Da erhob sich der Schuhmachermeister und schrie zornig: »Was verstehen denn
Sie, wie? Sie als Israelit, was verstehen Sie?« Das rief ein lautes
Gelächter hervor. »Nein!« fuhr der Schuhmachermeister fort und dämpfte die
Stimme. »Ich kann dem Herrn Dekan nicht recht geben und auch Ihnen, Herr
Rat Ulrich, auch Ihnen kann ich nicht recht geben, niemals, niemals!« Er
flüsterte.
Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. »Ich äußerte nur meine bescheidene
Meinung!« sagte er und ein böser Glanz kam in seine Augen. »Ich gebe dem
Herrn Dekan vollkommen recht und kann auf keinen Fall dulden, daß man eine
Behörde öffentlich in dieser beleidigenden Weise kritisiert. Das ist meine
Meinung! Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!«
»Ja, Gott helfe ihm, Amen!« sagte lachend der Lehrer. »Gott helfe dem Herrn
Messerschmied Ulrich, eingesessenen Bürger und Magistratsrat und mache ihn
selig, Amen! Er kann nicht anders! Er hat gestritten für die gute Sache und
sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt! Gott helfe ihm! Hahaha! Aber die
Wahrheit ist die, meine Herrschaften, daß morgen Hochzeit auf Schloß Bruck
ist, der Dekan hält die Trauung. Hohe Herrschaften kommen von allen
Himmelsgegenden, nach der Feier ist großes Diner, bei dem der Herr Dekan
beileibe nicht fehlen kann. Das ist -- hol' mich der Teufel! -- der Grund,
weshalb er so standhaft und mutig die in der Erde ruhenden Bürger, Ulrich
und Konsorten verteidigt. Im übrigen kann er nicht da und dort sein, das
versteht sich von selbst.«
Der dicke Händler ließ wiederum den hohen gurrenden Laut hören, ähnlich
einer Turteltaube, und sein Bauch begann zu zittern. Er zog ein gelbes
Taschentuch heraus, eine Art Fahne, die für einige Zeit durchs ganze Coupé
flatterte und einen Staubregen von Schnupftabak, Brotkrumen und andern
Dingen ausstreute; dahinter verbarg er sich.
Aber, was der Lehrer doch daher schwätze! Der neue Vikar sei ja angekommen
-- he! -- hier, Kaiser habe es erzählt!
»Ja, ich habe ihn gesehen!« sagte der Adjunkt und wischte sich etwas
unsicher den langen messinggelben Schnurrbart. »Auf Ehre! Er sieht wie ein
Offizier in Zivil aus, schwarzer Schnurrbart, Zylinder. Im übrigen hat mir
die Frau Dekan erzählt, daß es der neue Vikar ist. Aber ich bitte Sie,
meine Herrn -- das ändert an der Sache ja nichts. Der Dekan ist sein
Vorgesetzter und er hat zu gehorchen, fertig!«
»Also, trotzdem ein Verweser da ist, trotz alledem, das ist ja -- das ist
ja --« sagte ratlos der Schuhmachermeister.
Der Lehrer lachte. »Alterieren Sie sich nicht, mein Freund!« sagte er. »Ich
gebe Ihnen die Versicherung, daß es dem Dienstmädchen ganz gleichgültig
ist, ob man sie einsegnet oder nicht, ob man sie beerdigen wird wie einen
eingesessenen, ehrenhaften Bürger oder nicht.«
»Wie? Wie?«
»Sie hat, was sie will. Sie ist tot. Basta! Und gesetzt den Fall, daß es
einen Himmel gibt -- was ich für meine Person nicht glaube -- so ist es
einerlei, ob sie erster, zweiter oder dritter Klasse beerdigt wird. Sie
kommt hinein, ob ihr der Herr Dekan von Weinberg einen Empfehlungsbrief
mitgibt oder nicht. Oder? Deshalb sage ich, ich würde sie auch nicht
kirchlich beerdigen -- ganz wie der Magistratsrat Herr Ulrich -- ebenfalls
nicht, nein!«
»Wie? Wie?«
»Nein, denn es ist ja absolut einerlei, absolut einerlei. Ich für meine
Person verzichte freiwillig auf jede Einsegnung, ja, ich verbiete diesen
Pfarrern, Vikaren und geistlichen Räten, sich überhaupt einzumischen. Ich
will nicht einmal etwas zu tun haben mit dieser Gesellschaft!«
»Wie? Wie? Ja, da hört sich denn doch --«
Ein unbeschreibliches Getöse entstand. Einige sprangen auf, und der Kopf
der Dame tauchte wieder hinter der Scheidewand empor und drehte sich empört
hin und her. Der Händler schaukelte vor Vergnügen hin und her und der
Schuhmachermeister saß wie niedergeschmettert da und starrte mit großen,
leeren Augen auf den Lehrer.
Der Lehrer antwortete mit einem dröhnenden Gelächter.
Aber hier nahm die Sache plötzlich eine Wendung.