XI

Die Regierung beriet ununterbrochen Tag und Nacht.

Die Herren kamen kaum noch zum Essen ...

Das Regierungsviertel war ein offenes Heerlager.

Die Keller der Regierungsgebäude waren in Waffenmagazine umgewandelt

worden. An jeder Straßenecke Alarmmelder. Ueberall ragten

Antennenmasten.

Die Bannmeile ward erneut militärisch-mechanisch abgesperrt ...

* * * * *

Der Präsident der Republik war damals schon altersschwach. Er litt an

Arterienverkalkung. Er saß in einem der Konferenzzimmer in einem hohen

Lehnstuhl, dessen Rückenwand mit dem Adler und mit den Reichsfarben

geschmückt war. Er trug Pulswärmer und hatte die geschwollenen Füße in

ein dickes Plaid eingewickelt. Seine Frau titulierte er mit dem

Kosenamen „Schnucki“. Die Augenbrauen waren ihm nach Bismarck-Art

buschig über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Er atmete schwer. Von

Zeit zu Zeit erhob er sich, eine Klingel schrillte durchs Haus, aus

allen Beratungszimmern strömte es herbei, und der Präsident sprach:

„Hochansehnliche Versammlung! Hohes Haus! Einigkeit macht stark. Unsere

Stärke ist die Einigkeit. Schon damals, als mich das Vertrauen des

Volkes auf diesen hohen und verantwortungsvollen Posten berufen hatte,

erklärte ich, daß ich mich besonders der Armen und Elenden annehmen

werde, aller jener, die in dem gewaltigen wirtschaftlichen Ringen

unserer Zeit nach Aufopferung ihrer Kräfte zu Boden liegen. Mein

Bestreben bleibt es auch heute, die Klassengegensätze zu mildern, ich

reiche darum heute erneut jedem Deutschen feierlich die Hand. Durch

Treue und Pflichterfüllung auch im Kleinsten müssen wir uns die Achtung

in der Welt wiederverschaffen. Durch Selbstachtung zur Weltachtung! Dann

kann Deutschland nicht untergehn ... Treue um Treue! ...“

Diese Rede las er ab.

Das Blatt knisterte bedenklich. Der Präsident litt auch an einem

ausgesprochenen Tatterich.

„Hat der Trottel den Aufruf „An mein Volk“ jetzt endlich

unterzeichnet!?“ fragte inzwischen ein höherer Militär einen Sekretär

des Innern.

Der Sekretär nickte diensteifrig.

„Alles druckfertig, Exzellenz, hier in meiner Mappe ... Man mußte ihm

dabei die Feder führen ... Schrecklich, nicht wahr, schrecklich ...“

* * * * *

Ueber das Land war der Ausnahmezustand verhängt. Die Militärdiktatur war

errichtet.

Die Zimmer, in denen wirklich über Wohl und Wehe des Landes entschieden

wurde, lagen in einem anderen Stockwerk. Die Minister und die einzelnen

ministeriellen Abteilungen wurden von dorther nur kurz unterrichtet und

hatten weiter nichts zu tun, als binnen kürzester Frist die einzelnen

Ordres genau nach Anweisung auszuführen.

Die sämtlichen militärischen Befehlshaber der einzelnen Kommandobezirke

der Hauptstadt waren erschienen. Der englische und der amerikanische

Militärattaché waren ebenfalls zugegen.

* * * * *

Der Chef des Generalstabes referierte:

