Nur ein Traum ...
Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut
kommt von oben und als Gift.“ – Liebe
Erinnerungen – Der 22. April 1915: ein
Wendepunkt in der Kriegsgeschichte. Die
Deutschen blasen in Flandern,
Frontabschnitt Bixschote-Langemarck,
gegen englische Stellungen Gas ab. –
Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik
entwickelt sich. – Doch alles in allem:
es bleibt beim Experiment. (Diesmal
noch.) – Und was gewesen ist, ist
gewesen. Keiner denkt mehr daran. –
I
Der Traum, den Max Herse in dieser Nacht träumte, war merkwürdig genug.
Er zerfiel in drei Teile.
Im ersten Teil lag die Erde da, ein blühendes Chaos.
Ströme rissen dahin, Meere wölbten sich vor den Horizont; Sümpfe,
Urwälder, Schlingpflanzen; Feuersäulen stiegen aus den Bergen, Felsen
kollerten tosend herab, Tiere aller Art krochen, hüpften, schlichen in
diesem Labyrinth, der Mensch, mit riesigen Kiefern und krallenbesetzten
Würgfäusten bewehrt, kämpfte um das nackte Leben. Langsam wuchs um ihn
der Menschenraum. Er drängte Schritt für Schritt die Wildnis zurück.
Immer wieder aber überfielen ihn die Naturgewalten, er duckte sich, wie
ein ungeheueres Gewicht lastete über ihm das Unheimliche, das
Unerklärliche. Brust an Brust rang er mit den Ungeheuern, da schwang er
schon das Steinbeil, die Schädel der Bestien sprangen entzwei, aus
tausend Biß- und Kratzwunden troff aber der menschliche Körper und
blutete. Blitze spritzten aus dem Gewölk herab, endlich fand er das
Feuer. Mit Sturmfluten überschüttete das Meer das Land, Felsblöcke und
Waldberge trieb ein Riesenorkan vor sich her, Lawinen brüllten, der
Erdboden spaltete sich, Dämpfe und Gase zischten empor aus Kraterlöchern
und Schlitzen. Hart, stahlhart war der Körper des Menschen, mit langen
Haaren bedeckt, aber schon hatte er sich Waffen und Werkzeuge
geschaffen, er zog aus den Höhlen, deren Wände mit Tierfratzen bedeckt
waren, aus; auf riesige Strecken verteilt sah man den Rauch der ersten
menschlichen Siedlungen. Gemeinsam zog man zur Jagd, gemeinsam wurde der
Boden bestellt, gemeinsam gearbeitet, gemeinsam wurden Früchte und
Jagdbeute verteilt: alles gehörte allen gemeinsam.
Eine Sekunde:
Das Traumbild sprang in ein anderes um.
Tausende von Jahren wohl müssen inzwischen vergangen sein.
Beinahe in geometrische Figuren eingeteilt war die Erde. Berge waren
noch da, auch Wälder, auch Meere, auf denen schwimmende Kolosse
kreuzten, Geleise, mit sausenden Strichen, die Züge darstellten,
durchschnitten kreuz und quer das Land. Stadt an Stadt, alles war
abgegrenzt, eingeteilt. Der Mensch war gewachsen: er streckte seine
Organe aus, eiserne Gelenke; seine Stimme, durch elektrische Wellen
getragen, war vernehmbar zugleich in allen fünf Erdteilen. Er konnte
sich abheben von der Erde, er flog durch die Lüfte ... Riesige Maschinen
stampften unermeßliche Schätze aus der Erde; ein Griff an einem Hebel:
ein wunderbarer Mechanismus setzte sich leise surrend in Bewegung:
millionenfache Muskelarbeit wurde spielend geleistet: aus Wasserkraft
wurde Licht, aus Winden, aus Gasen zog man Triebkraft, die Meerbrandung
wurde auf geniale Weise in Krafterzeugnis umgesetzt, ja die Umdrehung
der Erde selbst wurde bereits von phantasiebegabten Technikern als
Arbeitsertrag in Rechnung gestellt.
Der Mensch hatte die Erde erobert.
Die Naturgewalten waren bezwungen, Götter und Götzen waren gestürzt, das
Unheimliche, das Schicksal, Gott selbst, ward seines Thrones enthoben,
das Zeitalter der Maschine, so hieß es, welch ein Zeugnis von
Menschenkühnheit und Menschengeist!
Und wie nun sahen diese Menschen aus!?
Da marschierte es auch schon heran, Kolonne hinter Kolonne, durch
Straßen, wie mit dem Lineal ausgerichtet, hinweg über Brücken, unter
denen Schnellzüge beinahe lautlos glitten, marschierte schon heran, früh
morgens 5 Uhr, riesigen Fabrikgevierten zu; es waren Millionen, Männer
und Frauen, Scharen von Kindern: mit Ruß bedeckt, Schwielen an den
Händen, ach so dürftig gekleidet, mit ausgeglänzten Augen, schwerfällig,
wie unter einer ungeheuren Riesenlast jeder Schritt. Einarmige und
Einbeinige waren darunter, stumm, lautlos marschierten sie ... Ja, was
war das?
Aber in Pelze und Seide gekleidet wandelten andere auf breiten Straßen,
diese Straßen mündeten wie in Marmorbecken in große runde Plätze, Palast
stand dort an Palast, große goldene Wappen blinkten von den Balkonen,
und hinter seidenen, von kristallischen Lüstern durchhellten Gardinen,
war eine Menschengesellschaft sichtbar, manche in Klubsesseln und
Schaukelstühlen nach dem Takt der Musik sich wiegend, manche auf- und
abpromenierend, alle in Fräcken oder in Uniformen, neben Menschen, die
richtig wie fleischige Schwämme aussahen, aber auch hartgeschnittene
Gesichter darunter, kalt die Augen, völlig mitleidlos ...
