„Ich schlage vor“, nahm die Genossin Green das Wort, „nachdem wir jetzt
die ausführlichen Berichte der Genossen Morrow und Butler gehört
haben, eine Resolution zu fassen und sie allen revolutionären
Arbeiterorganisationen der Welt vorzulegen und dringend zur Annahme und
zur Durchführung zu empfehlen. Auch der Genosse Bolleff von der
bulgarischen Sektion hat einige Bemerkungen gemacht, die wir
berücksichtigen müssen. Wir Sozialisten Amerikas, als des Landes, das am
weitesten fortgeschritten ist in der imperialistischen Kriegstechnik,
haben demnach die Pflicht, auch in der Bekämpfung des imperialistischen
Krieges führend zu sein und unsere Beobachtungen allen Sektionen
mitzuteilen. Unsere Kommission zur Beobachtung der imperialistischen
Kriegsrüstungen hat gut gearbeitet, sie steht nach wie vor mit unseren
illegalen Organisationen in engster Verbindung und wird sich weiter
intensivst ihrer Aufgabe widmen. Die Resolution, die wir aufgesetzt
haben, lautet:
Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den
imperialistischen Krieg
„Zu dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg gehört unmittelbar auch
die möglichst genaue Kenntnis der Waffen, die in diesem Krieg aller
Voraussicht nach zur Anwendung kommen werden. Wir müssen in unserer
Aufklärungsarbeit unbedingt regelmäßig über den Stand der modernen
Kriegstechnik konkret berichten können und auch von dieser Richtung her
die Massen damit bekannt machen, was für sie ein kommender Krieg
bedeutet.
„Der Weltkrieg war eine Revolution für die gesamte Kriegstechnik.
„Es läßt sich nun nicht leugnen, daß unsere gesamte bisherige
Antikriegspropaganda viel zu sehr auf den vorhergegangenen Krieg
eingestellt war, viel zu „konservativ“ war und daß wir es nicht richtig
verstanden haben, die experimentellen Ansätze der im vorhergegangenen
Krieg entwickelten Kriegstechniken scharf herauszuanalysieren, ihre
Weiterentwicklung in der Nachkriegsperiode in aller Oeffentlichkeit zu
verfolgen und damit den entscheidenden Wendepunkt im Charakter der
gesamten Kriegsführung überhaupt überzeugend darzutun. Das, was gewesen
ist, interessiert uns doch nur im Hinblick auf das, was ist, im Hinblick
auf das, was sein wird.
„In den wenn verhältnismäßig auch nur spärlichen Berichten der
Bourgeoisie über dieses Thema aber bietet sich uns ein ungeheueres
Agitationsmaterial dar, das, im entscheidenden Augenblick richtig
eingesetzt, eine durchschlagende Wirkung auf die weitesten Kreise
unserer Meinung nach ausüben müßte.
„Es gilt den Fortschritt der Militärtechnik in allen Ländern mit größter
Sorgfalt zu verfolgen, um einerseits durch die Schilderung des Konkreten
dem Proletariat ein Bild des kommenden Krieges in anschaulichster,
lebenswirklichster Weise geben zu können und um andererseits durch die
intensive Beschäftigung mit den Rüstungen in dieser Weise, durch ihr
näheres Studium auf Grund der dabei gemachten Erfahrungen realere
Anhaltspunkte für unseren Kampf gegen den Krieg zu gewinnen.