„Amerika beabsichtigt, spätestens noch diese Woche anzugreifen. Der

diplomatische Vorwand wird soeben geschaffen. Die Entscheidung liegt

letzten Endes natürlich zwischen Amerika und Russland. Gemäß unserer

Verpflichtungen, unseres militärischen Uebereinkommens, haben wir

Deutschland als Aufmarschgebiet gegen Osten übernommen: unsere

Vorbereitungen sind abgeschlossen. Genügend Plätze zur Landung und zur

Verproviantierung von Bombenflugzeuggeschwadern sind vorhanden. Unsere

eigenen Farbstoffabriken arbeiten mit Hochdruck ... Russland

mobilisiert. Das ist das wichtigste Moment der letzten vierundzwanzig

Stunden. Diese Nachricht wird von uns geheimgehalten. Denn wir befinden

uns dadurch ohne Zweifel in einer verzwickten Lage. Denn bedenklich

mußte uns schon an und für sich, abgesehen von dieser Tatsache, die

Entwicklung unserer inneren Lage stimmen, die Arbeiterbewegung wird

weiter entschieden radikal terrorisiert ... Auch große Teile der übrigen

Bevölkerung treiben im revolutionären Fahrwasser ... Die Bekanntgabe der

russischen Mobilisation, diese Nachricht wäre unseres Erachtens der

Funke ins Pulverfaß! Wie Sie wissen, meine Herren, gestern abend ist es

bereits zu einem aufstandähnlichen Zusammenstoß gekommen. Es ist uns

gelungen, diese sporadische und ihrem Charakter nach spontane Bewegung

ohne jeden Verlust für uns im Blut zu ersticken. Dieser Erfolg darf uns

über den Ernst der Gesamtsituation nicht hinwegtäuschen. Wir haben jetzt

ein heikles Thema zu besprechen. Bei dieser Beratung kommt es vor allen

Dingen darauf an, Richtlinien für die wirksamste Niederkämpfung der

Aufständischen und für die Unschädlichmachung ihrer Führer und für die

Aushebung ihrer Unruheherde auszuarbeiten, gemeinverständlich, so daß

sie jeder Mann im Heer begreift, besonders aber haben wir darüber zu

entscheiden, ob, unter welchen Umständen und in welchem Ausmaß chemische

Kampfstoffe eingesetzt werden sollen. Es ist eine Frage der

Zweckmäßigkeit. Wobei das ideologische Moment nicht zu unterschätzen

ist. Ich bitte die einzelnen Sachverständigen diese beiden letzten

Punkte besonders scharf im Auge zu behalten! ...

„Noch das eine: bitte, meine Herren, berücksichtigen Sie: wir haben

keine Zeit zu verlieren; also kurz und bündig!“

* * * * *

Die Beratung dauerte nicht lang.

Der Bericht des chemischen Sachverständigen fiel zur allgemeinen

Zufriedenheit aus.

Man war prinzipiell einstimmig für die Anwendung der chemischen

Kampfstoffe, doch sollte dieses Mittel so lang wie nur irgend möglich

aufgespart werden. Und wenn eingesetzt, öffentlich abgeleugnet und vor

allem auch eine Gasbeschießung bezw. Gasausräucherung von

Kommunistennestern durch Anwendung genügender Mengen von Brisanzmunition

verschleiert werden.

Außerdem sei in der nachfolgenden Pressekonferenz gebührend und

eindringlich darauf hinzuweisen, daß es sich im Fall der Anwendung von

Gasen von seiten der Regierungstruppen um einen an sich höchst

bedauerlichen Fall von Notwehrakt bezw. Gegenmaßnahme handle, daß immer

aber nur betäubende Gase, d. h. Reiz- und Tränengase, zur Verschießung

kommen, die im übrigen bei weitem humaner und bedeutend weniger

verlustbringend seien als die blanke Waffe bzw. das Brisanzgeschoß.

Ferner: zuverlässigen Nachrichten zufolge hätten die Kommunisten schon

an anderen Orten Gasmunition verschossen, besäßen außerdem umfangreiche

Gasläger und arbeiteten nach russischer Tschekamethode mit

Bakterienschleuderapparaten und Cholerabazillen. –

* * * * *

Wieder sprach der Präsident:

„Nun denn also! Im Namen – zum Wohl unserer geliebten deutschen

Schicksalsgemeinschaft – im Namen des Allerhöchsten!“

Und unterschrieb den besonderen Schießerlaß, nach dem jeder, der mit der

Waffe in der Hand ... ohne weiteres, sofort ... und den Geheimbefehl an

die Kommandostellen der Flugzeuggeschwader, der Kampfwagenabteilungen

und der technisch-chemischen Spezialtruppen über die Anwendung von

giftigen Gasen im Fall eines Bürgerkrieges.

Die Kommandeure traten ab.

Eine zweite kurze Besprechung folgte.

„Die Lage in Amerika aber scheint nach unseren letzten Berichten doch

nicht so ganz einfach zu sein ... Heutzutage ist es den ziemlich

aufgeklärten Massen gegenüber auch nicht mehr so kinderleicht, einen

einigermaßen passablen Kriegsvorwand zu finden ... Doch Geschäft ist

Geschäft ... Damit basta ...“

Einige prominente Gewerkschaftsführer erhielten das Wort.