Ja, was war das ...?
Und die Armen drängten gegen die Reichen, und die Reichen drückten die
Armen, die Armen aber wurden immer mehr, die Reichen dafür immer
grausamer und unerbittlicher, Land, Maschinen, das alles gehörte den
Reichen, und der Staat dazu, der selbst eine Maschinerie darstellte, aus
Polizeibeamten, Aufsehern, Henkern, Soldaten, Pfaffen, Richtern
bestehend; fabriksmäßig, serienweise wurde Recht gesprochen, rein
mechanisch hingerichtet und verurteilt; empörte sich einer wider diese
Ordnung, wurde ganz sachlich abtaxiert: wie hochprozentig die
revolutionäre Energie zu bemessen sei, und demgemäß wurde mit so und
soviel Jahren Zuchthausstrafe gegen ihn verfahren ...
Dabei riß aber dies Traumbild mitten entzwei, es gab sozusagen einen
gewaltigen Zwischenfall.
Tafeln erschienen mit der Aufschrift: „Burgfrieden“, man sah von
Rednertribünen auf Plätzen von gewaltigem Umfang Menschen auf die Massen
einreden, die nickten alle mit den Köpfen, gewaltig ertönten in allen
fünf Weltteilen die hundert verschiedenen Nationalhymnen.
„Euer Gott ist nicht unser Gott.“
„Der unsere ist der richtige.“
„Wir allein sind das auserwählte Volk.“
„Nein wir“, schrie es sofort von entgegengesetzter Seite.
„Ihr habt uns überfallen.“
„Nein ihr, ihr habt zuerst die Grenzen überschritten.“
Und 70 Millionen Menschen zogen aus und kämpften gegeneinander.
Die Erde war wie eine Mondlandschaft. Von den Millionen und
Abermillionen Granattrichtern war sie ganz pockennarbig.
„Absatzmärkte! Absatzmärkte!“ schrie es wie toll in allen fünf
Weltteilen durcheinander, „wir wissen schon nicht mehr, wie wir
profitabel noch weiter produzieren sollen.“
Dort wurde Getreide in Lokomotiven verheizt, hier verhungerten
Millionen. Hier starben Menschen vor Unterernährung, dort starben welche
an Unmäßigkeit. Der eine fraß, der andere wurde gefressen. Manche, die
auf diese Ungleichheit hinwiesen, kamen sofort, mit Ketten behängt, ins
Gefängnis.
Aber es kam noch schlimmer.
Ganze Hundertschaften von Aeroplanen erhoben sich plötzlich, kein Mensch
war darin, sie wurden ferngelenkt und steuerten mechanisch über das
Meer. Drei schwere Flügelbomben hingen, leicht hin und her pendelnd,
unter jedem. Sicher summten sie ihrem Ziel zu.
Eine Riesenstadt.
Die Fabriksirenen wimmerten.
Die Riesenstadt: ein seltsames Knistern von ineinandervermischten
Menschenstimmen, Eisenbahnpfiffen, Räderrollen und Schrillen an Kurven
sich bildender Tonschleifen: ein gespenstisches Orchestrion.
Das Licht in den Straßen erlöschte.
Ganz plötzlich: man rannte gegen die Finsternis fest, wie gegen eine
Mauer.
In den Verkehrszentren der Stadt fuhren Scheinwerferkolonnen auf,
Menschengruppen, die sich bildeten, wurden auf Anordnung der Regierung
sofort zerstreut.
Menschen schrien laut vor sich her, die Autos fuhren energisch hupend
ganz langsam.
Kein Mensch wußte eigentlich, was los war.
Man munkelte zwar allerlei ...
Es mochte gegen drei Uhr morgens gewesen sein. Menschen saßen auf den
Dächern, Menschen saßen in Kellern. Andere tasten sich noch immer unter
Lebensgefahr in den Straßen herum ... Ein leichter Regen setzte ein,
dann wurde es wieder still. Warm und schön war die Nacht. Einer
behauptete, er hätte das feine Knattern eines Motors in den Lüften
gehört. Alles lauschte angespannt. Schon wurde es ein wenig heller.
Ein leichter elektrischer Ferndruck: und die Flügelbomben stachen
senkrecht hernieder.
Ein feiner Knall.
Nur ein wenig Staub, sonst war nichts sichtbar.
Ein dumpfer Krach.
Wie wenn ein Fels auf eine weiche Polsterung fällt.
Ein zweiter, dritter, vierter ... Noch mehrmals. Jetzt hörten aber alle
ganz deutlich das feine Knattern. Zur gleichen Zeit fielen Schüsse.
Leuchtraketen spritzten hoch. Die Scheinwerfer gruben sich wie ein
Lichtspaten in die Wolkenberge ...
„In die Keller“, schrieen die einen.
„Oben auf den Dächern ist man geschützter“, diskutierten die andern.
Manche blieben auch wie festgenagelt dort, wo sie gerade standen.
Groß und rotstrahlend ging bald darauf die Sonne auf.
Schwere Tanks holperten wie Stahlschildkröten durch die Straßen. Kein
Mensch war zu sehen.
Einer der Tanks schien einen Motordefekt zu haben, die Mannschaft stieg
aus: sie war wie Taucher gekleidet, das Gesicht von einer massiven
Gasschutzmaske bedeckt, schwerfällig humpelten sie um den Wagen herum.
Die Tankkolonne machte einen Augenblick halt.