Und das Schwergewicht der Welt hatte sich ihm unmerklich verschoben; es
war, als rückte sich ihm jetzt erst, das erste Mal, sein Inneres zurecht
...
Muskelbänder, Adern, Sehnen, Armhebel: darauf ruhte die Welt, und als
Max ein vornehm aufgemachtes Spielwarengeschäft erblickte, da dachte er
schon wieder ganz proletarisch folgerichtig:
„An diesen Puppenköpfen, Kinderuhren, Haarnadeln, dem ganzen
Schnickschnack der modernen Kleinindustrie klebt Blut und Schweiß
lebendiger Menschen, die unter den elendesten Verhältnissen ihr Leben
fristen. Der elegante Herr, der seine Autobrille dort aufsetzt, denkt
nicht daran, daß diese Brille zusammengesetzt ist in einer dunklen
Küche, die als Arbeitsraum dient, oder in einem Kellerloch, von
unterernährten darbenden Menschen ...“
So scharf, so anschaulich, so gründlich hatte Max bisher noch nicht
gedacht.
„So muß gedacht werden, so muß die Welt angesehen, so muß sie erlebt
werden! Das ist der einzig berechtigte und historisch notwendige Denk-
und Anschauungsakt. So muß die Welt betrachtet werden und im Kampf von
uns Proleten verändert werden. Alles andere ist ein menschenmörderischer
Luxus ... Es gibt nur _einen_ Standpunkt, von dem aus diese vermorschte
Welt aus den Angeln gehoben werden kann, und dieser Standpunkt ist der
unsere.“
* * * * *
In diesem Augenblick marschierte ein Zug der Kommunistischen Jugend
vorüber.
Rote Fahnen wehten.
Die „Internationale“ sang.
Dieser Gesang hatte Rhythmus, Takt, Tonfall einer unerbittlichen
Kampfansage.
Noch einmal verbanden sich Maxens Gedanken mit jenen Erinnerungen, die
ihn vor einer halben Stunde noch heimgesucht hatten:
„Ja, die ganze Stadt war ein Trümmerhaufen, als wir damals
einmarschierten. Kein lebendes Wesen weit und breit. Nur in einem
verschütteten Haus aus einem Kellerloch die Stimme eines halb
verhungerten Kindes, das ... das die „Internationale“ sang ... Ja, ich
erinnere mich noch deutlich, das war für viele unserer Soldaten damals
ein grausamer, grauenhafter Weckruf. Viele wurden mit einem Mal
nüchtern. Das proletarische Gewissen gellte in ihnen wie eine
Sturmglocke. Tränen liefen ihnen über die Backen. Knirschten mit den
Zähnen ... Ja, der erste Zug unserer Kompagnie stand mitten im Marsch
auf einen Augenblick starr, wie versteinert zu einer Säule. Wir haben
das Kind dann ausgegraben. Es war ein belgisches Proletariermädchen. Die
ganze Kompagnie hegte es als ihr Kleinod. Es war unser Herzenshalt. Es
war das Beste, was wir damals hatten.“ –
Da schwenkten die Jungkommunisten in eine Seitenstraße ab, und Max
bemerkte, wie er ihnen freundlich zunickte, er hatte auch, ohne daß er
sich dessen bewußt war, den Hut zum Gruß abgezogen.
Er murmelte noch leise vor sich hin:
„Bravo, Burschen! Nur so weiter! Ist nicht am Ende doch alles, was man
über euch herschimpft, eitel Lug und Trug!? Muß es denn nicht so sein!?
... Können euch denn eure Feinde loben!? ... Recht so! Vorwärts in die
Zukunft ... Auf eueren Schultern ruht – die Welt ...“
Ein Spießer bleckte die Zähne.
„Was der für ein widerliches Gebiß hat. Man möchte ihm das Gebiß aus dem
Maul reißen. Pfui Teufel ... So eine feiste Fresse ...“
Es war inzwischen Abend geworden.
Die ganze Stadt war wie eine sich immer wieder von selbst aufziehende
Mechanik, eine auf geheimnisvolle Weise immer wieder sich selbst
regulierende Wildnis voll intensivsten Leuchtens. –