„Wir amerikanischen Genossen ersuchen euch, Genossen, schon heute auf
dieser Basis eine großzügige Aufklärungspropaganda über den chemischen
Krieg zum 1. August dieses Jahres vorzubereiten. (Vorträge,
Aufklärungsmeetings, Broschüren usw.) Vor allem aber auch mit Nachdruck
darauf hinzuweisen, daß die polnische Regierung am 9. März 1925 das
erste Mal im Klassenkrieg gegen revolutionäre Arbeiter chemische
Kampfstoffe eingesetzt hat. Dies ist unseres Wissens das erste Mal, daß
im Bürgerkrieg chemische Kampfstoffe angewendet wurden. Wir gehen wohl
nicht fehl in der Annahme, daß es nur eine Frage der Schärfe in der
Zuspitzung der Klassenverhältnisse ist, ob und wann das Gas auch im
Bürgerkrieg allgemein seine Verwendung finden wird. Die Bourgeoisie
spart bekanntlich nur deswegen ihr bestes Pulver auf, um ihre
Geheimnisse nicht vorzeitig preiszugeben. Es wäre aber äußerst
verhängnisvoll für uns, uns darüber Illusionen zu machen und uns, wenn
es einmal hart auf hart geht, auf einen solchen Kampf nicht
einzustellen.
„Wir fordern euch, Genossen, daher auf, alle das eure zu tun zur
Konkretisierung unserer Methoden des Kampfes gegen den imperialistischen
Krieg ...“
„Wünscht einer der Genossen zu dieser Resolution das Wort?“
Der bulgarische Genosse meldete sich.
„Genosse Bolleff!“
Der bulgarische Genosse bemängelt vor allem, daß die Resolution selbst
nicht genügend konkret sei, die Konkretheit fordere, ohne selbst dieser
Anforderung zu entsprechen. So hätte man auf den Abrüstungsschwindel
genau eingehen müssen, nachweisen müssen, daß Rüstungsindustrie
identisch ist mit Farbstoffindustrie und daß die ungeheure Entwicklung
der chemischen Industrie gleichbedeutend ist mit der ungeheuren
Aufrüstung, wie sie fieberhaft in allen Ländern betrieben wird. „Wir
hätten am besten Amerika als Beispiel anführen können, das vor dem Krieg
sieben chemische Fabriken besaß, nach dem Kriege bereits 118! Dann hätte
man sagen müssen: daß alle schweren Giftstoffe Abkömmlinge der
Farbindustrie bezw. der Heilmittelindustrie sind. So weiß im Zeitalter
des Giftgaskrieges der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein
harmloses Heilmittel, irgendeine Farbe oder aber ein äußerst
gefährliches Giftgas herstellt. Hier enthüllt sich mit voller Schärfe
die konterrevolutionäre Forderung der 2. Internationale, daß man bei
Kriegsausbruch einfach den Krieg unmöglich macht dadurch, daß man keine
Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß diese Forderung nur dazu
dient, das Proletariat von der Erkenntnis der unerbittlichen
Notwendigkeit des Kampfes gegen die Bourgeoisie, des Krieges gegen den
Krieg, abzuhalten. Wir müssen dabei in Rechnung stellen, daß man
versuchen wird, die Belegschaften dieser Fabriken mit „zuverlässigen“
Elementen auszufüllen. Die Resolution hätte noch besonders hinweisen
müssen auf die Wichtigkeit unserer Betriebszellenarbeit in diesen
Fabriken, auf unsere Zellenzeitungen in diesen Betrieben ...“
Als zweiter meldete sich ein amerikanischer Genosse.
In der Resolution sei die Tatsache nicht in Betracht gezogen, daß die
amerikanische Polizei bereits gegen sogenannte Verbrecher ausreichend
von Gashandgranaten Gebrauch mache, daß man Gas in Gefängnissen gegen
Meuterer verwende, ja daß man bereits Experimente angestellt habe, den
elektrischen Hinrichtungsstuhl durch Gas zu ersetzen ... Abgesehen aber
davon, hätte man auch formulieren müssen, daß der Kampf gegen den
imperialistischen Krieg eben gleichbedeutend ist mit dem Kampf um den
Besitz der Produktionsmittel. Daß der Kern der Sache der Besitz der
Produktionsmittel ist. Und daß das Entweder-Oder, Sozialismus oder
Untergang in die Barbarei, in diesem Zusammenhang zur höchsten
Aktualität gesteigert, plötzlich eine ganz neue schlagartige Beleuchtung
erhält.
