„Bombenflug und Sauerstoff!“ fluchte Max.
„Nur den Verstand nicht verlieren!“ redete ihm Wilhelm gut zu, dem dabei
aber selbst die Tränen über die Backen herunterliefen.
Viele Genossen knirschten laut auf.
Die Nachricht, die soeben aus Amerika eintraf, war in der Tat
niederschmetternd.
Alle im ersten Anlauf eroberten Positionen mußten, bis auf Edgewood,
aufgegeben werden. Edgewood selbst lag seit drei Tagen bereits unter
schwerstem Gasfeuer, bis auf ein Drittel ungefähr war der ganze Komplex
gasverseucht. An ein weiteres Durchhalten war unter diesen Umständen
nicht mehr zu denken.
Kurz und gut: die revolutionäre Aufstandsbewegung, im Anbeginn
unerwarteterweise siegreich vordringend, war niedergeschlagen. In
Anbetracht der ungeheueren blutigen Verluste, mit denen der ganzen
Sachlage nach bestimmt zu rechnen war, schien ein Wiederaufflackern des
bewaffneten Aufstandes in absehbarer Zeit völlig ausgeschlossen.
Ja, die amerikanische Regierung konnte schon wieder ernsthaft in
Betracht ziehen, die Feindseligkeiten gegen Japan zu eröffnen.
Wenn man sich die weitere Wirkung, die diese Nachricht auf die breiten
Massen des Proletariats ausüben wird, vorstellt: es war zum Verzweifeln.
Schon jetzt: jeder Tag bringt neue Schwierigkeiten, schon jetzt melden
sich immer lauter die Stimmen derer an, die unter verhältnismäßig
anständigen Bedingungen den ganzen Aufstand zu liquidieren bereit sind
... immer häufiger wird das Geschwätz von den festen, 99prozentigen
realen Garantieen für den Sieg ... Jetzt heißt es: alle Kraft
zusammennehmen, nur jetzt nicht locker lassen, mit eiserner
rücksichtsloser Energie allen derartigen aktionslähmenden Versuchen
entgegentreten, und, in welcher Form sie sich auch äußern mögen:
erbarmungslos nieder mit ihnen. Nur unter keinen Umständen
Flautestimmungen und Krisenmachereien aufkommen lassen, nur jetzt nicht!
Solche Situationen waren noch immer Keimbeete, Treibhausboden, richtiges
Nährfutter für Verrätereien, Verzicht, Hinterhältigkeiten unter einem
meist überschwänglich radikal sich gebärdenden verlogenen Phrasentum.
Einige wildgewordene Anarchisten großmaulten und bramarbassierten
besonders auffällig dazwischen herum: die wollten am liebsten gleich,
wie sie möglichst aufdringlich betonten, die ganze „Bude“, worunter sie
die Welt verstanden, in die Luft sprengen: Vorbereitung und Ausführung
dieses nihilistischen pseudoheroisch-famosen Vernichtungsplans
überließen sie großmütig, wie sie nun einmal waren, allerdings mit
besonderer Vorliebe den andern. Sie selbst klinkten sich ein geheimes
Hintertürchen auf, um im Fall einer Explosionskatastrophe sich
schleunigst aus dem Staube zu machen ...
Trotzdem:
Eine große, eine schöne, eine schwerwiegende Hoffnung sank.
Die gehißte rote Fahne, ein Intermezzo! Woraus es nun zu lernen galt ...
* * * * *
Auch der Vormarsch der russischen roten Armee stockte.
Deutschland selbst war inzwischen zum Kriegsgebiet geworden.
Englische Flugzeuggeschwader landeten bereits auf deutschem Boden.
Ungeheure Proviantmagazine, ganze Arsenale und Werkstätten für
Flugzeugersatzteile waren schon vordem in den letzten Jahren errichtet
worden ...
Der Hunger begann.
Seuchen und Krankheiten schossen üppig ins Kraut.
Das kämpfende Proletariat hatte noch keine Entscheidung herbeiführen
können.
Zwar die deutschen Farbstoffwerke hatten inzwischen erfolgreich
rebelliert, aber es gestaltete sich außerordentlich schwierig, dort nur
einigermaßen wieder die Produktion in Gang zu bringen, um die
Arbeitermassen auch nur mit den allernötigsten Kampfmitteln zu versehen.
Die Arbeiten litten unter den beständigen Ueberfällen der
Regierungsflieger, die genau orientiert waren, jede verwundbare Stelle
solch eines Riesenbetriebes genau kannten und an Hand von im Frieden
wissenschaftlich ausgeführten Berechnungen und Standortbestimmungen aus
den phantastischsten Höhen herab exakt ihre Bomben abwarfen.
Dieses Störungsfeuer von oben hielt Tag und Nacht ununterbrochen an: und
die Arbeitsleistung wurde dadurch auf ein Minimum reduziert ...
