»Die Herrschaften müssen doch einräumen --«
Man räume nichts ein, gar nichts räume man ein! Alle schrien und der Lehrer
lachte und zuckte die Achseln. Der jüdische Viehhändler schaukelte auf und
ab, so sehr gurrte er, und schließlich bekam er einen brüllenden
Hustenanfall, der jedes andere Geräusch verschlang.
In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkürlich wurden alle still.
Aber sobald sich die Laterne in der Nacht draußen schwang und die Maschine
heulte, begann der Lärm von neuem. Eine heisere Stimme arbeitete sich
mühsam durch das Getöse.
»Davon war ja gar nicht die Rede!« sagte ein Mann mit aufgeblähtem Hals,
ein Schuhmachermeister, und riß die Augen so weit auf, daß man fürchtete,
sie fielen heraus. »Wir sprechen vom Dekan, vom Pfarrer, von der
Beerdigung.«
»Ich würde sie auch nicht beerdigen!« sagte der Lehrer mit ruhigem Baß und
der Kopf der Dame mit der Boa schnellte augenblicklich wieder empor.
»Schweigen! Schweigen!«
Der Viehhändler riß den Mund auf, um laut zu schreien, wurde aber im
gleichen Moment vom Sitze geschleudert, die Bäuerin mit dem Blechkranz und
alle auf der einen Bank flogen in die Höhe. Ein runder schwarzer Korb
rollte aus dem Netz und fiel dem Händler auf den Rücken. Die Bremsen waren
plötzlich angezogen worden, der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt
gehabt.
Es wurde still und eine Stimme in der Dunkelheit draußen rief: »Ja, weshalb
schlafen Sie denn, wenn Sie mitfahren wollen, Sie! Ein solcher Tölpel --
marsch!« Die Coupétüre sprang auf und ein junger Mann wurde
hereingeschoben. Hut und Mantel des jungen Mannes waren beschneit und mit
Eiskörnern bedeckt, wie sie entstehen, wenn man sich lange in der Kälte
aufhält. Er zog einen roten Reisesack nach sich, beugte sich zum Fenster
hinaus und rief: »Vielen Dank, mein Herr!« Der Zug fuhr wieder. Alle sahen
auf den jungen Mann, dessen Augen von Schlaf, Ermüdung und Kälte gerötet
waren. Er kniff die Augen zusammen, blickte durch die Wimpern, die
auffallend lang und dicht waren, in den Tabaksqualm und schob sich behutsam
mit seiner Reisetasche zwischen den Stiefeln, Knien, Packen und Säcken
hindurch.
»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er leise, ohne die Lippen zu öffnen,
»vielleicht erlauben Sie mir --«
Alle Augen folgten seinem Reisesack. Es war ein gestickter Reisesack. Auf
einem abgewetzten roten Grund war eine Henne gestickt, die auf farbigen
Eiern brütete. Sie hatte einen ziegelroten, flammenden Kamm und als Auge
eine große schwarze Perle. Mit diesem roten Kamm und schwarzen Auge sah sie
herausfordernd und zornig aus. Über ihr stand in weißen Perlen: Glückliche
Reise. Der Viehhändler deutete auf den Reisesack und gluckste, und alle
begannen plötzlich über die herausfordernd und zornig dasitzende Henne zu
lachen. Nur der Lehrer blieb ernst, er sah sich aufmerksam den Reisenden
an.
Der junge Mann fand ein schmales Plätzchen in der Ecke, er machte sich so
dünn als möglich, nahm den Hut ab und legte ihn aufs Knie, knöpfte den
Mantel eng zu und schloß sofort die Augen.
Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals betrachtete mit einem
raschen Blick die vom Schnee rotgebeizten Stiefel des jungen Mannes, dann
ließ er wieder die aufgerissenen Augen von einem zum andern gleiten und
schrie:
»Ist das nicht -- meine Herren -- hören Sie! Ist das nicht empörend! Der
Dekan will sie nicht beerdigen. Nein, er will sie nicht beerdigen!«
wiederholte er und rollte die Augen.
Der Lehrer lachte belustigt.
