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Der Ausweg aus diesem Menschheits-Irrgarten!?
Breit und wunderbar eben angelegt, asphalt-glatt, mit Phrasen von
Menschheitstum gepolstert, mit allen Bürgertugenden gepflastert, auf
Viadukten über die abgründigsten aller Abgründe scheinbar schwebend
gespannt, oft mit bengalischen Fackeln phantastisch, märchenhaft
erleuchtet: das ist der Weg, der immer tiefer, gleichsam zwangshaft
hineinführt ins Labyrinth, ins völlig Ausweglose.
Offizielle Wegweiser sind angebracht, wie:
„Hier Rettung aus der Not!“
„Der richtige Weg!“
„Pfad der Hoffnung!“
„Hier: Weg des Fingerzeigs Gottes aus dem Tal der Verdammnis!“
Auch antike, togaumhüllte Göttergestalten sind links und rechts, diesem
heiteren Lebenskorso entlang aufgestellt, bronzene Reiterdenkmäler,
Siegessäulen, marmorne Kriegergedächtnishallen, und feierlich bewegen
sich daher, auf hohen Kothurnen stelzend, die Heldengestalten der
vergangenen Geschichte, berühmte Sprüche orakelnd, manche mit Dreispitz
oder in Ritterrüstung, Friedrich der Große, der Große Kurfürst.
„Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“
Oder:
„Wenn auf unseren verödeten Exerzierplätzen wieder die Schritte
preußischer Grenadiere hallen, dann gehts mit uns aufwärts!“
Auch für Musik ist auf dieser Wanderung hinreichend gesorgt, für Tanz,
für Poesie, für Bildung. In den kargen Ruhestunden wirst du ausgiebig
mit den erhabensten Gedanken gratis gefüttert, Denk-Automaten schnurren,
es wird für dich gedacht, auf diese Weise wird ein schreckliches Unglück
verhütet, nämlich: daß du selbst zu denken etwa gezwungen wirst. Und
würde solch ein Unglück unvorhergesehenerweise gar massenhaft auftreten,
keine Epidemie käme dem an Gemeingefährlichkeit gleich, es wäre das
Chaos, so ein Zustand wäre für die moderne Gesellschaft unertragbar. So
schmilzt auch die Stimme des berühmten Professors der Gesellschaftskunde
herab vom staatlichen Universitätskatheder: „Klassenversöhnung!
Volksgemeinschaft! Rückkehr zum Gottesglauben!“ ... Oder ein anderer,
seine Brust wölbt sich unter einem Taifun von sogenannter
Vaterlandsbegeisterung: „Der heiligste Beruf der deutschen
Arbeiterklasse ist, die deutsche Wirtschaft für alle Verluste, die sie
im Weltkrieg erlitten hat, schadlos zu halten ...“ Und flugs werden
Menschenleben und verlorene Landstriche in Arbeitsstunden umgerechnet,
die der deutsche Kuli nun als Ueberstunden hereinzuschuften hat ... Und
die ganze Luft ist erfüllt wie bei einer mittelalterlichen Hexenorgie
mit Idealen, Idolen, Phantomen.
