IX

„Ich schlage vor“, nahm die Genossin Green das Wort, „nachdem wir jetzt

die ausführlichen Berichte der Genossen Morrow und Butler gehört

haben, eine Resolution zu fassen und sie allen revolutionären

Arbeiterorganisationen der Welt vorzulegen und dringend zur Annahme und

zur Durchführung zu empfehlen. Auch der Genosse Bolleff von der

bulgarischen Sektion hat einige Bemerkungen gemacht, die wir

berücksichtigen müssen. Wir Sozialisten Amerikas, als des Landes, das am

weitesten fortgeschritten ist in der imperialistischen Kriegstechnik,

haben demnach die Pflicht, auch in der Bekämpfung des imperialistischen

Krieges führend zu sein und unsere Beobachtungen allen Sektionen

mitzuteilen. Unsere Kommission zur Beobachtung der imperialistischen

Kriegsrüstungen hat gut gearbeitet, sie steht nach wie vor mit unseren

illegalen Organisationen in engster Verbindung und wird sich weiter

intensivst ihrer Aufgabe widmen. Die Resolution, die wir aufgesetzt

haben, lautet:

Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den

imperialistischen Krieg

„Zu dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg gehört unmittelbar auch

die möglichst genaue Kenntnis der Waffen, die in diesem Krieg aller

Voraussicht nach zur Anwendung kommen werden. Wir müssen in unserer

Aufklärungsarbeit unbedingt regelmäßig über den Stand der modernen

Kriegstechnik konkret berichten können und auch von dieser Richtung her

die Massen damit bekannt machen, was für sie ein kommender Krieg

bedeutet.

„Der Weltkrieg war eine Revolution für die gesamte Kriegstechnik.

„Es läßt sich nun nicht leugnen, daß unsere gesamte bisherige

Antikriegspropaganda viel zu sehr auf den vorhergegangenen Krieg

eingestellt war, viel zu „konservativ“ war und daß wir es nicht richtig

verstanden haben, die experimentellen Ansätze der im vorhergegangenen

Krieg entwickelten Kriegstechniken scharf herauszuanalysieren, ihre

Weiterentwicklung in der Nachkriegsperiode in aller Oeffentlichkeit zu

verfolgen und damit den entscheidenden Wendepunkt im Charakter der

gesamten Kriegsführung überhaupt überzeugend darzutun. Das, was gewesen

ist, interessiert uns doch nur im Hinblick auf das, was ist, im Hinblick

auf das, was sein wird.

„In den wenn verhältnismäßig auch nur spärlichen Berichten der

Bourgeoisie über dieses Thema aber bietet sich uns ein ungeheueres

Agitationsmaterial dar, das, im entscheidenden Augenblick richtig

eingesetzt, eine durchschlagende Wirkung auf die weitesten Kreise

unserer Meinung nach ausüben müßte.

„Es gilt den Fortschritt der Militärtechnik in allen Ländern mit größter

Sorgfalt zu verfolgen, um einerseits durch die Schilderung des Konkreten

dem Proletariat ein Bild des kommenden Krieges in anschaulichster,

lebenswirklichster Weise geben zu können und um andererseits durch die

intensive Beschäftigung mit den Rüstungen in dieser Weise, durch ihr

näheres Studium auf Grund der dabei gemachten Erfahrungen realere

Anhaltspunkte für unseren Kampf gegen den Krieg zu gewinnen.

