Unter den Schwerverwundeten befand sich auch Peter.
Er hatte einen Nierenschuß, und zwar einen Querschläger. Die rechte
Hüftenseite war fleischig ausgefetzt.
Sein Zustand war hoffnungslos.
Daran war überhaupt nicht zu zweifeln.
Er war als Polizeihäftling in das Krankenhaus eingeliefert worden.
Es war jetzt Abend. Die Vögel sangen im Krankenhausgarten. Immer wieder
schrillte die Torglocke. Aufnahme an Aufnahme. Auf den Gängen war
Bewegung ...
* * * * *
Peter lag in einer vergitterten Einzelzelle.
Der Arzt untersuchte kurz. Auf einer Holztafel wurde der Name mit Kreide
aufgeschrieben. Drei Polizeikommissare erschienen, wie es hieß, zu einer
vorläufigen Vernehmung.
Der Sterbende sprach nicht.
Drei photographische Aufnahmen wurden gemacht. Man zog ihm dazu die
Jacke wieder an, drückte ihm den Hut auf, dann stellte man ihn aus dem
Bett heraus an die Wand.
„So stehen Sie doch! Stellen Sie sich doch nicht dümmer an als Sie sind!
Knicken Sie doch nicht immer wieder in sich zusammen wie ein hohler
Schlauch! ...“
Fingerabdrücke. Messungen.
Der Arzt spritzte, um den Sterbenden dabei frisch zu halten, Herzmittel.
Man mußte aber auch noch eine Aussage erpressen, man mußte, koste es,
was es wolle, ein Geständnis erzwingen, klipp und klar mußte es sein,
gemeinverständlich für jedermann, nur er, Peter, konnte darüber
Aufschluß geben; der Student: war er nicht Leiter einer militärischen
Abteilung, vielleicht gar der berüchtigten kommunistischen GAKAB,
Gaskampfabwehrabteilung!? Man war informiert darüber. Peter wußte am
ehesten Bescheid ...
„Lassen Sie, bitte, Herr Doktor, Sekt auffahren! ... Wünschen Sie zu
rauchen, eine Zigarette gefällig, Herr Friedjung ... Oder was ist Ihnen
angenehm!? ... Haben Sie vielleicht Angehörige, gute Freunde, ein
Fräulein Braut, die Sie noch sprechen möchten ... Verheiratet sind Sie
ja nicht ... Und ihr Herr Vater, eine telegraphische Benachrichtigung
vielleicht ... Wir stehen Ihnen selbstverständlich zu jeder Art
Dienstleistung bereitwilligst zur Verfügung. Das ist auch der
eigentliche Grund unseres Kommens ... Aber bequemen Sie sich bitte zu
einer ganz kurzen Aussage. Ihr Entgegenkommen soll Sie nicht reuen ...
Sie kennen doch den ... Und wo hält der sich auf ... Bitte, bitte, wir
lassen Sie sofort in Ruhe. Sie sind aus der Haft entlassen! Sofort sind
Sie frei ...!“
Peter schwieg.
Nur einmal drehte er sich kurz auf:
„Lassen Sie mich doch ... Quälen Sie mich nicht ... Sie wissen doch, es
hat keinen Zweck ... Das müßten Sie sich doch eigentlich selbst sagen.
Wozu diese Folter ... Sie müßten sich eigentlich schämen ...“
Wieder wurde er im Bett aufgesetzt.
„Sehen Sie, Herr Friedjung, Herr „Doktor“, alle diese Unannehmlichkeiten
müssen Sie über sich ergehen lassen. Sie erschweren sich durch Ihr
hartnäckiges, uns geradezu unverständliches Schweigen nur ganz
unnötigerweise selbst die Lage ... Wollen Sie ... Es geschähe in einer
solch kritischen Situation auch sicher im Einverständnis mit der Partei
...“
Peter schwieg.