„Zweierlei scheint mir noch zu fehlen“, fügte jetzt Genosse Morrow
hinzu: „erstens daß alle Kampfmittel und Kampfstoffe eben dadurch, daß
sie uns bekannt sind, beweisen, daß sie von den einschlägigen Kreisen
bereits längst aufgegeben sind, und daß wir im Ernstfall bei weitem
schärfere und ausgiebigere Kampfstoffe zu erwarten haben ... Und dann:
daß man mit allen Mitteln dem Unfug entgegentreten muß, den zukünftigen
Krieg utopisch durch allerlei phantastischen Schnickschnack wie
Todesstrahlen und mechanische Polizeimänner zu verzerren, dadurch wird
nur erreicht, daß auch das bereits wirklich Vorhandene angezweifelt
wird, und unsere ganze Kampagne sich leerläuft. Die Bourgeoisie
allerdings hat das größte Interesse daran, diesen Dingen gegenüber die
Methode der Camouflage anzuwenden, d. h. Dinge, die sie nicht mehr
verschweigen kann, durch Kombination mit blödsinnigem Ulk als harmlos
und als unwirklich darzustellen. Das hätte meiner Meinung nach
berücksichtigt werden müssen ...“
* * * * *
Damit war die Debatte über die Resolution beendet.
Es wurde vorgeschlagen, als Kommentar zur Resolution zwei ausführliche
Artikel anzufügen, der eine mit dem Titel: „Der zukünftige Krieg und die
chemische Industrie der Welt“, der andere „Die chemische Waffe im
kommenden Krieg!“ Diese Arbeiten sollten möglichst knapp gehalten, mit
überzeugendem Tatsachenmaterial versehen sein und so präzis wie nur
möglich formuliert werden. Mit der Ausarbeitung wurden die Genossen
Frank Morrow und Thomas Butler beauftragt.
X
Die Ereignisse überstürzten sich.
Mancher der besten Kommunisten hatte das Tempo falsch eingeschätzt.
Die Kriegsgefahr springt wie eine Springflut die Völker an ...
Die großen amerikanischen Flottenmanöver im Stillen Ozean begannen. Eine
gewaltige militärische Demonstration gegen Japan ...
Sieben Monate lang sind die verschiedenen Schiffseinheiten unterwegs.
* * * * *
Pearl Harbor auf Hawaii:
12 Schlachtkreuzer, 6 Kreuzer, 56 Zerstörer, 6 Unterseeboote, 1
Geschwader Flugzeuge, 2 Flugzeugmutterschiffe: sind zum Angriff
angesetzt.
Minengürtel, mit Unterseebooten verseuchte Zonen, sperren Hawaii ab. Ein
einziger Feuer und Eisen speiender Krater ist Hawaii ...
* * * * *
Je näher die Kriegsgefahr heranrückt, desto energischer betreiben die
einzelnen Regierungen die Kommunistenverfolgungen. Die Revolutionsgefahr
wächst. Alle kommunistischen Sektionen sind schon in die Illegalität
gedrängt. Kommunistengesetze, Geheimerlasse zur Bekämpfung unruhiger
Elemente durchwirbeln die Länder. Die Parlamente heben rücksichtslos die
Immunität der kommunistischen Abgeordneten auf. Die Demokraten regieren
nur wackelnd noch auf den Krückstöcken rigorosester Ausnahmegesetze ...
Ueberall drängen die ausgebeuteten Volksmassen vor. Die
Sozialdemokratien aller Länder spalten sich ...
Der Völkerbund beschäftigt sich mit der kommunistischen Gefahr.
Ob ein „heiliger Krieg“ gegen Sowjetrußland noch einmal die durch die
verschiedensten Interessengegensätze zersplitterten Kapitalisten aller
Länder zusammenzwingt? Man ist willens, die Austragung der Konflikte
unter sich bis nach der Niederringung der „Roten Gefahr“ aufzuschieben.
