Es war gut, nur allzu gut so. –

V

Der Ausweg aus diesem Menschheits-Irrgarten!?

Breit und wunderbar eben angelegt, asphalt-glatt, mit Phrasen von

Menschheitstum gepolstert, mit allen Bürgertugenden gepflastert, auf

Viadukten über die abgründigsten aller Abgründe scheinbar schwebend

gespannt, oft mit bengalischen Fackeln phantastisch, märchenhaft

erleuchtet: das ist der Weg, der immer tiefer, gleichsam zwangshaft

hineinführt ins Labyrinth, ins völlig Ausweglose.

Offizielle Wegweiser sind angebracht, wie:

„Hier Rettung aus der Not!“

„Der richtige Weg!“

„Pfad der Hoffnung!“

„Hier: Weg des Fingerzeigs Gottes aus dem Tal der Verdammnis!“

Auch antike, togaumhüllte Göttergestalten sind links und rechts, diesem

heiteren Lebenskorso entlang aufgestellt, bronzene Reiterdenkmäler,

Siegessäulen, marmorne Kriegergedächtnishallen, und feierlich bewegen

sich daher, auf hohen Kothurnen stelzend, die Heldengestalten der

vergangenen Geschichte, berühmte Sprüche orakelnd, manche mit Dreispitz

oder in Ritterrüstung, Friedrich der Große, der Große Kurfürst.

„Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“

Oder:

„Wenn auf unseren verödeten Exerzierplätzen wieder die Schritte

preußischer Grenadiere hallen, dann gehts mit uns aufwärts!“

Auch für Musik ist auf dieser Wanderung hinreichend gesorgt, für Tanz,

für Poesie, für Bildung. In den kargen Ruhestunden wirst du ausgiebig

mit den erhabensten Gedanken gratis gefüttert, Denk-Automaten schnurren,

es wird für dich gedacht, auf diese Weise wird ein schreckliches Unglück

verhütet, nämlich: daß du selbst zu denken etwa gezwungen wirst. Und

würde solch ein Unglück unvorhergesehenerweise gar massenhaft auftreten,

keine Epidemie käme dem an Gemeingefährlichkeit gleich, es wäre das

Chaos, so ein Zustand wäre für die moderne Gesellschaft unertragbar. So

schmilzt auch die Stimme des berühmten Professors der Gesellschaftskunde

herab vom staatlichen Universitätskatheder: „Klassenversöhnung!

Volksgemeinschaft! Rückkehr zum Gottesglauben!“ ... Oder ein anderer,

seine Brust wölbt sich unter einem Taifun von sogenannter

Vaterlandsbegeisterung: „Der heiligste Beruf der deutschen

Arbeiterklasse ist, die deutsche Wirtschaft für alle Verluste, die sie

im Weltkrieg erlitten hat, schadlos zu halten ...“ Und flugs werden

Menschenleben und verlorene Landstriche in Arbeitsstunden umgerechnet,

die der deutsche Kuli nun als Ueberstunden hereinzuschuften hat ... Und

die ganze Luft ist erfüllt wie bei einer mittelalterlichen Hexenorgie

mit Idealen, Idolen, Phantomen.