„Wir können nur immer und immer wieder betonen, wir werden unsere

Pflicht tun. Was in unseren Kräften liegt ... Aber wir sehen die Lage

schwarz in schwarz. Die Arbeiterschaft ist gewillt, zu kämpfen, sie

folgt unbedingt den Parolen der Kommunistischen Partei, die jedes

Kriegsabenteuer mit dem Aufruf zum Bürgerkrieg beantworten wird ... Wir

selbst sind ziemlich einflußlos geworden ... Wir warnen also dringend

... Ist der Krieg – sei es der Bürgerkrieg oder der äußere Krieg – aber

einmal ausgebrochen, so ist es selbstverständlich, daß wir uns auf den

Boden der gegebenen Tatsachen stellen, d. h. auf der Seite der

verfassungsmäßig gewählten Regierung stehn werden. Wir folgen damit nur

der bewährten ruhmreichen Tradition unserer Partei. Nur möchten wir

bitten, um wenigstens den demokratischen Schein zu wahren, das Parlament

nicht völlig auszuschalten. Vielleicht hie und da so eine kurze Sitzung,

in der selbstverständlich nur Regierungsvertretern oder Abgeordneten der

verfassungstreuen Parteien das Wort erteilt werden soll. Wir stimmen im

übrigen von vornherein dafür, daß auch die kommunistischen

Parlamentarier außerhalb des Gesetzes gestellt werden.“

Der Kommandeur der Schutzpolizei erschien und erstattete über die

Vorfälle anläßlich der Demonstration am 1. Mai Bericht.

„Rhinozeros! Sie Gamaschenknopf!“ schnauzte ihn ein militärischer

Befehlshaber kameradschaftlich an.

„Sie haben die ganze Lage künstlich überforciert. Die Folge ist morgen

Generalstreik. Es geht uns zu frühzeitig los ... Haben Sie schon etwas

Sicheres über den Termin, wann die losschlagen ... Na, sie werden ja

ihrer Gewohnheit gemäß sich wieder gewaltig in der Zeitbestimmung, im

Tempo verrechnen, das ist das einzige, was die Kommunisten immer noch

nicht gelernt haben ... Also Nachrichten, detaillierte Angaben über

Stimmung der Bevölkerung usw. Es ist höchste Zeit ... Und dann studieren

Sie in Zukunft mit mehr Sorgfalt unser Reglement über den Bürgerkrieg

...“

„Ich habe gemeint“, stotterte der Schutzpolizeiler heraus, „je blutiger

der erste Tag, desto besser ...“

Aber er hatte seine Schlappe weg.

Mehrere Vertreter der „Vaterländischen Verbände“ baten um Gehör.

Sie jammerten über Zersetzungserscheinungen. Ohne hinreichende

Geldunterstützung von seiten der Großindustrie sei nichts zu machen. Die

Kleinbürger seien nur noch mit alleräußerster Anstrengung bei der Stange

zu halten. „Jede Stunde, die wir zögern, bedeutet für uns eine ebenso

gewaltige moralische wie auch materielle Schlappe. Alles ist bei uns auf

sofortiges Losschlagen eingestellt. Dieser Stimmung müssen wir Rechnung

tragen. Wir lassen uns ohnedies vielzuviel gefallen. Endlich ist die

Stunde gekommen, rücksichtslos durchzugreifen ... Wenn sich die

Arbeiterschaft erst wieder erholt, dann „Kopf ab“ und „Gute Nacht!“ Für

den Gummiknüppel ist die Zeit zu ernst ...“

„Ganz unsere Meinung“, pflichteten Vertreter der Industrie und der

Landwirtschaft dem Vorredner bei. „Sehen Sie sich, meine Herren, bitte

die Betriebe an! Fünfzig Prozent davon stillgelegt, und der Rest

arbeitet, aber fragen Sie nur nicht, wie. Unter passiver Resistenz,

unter täglichen Sabotageakten ... Nein, so geht es nicht mehr

weiter. Keineswegs ... Und der Zustand der Eisenbahnen. Die

Eisenbahnergewerkschaften sind von allen die aufsässigsten ... Jeder

Respekt vor der Autorität der Regierung ist zum Teufel ... Wir

Arbeitgeber können die Ausartung unserer Republik in den Bolschewismus

keineswegs dulden. Schon heute spricht man mit Fug und Recht von einem

Staat im Staate ... Und wie sieht es auf dem Land aus? ... Unsereins ist

ja seines Lebens nicht mehr sicher ... Jetzt oder nie ... Meine Herren,

entscheiden Sie sich jetzt, unmittelbar, sofort: oder unser aller

letztes Stündchen hat geschlagen ...“

„Bitten Sie den Leiter der politischen Abteilung der Polizei!“

Oberregierungsrat Ledermann erschien.

