Die Regierung beriet ununterbrochen Tag und Nacht.
Die Herren kamen kaum noch zum Essen ...
Das Regierungsviertel war ein offenes Heerlager.
Die Keller der Regierungsgebäude waren in Waffenmagazine umgewandelt
worden. An jeder Straßenecke Alarmmelder. Ueberall ragten
Antennenmasten.
Die Bannmeile ward erneut militärisch-mechanisch abgesperrt ...
* * * * *
Der Präsident der Republik war damals schon altersschwach. Er litt an
Arterienverkalkung. Er saß in einem der Konferenzzimmer in einem hohen
Lehnstuhl, dessen Rückenwand mit dem Adler und mit den Reichsfarben
geschmückt war. Er trug Pulswärmer und hatte die geschwollenen Füße in
ein dickes Plaid eingewickelt. Seine Frau titulierte er mit dem
Kosenamen „Schnucki“. Die Augenbrauen waren ihm nach Bismarck-Art
buschig über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Er atmete schwer. Von
Zeit zu Zeit erhob er sich, eine Klingel schrillte durchs Haus, aus
allen Beratungszimmern strömte es herbei, und der Präsident sprach:
„Hochansehnliche Versammlung! Hohes Haus! Einigkeit macht stark. Unsere
Stärke ist die Einigkeit. Schon damals, als mich das Vertrauen des
Volkes auf diesen hohen und verantwortungsvollen Posten berufen hatte,
erklärte ich, daß ich mich besonders der Armen und Elenden annehmen
werde, aller jener, die in dem gewaltigen wirtschaftlichen Ringen
unserer Zeit nach Aufopferung ihrer Kräfte zu Boden liegen. Mein
Bestreben bleibt es auch heute, die Klassengegensätze zu mildern, ich
reiche darum heute erneut jedem Deutschen feierlich die Hand. Durch
Treue und Pflichterfüllung auch im Kleinsten müssen wir uns die Achtung
in der Welt wiederverschaffen. Durch Selbstachtung zur Weltachtung! Dann
kann Deutschland nicht untergehn ... Treue um Treue! ...“
Diese Rede las er ab.
Das Blatt knisterte bedenklich. Der Präsident litt auch an einem
ausgesprochenen Tatterich.
„Hat der Trottel den Aufruf „An mein Volk“ jetzt endlich
unterzeichnet!?“ fragte inzwischen ein höherer Militär einen Sekretär
des Innern.
Der Sekretär nickte diensteifrig.
„Alles druckfertig, Exzellenz, hier in meiner Mappe ... Man mußte ihm
dabei die Feder führen ... Schrecklich, nicht wahr, schrecklich ...“
* * * * *
Ueber das Land war der Ausnahmezustand verhängt. Die Militärdiktatur war
errichtet.
Die Zimmer, in denen wirklich über Wohl und Wehe des Landes entschieden
wurde, lagen in einem anderen Stockwerk. Die Minister und die einzelnen
ministeriellen Abteilungen wurden von dorther nur kurz unterrichtet und
hatten weiter nichts zu tun, als binnen kürzester Frist die einzelnen
Ordres genau nach Anweisung auszuführen.
Die sämtlichen militärischen Befehlshaber der einzelnen Kommandobezirke
der Hauptstadt waren erschienen. Der englische und der amerikanische
Militärattaché waren ebenfalls zugegen.