Der Vernichtungskampf gegen die Kommunisten wird im Weltmaßstab
organisiert.
Die Regierungen haben die Kommunisten offen außerhalb des Gesetzes
gestellt, sind entschlossen, ihre Organisationen wie Ratten auszurotten.
Armee, Polizei, Miliz, Gruppen von Reserveoffizieren spüren alle
bekannten Kommunisten auf und ermorden sie ...
* * * * *
In Newyork findet der Hochverratsprozeß gegen Mary Green und 25 Genossen
statt. Den Angeklagten wird zur Last gelegt, Giftgase fabriziert zu
haben, Cholerabazillen und Giftbakterien mit Hilfe bestochener Chemiker
und Aerzte hergestellt zu haben, in solchen Mengen, um über Nacht halb
Amerika damit zu vergiften. Drei Giftmorde seien bereits auf Konto
dieser Organisation zu setzen, weitere Attentate u. a. auf Morgan, Ford
usw. seien geplant gewesen, umfangreiche Waffenlager mit Toluol,
Dynamit, Nitroglyzerin usw. habe man entdeckt, sogar ausgedehnte
Materiallager zur Herstellung von Bombenflugzeugen. Einzig und allein
den mit einer Beamtenkorruptionsaffäre in Zusammenhang stehenden
Ankaufsversuch von Unterseebooten zwecks In-die-Luft-Sprengung der
amerikanischen Hochseeflotte bezog der Oberstaatsanwalt nicht in seine
Anklagerede ein.
Der eigentliche Träger dieser riesigen und nach allen derartigen
Prozessen eigentlich reichlich banal erscheinenden Komödie war ein
außerordentlich gut funktionierender Spitzelapparat. Die Angeklagten
wurden glatt der ihnen zur Last gelegten Verbrechen überführt. Jede
Lücke der Beweisführung war restlos geschlossen.
Verteidiger waren gewaltsam aus dem Sitzungssaal entfernt. Den
Angeklagten wird das Schlußwort entzogen ...
Die Zeitungen heulen. Stoßen Warnungssignale aus.
Der Tag der Urteilsverkündung naht ...
* * * * *
Man traut seinen Ohren nicht, man liest die Ueberschriften der
Extrablätter einige Male:
„Mary Green und drei Genossen sind zum Tode verurteilt.“
Schon eine halbe Stunde darauf kommt es zu Zusammenstößen mit der
Arbeiterschaft.
Am Abend wird der Generalstreik verkündet.
Ganz Amerika ist plötzlich ein riesiges Grab. Die Menschen gehen leis
wie auf den Fußspitzen.
„Jetzt nur nicht nachgeben! Durchbrechen!“ feixt das Gericht. „Man wird
es uns sonst als Schwäche auslegen ...“
Die Armee und die Flotte sind mobilisiert. Die Luftstreitkräfte versehen
zunächst noch den Aufklärungsdienst.
Amerikas Lunge atmet nur mit viertel Kraft.
Schlaff hängen die Muskeln herunter.
* * * * *
Manche äußern:
„Man hätte sie nicht zum Tode verurteilen sollen ... Man soll keine
Märtyrer schaffen ... So erledigen ... geschickt ... Das stürzt uns in
zu große Unkosten ...“
* * * * *
An Sing-Sing ist nicht heranzukommen. Schwere MGs funken in die
Menschenmassen hinein ...
Während draußen die Kugelspritzen knattern, wird Mary Green mitgeteilt,
daß morgen früh fünf Uhr das Urteil vollstreckt wird.
Sie zuckt zurück, einen Augenblick ... fern verrauschen die Salven.
* * * * *
Es ist fünf Uhr früh.
Mary Green wird einen langen zementgemauerten Korridor entlang in das
„Todeskabinett“ geführt.
Sie singt mit leiser Stimme.
Sie hört fern, fern, ganz fern als Antwort:
„Macht auf –“