Der Nachtbetrieb begann. –

V

Peter Friedjung war Werkstudent. Sechs Stunden arbeitete er täglich bei

einem Patentanwalt in der Alten Jakobstraße am Setzkasten. Die

Patentanmeldungen wurden hier auf einer kleinen Handdruckmaschine

abgezogen. Ein seltsamer Betrieb. Hunderte von Patentanmeldungen liefen

täglich ein. Da waren Patentgesuche darunter auf fahrbare Rucksäcke, auf

Hosenträger, die mit einer Hand bedient werden konnten, Klosetts, mit

selbsttätigem Wischapparat, zwanzig Modelle des Perpetuum mobile

täglich, Studierlampen, die zu gleicher Zeit als Kochapparat benützbar

waren, ohne jede Inangriffnahme des Zylinders selbstverständlich,

Patente auf in der Dunkelheit leuchtende Füllfederhalter usw. usw. Gegen

Einsendung eines nicht unbeträchtlichen Vorschusses wurden diese Gesuche

exakt der Reihe nach behandelt und dem Patentamt vorgelegt ... Damit war

aber auch die Angelegenheit dieser Hunderte von kleinen Erfindern

erledigt ... Eine Ausnutzung des Patentes kam natürlich nicht in Frage

...

Bis zum Ruhrabenteuer war Peter deutschnational. Deutschnational bis auf

die Knochen. Er glaubte an Deutschland, als an ein auserwähltes Volk, er

selbst hatte ja bereits gekämpft und gelitten für Deutschlands

Herrlichkeit. Sollen die vier Jahre Krieg für die Katz gewesen sein ...

Sollte es wirklich wahr sein, daß ... Daran konnte er nicht glauben. Das

hing mit Sinn oder Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz zusammen. Daß

Krieg: das Produkt geschäftlicher Konflikte ist, das Kriegsziel nichts

weiter als dem Gegner diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen

aufzuzwingen, die man für sich als notwendig erachtet; daß das

Wesentliche dabei, das Herzblut des Krieges sozusagen: der Beutel, die

Interessen der Kapitalisten sind; daß in Wirklichkeit aber alles kämpft

für die Interessen eines Häufleins von Magnaten des Finanzkapitals, für

ein 300-Männerkollegium; und daß auch das Instrument der Schiedsgerichte

nur dazu dient, den Ausbruch _ungewollter_ Kriege zu verhindern ... Das

alles mochte vielleicht für England, für Amerika, Frankreich stimmen,

für unsere Gegner stimmen, aber für Deutschland!? War nicht für

Deutschland Krieg: Schicksal, elementar wie eine Naturgewalt, Aufbruch

der Jugend, Blutrausch!? ... Gott hat den Krieg gewollt, und ich, Peter,

habe ihn geführt ... Als Kriegsfreiwilliger hatte er den Krieg

mitgemacht. Als Kriegsfreiwilliger im Regiment „List“, mit „Deutschland,

Deutschland über alles“ hatte er gestürmt, dieses Lied auf den Lippen

waren bis auf ihn alle seine Kameraden gefallen ... Und das soll nicht

das Wunderbarste, das Höchste, das Heldenhafteste in der Welt gewesen

sein ...? Die Fahne Schwarzweißrot, die soll nicht die Fahne, die Fahne

unseres Blutes, die Fahne der Ehre der gesamten Nation gewesen sein ...?

Die Fahne, die damals bei Tannenberg, bei Verdun ... Deutschlands

gesamte idealistische Jugend muß sich um sie scharen, damit sie nicht

der rote Sturmgeier zerfetzt ...

Bis er eines Tages, selbst Mitglied einer völkischen Sturmabteilung,

plötzlich erkannte: es ist ein Unterschied zwischen der Phraseologie

einer Sache und dem Inhalt einer Sache. Und daß die nationalen Phraseure

sich im Grunde ihres Herzens keinen Deut um die wahren Interessen der

Nation scheren, sondern: Profitjäger, Hasardeure, Spekulanten,

Großschieber, Hyänen sind, ganz raffinierte, abgefeimte, ausgebrühte

Burschen, die das Blut und das Lebensmark des Volkes aussaugen; die

nationale Phrase aber als Köder benutzen, blindgläubigen, von dem

sozialdemokratischen Regime enttäuschten Kleinbürgern gegenüber; und daß

sie, ja, daß sie die eigentlichen Volksverbrecher, Hochverräter,

Landesverräter sind und die ... ja, die Kommunisten, die revolutionären

Proletarier, die eigentliche Lebens- und Schaffenskraft des deutschen

Volkes: keineswegs! keineswegs! –

* * * * *

Seitdem sympathisierte Peter Friedjung mit der proletarischen Bewegung.