* * * * *
Der Chef des Generalstabes referierte:
„Amerika beabsichtigt, spätestens noch diese Woche anzugreifen. Der
diplomatische Vorwand wird soeben geschaffen. Die Entscheidung liegt
letzten Endes natürlich zwischen Amerika und Russland. Gemäß unserer
Verpflichtungen, unseres militärischen Uebereinkommens, haben wir
Deutschland als Aufmarschgebiet gegen Osten übernommen: unsere
Vorbereitungen sind abgeschlossen. Genügend Plätze zur Landung und zur
Verproviantierung von Bombenflugzeuggeschwadern sind vorhanden. Unsere
eigenen Farbstoffabriken arbeiten mit Hochdruck ... Russland
mobilisiert. Das ist das wichtigste Moment der letzten vierundzwanzig
Stunden. Diese Nachricht wird von uns geheimgehalten. Denn wir befinden
uns dadurch ohne Zweifel in einer verzwickten Lage. Denn bedenklich
mußte uns schon an und für sich, abgesehen von dieser Tatsache, die
Entwicklung unserer inneren Lage stimmen, die Arbeiterbewegung wird
weiter entschieden radikal terrorisiert ... Auch große Teile der übrigen
Bevölkerung treiben im revolutionären Fahrwasser ... Die Bekanntgabe der
russischen Mobilisation, diese Nachricht wäre unseres Erachtens der
Funke ins Pulverfaß! Wie Sie wissen, meine Herren, gestern abend ist es
bereits zu einem aufstandähnlichen Zusammenstoß gekommen. Es ist uns
gelungen, diese sporadische und ihrem Charakter nach spontane Bewegung
ohne jeden Verlust für uns im Blut zu ersticken. Dieser Erfolg darf uns
über den Ernst der Gesamtsituation nicht hinwegtäuschen. Wir haben jetzt
ein heikles Thema zu besprechen. Bei dieser Beratung kommt es vor allen
Dingen darauf an, Richtlinien für die wirksamste Niederkämpfung der
Aufständischen und für die Unschädlichmachung ihrer Führer und für die
Aushebung ihrer Unruheherde auszuarbeiten, gemeinverständlich, so daß
sie jeder Mann im Heer begreift, besonders aber haben wir darüber zu
entscheiden, ob, unter welchen Umständen und in welchem Ausmaß chemische
Kampfstoffe eingesetzt werden sollen. Es ist eine Frage der
Zweckmäßigkeit. Wobei das ideologische Moment nicht zu unterschätzen
ist. Ich bitte die einzelnen Sachverständigen diese beiden letzten
Punkte besonders scharf im Auge zu behalten! ...
„Noch das eine: bitte, meine Herren, berücksichtigen Sie: wir haben
keine Zeit zu verlieren; also kurz und bündig!“
* * * * *
Die Beratung dauerte nicht lang.
Der Bericht des chemischen Sachverständigen fiel zur allgemeinen
Zufriedenheit aus.
Man war prinzipiell einstimmig für die Anwendung der chemischen
Kampfstoffe, doch sollte dieses Mittel so lang wie nur irgend möglich
aufgespart werden. Und wenn eingesetzt, öffentlich abgeleugnet und vor
allem auch eine Gasbeschießung bezw. Gasausräucherung von
Kommunistennestern durch Anwendung genügender Mengen von Brisanzmunition
verschleiert werden.
Außerdem sei in der nachfolgenden Pressekonferenz gebührend und
eindringlich darauf hinzuweisen, daß es sich im Fall der Anwendung von
Gasen von seiten der Regierungstruppen um einen an sich höchst
bedauerlichen Fall von Notwehrakt bezw. Gegenmaßnahme handle, daß immer
aber nur betäubende Gase, d. h. Reiz- und Tränengase, zur Verschießung
kommen, die im übrigen bei weitem humaner und bedeutend weniger
verlustbringend seien als die blanke Waffe bzw. das Brisanzgeschoß.
Ferner: zuverlässigen Nachrichten zufolge hätten die Kommunisten schon
an anderen Orten Gasmunition verschossen, besäßen außerdem umfangreiche
Gasläger und arbeiteten nach russischer Tschekamethode mit
Bakterienschleuderapparaten und Cholerabazillen. –
* * * * *
Wieder sprach der Präsident:
„Nun denn also! Im Namen – zum Wohl unserer geliebten deutschen
Schicksalsgemeinschaft – im Namen des Allerhöchsten!“
Und unterschrieb den besonderen Schießerlaß, nach dem jeder, der mit der
Waffe in der Hand ... ohne weiteres, sofort ... und den Geheimbefehl an
die Kommandostellen der Flugzeuggeschwader, der Kampfwagenabteilungen
und der technisch-chemischen Spezialtruppen über die Anwendung von
giftigen Gasen im Fall eines Bürgerkrieges.
Die Kommandeure traten ab.
Eine zweite kurze Besprechung folgte.
„Die Lage in Amerika aber scheint nach unseren letzten Berichten doch
nicht so ganz einfach zu sein ... Heutzutage ist es den ziemlich
aufgeklärten Massen gegenüber auch nicht mehr so kinderleicht, einen
einigermaßen passablen Kriegsvorwand zu finden ... Doch Geschäft ist
Geschäft ... Damit basta ...“
Einige prominente Gewerkschaftsführer erhielten das Wort.
