Es hätte aber auch leicht anders werden können, sagte jemand, und der
Traum, den Max Herse träumte, kehrte jetzt wieder ein ganzes Stück
zurück: über die Vernichtung hinweg, er fing wieder beim Erscheinen der
Flieger an.
Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Flugflotte mobil gemacht
würde, als auch schon riesige unübersehbare Menschenmassen auf die
Straßen trieben, Arbeiter, Angestellte, Reden wurden gehalten,
Flugblätter verteilt, wie ein aufgestöberter Ameisenschwarm war es.
Polizeisoldaten, Soldaten sah man unter der Menge, ja auch Angehörige
der Luftflotte selbst sah man unter ihnen. Der Zug der Demonstranten
brandete als eine gefährliche Woge gegen die Regierungsviertel. Hier
hatte man die zuverlässigsten Regimenter bereitgestellt, auch zivile
Wehren, meist aus Studenten zusammengesetzt, man sah es ihnen an, sie
waren vor einigen Stunden erst eingekleidet. In Berlin, in Jokohama, in
Paris, in Chikago, in London: überall fanden diese Demonstrationen,
beinahe zu gleicher Zeit, statt ... Schon waren Truppen von Bewaffneten
zu bemerken, ein Schuß fiel, irgendwo ging ein Maschinengewehr von
selbst los ... das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff, das
Regierungsviertel wurde gestürmt, Telefonzentrale, Bahnhöfe waren im Nu
besetzt, um andere Stellungen tobte der Kampf noch stundenlang. –
Durch Verhandlungen wurde der Vorstoß der Revolutionäre aufgehalten, die
Regierung konzentrierte in den Vororten gewaltige Truppenmassen.
Im Norden der Stadt wurde ein Aufstand von Arbeitern rasch
niedergeschlagen. Trotzdem kamen aus der Provinz, wo geflüchtete
Revolutionäre Landarbeiter und Kleinbauern mobilisiert hatten, stündlich
neue Nachrichten. Das ganze Land war wie ein Mann losgebrochen, hatte
Gutshöfe gestürmt, alle wichtigen Eisenbahnknotenpunkte waren besetzt,
eine Rote Armee war im Anmarsch. Die Arbeiter in den verschiedenen
Stadtvierteln, waren glänzend benachrichtigt. Trotzdem war beinahe
niemand auf den Straßen zu sehen. Unterirdisch aber, das spürte man
förmlich durch die Wände hindurch, vollzog sich beinahe automatisch eine
ungeheure Bewegung.
„Bewaffneter Aufstand!“ surrten hinaus ins Land die Telegraphendrähte.
„Der Aufstand ist geglückt“, surrte es schon drei Tage darauf. Das
Proletariat hat die Macht erobert. Den Krieg verhindert. Es hat Opfer
gekostet, aber Opfer, gering im Vergleich zu dem, was gekommen wäre ...
* * * * *
Traumbild an Traumbild zuckte vorwärts.
Das alles erstreckte sich über Jahrzehnte, nur im Traumreich war alles
so verdichtet und zusammengedrängt. In der Traumlandschaft verkürzte
sich und überschnitt sich jede Perspektive.
Durch Rauch und Blut, an Stationen neuen Elends vorbei durch neue Wüsten
hindurch, an Stätten neuer Demütigungen und Kreuzigungen vorüber. Und
trotz alledem, es ging vorwärts.
Und am Ende dieses Weges blühte die Erde, blühte, wie sie noch nie
geblüht hatte. Jubelte, wie sie noch nie gejubelt hatte. Die Menschen
waren einfach und schön, von einander beinahe nicht unterscheidbar.
Tiefblau war alles, alles so selbstverständlich.
Die Arbeitsmethoden waren unendlich vervollkommnet. Trotzdem hörte man
jeden Tag von neuen Erfindungen; denn alles ließ sich immer noch viel
besser machen, als es schon war. Als Grundsatz galt: mehr Kraft auf
irgendeine Arbeit zu verwenden, als absolut notwendig ist, ist
Verschwendung und damit gesellschaftsschädigend ... Immer mehr
verteilten und differenzierten sich die einzelnen Handgriffe;
Wunderwerke von Maschinen verrichteten, mühelos einem elektrischen
Hebeldruck gehorchend, das Allernotwendigste, die menschliche
Schwerarbeit war erfolgreich auf ein Mindestmaß reduziert. Die
Arbeitsplätze waren so beschaffen, daß sie ohne besondere Vorkenntnisse
von einem jeden eingenommen werden konnten. Nur ein Prozent der
menschlichen Arbeitsleistung verlangte noch längere Schulung und
besondere Vorkenntnisse. Wobei allerdings zu bemerken ist: das
allgemeine Bildungsniveau überragte um ein vieltausendfaches den
heutigen Durchschnitt ... Für alle war Arbeit da. Für alle waren in
überreichem Maße Mittel zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft da.
Ungeheure menschliche Energien wurden dadurch der elenden Sorge um das
tägliche Brot entbunden und für neue gewaltige Unternehmungen
freigelegt. Der menschliche Geist stürzte sich in den Weltraum. Die
Menschen wurden stolz auf die Welt, sie schufen sie immer mehr nach
ihrem Bild: die Welt wurde zur Menschen-Schöpfung ...
Weit, weit ... man konnte tief Atem holen, man hatte Luft zum Leben ...
Mit einem solch tiefen Atemzug wachte Max Herse auf.