* * * * *

Das also ist ein eiliges Gekrabbel mit zugehaltenen Ohren,

verkleisterten Augen, verkniffenen Mündern; kopfüber drängt und zwängt

sich alles, einer schiebt den andern, rücksichtslos gebraucht man den

mit einem Eisenstachel noch besonders wirksam bewaffneten Ellenbogen,

und alles mischt sich freudig erregt hinein in die Verwesung; alles

maskiert, es ist wie bei einem Karneval; alles wird breiig,

verschwommen, die Umrisse enträndern sich, nun fliegen die Menschen

dahin als Schemen, nebelhaft, mit Fangarmen, künstlichen Rüsseln,

unnatürlich sich überwuchernden Gebissen, vergespenstert: mit

Scheuklappen vor den links und rechts sich ruckhaft-mechanisch

aufgipfelnden Schädelpyramiden: ein Staatsmann zeigt einen neuen Bluff,

alle klatschten hypnotisiert ekstatischen Beifall, „spontan“,

„frenetisch“ wie es im Zeitungsbericht heißt, durch einen Gaunertrick

zeugt man unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln ein neues

polypenartiges Gebilde, den Völkerbund; da heben plötzlich alle die

Sektgläser, kreischen „Prost Neujahr!“ fallen sich gegenseitig in die

Arme vor Entzücken, würgen sich und beißen sich aber gleich darauf die

Gurgeln durch, und die Glocken läuten dazu noch ganz ernsthaft „Friede

auf Erden!“ Sektierer aller Arten nun schwärmen heran, spleenige Käuze,

Prediger, von denen ein jeder eigensinnigst darauf erpicht ist, auf

seine nur ihm allein eigene und geschäftstüchtig natürlich patentierte,

höchst originelle Weise in den Untergang zu stolpern; Pazifisten, mit

Palmenschweifen wedelnd, auf allen Vieren hopsend vor dem von ihnen

mitgetragenen imaginären Standbild des von ihnen nie zu verwirklichenden

Weltfriedens; geschäftig verhandeln sie unter sich die gegen jedes

Blutbad garantiert imprägnierten Schutzmäntel ... O Prozession des

Todes! ... Und Strenggläubige noch, den Bedürfnissen eines modernen

Zeitalters nicht unbegabt angepaßt: auf fahrenden, in einem

eindrucksvollen Hundertkilometertempo angleitenden, elektrisch

betriebenen Betstühlen ... Lachsalven: ein irrsinniges Grinsen ... Und

das alles mit „Hoppsassa! Heisassa!“ immer tiefer hinein in einen

riesigen Pfuhl, mit blut- und kottriefenden Masken.

* * * * *

Mit Gebälken, Barrikaden und Schranken aller Art aber verrammelt ist der

Weg, der aus dieser Marter-Höhle herausführt.

Mit Stacheldrahtverhauen von den Herrn dieser Erde abgesperrt,

unterminiert, durchtupft mit Wolfsgruben, von Schützengräben durchquert,

von Schlingen und Fallen umstellt, und mit einer Riesenwarnungstafel

gütigst versehen:

„Wer weitergeht, wird erschossen!“

Polizeitruppen, schweißtriefend, rasen in Lastwagen auf und nieder,

angaloppieren schneidig die berittenen Hundertschaften „zur besonderen

Verwendung“, die Gummiknüppel flitzen, Säbelschneiden ziehen durch, die

Gewehrkolbenschläge dröhnen dumpf, Bajonettspitzen zucken, Schüsse

knacken ... und Panzerwagen, aus allen Luken beinahe lautlos Feuer

speiend, kriechen wie stahlhäutige Riesenkäfer hervor aus den zu Forts

ausgebauten Regierungsvierteln. Gasgranaten, Bomben; Maschinengewehre

knattern oben aus Flugzeugen.

Haufen Erschossener.

Haufen lebenslänglich in Zuchthäusern an die Mauern Geketteter.

Millionen: das Lebensmark ausgesogen von übermenschlichen Entsagungen.

Ein Haufen zum Tode Verurteilter: wie groß und unendlich ruhig stehen

sie an der Wand –

Millionen namenloser Märtyrer:

Und sie halten sich unverrückbar im Herzen eines jeden Lebenden fest, im

Kampf den Kämpfern ein gerades Richtzeichen.

* * * * *

Und aufrecht schreitet diesen Weg trotzdem und trotz alledem ein Zug:

rußgeschwärzte Gestalten, beinahe nackt, singend, unter einer großen

roten Wolke als Fahne ...

Ihre Schritte klirren, klirren wie Hämmer im Takt ...

Kein Schönredner ist da, der die Gehirne dieser Männer auslaugt mit

Schwatz und mit Flausen ...

Rhythmisch, hart schwingend, als ob die Straße selbst marschiert, ist

es. Die Lebendigkeit, das Leben, die Erde, die Welt selbst ist hier in

Bewegung; die Erdkugel rollt, das Sonnenfeuer dreht sich, das Firmament

zieht glanzstark auf und nieder, die ganze Natur, alle Kreatur: alles

marschiert, alles singt hier, triumphierend und kühn, das:

„Vorwärts!“

* * * * *

Ein Kommando ertönt.

Ist es der Sturm selbst, der menschliche Sprache gewonnen hat; das Meer,

das aufgewühlte Meer, das schreit, schreit und tief hinten am Horizont

hochpeitscht, der in Millionen Flammensplitter zerspringt!?

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 147 / 229 题