„Wir können nur immer und immer wieder betonen, wir werden unsere
Pflicht tun. Was in unseren Kräften liegt ... Aber wir sehen die Lage
schwarz in schwarz. Die Arbeiterschaft ist gewillt, zu kämpfen, sie
folgt unbedingt den Parolen der Kommunistischen Partei, die jedes
Kriegsabenteuer mit dem Aufruf zum Bürgerkrieg beantworten wird ... Wir
selbst sind ziemlich einflußlos geworden ... Wir warnen also dringend
... Ist der Krieg – sei es der Bürgerkrieg oder der äußere Krieg – aber
einmal ausgebrochen, so ist es selbstverständlich, daß wir uns auf den
Boden der gegebenen Tatsachen stellen, d. h. auf der Seite der
verfassungsmäßig gewählten Regierung stehn werden. Wir folgen damit nur
der bewährten ruhmreichen Tradition unserer Partei. Nur möchten wir
bitten, um wenigstens den demokratischen Schein zu wahren, das Parlament
nicht völlig auszuschalten. Vielleicht hie und da so eine kurze Sitzung,
in der selbstverständlich nur Regierungsvertretern oder Abgeordneten der
verfassungstreuen Parteien das Wort erteilt werden soll. Wir stimmen im
übrigen von vornherein dafür, daß auch die kommunistischen
Parlamentarier außerhalb des Gesetzes gestellt werden.“
Der Kommandeur der Schutzpolizei erschien und erstattete über die
Vorfälle anläßlich der Demonstration am 1. Mai Bericht.
„Rhinozeros! Sie Gamaschenknopf!“ schnauzte ihn ein militärischer
Befehlshaber kameradschaftlich an.
„Sie haben die ganze Lage künstlich überforciert. Die Folge ist morgen
Generalstreik. Es geht uns zu frühzeitig los ... Haben Sie schon etwas
Sicheres über den Termin, wann die losschlagen ... Na, sie werden ja
ihrer Gewohnheit gemäß sich wieder gewaltig in der Zeitbestimmung, im
Tempo verrechnen, das ist das einzige, was die Kommunisten immer noch
nicht gelernt haben ... Also Nachrichten, detaillierte Angaben über
Stimmung der Bevölkerung usw. Es ist höchste Zeit ... Und dann studieren
Sie in Zukunft mit mehr Sorgfalt unser Reglement über den Bürgerkrieg
...“
„Ich habe gemeint“, stotterte der Schutzpolizeiler heraus, „je blutiger
der erste Tag, desto besser ...“
Aber er hatte seine Schlappe weg.
Mehrere Vertreter der „Vaterländischen Verbände“ baten um Gehör.
Sie jammerten über Zersetzungserscheinungen. Ohne hinreichende
Geldunterstützung von seiten der Großindustrie sei nichts zu machen. Die
Kleinbürger seien nur noch mit alleräußerster Anstrengung bei der Stange
zu halten. „Jede Stunde, die wir zögern, bedeutet für uns eine ebenso
gewaltige moralische wie auch materielle Schlappe. Alles ist bei uns auf
sofortiges Losschlagen eingestellt. Dieser Stimmung müssen wir Rechnung
tragen. Wir lassen uns ohnedies vielzuviel gefallen. Endlich ist die
Stunde gekommen, rücksichtslos durchzugreifen ... Wenn sich die
Arbeiterschaft erst wieder erholt, dann „Kopf ab“ und „Gute Nacht!“ Für
den Gummiknüppel ist die Zeit zu ernst ...“
„Ganz unsere Meinung“, pflichteten Vertreter der Industrie und der
Landwirtschaft dem Vorredner bei. „Sehen Sie sich, meine Herren, bitte
die Betriebe an! Fünfzig Prozent davon stillgelegt, und der Rest
arbeitet, aber fragen Sie nur nicht, wie. Unter passiver Resistenz,
unter täglichen Sabotageakten ... Nein, so geht es nicht mehr
weiter. Keineswegs ... Und der Zustand der Eisenbahnen. Die
Eisenbahnergewerkschaften sind von allen die aufsässigsten ... Jeder
Respekt vor der Autorität der Regierung ist zum Teufel ... Wir
Arbeitgeber können die Ausartung unserer Republik in den Bolschewismus
keineswegs dulden. Schon heute spricht man mit Fug und Recht von einem
Staat im Staate ... Und wie sieht es auf dem Land aus? ... Unsereins ist
ja seines Lebens nicht mehr sicher ... Jetzt oder nie ... Meine Herren,
entscheiden Sie sich jetzt, unmittelbar, sofort: oder unser aller
letztes Stündchen hat geschlagen ...“
„Bitten Sie den Leiter der politischen Abteilung der Polizei!“
Oberregierungsrat Ledermann erschien.