* * * * *

Ereignisse an Ereignissen sich überstürzend, eine gewaltige chaotische

Lawine, so stieg es empor aus dem Zeitungshaufen. Peters Gehirn wurde

mit hineingerissen in einen ungeheuren Weltwirbel.

„Stänkereien und Zänkereien: das war immer mehr der Grundton unserer

Zusammenkünfte. Die Enttäuschung über die Bewegung äußerte sich immer

mehr in persönlichen Verunglimpfungen, Anschuldigungen, Verleumdungen

übelster Art. Nichts und niemand mehr blieb von Witzen und Zotereien

verschont: auch Schlageter begann man bereits nach Strich und Faden

herunterzureißen, viele wollten wissen, daß ... Ein abstraktes, von

patriotischen Phrasen triefendes Gefasel: genüge es, wem es wolle ...

Keiner wollte das endgültig besiegelte Debacle wahrhaben. Ein jeder

drückte sich mehr oder minder feig um die Tatsache herum, daß von einer

Mission der völkischen Bewegung bereits nicht mehr gesprochen werden

konnte ... Und blieben gar einmal die Geldunterstützungen aus, deren

Quelle immer mystischer verhüllt und ungenannt blieb, dann war es schon

gar nicht mehr zum Aushalten. Es war schon so: Abzeichen, Hakenkreuze,

Totenkopffahnen, Armbinden, Wickelgamaschen, Windjacken: damit mußte man

sich darüber hinweghelfen, daß man eigentlich nichts zu sagen hatte. Ja,

gewiß, bei jeder Versammlung, bei jeder Heldengedenkfeier redete man,

aber bitte sehr, nur bildlich gesprochen, aus hohlem Bauch ... Ein jeder

mißtraute dem andern. Rohheiten, Exzesse jeder Art, Unterschlagungen

waren an der Tagesordnung. Da gab es Degenerierte aller Art,

Effeminierte, pathologisch Klatschsüchtige, Hochstapler, Abenteurer,

Dilletanten, Homosexuelle, Päderasten, Sadisten, Masochisten, kurzum,

ein Klub von Deklassierten tat sich in prächtigen Salons auf, die

Politik war nur meist für geschäftliche und erotische Beziehungen die

Maske, und dieser hochpolitische Klub unterhielt durch seine Kuriere und

Mittelsleute eine stete Verbindung mit den übelsten lumpenproletarischen

Kloakenbuden und Obdachlosenasylen. Lumpenproletarier waren es, die man

zuerst durch Versprechungen auf Unterstützung und Anstellung in die

Stahlhelmverbände lockte, dann trieb man die Kleinbürger, heillos

borniert wie sie waren, zu Paaren, sie waren es gewohnt zu gehorchen wie

dem Hund die Schafherden. Die hatten während der Novembertage geradezu

Angst vor ihrer eigenen Freiheit bekommen, waren sie doch dressiert nur

auf Kommando zu parieren. Eine geringe Dosis schwarzweißroter

Gemütssalbe genügte, feste druff, und schon hatte man sie wieder bei der

Stange. Sie waren von den hohen Stellen bestimmt, die Kastanien aus dem

Feuer zu holen. Preußische Disziplin, kerndeutsch, treudeutsch: das

waren so die üblichen Zauberworte, um damit jeden, der sich irgendwie

mißliebig gemacht hatte, ordentlich unter die Fuchtel zu nehmen, und das

besorgten auch ausreichend die jeden Tag sich noch „nationaler“

gebärdenden kleinen Herrschercliquen. Und zwar nach allen Regeln der

Kunst. Zeitweilig wurden Speiseküchen eingerichtet, man wollte künstlich

die Bewegung ins Proletariat hinein verbreitern, auch gab die

Großindustrie in der damaligen Zeit viel Geld: bei all diesen

Wohlfahrtseinrichtungen verschlangen aber über 60 Prozent die

betreffenden Organisationen. Richtige Parasitennester entstanden, die

ungeheuerlichsten und schamlosesten Forderungen wurden für die

geringsten Dienstleistungen gestellt. Die Inflation warf auch noch jeden

