Es ist ein und dasselbe. –

* * * * *

Ob man sich selbst herunterholen kann!?

Herunter bis auf diese naheste aller Erdnähen, bis zu diesem festen

granitenen fundamentalen Grund: Klassenkampf, Klassensolidarität,

Parteidisziplin, Parteiehre!? Darnach, nachdem das ganze Dasein

ausgelaugt von der bürgerlichen Gifthölle ist oder millionenscherbig

zersplittert! Und man sich mühselig von neuem wieder zusammenklauben

muß! ... Dreivierteln seines Menschendaseins den Todesstoß versetzen

muß, um mit dem übriggebliebenen, ach so spärlichen Restviertel von

vorne, ganz von vorne zu beginnen!? ...

* * * * *

Nun, ich habe viele kennen gelernt, die auf diesem Wege gefallen sind,

zu etwas Besserem geboren als zu farblosem Verzicht und ruhmlosem

Opfertum: freiheits-fanatische, prächtige, an allem Wahren und Schönen

entzündbare und alle Menschen rings um sich mitentzündende,

gemeinschaftssüchtige Menschen; Menschen, in ihrer Jugend wie

Kraterberge, mit explosiver Lava angefüllt, rissig rings von einem

ununterbrochenen ekstatischen Bersten; Jahr für Jahr aber mehr und immer

mehr abglühend bis zu einem wandelnden Aschenhaufen, durchdunkelt von

unheilbarer Schwermut. Manche von ihnen schüttelten sich in dem ihnen

von der Gesellschaft angeborenen brennenden Kettengewand oft rasend wie

Berserker. Sie waren allesamt wissend, zum mindesten aber ahnend, und in

Gesprächen gelegentlich oder in einem hingezuckten Blick verrieten sie

ihr Geheimnis.

Wie lautete ihr Geheimnis?

Einfach:

„Die Lebenskraft reicht uns eben nicht mehr hin, herüber, herauf über

den Rand zu kommen. Man bleibt hilflos, einsam hängen wie in einem

ungeheuren Rauchfang im Weltabgrund ... Man läßt los. Ein Traum, ein

violetter vielleicht, wenn Sie wollen, von einem seligen,

vergessenheitstrunkenen Absturz. Fratzenhaft das alles, grimmassierend

... Ein elektrischer Einstich jeder Sternblick. Alles Leben ist

gläsernes Schweben ... Ueber metallisch fließende Traumsteppen hin

uferloses Tonwehen ... Die Atmosphäre, die Atmosphäre, die ist es ...

Sie ist zwangshaft ... Ein unheimlich unsichtbarer, mörderischer Fetisch

... Unentrinnbar umklammert von einer mystischen Gefühls- und Denkzange:

ein mystischer Terror: man – kann nicht mehr.“

Solchen kann man wirklich nicht zurufen:

„Nur Mut!“

Das ist das völlige Abgekämpftsein, ein Bruchton aus der Symphonie des

bürgerlichen Klassensterbens, das in seltsamen Klangkombinationen

hinschmelzende Finale der physiologischen Gebrochenheit.

Ihr Welt-Rätsel!? Ihres Welträtsels Unergründbarkeit!?

Sie fanden nicht mehr den Anschluß an die allein rettende, an die

alleinig heilende Realität dieser Erde, an die einzig die

Menschheitserlösung erkämpfende Macht dieser Erde, an das Proletariat,

an die Kampftruppe der Zukunft – und so würgten sie sich selbst ab unter

metaphysisch-grotesken, oft harlekinhaften Todesgesten im Luftleeren.

Mit welchem Aufwand an Sentimentalität, Zärtlichkeit, Andacht bauten sie

sich aus in dem auf dem Boden des Nichts errichteten Elfenbeinturm ihrer

Individualität für jede Laune, für jede Absonderlichkeit ein eigenes

Wohngemach; ganze Appartements darin für treibhausdünstiges „Höhenleben“

–: bis eines Tages dieses künstlich aufgeführte Gebäude schwankte und zu

dem zusammenstürzte, was es war: zu einem Häufchen von Daseinsmoder,

Lebensekel und verworrener, ihrer blendenden Umschalung entkleideten

Weltlüge.

Sie endeten alle mit Selbstmord, ob sie nun Hand an sich legten oder

nicht.

Auch ihr Wahnsinn war Selbstmord.

Man kann sie nicht verurteilen, man kann sich nicht zum Richter

aufwerfen über sie.

Hier gibt es nur das eine:

„Es ist schade, jammerschade.“

Ueber alle diese „Zu-kurz-Gesprungenen“ schreibe ich als Epilog:

Ich weiß, welches unausmeßbare Maß an Schmerzen ihr erlitten habt. Ich

bin fähig und ich bin auch willens, sie mitzuleiden. Mancher von euch

hat tapfer sich gewehrt; jahrelang, jahrzehntelang sich tapfer gewehrt,

bevor er die Arme verschränkte oder die Hände faltete ... Wieviel, o wie

unaussprechbar viel an unausgelebter Kameradschaftlichkeit, Herzensgüte,

Menschenwärme, Lebensschwung ist mit euch dahingegangen! Legionen von

Begabungen unbarmherzig erdrosselt! Ausgehungert irrtet herum ihr oft

monate-, ja jahrelang; ausgehungert bis auf den nackten Knochen ... In

diesem menschenschlächterischen, menschenunwürdigen Menschheitszustand:

was wird nicht zum Spekulationsobjekt!? Euere Trauer, euere Not, euere

Tränen, euere Verzweiflung, euer Angstschweiß, euer Verfolgungswahn,

jede Pille der Bitternis, die ihr geschluckt habt, jede Art euerer

Marter bis zum letzten Todesröcheln ... Das alles ... Und mehr noch ...

Geduldet, gedacht, gefühlt, von Leidensstation zu Leidensstation gehetzt

– für wen?! Warum?! Wozu?! ... Für nichts und wieder nichts! ... Hoch

über der Sinnlosigkeit jeder Einzel-Existenz thront, weiter behäbig sich

mästend, der Welt-Unsinn ... Nicht eine Sekunde lang währte sein ach so

oft euch flammend versichertes Beileid! ... Dem Fresser dientet ihr nur

dazu, sich mehr noch anzufressen; dem Geilen nur, sich von neuem

aufzugeilen. Kein einziges seiner Massenopfer habt je ihr den

Massenmördern abgerungen. Euere Waffen waren stumpf geworden mit der

Zeit, ihr merktet es vielleicht selbst nicht, aber sie ritzten nurmehr

ganz an der Oberfläche die wie zu einem Panzer geronnene Menschenhaut

... Da liegt ihr nun mit eueren gerupften Traumflügeln auf dem

Abfallhaufen der Geschichte ... Wir haben es nicht nötig zu schwören:

denn wir selbst sind gestaltgewordene Schwüre der Rache ... Aber die

Geschlechter aller heute Herrschenden zusammengenommen: was ists mehr

denn ein elendes Häuflein Menschendreck ...

Wir aber haben keine Zeit, euere Gräber auszugraben, keine Zeit, euch zu

mumifizieren, keine Zeit weder zu einer Verklärung noch zu einer

elegischen Gloriole ... Wir haben nur Zeit, uns zu rüsten, damit wir

bereit sind, wenn es wieder soweit ist, diese barbarische

Menschengesellschaft mit dem Bajonett zu sondieren. –

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 135 / 229 题