VIII

Ihr lebendig wandelnden Marter-Maschinerien der Menschheit in

menschenähnlicher Gestalt! Ihr großen allgewaltigen Saugpumpen! Ihr

demokratischen Würg-Götter, ihr Knochenmühlen Gottes! Ihr allmächtig

euch dünkenden Akteure der Weltgeschichte – –

(– bis auf weiteres)

Die Erde, die ganze Erde haltet umkrallt ihr mit eueren Gliedern,

geheimnisvolle Riesenspinnen: euere Organe wachsen sich aus, euere

Organe verlängern sich: euere Hände, euere Arme, euere Beine, euere

Muskelbündel setzen sich fort: Eisengelenke, Riesendampfer,

Dampf-Hämmer, Hebel, Krane, Räder, Maschinen, Werkzeuge! Euer Gehirn:

ein allgewaltiges Verrechnungsinstitut. Fest steht ihr mit beiden Füßen,

nein mit Millionen Füßen auf der Erde, verknüpft untereinander mit

blitzenden Stahlschienenbändern die fernsten Weltteile, stopft voll, und

das nennt ihr Kulturmission, mit euerem wertlosen Gerümpel jeden

Weltwinkel. „Der Anfang sind wir“, so prahlt ihr großmäulig, „die Mitte

und das Ende der Welt.“

„Cäsarennaturen –“

„Führen zurück wir nicht unseren geistigen Stammbaum auf die Schöpfer

der Pyramiden –!?“

Da marschieren sie heran, lakaienhaft grinsend, euere Angestelltenheere,

es speichelt im Chor: „Respekt vor dem Kapitalismus! Respekt vor dem

Ungeheuer! Respekt!“ –: Millionen Beamte, Techniker, Chemiker, Pfaffen,

Aerzte, Lehrer, Professoren, Künstler; so fein säuberlich wie auf

Emaille gemalt: Generäle als Trabanten. Eine Handbewegung von euch,

Druck auf einen Signalknopf: und automatisch die Fabriken öffnen sich,

und Hunderttausende von Erwerbslosen speit es hinaus aus dem zementenen

Rachen auf die Straße; Menschenrudel überstürzen sich; das humpelt,

kriecht, rast schon irrsinnig geworden auf den Arbeitsnachweis, von

euch, ihr Auserwählten, die Gnade des Arbeitendürfens in Empfang zu

nehmen. Mürrisch gewährt ihrs, wenn es euch in eueren räuberischen

Produktionsplan paßt, wenn nicht – wieder ein Signal, und rasch

verständigt ihr euch, das Militär sperrt ab – Handgranaten,

Fliegerbomben, Maschinengewehrsalven als Begleitung – und Millionen laßt

abschwenken ihr von der Straße des Lebens zum Marsch in die

Hunger-Dschungel ...

„Gewürm, Abfall, Dung der Geschichte –“

Konstatiert ihr. _Der_ Geschichte, die euere Geschichte ist. Denn dort,

wo die höchsten Schlote enden, dort ziehen sich hin euere Höhen, mit

Prachtgärten und Villen bebaut, die modernen Götterwohnungen, die

Königsschlösser unserer Zeit, unsichtbar gegen jeden Ansturm der

Rebellen verbarrikadiert, und alles vom werktätigen Volk Geschaffene

findet dort in euch seinen endgültigen sinnvollen Ausklang.

„O ihr gütigen Spender des heiligen Lebens, wie danken wir euch! Den

Lohn, den ihr uns auszahlt, welch ein kostbares Geschenk! ... Und

kleiden wir uns auch in Lumpen, bewohnen wir auch Höhlen, und haben

weder Speise noch Trank ... und wir Frauen und Kinder: man kann sich

schon nirgends mehr anlehnen, so schmerzt es vor lauter Gerippe – – – o

ihr, euer gütiges Lächeln ist unseren Wunden ein Balsam, und unser

Vierzehnstundentag nichts weniger und nichts mehr als ein Gottesdienst

–“

* * * * *

Anders aber spricht die Wirklichkeit.

Die Rußknäuel, die die Schächte ausatmen, ballen sich am Himmel zu einer

schweren Wolke. Stöße brennenden Windes furchen das Land.

Waggonweise nun laßt ausschütten ihr unter den Murrenden, unter den

Todgeweihten die jedes Klassenbewußtsein mordende Korruption. Von euch

gedungene Arbeiterführer spalten auftragsgemäß jede proletarische

Kampforganisation. Verrat, Bestechung, Niedertracht ohne gleichen. Die

Arbeiter selbst bekriegen sich. Unter dem Aushängeschild des

Arbeiterwohls und der „Volkserneuerung“ gründen sich neue

arbeiterversklavende Verbände. Mißtrauen gegen die bewährten

revolutionären Führer: in jeder Herzfalte sprießt schon euere giftige

Saat. Da wieder laßt ihr einen, freudig gewährend, einherstelzen im

Prunkgewand anarchistischer Phrasen; andere wieder orakeln von

Rednertribünen – und schmunzelnd kostet ihrs aus –: „Langsam voran, im

Zickzack vorwärts!“ Und das instinktiv schon klar entschiedene

Arbeitergehirn verwirrt sich, die Kampfkraft laugt sich aus, planlos

verläuft die Aktion und uneinheitlich – und das Ende: ein blutiges

Menschenknäuel.

Denn rücksichtslos gebraucht ihr, wo das System der Korruption nicht

mehr ausreicht, gegen die sich Empörenden euere schärfste Waffe: die

Machtorganisation des Staates.

* * * * *

Es marschiert aber, es marschiert, es marschiert.

Die Straße selbst zu eueren Höhen hinan, ihr Unerreichbaren, bewegt

sich.

Der Hungertod marschiert, die Arbeitslosigkeit marschiert, es

marschieren die Tuberkulose, die Syphilis, das Alkoholdelirium, die

unhygienischen Wohnungsstätten der Arbeiterbevölkerung: schwer,

schwerfällig, tappend, denn schwer nur kommt es noch in Bewegung. Und

das Massengrab des imperialistischen Krieges marschiert, und Selbstmord

und Lebensverzweiflung, und dahinterher wieder Skrophulose und

fahrlässige Verstümmelung, und nebenan die Kolonialschmach und die

amerikanische Lynchjustiz, die Todesstrafe marschiert, Gerichtsurteil an

Gerichtsurteil, Millionen Jahre Zuchthaus und Gefängnisstrafen, die

Kinderarbeit, die Herzensträgheit, die Gedankenzerrüttung ... eine

riesige schmutzig-gelbe gallertartige Masse von Millionen von Menschen

zerstörten Lebensglücks.

Die Menschenunterdrückung, die Ausmergelung, die Unnatur, der brutale

Daseinskampf marschiert.

Es ist eine Sintflut der Daseinssinnlosigkeit, eine Sintflut des Nichts.

Ist es Walhall, ist es der Olymp selbst, den ihr stürmen wollt!?

Hoffährtig glotzend psalmensingen die Priester zum christlichen Himmel:

aber schon schüttelt es wie Hagelkörner über die ganze Welt hin zu

Stahlgeschossen geronnene Menschentränen ...

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 184 / 229 题