»Schweigen Sie!« schrie der Schuhmachermeister empört und deutete auf den
Lehrer. »Ja, Sie, Sie sollen schweigen! Ich finde es unbegreiflich! Er
beerdigt sie nicht. Wie einen Hund wird man sie einscharren, kein
Glockengeläute, kein Gesang, kein Segen.« Tränen traten in seine großen
Augen. Er zog die Dose heraus und schnupfte. »Keine geweihte Erde!« fügte
er hinzu. Die Bauernfrau in Trauerkleidern jammerte. »Oh du lieber guter
Himmelsvater --«
»Es wird sich nicht mit den Kirchengesetzen in Einklang bringen lassen,«
sagte der jüdische Händler, »so scheint es mir -- die Kirchengesetze --
eben --«
Hier begann der Schuhmachermeister sich vollständig zu verändern. Er
schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er wurde dunkelrot, und mit den
stierenden großen Augen hatte er Ähnlichkeit mit einem jener rotlackierten
chinesischen Götzenbilder. Er sah aus, als wolle er den Händler vernichten,
aber im letzten Momente schrumpfte er zusammen, er beugte sich zu dem
Händler und reichte ihm mit übertriebener krampfhafter Freundlichkeit die
Dose. »Mein Freund!« zischelte er. »Mein Freund, Kirchengesetze, ich bitte
Sie! Kirchengesetze hin, Kirchengesetze her. Gehen Sie zum Henker, mein
verehrter Herr, mit Ihren Kirchengesetzen. Kirchengesetze? Ich will Ihnen
--«
»Ich will Ihnen mal einen Fall erzählen,« unterbrach ihn der Händler, die
Prise Tabak auf dem Daumen.
»Lassen Sie mich mit Ihrem Fall in Teufelsnamen in Ruhe. Ich sage Ihnen,
die Mutter, hören Sie, eine alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie
verrückt herum und schrie, verrückt, ich wiederhole. Sie lief also ins
Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, daß unser Pfarrer gestorben ist.
Sie klopft also, trommelt an die Tür, schreit, jammert. Er ist ja
gestorben, der alte Hummel, sagten sie, ja, bei allen Heiligen, Sie wissen
doch, daß er gestorben ist, vor einem Monat, Sie waren ja selbst bei der
Beerdigung. Aber die Frau, hören Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte,
pochte, hämmerte an die Tür. Sind Sie denn ganz verrückt, sagten sie, wie
kann er aufmachen, wenn er tot ist? Es ist niemand da, keine Seele, der
neue Pfarrer ist ernannt, aber er ist noch nicht da. Gehen Sie nach
Weinberg, zum Dekan, er hat die Verwesung, gehen Sie dahin. Sie lief also
nach Weinberg -- sie lief eine Stunde weit im Schnee, geängstigt, gehetzt,
verzweifelt -- sie lief und lief -- sie stellte sich vor das Haus des
Dekans und schrie. Meine liebe Frau, sagt der Dekan -- Gesundheit, Sie
beniesen es -- meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hören Sie in
Teufelsnamen, ich brauche also gar nicht erst Ihren Fall zu erfahren --
lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Fall, lassen Sie mich in Ruhe und Frieden
damit -- diese verzweifelte Frau wirft sich ihm zu Füßen, jammert, schreit.
Aber alles ist umsonst, für die Katze, alles. Meine liebe gute Frau, sagt
der Dekan, ich kann nicht. Es ist unmöglich. Ja, wenn der Lebenswandel
Ihrer Tochter -- ich kann nicht -- ich sage, der Lebenswandel Ihrer Tochter
-- es tut mir leid. Die alte Frau, eine Greisin, grau, alt, ein
beklagenswertes Mutterherz, wirft sich ihm zu Füßen, beschwört ihn in des
Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trösten Sie sich -- des
Allmächtigen Wege sind unerforschlich --«
»Da sehen Sie eben die Vorschriften!« sagte der Händler und nieste
dröhnend, indem er Mund und Nasenlöcher und Augen läppisch aufsperrte und
das Coupé mit sprühendem Dunst anfüllte.