„Na, also, da müssen wir scheinbar andere Seiten aufziehen, da werden
wir kurzen Prozeß machen. Wollen Sie jetzt oder wollen Sie nicht, Sie
verfluchtes Kommunistenschwein? Heraus mit der Sprache: Wo sind eure
Gasläger!? He! Oder wir brechen Ihnen noch bei lebendigem Leib die
Knochen entzwei ... Sie haben vielleicht gehört, in Ihrem schönen
heiligen roten Rußland benützt man Gefangene dazu, um an ihnen ein neues
Gas auszuprobieren ... Daß so ein Dreckskerl, so ein Luder wie du nur
ein Mal verreckt, das genügt nicht ... Man müßte die Kommunisten, diese
Kannibalen, zur Vivisektion freigeben ...“
Und versetzte ihm einen Puff, daß der Sterbende an die Wand rutschte.
„Warte, du wirst gleich aus dem Bett herauskollern, Freundchen, dann
wirst du schön hübsch und brav auf dem Boden unseren Dreck fressen ...“
„Laß ihn deinen ... lecken, diese Kommunistensau, so haben es seine
Bundesbrüder, die Franzosen, mit unseren Gefangenen gemacht ... Na, so
ein stures Vieh ...“
Einer der Kommissare klingelte.
Der Arzt erschien.
„Herr Doktor, der Kerl schweigt. Haben Sie vielleicht so was wie einen
elektrischen Pinsel!? Oder, was stark schmerzt, eine Aetherinjektion
vielleicht unter die Haut!? Oder kann man ihn noch in eine drei Viertel
Narkose, in einen Chloräthylrausch versetzen, um dadurch vielleicht
etwas herauszukriegen!? ...“
„Aber meine Herren, ich muß davon abraten. Diese Mittel versprechen hier
keinen Erfolg mehr, fühlen Sie doch den Puls, bei Mittelkranken ja, aber
in solchen Fällen: kurz vor dem Torschluß, fünf Minuten vor dem Exitus
... Ich bin zwar Gerichtsarzt und in erster Linie Gehilfe des Richters,
aber, Herr Inspektor, wir wollen uns doch nicht noch an einer Leiche
vergreifen ...“
Der Herztakt des Sterbenden galoppierte. Setzte aus. Brach sich wieder
stockend, zögernd durch ... tropfenweise ... Dann hämmerte er ganz, ganz
langsam ...
„Sehen Sie doch! ...“
Der Arzt lüpfte die Decke.
„Es kommt ganz dick durch den Verband ...“
„Ein solches Kommunistendreckschwein!“
„Aber Herr Friedjung,“ versuchte es jetzt wieder einer der Kommissare,
„ich beschwöre Sie, im Augenblick Ihrer letzten Stunde, vor Gottes
Angesicht! Auch ich bin innerlich tiefreligiös und ich spreche jetzt zu
Ihnen wie Mensch zu Mensch! ... Sie können uns doch unmöglich so
unverrichteter Dinge abziehen lassen! Versetzen Sie sich, bitte, wenn es
Ihnen auch schwer fällt, doch einmal für einen Augenblick in unsere
Lage! Was wird unser Chef dazu sagen, wenn wir so mit leeren Händen nach
Hause kommen! Wir verlieren Ihretwegen, Herr Friedjung, noch unsere
Stellung! Und sind allesamt doch verheiratete Männer, bedenken Sie, mit
Weib und Kind und Haushalt! Sind schließlich doch auch nur Proletarier!“
„Also, haben Sie Erbarmen mit uns!“ gab ein zweiter dazu. „Mut gefaßt.
Auf eine Aussage mehr oder weniger kommts doch nicht an. Sprechen Sie,
wir sind doch Männer! Deutsche ehrliche offene Männer, die nichts zu
befürchten und zu verschweigen haben, und wenn die Welt voll Teufel wär,
unsere feste Burg ist unser Gott. Also ... Wir wollen im Grund letzten
Endes doch alle das Gleiche ...“
Peter schwieg ...
Die Kommissare zogen türenschlagend ab.
Die Schritte schleiften den Gang hinunter, ein Schlüssel klirrte, eine
Tür schnappte ... Nur fern wo schrie jemand ...
„Der Nächste ...“
„Halt auch du stand, Genosse, und schweig!“