„Wir amerikanischen Genossen ersuchen euch, Genossen, schon heute auf

dieser Basis eine großzügige Aufklärungspropaganda über den chemischen

Krieg zum 1. August dieses Jahres vorzubereiten. (Vorträge,

Aufklärungsmeetings, Broschüren usw.) Vor allem aber auch mit Nachdruck

darauf hinzuweisen, daß die polnische Regierung am 9. März 1925 das

erste Mal im Klassenkrieg gegen revolutionäre Arbeiter chemische

Kampfstoffe eingesetzt hat. Dies ist unseres Wissens das erste Mal, daß

im Bürgerkrieg chemische Kampfstoffe angewendet wurden. Wir gehen wohl

nicht fehl in der Annahme, daß es nur eine Frage der Schärfe in der

Zuspitzung der Klassenverhältnisse ist, ob und wann das Gas auch im

Bürgerkrieg allgemein seine Verwendung finden wird. Die Bourgeoisie

spart bekanntlich nur deswegen ihr bestes Pulver auf, um ihre

Geheimnisse nicht vorzeitig preiszugeben. Es wäre aber äußerst

verhängnisvoll für uns, uns darüber Illusionen zu machen und uns, wenn

es einmal hart auf hart geht, auf einen solchen Kampf nicht

einzustellen.

„Wir fordern euch, Genossen, daher auf, alle das eure zu tun zur

Konkretisierung unserer Methoden des Kampfes gegen den imperialistischen

Krieg ...“

„Wünscht einer der Genossen zu dieser Resolution das Wort?“

Der bulgarische Genosse meldete sich.

„Genosse Bolleff!“

Der bulgarische Genosse bemängelt vor allem, daß die Resolution selbst

nicht genügend konkret sei, die Konkretheit fordere, ohne selbst dieser

Anforderung zu entsprechen. So hätte man auf den Abrüstungsschwindel

genau eingehen müssen, nachweisen müssen, daß Rüstungsindustrie

identisch ist mit Farbstoffindustrie und daß die ungeheure Entwicklung

der chemischen Industrie gleichbedeutend ist mit der ungeheuren

Aufrüstung, wie sie fieberhaft in allen Ländern betrieben wird. „Wir

hätten am besten Amerika als Beispiel anführen können, das vor dem Krieg

sieben chemische Fabriken besaß, nach dem Kriege bereits 118! Dann hätte

man sagen müssen: daß alle schweren Giftstoffe Abkömmlinge der

Farbindustrie bezw. der Heilmittelindustrie sind. So weiß im Zeitalter

des Giftgaskrieges der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein

harmloses Heilmittel, irgendeine Farbe oder aber ein äußerst

gefährliches Giftgas herstellt. Hier enthüllt sich mit voller Schärfe

die konterrevolutionäre Forderung der 2. Internationale, daß man bei

Kriegsausbruch einfach den Krieg unmöglich macht dadurch, daß man keine

Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß diese Forderung nur dazu

dient, das Proletariat von der Erkenntnis der unerbittlichen

Notwendigkeit des Kampfes gegen die Bourgeoisie, des Krieges gegen den

Krieg, abzuhalten. Wir müssen dabei in Rechnung stellen, daß man

versuchen wird, die Belegschaften dieser Fabriken mit „zuverlässigen“

Elementen auszufüllen. Die Resolution hätte noch besonders hinweisen

müssen auf die Wichtigkeit unserer Betriebszellenarbeit in diesen

Fabriken, auf unsere Zellenzeitungen in diesen Betrieben ...“

Als zweiter meldete sich ein amerikanischer Genosse.

In der Resolution sei die Tatsache nicht in Betracht gezogen, daß die

amerikanische Polizei bereits gegen sogenannte Verbrecher ausreichend

von Gashandgranaten Gebrauch mache, daß man Gas in Gefängnissen gegen

Meuterer verwende, ja daß man bereits Experimente angestellt habe, den

elektrischen Hinrichtungsstuhl durch Gas zu ersetzen ... Abgesehen aber

davon, hätte man auch formulieren müssen, daß der Kampf gegen den

imperialistischen Krieg eben gleichbedeutend ist mit dem Kampf um den

Besitz der Produktionsmittel. Daß der Kern der Sache der Besitz der

Produktionsmittel ist. Und daß das Entweder-Oder, Sozialismus oder

Untergang in die Barbarei, in diesem Zusammenhang zur höchsten

Aktualität gesteigert, plötzlich eine ganz neue schlagartige Beleuchtung

erhält.

