XII

Unter den Schwerverwundeten befand sich auch Peter.

Er hatte einen Nierenschuß, und zwar einen Querschläger. Die rechte

Hüftenseite war fleischig ausgefetzt.

Sein Zustand war hoffnungslos.

Daran war überhaupt nicht zu zweifeln.

Er war als Polizeihäftling in das Krankenhaus eingeliefert worden.

Es war jetzt Abend. Die Vögel sangen im Krankenhausgarten. Immer wieder

schrillte die Torglocke. Aufnahme an Aufnahme. Auf den Gängen war

Bewegung ...

* * * * *

Peter lag in einer vergitterten Einzelzelle.

Der Arzt untersuchte kurz. Auf einer Holztafel wurde der Name mit Kreide

aufgeschrieben. Drei Polizeikommissare erschienen, wie es hieß, zu einer

vorläufigen Vernehmung.

Der Sterbende sprach nicht.

Drei photographische Aufnahmen wurden gemacht. Man zog ihm dazu die

Jacke wieder an, drückte ihm den Hut auf, dann stellte man ihn aus dem

Bett heraus an die Wand.

„So stehen Sie doch! Stellen Sie sich doch nicht dümmer an als Sie sind!

Knicken Sie doch nicht immer wieder in sich zusammen wie ein hohler

Schlauch! ...“

Fingerabdrücke. Messungen.

Der Arzt spritzte, um den Sterbenden dabei frisch zu halten, Herzmittel.

Man mußte aber auch noch eine Aussage erpressen, man mußte, koste es,

was es wolle, ein Geständnis erzwingen, klipp und klar mußte es sein,

gemeinverständlich für jedermann, nur er, Peter, konnte darüber

Aufschluß geben; der Student: war er nicht Leiter einer militärischen

Abteilung, vielleicht gar der berüchtigten kommunistischen GAKAB,

Gaskampfabwehrabteilung!? Man war informiert darüber. Peter wußte am

ehesten Bescheid ...

„Lassen Sie, bitte, Herr Doktor, Sekt auffahren! ... Wünschen Sie zu

rauchen, eine Zigarette gefällig, Herr Friedjung ... Oder was ist Ihnen

angenehm!? ... Haben Sie vielleicht Angehörige, gute Freunde, ein

Fräulein Braut, die Sie noch sprechen möchten ... Verheiratet sind Sie

ja nicht ... Und ihr Herr Vater, eine telegraphische Benachrichtigung

vielleicht ... Wir stehen Ihnen selbstverständlich zu jeder Art

Dienstleistung bereitwilligst zur Verfügung. Das ist auch der

eigentliche Grund unseres Kommens ... Aber bequemen Sie sich bitte zu

einer ganz kurzen Aussage. Ihr Entgegenkommen soll Sie nicht reuen ...

Sie kennen doch den ... Und wo hält der sich auf ... Bitte, bitte, wir

lassen Sie sofort in Ruhe. Sie sind aus der Haft entlassen! Sofort sind

Sie frei ...!“

Peter schwieg.

Nur einmal drehte er sich kurz auf:

„Lassen Sie mich doch ... Quälen Sie mich nicht ... Sie wissen doch, es

hat keinen Zweck ... Das müßten Sie sich doch eigentlich selbst sagen.

Wozu diese Folter ... Sie müßten sich eigentlich schämen ...“

Wieder wurde er im Bett aufgesetzt.

„Sehen Sie, Herr Friedjung, Herr „Doktor“, alle diese Unannehmlichkeiten

müssen Sie über sich ergehen lassen. Sie erschweren sich durch Ihr

hartnäckiges, uns geradezu unverständliches Schweigen nur ganz

unnötigerweise selbst die Lage ... Wollen Sie ... Es geschähe in einer

solch kritischen Situation auch sicher im Einverständnis mit der Partei

...“

Peter schwieg.