Tag neue Postenanwärter in die völkischen Reihen ... Dann gab es eine

Periode: jeder war sein eigener Ludendorff. Man sprach überhaupt nur

noch in Zitaten ... Dann kam _eine_ Zeit, da tauchten Gestalten auf, die

nicht nur für eine Seite spitzelten, sondern mit wahren und falschen

Nachrichten fünf bis sechs Stellen zugleich bedienten ... Mit den

widerlichsten Krankheiten behaftete Kretins taten sich dazwischen breit,

zeterten „Heil“ und schrieen Mordio und Feurio, kolportierten bis zum

Brechreiz die beinahe nur noch pathologisch zu bewertende Phrase vom

rassenreinen Menschentum, vom Sonnen-Arier, trieben Wotankult und

verzückten sich augenverdrehend an einem paradiesischen Traum-Walhall,

indessen fütterten sie sich beträchtlich und rafften mit gierigen

Händen, alles was ihnen unter die Finger kam, zusammen. Dann kam eine

Zeit, Flaute nannte man sie, keiner wurde eigentlich mehr recht froh

seiner begangenen Spitzbübereien und vollbrachten Morde, die

eisenkreuzgeschmückten Bramarbasse wurden bedeutend ruhiger, und man

begeisterte sich plötzlich wieder für eine vernünftige deutschnationale

Realpolitik ... Nur konfessionelle Gegensätze trieb man noch ab und zu

auf die Spitze ... Auch in der Angelegenheit des Erbfeindes kriselte es

schon bedenklich. Der Revancheangriff, großmäulig vorbereitet und umso

schlechter organisiert, wurde plötzlich über Nacht abgeblasen ... Das

wäre also in Umrissen die Geschichte einer politischen Bewegung, vom

Finanzkapital ausgehalten, und von ihm in einem gewissen Zeitabschnitt

als politisches Druckmittel gehandhabt, als ein Instrument der

Erpressung, in einem Zeitabschnitt, da man noch nicht an die Möglichkeit

einer legalen Restauration glaubte. Als Ideologen figurierten durchwegs

Lumpenbourgeois, internationale Desperados, abgetakelte Offiziere; die

Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten, Angestellte,

Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproletarier, Kleinbürger. Mag sein,

daß sich auch mancher persönlich lautere Charakter und idealistisch

Gesinnte dorthin verirrt hatte. Diese aber haben sich bald voll Ekel

abgewandt ... Ueberhaupt, es dauerte nicht mehr lange: die ganze

Bewegung erstickte vollends im Schlamm der Korruption, verschmorte in

ihrem eigenen Fett. Nur hie und da ein Nebbich-Sektenbildner rumorte

noch wo herum als Diskussionsredner in einer Versammlung. In hellen

Scharen war man zu den Deutschnationalen übergelaufen, andere zogen sich

schmollend aus dem politischen Leben zurück ... Drei Monate in solch

einer Bewegung verbracht: da heißt es gründlich mit sich abrechnen, das

Fazit ziehen und dann: für die Zukunft daraus lernen. Nur Narren und

Phantasten binden sich weiter die Scheuklappe um, erhitzen sich selbst

künstlich bis auf 40 Grad Fieber und sind eben unempfindlich gegen jede

Art von kalter Dusche. Daß Deutschlands Aufstieg allerdings

gleichbedeutend ist mit der restlosen Ausrottung dieser Banditen und

ihrer Geldgeber, daß die Niederkämpfung dieser Bewegung vielmehr die

Grundvoraussetzung der wirklichen Gesundung Deutschlands ist: das wurde

mir im Verlauf jener drei Monate, die ich in dieser Gesellschaft verlebt

hatte, eindringlich klar. Die Antisemiten pumpten wacker beim Juden und

ein Jude wiederum schrieb zum Dank dafür für die Völkischen das

antisemitische Exerzierreglement!“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 45 / 229 题