„Zweierlei scheint mir noch zu fehlen“, fügte jetzt Genosse Morrow

hinzu: „erstens daß alle Kampfmittel und Kampfstoffe eben dadurch, daß

sie uns bekannt sind, beweisen, daß sie von den einschlägigen Kreisen

bereits längst aufgegeben sind, und daß wir im Ernstfall bei weitem

schärfere und ausgiebigere Kampfstoffe zu erwarten haben ... Und dann:

daß man mit allen Mitteln dem Unfug entgegentreten muß, den zukünftigen

Krieg utopisch durch allerlei phantastischen Schnickschnack wie

Todesstrahlen und mechanische Polizeimänner zu verzerren, dadurch wird

nur erreicht, daß auch das bereits wirklich Vorhandene angezweifelt

wird, und unsere ganze Kampagne sich leerläuft. Die Bourgeoisie

allerdings hat das größte Interesse daran, diesen Dingen gegenüber die

Methode der Camouflage anzuwenden, d. h. Dinge, die sie nicht mehr

verschweigen kann, durch Kombination mit blödsinnigem Ulk als harmlos

und als unwirklich darzustellen. Das hätte meiner Meinung nach

berücksichtigt werden müssen ...“

* * * * *

Damit war die Debatte über die Resolution beendet.

Es wurde vorgeschlagen, als Kommentar zur Resolution zwei ausführliche

Artikel anzufügen, der eine mit dem Titel: „Der zukünftige Krieg und die

chemische Industrie der Welt“, der andere „Die chemische Waffe im

kommenden Krieg!“ Diese Arbeiten sollten möglichst knapp gehalten, mit

überzeugendem Tatsachenmaterial versehen sein und so präzis wie nur

möglich formuliert werden. Mit der Ausarbeitung wurden die Genossen

Frank Morrow und Thomas Butler beauftragt.

X

Die Ereignisse überstürzten sich.

Mancher der besten Kommunisten hatte das Tempo falsch eingeschätzt.

Die Kriegsgefahr springt wie eine Springflut die Völker an ...

Die großen amerikanischen Flottenmanöver im Stillen Ozean begannen. Eine

gewaltige militärische Demonstration gegen Japan ...

Sieben Monate lang sind die verschiedenen Schiffseinheiten unterwegs.

* * * * *

Pearl Harbor auf Hawaii:

12 Schlachtkreuzer, 6 Kreuzer, 56 Zerstörer, 6 Unterseeboote, 1

Geschwader Flugzeuge, 2 Flugzeugmutterschiffe: sind zum Angriff

angesetzt.

Minengürtel, mit Unterseebooten verseuchte Zonen, sperren Hawaii ab. Ein

einziger Feuer und Eisen speiender Krater ist Hawaii ...

* * * * *

Je näher die Kriegsgefahr heranrückt, desto energischer betreiben die

einzelnen Regierungen die Kommunistenverfolgungen. Die Revolutionsgefahr

wächst. Alle kommunistischen Sektionen sind schon in die Illegalität

gedrängt. Kommunistengesetze, Geheimerlasse zur Bekämpfung unruhiger

Elemente durchwirbeln die Länder. Die Parlamente heben rücksichtslos die

Immunität der kommunistischen Abgeordneten auf. Die Demokraten regieren

nur wackelnd noch auf den Krückstöcken rigorosester Ausnahmegesetze ...

Ueberall drängen die ausgebeuteten Volksmassen vor. Die

Sozialdemokratien aller Länder spalten sich ...

Der Völkerbund beschäftigt sich mit der kommunistischen Gefahr.

Ob ein „heiliger Krieg“ gegen Sowjetrußland noch einmal die durch die

verschiedensten Interessengegensätze zersplitterten Kapitalisten aller

Länder zusammenzwingt? Man ist willens, die Austragung der Konflikte

unter sich bis nach der Niederringung der „Roten Gefahr“ aufzuschieben.

