Max schob sich automatisch einige Straßen durch.
„Nun muß ich aber doch endlich einmal auch bei Lene vorbeischauen.“
Lene war Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik.
Max hatte sie neulich nur kurz in der Versammlung gesprochen. Hie und da
sah man sich Sonntags, dann machte man einen Sprung in die Umgebung
Berlins hinaus, zu mehr langte es ja ohnedies nicht. Sie kannten sich
von der sozialdemokratischen Arbeiterjugend her. In der letzten Zeit
allerdings waren sie ganz außer Kontakt gekommen. Das kam, weil Max sich
seit einigen Monaten wenig mehr um Politik kümmerte, Lene aber ganz in
die Arbeiterbewegung hineinwuchs und eigentlich schon vollends darin
aufging.
Lene empfing ihn gleich unter der Tür mit den Worten:
„Du, Max, denk dir nur, gestern bin ich aus der Partei ausgetreten. Ich
kann es nicht mehr länger so mitmachen. Die letzten Wochen haben mir den
Rest gegeben ... Ich habe mich heute noch nicht entschieden ... Zu den
Kommunisten kann ich noch nicht ... Auch weißt du, hab ich so eine
Intellektuellenschrulle, das ist das mit der Gewaltfrage ...“
Max blieb gleich mitten im Zimmer stehen.
„Die Gewaltfrage also ists. Das kann ich dir nur sagen: ich für mein
Teil könnte das nicht als Hinderungsgrund betrachten. Die ganze
Gesellschaft ist ja doch nichts weiter als Gewalt. Gewalt ist Geld,
Gewalt ist: daß du und ich in die Fabrik gehen, Gewalt ist, wie du
wohnst, das ganze Recht, alle Sitten und Gebräuche beruhen auf Gewalt.
Auf nacktester brutalster Gewalt ... Nur haben natürlich die, die
herrschen, ein Interesse daran, diesen bitteren Gewaltkern
wohlschmeckend zu machen. Sie schwätzen also vieles und schönes von der
Gewaltlosigkeit ihrer Gewalt. Sie legalisieren die Gewalt ... Ist nicht
die Arbeitsstätte heute für die weitaus meisten Menschen eine
Schlachtbank?! Der ganze Produktionsprozeß ist Gewalt, die Art und
Weise, wie produziert, wie verteilt und wie verdient wird ... Ja, gehe
nur einen Schritt so wie es der herrschenden Klasse nicht paßt, gleich
packt dich in der oder jener Form die Gewalt ... Der ganze
Gesellschaftsapparat, samt Staat, Beamtenmaschine, Militär, Polizei
dazu: Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und sieh: dieser friedliche
Gewaltkörper bricht eines Tags plötzlich aus und dieses Geschwür, bisher
nur unter der Oberfläche eiternd, das ist der Krieg ... Es bleibt uns
schon nichts anderes übrig, als diesen ganzen Gewaltkörper mit Gewalt zu
zerschlagen ... Und überhaupt: geschichtlich betrachtet: die Gewalt war
und ist noch immer seit jeher, seit Menschengedenken, die
Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft gewesen, die mit einer neuen
schwanger ging ... Lene, du mußt wieder einmal das „Kommunistische
Manifest“ lesen. Wir müssen gewaltig viel aufholen, wir sind durch die
bürgerlichen Schulen und durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer
verdorben und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns selbst
zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten instinktsicheren
Klassenstandpunkt ...“
Max streckte Lene die Hand hin.