„Ihr Nachrichtenmaterial bitte. Wir brauchen unverzüglich konkreteste
Angaben. Unserer militärischen Exekution muß sofort ein großangelegter
Propagandafeldzug koordiniert werden. Lassen Sie Berichte anfertigen,
Zeugenaussagen, Geständnisse von Gefangenen ... Nicht allzu konstruiert,
es muß raffinierter als bisher kombiniert werden ... Man ist draußen im
Land inzwischen durch verschiedene unserer Fehlleistungen hellhöriger
und scharfsichtiger geworden. Mißgriffe in der augenblicklichen
Situation können wir uns nicht leisten, jede Zufälligkeit kann
katastrophale Auswirkungen haben ... Also: Sie verbreiten zunächst
alarmierende Meldungen über kommunistische Putschvorbereitungen, bezw.
setzen Sie sich mit den entsprechenden Stellen augenblicks in Verbindung
und lassen Sie durch Polizeiagenten Attentate und andere Terrorakte, am
besten auf sogenannte dem Volksempfinden nach geheiligte Orte, wie
Kirchen, Säuglingsheime, Krankenhäuser usw., fabrizieren. Das neulich am
1. Mai soll die Feuerprobe gewesen sein. Nun also rüstig weiter ...
Lassen Sie noch heute einige Höllenmaschinen in die kommunistischen
Parteibüros einschmuggeln. Dadurch kommen wir zu einer populären
Begründung der allgemeinen Mobilisierung. Dadurch bekommen wir auch
bedeutend mehr Reserven heran und können die unzuverlässigen Regimenter
auffüllen. Setzen Sie Fahndungskommandos ein, schreiben Sie Kopfprämien
aus, zunächst muß der ganze Funktionärkörper der Kommunisten
rücksichtslos zerschlagen werden. Erst auf dieser Basis können wir dann
erfolgreich an der Sanierung weiterarbeiten. Fälle von Insubordination,
Meuterei bei der bewaffneten Macht, rote Zellenbildungen in Armee und
Marine sind mir direkt zu melden. Anweisung an die Kriegsgerichte:
exemplarisch bestrafen, sofort Exempel statuieren! Keine offizielle
Hinrichtung revolutionärer Führer. Solche sind auf der Flucht zu
erschießen bezw. ist in besonders geeignet erscheinenden Fällen
geschickt ein Selbstmord zu arrangieren ... Was „Auskundschafter“ und
derartige Individuen anbetrifft, so kaufen Sie in großer Anzahl dazu
geeignete Subjekte auf, wir brauchen Vorrat für mindestens einen Monat.
In den Obdachlosenasylen, die Sie durch Polizeistreifen säubern lassen
müssen, werden gegen entsprechendes Handgeld sich immer welche in großer
Anzahl finden lassen ... Jede derartige Dienstleistung wird gegen bar
honoriert. Nach festen Sätzen. Spesen extra. Staatsstellung in Aussicht
stellen ... Ich empfehle mich und erwarte Sie spätestens morgen früh
persönlich zum Bericht ...“
Der Oberregierungsrat war entlassen.
Die verschiedenen Herren verabschiedeten sich.
Man salutierte. Stand stramm.
Alle gingen an die Arbeit.
Der Chef des Generalstabs stand mit mehreren Offizieren vor der Karte.
Mit blauen Marken wurde Berlin eingekreist ...
* * * * *
Die Telefunkenzentrale fieberte.
Telegraphenapparate klapperten.
Lärmende Gerüchte poltern durch Stadt und Land.
Extrablätter:
„Generalstreik!“
Extrablätter:
„Entdeckung kommunistischer Waffenlager. Drohender Kommunisten-Putsch.
Kommunistische Giftgase ... Die Regierung hat die Mobilisation
angeordnet ...“