lust.
Ich bin zu müde, danke!«
Der Baron lachte und schrie: »Dieser Herr errötet, Tante, wie ein junges
Mädchen, wie ein Jüngferchen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie
schlagen die Einladung aus?« wandte er sich wiederum an Grau. Er wartete
ein wenig und sah Grau in die Augen; er wollte wieder zu sprechen beginnen,
aber er zögerte und verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit.
Einen Augenblick lang sah er überrascht aus, dann lachte er heraus und
schrie: »Gut! Und wenn Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen
Sie nun, was? -- Hole Sie der Teufel!« Er klappte die Reitstiefel zusammen
und drehte sich um.
Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran. »Wo ist das
Hexengäßchen, bitte?« fragte er.
»Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen Sie denn im Hexengäßchen, im
Hexengäßchen?«
»Ich will jemand besuchen, der hier wohnt. Neben dem Armenhaus.«
»Armenhaus? Armenhaus?«
»Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin. Sie wohnt doch
da, nicht wahr?«
Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen Kopf, der in Wirklichkeit
mit den großen Augen, der langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem
verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. »Der Herr kommen zur
Beerdigung?«
»Ja,« sagte Grau und schlüpfte in den Mantel, während ihm der Wirt den Weg
beschrieb.
»Wenn er doch zum Teufel ginge!« schrie der Baron mit einer zu Graus
Verwunderung nahezu haßerfüllten Stimme.
Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich, und noch so jung!
Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt zurück und ging sogleich
auf sein Zimmer. Er hatte die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen.