VIII

Max schob sich automatisch einige Straßen durch.

„Nun muß ich aber doch endlich einmal auch bei Lene vorbeischauen.“

Lene war Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik.

Max hatte sie neulich nur kurz in der Versammlung gesprochen. Hie und da

sah man sich Sonntags, dann machte man einen Sprung in die Umgebung

Berlins hinaus, zu mehr langte es ja ohnedies nicht. Sie kannten sich

von der sozialdemokratischen Arbeiterjugend her. In der letzten Zeit

allerdings waren sie ganz außer Kontakt gekommen. Das kam, weil Max sich

seit einigen Monaten wenig mehr um Politik kümmerte, Lene aber ganz in

die Arbeiterbewegung hineinwuchs und eigentlich schon vollends darin

aufging.

Lene empfing ihn gleich unter der Tür mit den Worten:

„Du, Max, denk dir nur, gestern bin ich aus der Partei ausgetreten. Ich

kann es nicht mehr länger so mitmachen. Die letzten Wochen haben mir den

Rest gegeben ... Ich habe mich heute noch nicht entschieden ... Zu den

Kommunisten kann ich noch nicht ... Auch weißt du, hab ich so eine

Intellektuellenschrulle, das ist das mit der Gewaltfrage ...“

Max blieb gleich mitten im Zimmer stehen.

„Die Gewaltfrage also ists. Das kann ich dir nur sagen: ich für mein

Teil könnte das nicht als Hinderungsgrund betrachten. Die ganze

Gesellschaft ist ja doch nichts weiter als Gewalt. Gewalt ist Geld,

Gewalt ist: daß du und ich in die Fabrik gehen, Gewalt ist, wie du

wohnst, das ganze Recht, alle Sitten und Gebräuche beruhen auf Gewalt.

Auf nacktester brutalster Gewalt ... Nur haben natürlich die, die

herrschen, ein Interesse daran, diesen bitteren Gewaltkern

wohlschmeckend zu machen. Sie schwätzen also vieles und schönes von der

Gewaltlosigkeit ihrer Gewalt. Sie legalisieren die Gewalt ... Ist nicht

die Arbeitsstätte heute für die weitaus meisten Menschen eine

Schlachtbank?! Der ganze Produktionsprozeß ist Gewalt, die Art und

Weise, wie produziert, wie verteilt und wie verdient wird ... Ja, gehe

nur einen Schritt so wie es der herrschenden Klasse nicht paßt, gleich

packt dich in der oder jener Form die Gewalt ... Der ganze

Gesellschaftsapparat, samt Staat, Beamtenmaschine, Militär, Polizei

dazu: Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und sieh: dieser friedliche

Gewaltkörper bricht eines Tags plötzlich aus und dieses Geschwür, bisher

nur unter der Oberfläche eiternd, das ist der Krieg ... Es bleibt uns

schon nichts anderes übrig, als diesen ganzen Gewaltkörper mit Gewalt zu

zerschlagen ... Und überhaupt: geschichtlich betrachtet: die Gewalt war

und ist noch immer seit jeher, seit Menschengedenken, die

Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft gewesen, die mit einer neuen

schwanger ging ... Lene, du mußt wieder einmal das „Kommunistische

Manifest“ lesen. Wir müssen gewaltig viel aufholen, wir sind durch die

bürgerlichen Schulen und durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer

verdorben und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns selbst

zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten instinktsicheren

Klassenstandpunkt ...“

Max streckte Lene die Hand hin.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 77 / 229 题