Ihr lebendig wandelnden Marter-Maschinerien der Menschheit in
menschenähnlicher Gestalt! Ihr großen allgewaltigen Saugpumpen! Ihr
demokratischen Würg-Götter, ihr Knochenmühlen Gottes! Ihr allmächtig
euch dünkenden Akteure der Weltgeschichte – –
(– bis auf weiteres)
Die Erde, die ganze Erde haltet umkrallt ihr mit eueren Gliedern,
geheimnisvolle Riesenspinnen: euere Organe wachsen sich aus, euere
Organe verlängern sich: euere Hände, euere Arme, euere Beine, euere
Muskelbündel setzen sich fort: Eisengelenke, Riesendampfer,
Dampf-Hämmer, Hebel, Krane, Räder, Maschinen, Werkzeuge! Euer Gehirn:
ein allgewaltiges Verrechnungsinstitut. Fest steht ihr mit beiden Füßen,
nein mit Millionen Füßen auf der Erde, verknüpft untereinander mit
blitzenden Stahlschienenbändern die fernsten Weltteile, stopft voll, und
das nennt ihr Kulturmission, mit euerem wertlosen Gerümpel jeden
Weltwinkel. „Der Anfang sind wir“, so prahlt ihr großmäulig, „die Mitte
und das Ende der Welt.“
„Cäsarennaturen –“
„Führen zurück wir nicht unseren geistigen Stammbaum auf die Schöpfer
der Pyramiden –!?“
Da marschieren sie heran, lakaienhaft grinsend, euere Angestelltenheere,
es speichelt im Chor: „Respekt vor dem Kapitalismus! Respekt vor dem
Ungeheuer! Respekt!“ –: Millionen Beamte, Techniker, Chemiker, Pfaffen,
Aerzte, Lehrer, Professoren, Künstler; so fein säuberlich wie auf
Emaille gemalt: Generäle als Trabanten. Eine Handbewegung von euch,
Druck auf einen Signalknopf: und automatisch die Fabriken öffnen sich,
und Hunderttausende von Erwerbslosen speit es hinaus aus dem zementenen
Rachen auf die Straße; Menschenrudel überstürzen sich; das humpelt,
kriecht, rast schon irrsinnig geworden auf den Arbeitsnachweis, von
euch, ihr Auserwählten, die Gnade des Arbeitendürfens in Empfang zu
nehmen. Mürrisch gewährt ihrs, wenn es euch in eueren räuberischen
Produktionsplan paßt, wenn nicht – wieder ein Signal, und rasch
verständigt ihr euch, das Militär sperrt ab – Handgranaten,
Fliegerbomben, Maschinengewehrsalven als Begleitung – und Millionen laßt
abschwenken ihr von der Straße des Lebens zum Marsch in die
Hunger-Dschungel ...
„Gewürm, Abfall, Dung der Geschichte –“
Konstatiert ihr. _Der_ Geschichte, die euere Geschichte ist. Denn dort,
wo die höchsten Schlote enden, dort ziehen sich hin euere Höhen, mit
Prachtgärten und Villen bebaut, die modernen Götterwohnungen, die
Königsschlösser unserer Zeit, unsichtbar gegen jeden Ansturm der
Rebellen verbarrikadiert, und alles vom werktätigen Volk Geschaffene
findet dort in euch seinen endgültigen sinnvollen Ausklang.
„O ihr gütigen Spender des heiligen Lebens, wie danken wir euch! Den
Lohn, den ihr uns auszahlt, welch ein kostbares Geschenk! ... Und
kleiden wir uns auch in Lumpen, bewohnen wir auch Höhlen, und haben
weder Speise noch Trank ... und wir Frauen und Kinder: man kann sich
schon nirgends mehr anlehnen, so schmerzt es vor lauter Gerippe – – – o
ihr, euer gütiges Lächeln ist unseren Wunden ein Balsam, und unser
Vierzehnstundentag nichts weniger und nichts mehr als ein Gottesdienst
–“
* * * * *
Anders aber spricht die Wirklichkeit.
Die Rußknäuel, die die Schächte ausatmen, ballen sich am Himmel zu einer
schweren Wolke. Stöße brennenden Windes furchen das Land.
Waggonweise nun laßt ausschütten ihr unter den Murrenden, unter den
Todgeweihten die jedes Klassenbewußtsein mordende Korruption. Von euch
gedungene Arbeiterführer spalten auftragsgemäß jede proletarische
Kampforganisation. Verrat, Bestechung, Niedertracht ohne gleichen. Die
Arbeiter selbst bekriegen sich. Unter dem Aushängeschild des
Arbeiterwohls und der „Volkserneuerung“ gründen sich neue
arbeiterversklavende Verbände. Mißtrauen gegen die bewährten
revolutionären Führer: in jeder Herzfalte sprießt schon euere giftige
Saat. Da wieder laßt ihr einen, freudig gewährend, einherstelzen im
Prunkgewand anarchistischer Phrasen; andere wieder orakeln von
Rednertribünen – und schmunzelnd kostet ihrs aus –: „Langsam voran, im
Zickzack vorwärts!“ Und das instinktiv schon klar entschiedene
Arbeitergehirn verwirrt sich, die Kampfkraft laugt sich aus, planlos
verläuft die Aktion und uneinheitlich – und das Ende: ein blutiges
Menschenknäuel.
Denn rücksichtslos gebraucht ihr, wo das System der Korruption nicht
mehr ausreicht, gegen die sich Empörenden euere schärfste Waffe: die
Machtorganisation des Staates.
* * * * *
Es marschiert aber, es marschiert, es marschiert.
Die Straße selbst zu eueren Höhen hinan, ihr Unerreichbaren, bewegt
sich.
Der Hungertod marschiert, die Arbeitslosigkeit marschiert, es
marschieren die Tuberkulose, die Syphilis, das Alkoholdelirium, die
unhygienischen Wohnungsstätten der Arbeiterbevölkerung: schwer,
schwerfällig, tappend, denn schwer nur kommt es noch in Bewegung. Und
das Massengrab des imperialistischen Krieges marschiert, und Selbstmord
und Lebensverzweiflung, und dahinterher wieder Skrophulose und
fahrlässige Verstümmelung, und nebenan die Kolonialschmach und die
amerikanische Lynchjustiz, die Todesstrafe marschiert, Gerichtsurteil an
Gerichtsurteil, Millionen Jahre Zuchthaus und Gefängnisstrafen, die
Kinderarbeit, die Herzensträgheit, die Gedankenzerrüttung ... eine
riesige schmutzig-gelbe gallertartige Masse von Millionen von Menschen
zerstörten Lebensglücks.
Die Menschenunterdrückung, die Ausmergelung, die Unnatur, der brutale
Daseinskampf marschiert.
Es ist eine Sintflut der Daseinssinnlosigkeit, eine Sintflut des Nichts.
Ist es Walhall, ist es der Olymp selbst, den ihr stürmen wollt!?
Hoffährtig glotzend psalmensingen die Priester zum christlichen Himmel:
aber schon schüttelt es wie Hagelkörner über die ganze Welt hin zu
Stahlgeschossen geronnene Menschentränen ...