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Ob man sich selbst herunterholen kann!?
Herunter bis auf diese naheste aller Erdnähen, bis zu diesem festen
granitenen fundamentalen Grund: Klassenkampf, Klassensolidarität,
Parteidisziplin, Parteiehre!? Darnach, nachdem das ganze Dasein
ausgelaugt von der bürgerlichen Gifthölle ist oder millionenscherbig
zersplittert! Und man sich mühselig von neuem wieder zusammenklauben
muß! ... Dreivierteln seines Menschendaseins den Todesstoß versetzen
muß, um mit dem übriggebliebenen, ach so spärlichen Restviertel von
vorne, ganz von vorne zu beginnen!? ...
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Nun, ich habe viele kennen gelernt, die auf diesem Wege gefallen sind,
zu etwas Besserem geboren als zu farblosem Verzicht und ruhmlosem
Opfertum: freiheits-fanatische, prächtige, an allem Wahren und Schönen
entzündbare und alle Menschen rings um sich mitentzündende,
gemeinschaftssüchtige Menschen; Menschen, in ihrer Jugend wie
Kraterberge, mit explosiver Lava angefüllt, rissig rings von einem
ununterbrochenen ekstatischen Bersten; Jahr für Jahr aber mehr und immer
mehr abglühend bis zu einem wandelnden Aschenhaufen, durchdunkelt von
unheilbarer Schwermut. Manche von ihnen schüttelten sich in dem ihnen
von der Gesellschaft angeborenen brennenden Kettengewand oft rasend wie
Berserker. Sie waren allesamt wissend, zum mindesten aber ahnend, und in
Gesprächen gelegentlich oder in einem hingezuckten Blick verrieten sie
ihr Geheimnis.
Wie lautete ihr Geheimnis?
Einfach:
„Die Lebenskraft reicht uns eben nicht mehr hin, herüber, herauf über
den Rand zu kommen. Man bleibt hilflos, einsam hängen wie in einem
ungeheuren Rauchfang im Weltabgrund ... Man läßt los. Ein Traum, ein
violetter vielleicht, wenn Sie wollen, von einem seligen,
vergessenheitstrunkenen Absturz. Fratzenhaft das alles, grimmassierend
... Ein elektrischer Einstich jeder Sternblick. Alles Leben ist
gläsernes Schweben ... Ueber metallisch fließende Traumsteppen hin
uferloses Tonwehen ... Die Atmosphäre, die Atmosphäre, die ist es ...
Sie ist zwangshaft ... Ein unheimlich unsichtbarer, mörderischer Fetisch
... Unentrinnbar umklammert von einer mystischen Gefühls- und Denkzange:
ein mystischer Terror: man – kann nicht mehr.“
Solchen kann man wirklich nicht zurufen:
„Nur Mut!“
Das ist das völlige Abgekämpftsein, ein Bruchton aus der Symphonie des
bürgerlichen Klassensterbens, das in seltsamen Klangkombinationen
hinschmelzende Finale der physiologischen Gebrochenheit.
Ihr Welt-Rätsel!? Ihres Welträtsels Unergründbarkeit!?
Sie fanden nicht mehr den Anschluß an die allein rettende, an die
alleinig heilende Realität dieser Erde, an die einzig die
Menschheitserlösung erkämpfende Macht dieser Erde, an das Proletariat,
an die Kampftruppe der Zukunft – und so würgten sie sich selbst ab unter
metaphysisch-grotesken, oft harlekinhaften Todesgesten im Luftleeren.
Mit welchem Aufwand an Sentimentalität, Zärtlichkeit, Andacht bauten sie
sich aus in dem auf dem Boden des Nichts errichteten Elfenbeinturm ihrer
Individualität für jede Laune, für jede Absonderlichkeit ein eigenes
Wohngemach; ganze Appartements darin für treibhausdünstiges „Höhenleben“
–: bis eines Tages dieses künstlich aufgeführte Gebäude schwankte und zu
dem zusammenstürzte, was es war: zu einem Häufchen von Daseinsmoder,
Lebensekel und verworrener, ihrer blendenden Umschalung entkleideten
Weltlüge.
Sie endeten alle mit Selbstmord, ob sie nun Hand an sich legten oder
nicht.
Auch ihr Wahnsinn war Selbstmord.
Man kann sie nicht verurteilen, man kann sich nicht zum Richter
aufwerfen über sie.
Hier gibt es nur das eine:
„Es ist schade, jammerschade.“
Ueber alle diese „Zu-kurz-Gesprungenen“ schreibe ich als Epilog:
Ich weiß, welches unausmeßbare Maß an Schmerzen ihr erlitten habt. Ich
bin fähig und ich bin auch willens, sie mitzuleiden. Mancher von euch
hat tapfer sich gewehrt; jahrelang, jahrzehntelang sich tapfer gewehrt,
bevor er die Arme verschränkte oder die Hände faltete ... Wieviel, o wie
unaussprechbar viel an unausgelebter Kameradschaftlichkeit, Herzensgüte,
Menschenwärme, Lebensschwung ist mit euch dahingegangen! Legionen von
Begabungen unbarmherzig erdrosselt! Ausgehungert irrtet herum ihr oft
monate-, ja jahrelang; ausgehungert bis auf den nackten Knochen ... In
diesem menschenschlächterischen, menschenunwürdigen Menschheitszustand:
was wird nicht zum Spekulationsobjekt!? Euere Trauer, euere Not, euere
Tränen, euere Verzweiflung, euer Angstschweiß, euer Verfolgungswahn,
jede Pille der Bitternis, die ihr geschluckt habt, jede Art euerer
Marter bis zum letzten Todesröcheln ... Das alles ... Und mehr noch ...
Geduldet, gedacht, gefühlt, von Leidensstation zu Leidensstation gehetzt
– für wen?! Warum?! Wozu?! ... Für nichts und wieder nichts! ... Hoch
über der Sinnlosigkeit jeder Einzel-Existenz thront, weiter behäbig sich
mästend, der Welt-Unsinn ... Nicht eine Sekunde lang währte sein ach so
oft euch flammend versichertes Beileid! ... Dem Fresser dientet ihr nur
dazu, sich mehr noch anzufressen; dem Geilen nur, sich von neuem
aufzugeilen. Kein einziges seiner Massenopfer habt je ihr den
Massenmördern abgerungen. Euere Waffen waren stumpf geworden mit der
Zeit, ihr merktet es vielleicht selbst nicht, aber sie ritzten nurmehr
ganz an der Oberfläche die wie zu einem Panzer geronnene Menschenhaut
... Da liegt ihr nun mit eueren gerupften Traumflügeln auf dem
Abfallhaufen der Geschichte ... Wir haben es nicht nötig zu schwören:
denn wir selbst sind gestaltgewordene Schwüre der Rache ... Aber die
Geschlechter aller heute Herrschenden zusammengenommen: was ists mehr
denn ein elendes Häuflein Menschendreck ...
Wir aber haben keine Zeit, euere Gräber auszugraben, keine Zeit, euch zu
mumifizieren, keine Zeit weder zu einer Verklärung noch zu einer
elegischen Gloriole ... Wir haben nur Zeit, uns zu rüsten, damit wir
bereit sind, wenn es wieder soweit ist, diese barbarische
Menschengesellschaft mit dem Bajonett zu sondieren. –