Das Bombardement hatte nicht länger als höchstens drei Minuten gedauert.
Fünf Gasbomben waren insgesamt abgeworfen worden.
Das gasverseuchte Gebiet erstreckte sich auf den zweiten Bezirk; einige
daran angrenzende Parks und die Elektrizitätsanlage in der Hauptstraße
waren davon noch betroffen worden.
Es bildete sich ein Gassumpf.
Trotzdem sich Max bei Erscheinen des Bombenflugzeuggeschwaders sofort
schleunigst in Galopp gesetzt hatte, hatte er doch noch einen tüchtigen
Gasschluck mitabbekommen.
Auch jetzt, wo er, was das Zeug hält, die Straße hinunterrennt, kann er
das Gefühl nicht loswerden, als treibe er noch mitten in einem dichten
Gasschwaden.
Kein Mensch ist zu erblicken.
So kann er sich nicht recht klar darüber werden, ob er sich eigentlich
noch innerhalb oder schon außerhalb der verseuchten Zone befindet.
„Schlimme Sache das“, überdenkt er rasch, „Entseuchungskommandos haben
wir nicht, Chlorkalk zum Entseuchen ist nur in ganz geringen Mengen da
...“
Mit einem Fetzen von Taschentuch hält er sich Mund und Nase zu. Die
Augen beißen wie zwei ausgebrannte Wundlöcher. Automatisch fängt er zu
heulen an. In den Ohren tackt und tickt es. Er schwankt, taumelt. Auch
der Gleichgewichtssinn funktioniert nicht mehr ...
Er reißt sich immer wieder an sich selbst hoch, mit einer letzten
Willensanspannung, wie an einem unsichtbaren Nervenzügel.
„Energie! Energie! Max!“ ruft er sich zu. Stolpert und schwankt sich
wieder einige Schritte vorwärts.
„Man muß rücksichtslos Geiseln nehmen, sofort androhen lassen:
lebenslängliche Anstellung an der Wand ... als Repressalie gegenüber
solch einer unmenschlich-barbarischen Kriegsführung. Aber gut so: sie
haben sich damit selbst ihr Grab gegraben ... Wenn das auch die
ungeheuersten Menschenverluste noch kosten wird ...“
Da bricht er.
Ein langer blutiger Erguß.
Die Gedärme kommen ihm hoch dabei.
„Kotzerbärmlich ist mir zu Mut. Max, was ist nur mit dir!? Soll es
diesmal wirklich ernst werden!? Mach keinen Quatsch! Das kann, das darf
doch nicht sein ... Heute oder morgen wird die Entscheidung fallen ...
Nur jetzt nicht.“
Die ganze Oberfläche der Haut ist ihm brandig angelaufen, es juckt und
kratzt in ihm herum, eine unheimliche innere Krätze, der Gaumen fühlt
sich pelzig an, bei jedem Atemzug hat er den Geschmack, als ziehe er
flüssiges Feuer ein.
„Ob ich angesteckt bin ...?! Und ob ich nicht mehr zu meinen Kameraden
zurückkann, ohne auch sie anzustecken, wie das beim Sturm auf die
„Menschenfalle“ vorgekommen ist ...?! Ist doch nichts zum Desinfizieren
da ...“
„Nein! Ausgeschlossen, ich sterbe nicht!“ versichert er sich gleich
darauf wieder krampfhaft. „Mir ist nur ein klein wenig übel!“ ermuntert
er sich. „Unkraut verdirbt nicht. Mir kann nichts geschehen. Wird schon
wieder werden.“
Und schiebt sich mühsam mit den Knien um eine Ecke.
Auch der Tastsinn, das Orientierungsvermögen funktionieren nicht: die
Gegenstände in nächster Nähe rücken auf einmal in eine traumhafte
Entfernung.
Das Gesichtsfeld verengt sich, verschiebt sich.
Eine ruckhaft von ihm sich abstoßende Häuserfront erscheint, jäh in den
Hintergrund abfallend, spitzwinkelig nach innen zu verzogen ...
Schwerfällig wie ein Sack sinkt er, mit den Händen sich gerade noch
aufstützend, nach vorne um.
Ihm ists, als stürze er viele tausend Meter tief.
Ein ganzes Leben dauert dieser Fall ...
Dreht sich auf die Seite. Wälzt sich.
Das Schwergewicht ist aufgehoben ...
Als glitte er schwebend über den Boden hinweg.
Bleibt liegen ...
Wie lange –?
Erwacht wieder ...
Eine Turmuhr schlägt eben fünf.
Er weiß nicht: ist es fünf Uhr morgens oder fünf Uhr abends.
Wiederholt noch wie aus einem früheren Leben:
„Nur jetzt nicht ... Heute oder morgen muß die Entscheidung fallen ...
Ah, schön so, wie wunderbar, wie gut ... Rote Flieger über Berlin.“
* * * * *
Eine Maske, Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett, springt auf vor ihm.
„Hände hoch!“
Max macht eine mechanische drehende Armbewegung nach aufwärts ...
Die Bajonettspitze steht ihm senkrecht auf der Brust.
Ein zweiter, ein dritter, noch einer tappt herzu: sie alle sind in
taucherähnliche, schwarzglänzende Gummiuniformen gekleidet. Das einzige
Abzeichen, das sie tragen: je zwei kleine weißblecherne Totenkopfknöpfe
oberhalb der beiden Kragenspitzen.
„Nur, nicht lange gefackelt ... Marsch! Kehrt um! Ab damit! Marsch! An
die Wand ...“
Die Stimmen kommen, durch die Maske gedämpft, von tief unten herauf.
Max wird einfach in eine Wand hineingeschoben.
Er steht schon mit dem Gesicht gegen die Wand.
Es war eine kurze dicke Verbindungsmauer zwischen zwei Häuserblocks,
zwischen der Delikateßwarenhandlung Andreas Gräulich und einer
Sargfabrik, gegründet 1860, Grieneisen.
Max bemerkt:
Die Ziegelsteinmauer war nur notdürftig verputzt, überall Sprünge,
Risse, faustgroße Löcher.
„Armes Kind, ganz pockennarbig ...“
„Aha“, ergänzt und kommentiert er sich selbst: „der Irrsinn.“
* * * * *
Das Gas hängt bleischwer in ihm.
Der Boden an dieser Stelle scheint ihm wieder abgrundtief und sehr
schlüpfrig. Viel Geplätscher ist unten, Wellengeplätscher, wie Ozean ...
Er befürchtet im letzten Moment noch auszurutschen.
Da spürt er plötzlich ganz deutlich in der Kehle, daß er schreien müsse.
Es war ein langgezogener strangulierender, messerscharf schneidender
Halsschmerz.