„Ihr Nachrichtenmaterial bitte. Wir brauchen unverzüglich konkreteste

Angaben. Unserer militärischen Exekution muß sofort ein großangelegter

Propagandafeldzug koordiniert werden. Lassen Sie Berichte anfertigen,

Zeugenaussagen, Geständnisse von Gefangenen ... Nicht allzu konstruiert,

es muß raffinierter als bisher kombiniert werden ... Man ist draußen im

Land inzwischen durch verschiedene unserer Fehlleistungen hellhöriger

und scharfsichtiger geworden. Mißgriffe in der augenblicklichen

Situation können wir uns nicht leisten, jede Zufälligkeit kann

katastrophale Auswirkungen haben ... Also: Sie verbreiten zunächst

alarmierende Meldungen über kommunistische Putschvorbereitungen, bezw.

setzen Sie sich mit den entsprechenden Stellen augenblicks in Verbindung

und lassen Sie durch Polizeiagenten Attentate und andere Terrorakte, am

besten auf sogenannte dem Volksempfinden nach geheiligte Orte, wie

Kirchen, Säuglingsheime, Krankenhäuser usw., fabrizieren. Das neulich am

1. Mai soll die Feuerprobe gewesen sein. Nun also rüstig weiter ...

Lassen Sie noch heute einige Höllenmaschinen in die kommunistischen

Parteibüros einschmuggeln. Dadurch kommen wir zu einer populären

Begründung der allgemeinen Mobilisierung. Dadurch bekommen wir auch

bedeutend mehr Reserven heran und können die unzuverlässigen Regimenter

auffüllen. Setzen Sie Fahndungskommandos ein, schreiben Sie Kopfprämien

aus, zunächst muß der ganze Funktionärkörper der Kommunisten

rücksichtslos zerschlagen werden. Erst auf dieser Basis können wir dann

erfolgreich an der Sanierung weiterarbeiten. Fälle von Insubordination,

Meuterei bei der bewaffneten Macht, rote Zellenbildungen in Armee und

Marine sind mir direkt zu melden. Anweisung an die Kriegsgerichte:

exemplarisch bestrafen, sofort Exempel statuieren! Keine offizielle

Hinrichtung revolutionärer Führer. Solche sind auf der Flucht zu

erschießen bezw. ist in besonders geeignet erscheinenden Fällen

geschickt ein Selbstmord zu arrangieren ... Was „Auskundschafter“ und

derartige Individuen anbetrifft, so kaufen Sie in großer Anzahl dazu

geeignete Subjekte auf, wir brauchen Vorrat für mindestens einen Monat.

In den Obdachlosenasylen, die Sie durch Polizeistreifen säubern lassen

müssen, werden gegen entsprechendes Handgeld sich immer welche in großer

Anzahl finden lassen ... Jede derartige Dienstleistung wird gegen bar

honoriert. Nach festen Sätzen. Spesen extra. Staatsstellung in Aussicht

stellen ... Ich empfehle mich und erwarte Sie spätestens morgen früh

persönlich zum Bericht ...“

Der Oberregierungsrat war entlassen.

Die verschiedenen Herren verabschiedeten sich.

Man salutierte. Stand stramm.

Alle gingen an die Arbeit.

Der Chef des Generalstabs stand mit mehreren Offizieren vor der Karte.

Mit blauen Marken wurde Berlin eingekreist ...

* * * * *

Die Telefunkenzentrale fieberte.

Telegraphenapparate klapperten.

Lärmende Gerüchte poltern durch Stadt und Land.

Extrablätter:

„Generalstreik!“

Extrablätter:

„Entdeckung kommunistischer Waffenlager. Drohender Kommunisten-Putsch.

Kommunistische Giftgase ... Die Regierung hat die Mobilisation

angeordnet ...“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 121 / 229 题