Besonders wichtig bei der modernen Gastechnik ist, daß alle diese
schweren Giftstoffe Abkömmlinge der Farbindustrie bezw. der
Heilmittelindustrie sind. Es handelt sich daher für die einzelnen Länder
nicht so sehr darum, einen möglichst großen Vorrat aufzuspeichern,
sondern es geht bei den einzelnen imperialistischen Gruppen um die
möglichst hohe Steigerung der Produktionsmöglichkeit. Wir haben
infolgedessen eine außerordentlich starke Entwicklung der chemischen
Industrie, die natürlich hohe Profite einheimst, hohe Unterstützungen
vom Staate erhält. In den Vereinigten Staaten z. B. gab es 1914 sieben
chemische Fabriken. 1918: 118 mit einem Kapital von 200 Millionen
Dollar. Die Gesamtfarbenproduktion belief sich in den Vereinigten
Staaten 1914 auf 6,6 Millionen Pfund, 1922 auf 64,6 Millionen, 1923 auf
93,7 Millionen, so daß die Farbenproduktion in den neun Jahren auf mehr
als das 14fache gestiegen ist. Gegen eine Einfuhr von 46 Millionen Pfund
im Jahre 1913 wurden 1923 lediglich drei Millionen eingeführt, dagegen
17,9 Millionen ausgeführt. In dem Zolltarif sind außerordentlich hohe
Zollsätze für Farben festgelegt worden. Während England 1913 etwa 14
Prozent seines Bedarfs selbst produzierte, stellt es nach einem Bericht
des Handelsamtes in Washington gegenwärtig 80 Prozent seines Verbrauches
selbst her. Die englische Regierung hat sich verpflichtet, ein Sechstel
der Produktion selbst zu übernehmen. Die französische Produktion ist
noch stärker gestiegen. Während Frankreich noch 1920 46 Prozent seines
Verbrauchs einführte, ist diese Einfuhr im ersten Halbjahr 1924 auf 5
Prozent zurückgegangen. Die Produktion hat sich demzufolge in diesen
vier Jahren verdoppelt. Während Frankreich 1920 noch 7000 Tonnen
jährlich produzierte, produziert es im ersten Halbjahr 1924 bereits 8000
Tonnen. Die Entwicklung in anderen Ländern ist ganz ähnlich.
Diese schnelle Entwicklung der Farbenindustrie hat zur Ursache, daß die
meisten Gasstoffe entweder Zwischenprodukte von Farbstoffen sind oder
daß die Farbstoffe (und Heilmittel) Ausgangspunkt für die Gasmittel
sind. So haben die Arsine, also die Reihe der Levisite usw., das gleiche
Ausgangsprodukt wie das Salvarsan. Yperite und auch der andere Gasstoff,
die Levisite, haben ein gleiches Zwischenprodukt wie das vielgebrauchte
Indigo. Das Phosgen und die Tränengase haben gleiche Zwischenprodukte
wie die hellroten, blauen und violetten Farben. Die Pikrinsäure,
Ausgangspunkt einer Reihe von giftigen Farben, ebenso wie sie in der
Sprengtechnik angewandt wird, ergibt durch einfache Chlorierung das sehr
schädlich wirkende Chlorpikrin. Aus dem Anilin werden gleichzeitig
Yperite, verschiedene Anilinfarben und Heilmittel hergestellt.