Hinten und vorne, überall: Stichflammen –

Eine zweite Salve krachte ...

Eine dritte ...

Wieder gurgelte es, ächzte es, der Erdgrund stieß ein paar Mal gewaltig

auf. Wie im Galopp ruckte der Boden einige Male von selbst nach

vorwärts, eine Erdschicht schob sich über eine andere, Schutt kam wie

eine Lawine ins Rollen und rutschte davon, steil prasselten breite

Erdfontänen hoch, mit riesigen Felsklumpen darunter, wie Hagel schlugen

sie wieder nieder.

* * * * *

Die Gasanhäufung im italienischen Graben war so dicht, daß die Gasmasken

völlig versagten.

Die Minen aber waren zudem noch mit Einlagen aus Petroleum versehen, das

bei der Explosion zerstäubte und brennend den Stoff der Gasschutzmaske

durchlöcherte. Artilleriebrisanzfeuer setzte zu gleicher Zeit von der

deutschen Front ein.

Sechshundert Mann lagen da, Pferde und Hunde darunter, krümmten sich,

platzten, stießen, einer irrsinniger als der andere, lallende Laute aus,

man konnte schon von Kopfwunden, Fleischwunden, Knochenschüssen nicht

mehr reden: das ganze italienische Bataillon war einfach zu einer

breiigen Masse zusammengestampft, die Gasschwaden zogen in den

Unterständen ein, räucherten sie aus, beim nächsten Windzug schlugen sie

wieder zurück, erhoben sich, senkten sich, je nachdem, und marschierten

nun, als unheimliche Kolonne, weiter in das Hinterland.

Jeder Instinkt, jedes Denkvermögen hörte auf. Das Gesetz der Schwerkraft

selbst schien aufgehoben.

Strudel bildeten sich, Luftgefälle, Luftwirbel, bewegliche Gasmauern,

Flammen zuckten hervor, ganze Flammenschleier wieder breiteten sich aus,

schrumpften, gerannen, und brachen plötzlich wieder hervor, ein dicker,

spiralig geschwollener Flammenstoß.

Und mitten in den nun schon sich verflüchtigenden Gasnebel hinein

stießen einige Stunden später – es war jetzt gegen sechs Uhr morgens –

die Infanteriereihen, die Gasschutzmaske aufgesetzt, führten einen

verzweifelten Bajonettkampf durch, Maske gegen Maske.

Geschlechter von zweifüßigen Larven stießen da mit blankem Messer auf

einem gespenstischen Schlachtfeld auf sich ein, mancher riß sich

plötzlich selbst die Maske von dem Gesicht herunter, eine angstverzerrte

Grimasse wurde einen Augenblick lang sichtbar, ein Schluck ... und schon

ertrank er rettungslos im Gassumpf.

Die Sonne ging auf. Der Himmel drückte bald wie glühendes Eisen. Die

Erde selbst aber wurde darunter aufgeweicht, schäumte und brodelte, der

über und über durchtrichterte Boden schien wie ein mit flüssiger Lava

getränkter Feuerschwamm. Die Poren, die die Tausende von Granatlöchern

darstellten, waren mit Bündeln von Menschenleichen vollgestopft. Die

Luft zwischen Himmel und Erde stand still. Jeden Moment, dachte man,

fängt auch sie zu brennen an ... Kein Baum, kein Strauch. Schattenlos

strotzten auch die gewaltigsten Felsklumpen empor aus diesem

Flammensumpf ...

Tausende von Gasvergifteten schmorten jetzt langsam sich zutod in der

Hitze.

Manche Leichname fingen zu brodeln an.

Fliegen summten, Käfer und Eidechsen krabbelten darüber.

Da liegt so ein fleischiger Haufen: die Gedärme aus dem Bauch neben sich

hingeschüttet: ein seltsames Leben beginnt sich in dem Kadaver zu regen.

Es riecht nach Oliven, nach Staub ... geronnenes Blut und faules Fleisch

riecht, Jauche und Eiter ... überall sieht man es qualmen ...

Ein solches Unmaß an Hitze, wie es einem Gasvergifteten auferlegt ist zu

ertragen, kann man sich kaum vorstellen.

Die ganzen Eingeweide verbrennen von innen, die Lungenwände sind wie mit

einer beißenden Säure ausgelegt, mit jedem Herzschlag pumpt es sich wie

siedendes Blei durch die Adern. Von oben preßt sich einem die Sonne, ein

scharlachener Klotz, schwer auf den Schädel, zentnerschwer; die Kehle

steckt wie zwischen einem langsam sich zudrehenden Schraubstock ...

Ekelhaft kleberig ist der Schlund, hart, porös wie Bimsstein fühlt sich

die Zunge an.

Hunderte lagen noch auf den Knien vor den Sanitätern und flehten um den

Fangschuß. Morphiuminjektionen wurden verabreicht. Wieder einige hatten

das Glück, noch ihr Bajonett zu besitzen. Sie machten Harakiri.

Gewaltige Strahlenmassen prallten jetzt in diesem Talkessel zusammen.

Es war gegen Mittag ...

Die Bergspitzen glänzten wie Messing.

Junge Regimenter, flaumlose Kindergesichter, stolperten über diese

Leichenwelt hinweg im Sturmschritt. Italienische Tanks krochen die

Dolomitenstraßen herauf.

Ueberall Menschenblutspritzer, Knochensplitter, Fleischfetzen: alles mit

Menschenblut vollgesogen. Bis über die Knie blieb man oft stecken im

Menschendreck.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 74 / 229 题