„Na, also, da müssen wir scheinbar andere Seiten aufziehen, da werden

wir kurzen Prozeß machen. Wollen Sie jetzt oder wollen Sie nicht, Sie

verfluchtes Kommunistenschwein? Heraus mit der Sprache: Wo sind eure

Gasläger!? He! Oder wir brechen Ihnen noch bei lebendigem Leib die

Knochen entzwei ... Sie haben vielleicht gehört, in Ihrem schönen

heiligen roten Rußland benützt man Gefangene dazu, um an ihnen ein neues

Gas auszuprobieren ... Daß so ein Dreckskerl, so ein Luder wie du nur

ein Mal verreckt, das genügt nicht ... Man müßte die Kommunisten, diese

Kannibalen, zur Vivisektion freigeben ...“

Und versetzte ihm einen Puff, daß der Sterbende an die Wand rutschte.

„Warte, du wirst gleich aus dem Bett herauskollern, Freundchen, dann

wirst du schön hübsch und brav auf dem Boden unseren Dreck fressen ...“

„Laß ihn deinen ... lecken, diese Kommunistensau, so haben es seine

Bundesbrüder, die Franzosen, mit unseren Gefangenen gemacht ... Na, so

ein stures Vieh ...“

Einer der Kommissare klingelte.

Der Arzt erschien.

„Herr Doktor, der Kerl schweigt. Haben Sie vielleicht so was wie einen

elektrischen Pinsel!? Oder, was stark schmerzt, eine Aetherinjektion

vielleicht unter die Haut!? Oder kann man ihn noch in eine drei Viertel

Narkose, in einen Chloräthylrausch versetzen, um dadurch vielleicht

etwas herauszukriegen!? ...“

„Aber meine Herren, ich muß davon abraten. Diese Mittel versprechen hier

keinen Erfolg mehr, fühlen Sie doch den Puls, bei Mittelkranken ja, aber

in solchen Fällen: kurz vor dem Torschluß, fünf Minuten vor dem Exitus

... Ich bin zwar Gerichtsarzt und in erster Linie Gehilfe des Richters,

aber, Herr Inspektor, wir wollen uns doch nicht noch an einer Leiche

vergreifen ...“

Der Herztakt des Sterbenden galoppierte. Setzte aus. Brach sich wieder

stockend, zögernd durch ... tropfenweise ... Dann hämmerte er ganz, ganz

langsam ...

„Sehen Sie doch! ...“

Der Arzt lüpfte die Decke.

„Es kommt ganz dick durch den Verband ...“

„Ein solches Kommunistendreckschwein!“

„Aber Herr Friedjung,“ versuchte es jetzt wieder einer der Kommissare,

„ich beschwöre Sie, im Augenblick Ihrer letzten Stunde, vor Gottes

Angesicht! Auch ich bin innerlich tiefreligiös und ich spreche jetzt zu

Ihnen wie Mensch zu Mensch! ... Sie können uns doch unmöglich so

unverrichteter Dinge abziehen lassen! Versetzen Sie sich, bitte, wenn es

Ihnen auch schwer fällt, doch einmal für einen Augenblick in unsere

Lage! Was wird unser Chef dazu sagen, wenn wir so mit leeren Händen nach

Hause kommen! Wir verlieren Ihretwegen, Herr Friedjung, noch unsere

Stellung! Und sind allesamt doch verheiratete Männer, bedenken Sie, mit

Weib und Kind und Haushalt! Sind schließlich doch auch nur Proletarier!“

„Also, haben Sie Erbarmen mit uns!“ gab ein zweiter dazu. „Mut gefaßt.

Auf eine Aussage mehr oder weniger kommts doch nicht an. Sprechen Sie,

wir sind doch Männer! Deutsche ehrliche offene Männer, die nichts zu

befürchten und zu verschweigen haben, und wenn die Welt voll Teufel wär,

unsere feste Burg ist unser Gott. Also ... Wir wollen im Grund letzten

Endes doch alle das Gleiche ...“

Peter schwieg ...

Die Kommissare zogen türenschlagend ab.

Die Schritte schleiften den Gang hinunter, ein Schlüssel klirrte, eine

Tür schnappte ... Nur fern wo schrie jemand ...

„Der Nächste ...“

„Halt auch du stand, Genosse, und schweig!“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 122 / 229 题