Der Vernichtungskampf gegen die Kommunisten wird im Weltmaßstab

organisiert.

Die Regierungen haben die Kommunisten offen außerhalb des Gesetzes

gestellt, sind entschlossen, ihre Organisationen wie Ratten auszurotten.

Armee, Polizei, Miliz, Gruppen von Reserveoffizieren spüren alle

bekannten Kommunisten auf und ermorden sie ...

* * * * *

In Newyork findet der Hochverratsprozeß gegen Mary Green und 25 Genossen

statt. Den Angeklagten wird zur Last gelegt, Giftgase fabriziert zu

haben, Cholerabazillen und Giftbakterien mit Hilfe bestochener Chemiker

und Aerzte hergestellt zu haben, in solchen Mengen, um über Nacht halb

Amerika damit zu vergiften. Drei Giftmorde seien bereits auf Konto

dieser Organisation zu setzen, weitere Attentate u. a. auf Morgan, Ford

usw. seien geplant gewesen, umfangreiche Waffenlager mit Toluol,

Dynamit, Nitroglyzerin usw. habe man entdeckt, sogar ausgedehnte

Materiallager zur Herstellung von Bombenflugzeugen. Einzig und allein

den mit einer Beamtenkorruptionsaffäre in Zusammenhang stehenden

Ankaufsversuch von Unterseebooten zwecks In-die-Luft-Sprengung der

amerikanischen Hochseeflotte bezog der Oberstaatsanwalt nicht in seine

Anklagerede ein.

Der eigentliche Träger dieser riesigen und nach allen derartigen

Prozessen eigentlich reichlich banal erscheinenden Komödie war ein

außerordentlich gut funktionierender Spitzelapparat. Die Angeklagten

wurden glatt der ihnen zur Last gelegten Verbrechen überführt. Jede

Lücke der Beweisführung war restlos geschlossen.

Verteidiger waren gewaltsam aus dem Sitzungssaal entfernt. Den

Angeklagten wird das Schlußwort entzogen ...

Die Zeitungen heulen. Stoßen Warnungssignale aus.

Der Tag der Urteilsverkündung naht ...

* * * * *

Man traut seinen Ohren nicht, man liest die Ueberschriften der

Extrablätter einige Male:

„Mary Green und drei Genossen sind zum Tode verurteilt.“

Schon eine halbe Stunde darauf kommt es zu Zusammenstößen mit der

Arbeiterschaft.

Am Abend wird der Generalstreik verkündet.

Ganz Amerika ist plötzlich ein riesiges Grab. Die Menschen gehen leis

wie auf den Fußspitzen.

„Jetzt nur nicht nachgeben! Durchbrechen!“ feixt das Gericht. „Man wird

es uns sonst als Schwäche auslegen ...“

Die Armee und die Flotte sind mobilisiert. Die Luftstreitkräfte versehen

zunächst noch den Aufklärungsdienst.

Amerikas Lunge atmet nur mit viertel Kraft.

Schlaff hängen die Muskeln herunter.

* * * * *

Manche äußern:

„Man hätte sie nicht zum Tode verurteilen sollen ... Man soll keine

Märtyrer schaffen ... So erledigen ... geschickt ... Das stürzt uns in

zu große Unkosten ...“

* * * * *

An Sing-Sing ist nicht heranzukommen. Schwere MGs funken in die

Menschenmassen hinein ...

Während draußen die Kugelspritzen knattern, wird Mary Green mitgeteilt,

daß morgen früh fünf Uhr das Urteil vollstreckt wird.

Sie zuckt zurück, einen Augenblick ... fern verrauschen die Salven.

* * * * *

Es ist fünf Uhr früh.

Mary Green wird einen langen zementgemauerten Korridor entlang in das

„Todeskabinett“ geführt.

Sie singt mit leiser Stimme.

Sie hört fern, fern, ganz fern als Antwort:

„Macht auf –“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 90 / 229 题