* * * * *
„Die Gas-Walze kommt!“ so hieß es jeden Augenblick in den noch von den
Arbeitern gehaltenen Stadtteilen Berlins.
„Jetzt! Diesmal ganz sicher! Ich spürs schon ...“
Zwar verfügte man über einige Meßapparate, die jedes Gasgemisch in der
Luft sofort anzeigten, die Zusammensetzung analysieren ließen, und so
konnte man wenigstens, grad leidlich genug, Vorkehrmaßnahmen treffen.
Wie jede Gasschutzabwehr war auch die proletarische höchst mangelhaft.
Ein Versuch, Kollektivschutzräume anzulegen, scheiterte kläglich. Diese
Dinge waren eben nicht so ohne weiteres aus dem Boden zu stampfen.
Ueberall fehlte es an geeigneten Kräften, überall an Genossen, die auch
nur über die allerprimitivsten Kenntnisse in der Technik des Gaskampfes
verfügt hätten. Die Erfahrungen aus den Gasexperimenten 1915 bis 1918
waren bei der völlig veränderten Lage nicht auszuwerten. Es mehrten sich
die Stimmen, die sagten: „Wir haben darin unendlich viel versäumt. Das
rächt sich jetzt bitter ... Wenn es uns schon nicht den Sieg kosten
wird, so doch gewaltige Menschenopfer.“
Eine leichte Panikstimmung verbreitete sich.
Wieder hieß es:
„Die Gaswalze kommt!“
Die unglaublichsten Vorstellungen über einen Gasangriff grassierten,
ununterbrochen waren einige dazu besonders befähigte Genossen bei der
Aufklärungsarbeit ...
Und die Gaswalze kam wieder nicht.
Noch immer nicht ...
Und dennoch: beinahe jeder lauerte auf die ersten Symptome einer
Vergiftung.
Bald aber rissen sich die Proleten wieder zusammen, packten ihre
Nervenbündel fest und es ging wieder einigermaßen vorwärts ...
„Na immer noch nicht“ – scherzte Max – „hoher Besuch von oben? Schade,
daß Pfingsten schon vorüber ist, sonst könnte man sagen: Fest der
Ausgießung des heiligen Geistes ...“
Auch wurde man sich bald klar darüber:
Die rote Welle überflutet auch diesmal aller Wahrscheinlichkeit nach
nicht die ganze Welt, nur einige Nationen werden von ihr ergriffen
werden, und man wird am Ende dieser Kriegsperiode vor der Tatsache eines
großen gewaltig zusammengeschmiedeten Blocks von Sowjetrepubliken
stehen, denen gegenüber sich aber noch eine beträchtliche Anzahl
kapitalistischer Staaten behaupten wird.
* * * * *
Wie hatte sich hier alles verändert, seitdem Max von Berlin fort war!
Einen halben Tag erst war er wieder zurück, doch lange genug, um sofort
zu erkennen: das ganze Kampftempo war gründlich verändert, der Rhythmus
des Aufstandes selbst war ein wesentlich anderer geworden.
Für Elan, für Schwung war nur wenig Platz mehr da, auf andere
Kämpfereigenschaften kam es jetzt vor allem an.
Verbissen, zäh, zwei Schritte vor, eineinhalb wieder zurück, und jeder
Schritt verbunden mit Blut, wahnwitziger Anstrengung, Verkrüppelungen,
unheilbaren Wunden: so wurde jetzt gekämpft, und jeder Mann hatte
außerdem das kristallhelle Bewußtsein dabei: das ist von allem noch
längst nicht das Letzte, der Feind hat seine Reserven noch nicht
angebrochen, seine letzten und gefährlichsten Kampfmittel noch längst
nicht eingesetzt ...
* * * * *
Es war wieder ein warmer Sommerabend.
Nichts war von den „Weißen“ zu sehen.
Ruhe und Frieden weit und breit.
Die „Weißen“ hatten sich tief in ihre Hauptstellungen zurückgezogen.
Das erstemal seit langem bemerkte Max wieder: die Vögel sangen.
Sangen sie wirklich!?
Ja, sie sangen ...
Max mußte sich fest über die Augen streichen, um nicht drauf los zu
heulen.
Schön war es, wirklich: wunderbar.
Und Max dachte einen Augenblick an die Welt, wie sie nach all diesen
Greueln und Gemetzeln kommen werde ...
Inbrünstig sehnte er sich darnach.
Wieder sangen die Vögel, aber wo in aller Welt sangen sie!?
Die Bäume an den Straßen und in den Anlagen waren längst alle umgelegt,
nur Fetzen von Bäumen und verkohlte Baumstümpfe standen noch.
Oder in den Häusern!?
Singen sie heraus vielleicht aus eueren leergebrannten Augen, ihr
rätselhaften Mauer-Wesen!?