* * * * *
Das also ist ein eiliges Gekrabbel mit zugehaltenen Ohren,
verkleisterten Augen, verkniffenen Mündern; kopfüber drängt und zwängt
sich alles, einer schiebt den andern, rücksichtslos gebraucht man den
mit einem Eisenstachel noch besonders wirksam bewaffneten Ellenbogen,
und alles mischt sich freudig erregt hinein in die Verwesung; alles
maskiert, es ist wie bei einem Karneval; alles wird breiig,
verschwommen, die Umrisse enträndern sich, nun fliegen die Menschen
dahin als Schemen, nebelhaft, mit Fangarmen, künstlichen Rüsseln,
unnatürlich sich überwuchernden Gebissen, vergespenstert: mit
Scheuklappen vor den links und rechts sich ruckhaft-mechanisch
aufgipfelnden Schädelpyramiden: ein Staatsmann zeigt einen neuen Bluff,
alle klatschten hypnotisiert ekstatischen Beifall, „spontan“,
„frenetisch“ wie es im Zeitungsbericht heißt, durch einen Gaunertrick
zeugt man unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln ein neues
polypenartiges Gebilde, den Völkerbund; da heben plötzlich alle die
Sektgläser, kreischen „Prost Neujahr!“ fallen sich gegenseitig in die
Arme vor Entzücken, würgen sich und beißen sich aber gleich darauf die
Gurgeln durch, und die Glocken läuten dazu noch ganz ernsthaft „Friede
auf Erden!“ Sektierer aller Arten nun schwärmen heran, spleenige Käuze,
Prediger, von denen ein jeder eigensinnigst darauf erpicht ist, auf
seine nur ihm allein eigene und geschäftstüchtig natürlich patentierte,
höchst originelle Weise in den Untergang zu stolpern; Pazifisten, mit
Palmenschweifen wedelnd, auf allen Vieren hopsend vor dem von ihnen
mitgetragenen imaginären Standbild des von ihnen nie zu verwirklichenden
Weltfriedens; geschäftig verhandeln sie unter sich die gegen jedes
Blutbad garantiert imprägnierten Schutzmäntel ... O Prozession des
Todes! ... Und Strenggläubige noch, den Bedürfnissen eines modernen
Zeitalters nicht unbegabt angepaßt: auf fahrenden, in einem
eindrucksvollen Hundertkilometertempo angleitenden, elektrisch
betriebenen Betstühlen ... Lachsalven: ein irrsinniges Grinsen ... Und
das alles mit „Hoppsassa! Heisassa!“ immer tiefer hinein in einen
riesigen Pfuhl, mit blut- und kottriefenden Masken.
* * * * *
Mit Gebälken, Barrikaden und Schranken aller Art aber verrammelt ist der
Weg, der aus dieser Marter-Höhle herausführt.
Mit Stacheldrahtverhauen von den Herrn dieser Erde abgesperrt,
unterminiert, durchtupft mit Wolfsgruben, von Schützengräben durchquert,
von Schlingen und Fallen umstellt, und mit einer Riesenwarnungstafel
gütigst versehen:
„Wer weitergeht, wird erschossen!“
Polizeitruppen, schweißtriefend, rasen in Lastwagen auf und nieder,
angaloppieren schneidig die berittenen Hundertschaften „zur besonderen
Verwendung“, die Gummiknüppel flitzen, Säbelschneiden ziehen durch, die
Gewehrkolbenschläge dröhnen dumpf, Bajonettspitzen zucken, Schüsse
knacken ... und Panzerwagen, aus allen Luken beinahe lautlos Feuer
speiend, kriechen wie stahlhäutige Riesenkäfer hervor aus den zu Forts
ausgebauten Regierungsvierteln. Gasgranaten, Bomben; Maschinengewehre
knattern oben aus Flugzeugen.
Haufen Erschossener.
Haufen lebenslänglich in Zuchthäusern an die Mauern Geketteter.
Millionen: das Lebensmark ausgesogen von übermenschlichen Entsagungen.
Ein Haufen zum Tode Verurteilter: wie groß und unendlich ruhig stehen
sie an der Wand –
Millionen namenloser Märtyrer:
Und sie halten sich unverrückbar im Herzen eines jeden Lebenden fest, im
Kampf den Kämpfern ein gerades Richtzeichen.
* * * * *
Und aufrecht schreitet diesen Weg trotzdem und trotz alledem ein Zug:
rußgeschwärzte Gestalten, beinahe nackt, singend, unter einer großen
roten Wolke als Fahne ...
Ihre Schritte klirren, klirren wie Hämmer im Takt ...
Kein Schönredner ist da, der die Gehirne dieser Männer auslaugt mit
Schwatz und mit Flausen ...
Rhythmisch, hart schwingend, als ob die Straße selbst marschiert, ist
es. Die Lebendigkeit, das Leben, die Erde, die Welt selbst ist hier in
Bewegung; die Erdkugel rollt, das Sonnenfeuer dreht sich, das Firmament
zieht glanzstark auf und nieder, die ganze Natur, alle Kreatur: alles
marschiert, alles singt hier, triumphierend und kühn, das:
„Vorwärts!“
* * * * *
Ein Kommando ertönt.
Ist es der Sturm selbst, der menschliche Sprache gewonnen hat; das Meer,
das aufgewühlte Meer, das schreit, schreit und tief hinten am Horizont
hochpeitscht, der in Millionen Flammensplitter zerspringt!?