»Die Frau Dekan hat der verzweifelten Mutter eine Tasse Kaffee angeboten,
es sind gute Menschen -- aber eine Tasse Kaffee macht ihr die Tochter nicht
lebendig, eine Tasse Kaffee ist kein Trost für ein verzweifeltes
Mutterherz, keine Einsegnung.«
Hier wurde der Schuhmachermeister von einem Herrn mit langem messinggelben
Schnurrbart und großer Glatze, Postadjunkt Kaiser, unterbrochen. »Sie hat
ihn zurückgewiesen, den Kaffee«, sagte er. »Die Frau Dekan hat es mir
selbst erzählt. Mein Mann kann nicht, es ist unmöglich«, sagte sie.
Der Händler nieste zweimal, leckte sich den Bart und sagte:
»Die Kirchenverordnung meine Herrn, es steht fest, die Kirche muß einen
Unterschied machen zwischen einem Selbstmörder und einem anständigen
Menschen --« Der Lehrer ließ ein lautes Lachen hören -- »zwischen einem
Mädchen, das außerehelich entbindet und einer, sagen wir, einer
barmherzigen Schwester --«
Aber der Schuhmachermeister mit dem Blähhals fiel ihm ins Wort. »Hören Sie
auf!« zischte er und sein Gesicht schwoll an, als werde es von einer
unsichtbaren Macht bis zum Zerplatzen aufgeblasen. »Was verstehen Sie? Ich
sage, solch ein Jammer, eine alte arme Frau, die nahe daran ist, den
Verstand zu verlieren, ja, vielleicht hat sie ihn schon verloren? -- Sie
kniet vor dem Pfarrhaus und schreit wie besessen, sie rennt in alle Häuser
und bittet die Leute zu bezahlen -- die Kosten zu bezahlen -- ein jeder ein
wenig, dann ginge es. Sie will ja alles zurückbezahlen --«
Die Stimme eines kleinen graubärtigen und sauber gekleideten Mannes, der
sich bisher mit keinem Worte an dem Gespräche beteiligt hatte, sagte: »Der
Herr Dekan wird recht wohl wissen, was zu tun ist!« Die Stimme sprach so
bestimmt und die Kinnladen des alten Herrn bewegten sich mit solcher Würde,
daß alle auf ihn hören mußten. »Weshalb also ereifern Sie sich so, meine
Herren? Die Kirche kann ihre Segnungen nur Gliedern derselben angedeihen
lassen, die sich ihrer würdig zeigen. Ein Mädchen jedoch, das einen solch
unzüchtigen Lebenswandel führte und zuletzt zu all den Sünden noch jene des
Selbstmordes fügte, ist meines Erachtens dieser Segnungen unwürdig --
unwürdig, voll und ganz --«
Der Lehrer, der in der Mitte des Abteils stand, funkelte mit den
Brillengläsern und brach in ein lautes lustiges Lachen aus, der alte Herr
hielt inne und starrte ihn mit offenem Munde an. Diese Pause benutzte der
Schuhmachermeister. Er rollte die Augen und schrie zu allen gewendet:
»Sodann also rannte die alte Frau, dieses gepeinigte Mutterherz, zu dem
katholischen Geistlichen. In des Heilands Namen, helfen Sie mir! Aber der
geistliche Rat sagt, es tut mir leid, liebe Frau, gehen Sie zum Herrn Dekan
nach Weinberg. Ich habe hier nichts zu tun!« Er schlug die Hände zusammen
und ließ die Augen fragend von einem zum andern wandern.
Der graubärtige Herr hatte sich von seiner Verblüffung erholt und nahm das
Wort wieder auf. »Ich selbst habe Angehörige auf dem Friedhof liegen,«
sagte er, »ich glaube den Herrschaften bekannt zu sein -- Messerschmied
Ulrich, eingesessener Bürger und Magistratsrat -- ich wünsche nicht, daß
meine Angehörigen in der gleichen geweihten Erde ruhen mit einer Person --
nun, ich habe nicht zu richten -- aber es ist in Ordnung, was der Herr hier
sagt: Es muß ein Unterschied herrschen! Wer unwürdig ist, ist unwürdig.«
O Gott, o Gott, jammerte die Bäuerin in Trauerkleidern.
»Hier!« schrie der Schuhmachermeister, »hier sitzt sie! Hier sitzt eine
Tante von ihr! Sie muß so etwas mit anhören!«