Mittenhindurchgeschnitten waren manche Gebäude, wie glatt mit der Axt
durchgespalten: ein Zimmer mit Bett und Stuhl war sichtbar, ein Kübel im
Winkel; die Matratze des dritten Stockes hing hinab in den zweiten, wie
eine ausgerissene Zunge; und der Plafond des ersten Stockes lag wieder
auf dem geborstenen Billardtisch einer Wirtschaft parterre. Das sah aus
wie auf der Bühne, unwirklich, mit nichts Lebendigem mehr verbunden: daß
Menschen je in diesen Ziegellöchern gehaust haben: eine unvorstellbare
Vorstellung ...
Die Nachrichten, die noch im Laufe der Nacht eintrafen, lauteten
durchwegs wieder günstig.
Der Druck der russischen Armee mache sich bereits deutlich bemerkbar.
Die feindliche Front im Osten sei bereits gründlich aufmassiert, heute
oder morgen spätestens erfolge der Durchstoß. Das rote Loch im Osten
also werde zur Tatsache. Endlich! Inzwischen sei auch eine Luftschlacht
geschlagen worden, ebenfalls siegreich für die „Roten“, ebenfalls,
spätestens morgen gegen Abend, erwarte man die ersten roten russischen
Flieger über Berlin ...
Mit einigen Genossen saß Max in einem Kellerunterstand bis zum Anbruch
des Morgens zusammen.
Also: auch mit Lene stand alles gut. Sie war noch immer in Ostpreußen,
wo es vorwärts ging. Ueberhaupt: das Land machte sich ...
Die Genossen sprachen Einzelheiten aus den Kämpfen durch, den und jenen
nannte man, aber die Zeit reichte nicht hin, alle aufzuzählen, die etwas
besonderes vollbracht hatten, sie hatten sich alle ausnahmslos
ausgezeichnet gehalten.
Jeder von ihnen oder auch wiederum keiner von ihnen war ein Held. Der
„Held“ war ein Kollektivbegriff geworden. Der Held war das Proletariat.
Einige, na das wußte man schon früher ... Daß sie abfallen und abtrünnig
werden würden, damit rechnete man, und das gab also keine besondere
Enttäuschung.
„Die machen noch lange keine Niederlage ...“
„Und wenn wir allesamt, sage ich, so wie wir hier beieinandersitzen
jetzt, in diesem Augenblick futsch gehn, die Bewegung geht weiter, die
Bewegung steht und fällt nicht mit dem Schicksal von Einzelpersonen,
jeden von uns kann es treffen, heute den, morgen den, nur die Bewegung:
die bleibt. Die kommunistische Bewegung ist: die materielle und die
ideologische Auswirkung und die kollektive Auswertung des
Klassen-Widerstreits. Die Bewegung, die ist: so lange noch einer auf
Kosten eines anderen lebt, so lange noch einer satt und zufrieden die
Hände sich reibt, während sein Mitmensch leidet und hungert ...“
Dann kam die Sprache auf die Gefangenen.
Die Genossen sprachen halblaut.
Die Zunge sträubte sich, alle die Grausamkeiten und bestialischen
Gemeinheiten, die die „Weißen“ an völlig Wehrlosen und an schon
Sterbenden verübt hatten, auszusprechen. Was Wunder: darüber regte sich
ja längst keiner mehr auf: daß man Gefangene mit dicken Ketten um den
Leib an Bäume und Laternenpfähle gebunden hatte ... und sich ihrer als
Zielscheibe für ein frischfröhliches Pistolenpreisschießen bediente ...
Das Anbinden, das kannte man ja aus dem Feld her ... Aber daß man
Leichen den Kopf abschlägt und ihn auf die Bajonette spießt, das wollte
man überhaupt nicht gelten lassen. Man hielt es absolut für eine ganz
unmögliche Ungeheuerlichkeit und beschuldigte lieber den Erzähler
hysterischer Uebertreibung ...
* * * * *
„An die Gewehre!“
Die Genossen erhoben sich.
„Heute oder morgen fällt die Entscheidung! Heute der, Max, morgen der!
Machs gut! Leb wohl ...“
Wilhelm und Max trennten sich.
Schweigend bezog jeder seine Stellung.
Max kniete, fünf Stielhandgranaten im Gürtel, das Gewehr schußfertig im
Anschlag, hinter dem Schornstein auf dem Dach einer Mietskaserne und
beobachtete gespannt die Straßenmündung.
Es war halb vier Uhr morgens.
Es war völlig windstill.
Hie und da hörte man in der Ferne einen Schuß knacken.
Wie Spinnenarme geisterten jetzt die ersten Strahlen der Sonne am
Horizont herauf. Wolken-Kolosse färbten sich blühend, überquellend rot,
wie frisch blutende Fleischstücke.