„Was, Drecklump, Kapital ... haben Sie mich genannt. Mein Herr, ich
bitte Sie das sofort zu berichtigen ...“
Und die Drehtüre schob beide ins Freie.
Das Café-Innere war wie ein Aquarium. Tropisch-warm; die Bewegungen der
Caféhausbesucher waren, als sei die Luft eine zähe, kleberige
Flüssigkeit.
Schönes Buchstabengift. Schönes Papiergift.
Sie sahen nur selten mal auf. Die Augen waren in dem Papierwinkel, den
sie an einem Holzgriff steif vor sich herhielten, festgesogen.
Gehirne fraßen. Gehirne verdauten.
„Grand-Hotel, Honolulu.“ „Isa, die Serbenfürstin.“ „Raubmord.“
„Lustmord.“ „Spanische Flugzeuge bombardieren die Rifkabylen mit
Gasbomben.“ „Neue Schreckenstaten des Kommunisten-Gesindels.“ „Tscheka.“
„Parade der Stahlhelmer ...“
Die Zeitungsblätter bewegten sich. Legen sich um. Es knistert. Ein
geheimnisvoller Wind weht. Ein neues Pack mit Ereignissen. Mit einem
Blick hüpft da ein Auge über eine ganze Seite hinweg. Ein neuer Teil,
mit Schicksalen, Erlebnissen, amüsanten Neuigkeiten nur so vollgepfropft
...
Nun sind die Hände der Leser in eine Papierfläche eingekrallt wie
Tatzen.
„... von den Fräcken der Herren ist nur zu sagen, daß sie ausnahmlos up
to date und im besten englischen Stil waren; nicht ein Millimeter der
weißen Weste war unterhalb des Frackrandes sichtbar ... Die Toiletten
der Damen im Stilkleid weiß Gourdeille mit Pelz Suhmann, den man seiner
großen Seltenheit wegen noch wenig sieht ... Lisa Benedict aber hatte
ihren prachtvollen Rubens in dunkellila Chadourne gehüllt, benäht mit
marokkanischen Pailetten aus vielfarbiger Mica ... Ein zart
aquarelliertes Kleid hellgelbe Merveille-Saturé. In schwarzem Craou,
besetzt mit Jorkin, ein Fell, das wie goldgepudert aussieht ... Es war
einem ganz indianisch zumute ...“
„Schwerarbeiter!“ knurrte lautlos der Bettler, der zwischen den Tischen
herumstrich. Von dem Geschäftsführer und einem Kellner arretiert,
verläßt er wieder das Lokal.
Weiter arbeiten sich durch den Papierschlamm hindurch die Zeitungsleser.
Vulkane brechen auf, Länder werden überschwemmt. Kolonialvölker
rebellieren, Massenselbstmorde, Maschinenhinrichtungen, Hungersnöte.
Lächelnd thront dabei das Büfettfräulein über dieser Flut
rauchverwolkter Häupter, aus deren Gehirnwindungen jetzt bei der Lektüre
abessinische Residenzen erstehen, Petroleumquellen aufknattern,
Bohrtürme durch Kalifornien wandern, mit breitwulstigen Epauletten die
Achseln bestickt hochwamstige Negergeneräle vor dem amerikanischen
Präsidenten paradieren ...
Das Gesäß des Lesers drückt sich fest im Stuhl.
Ein fleischerner Riesenpudding ...
Merkwürdige Dinge werden im letzten Teil des Blattes über den großen
Ozean gemeldet. Was davon wohl auf Wahrheit beruht!?
„Sir William Pope, in der Präsidentschaftsrede in der Chemical Society
am 27. März 1919: Die englische Methode zur Herstellung giftiger Gase
sei dreißigmal so wirksam, wie die von Deutschland, während die Kosten
in Deutschland dreißigmal so groß seien wie die in England. Bei
Kriegsende hätte die Entente täglich eben soviel herstellen können wie
die Zentralmächte monatlich. Anmerkung der Redaktion: Was man besonders
dem bekannten Führer der zionistischen Bewegung, Herrn Prof. Waitzmann
verdanke, dem kühnen Organisator des chemischen Krieges auf
ententistischer Seite.“
Wie auf einem scheu gewordenen Gaul galoppiert unser sehr verehrter
Leser weiter. Schüttelt sich. Nun geht es wieder in gewohntem Tempo. Die
Sprünge, die schließlich diese mörderisch gottverfluchte Zeit macht,
zwingen auch den unsichersten Kumpan am Ende noch fest in den Sattel ...
Neue Entdeckungen! Ein neues Geheimnis! Und wieder von jenseits des
Ozeans, aus dem Wunderland!
„Ein Todesregen! – Ein neues Gift, so tödlich, daß drei Tropfen auf der
menschlichen Haut genügen, um den Tod herbeizuführen, ist die neueste
Erfindung des chemischen Kriegsdienstes der amerikanischen Armee. Man
führt Fachleute an, die aussagen, daß, wenn man die Flüssigkeit aus
Röhrchen an der unteren Fläche eines Flugzeuges ausstieße, sie alles,
was sich im Wege dieser Maschine befindet, töten würde. Ein Flugzeug,
fügt man hinzu, könne zwei Tonnen der Flüssigkeit über eine sieben
Meilen lange und hundert Fuß breite Gegend verteilen und dies würde
genügen, um jedermann in dieser Gegend zu töten. Die Flüssigkeit kann
leicht hergestellt werden und eine Ausbeute von einigen tausend Tonnen
täglich könnte angeblich schnell erreicht werden ...“
Hat man noch Zeit, über das alles nachzudenken!? Bleibt einem da nicht
die Luft weg!? Staune vor nichts, sagt sich der Spießer oftmals selbst
vor und richtet energisch und stolz sich dabei auf im Steigbügel. „Alles
ist möglich ... Alles schon dagewesen ... Nichts unter der Sonne ist neu
...“
So ist doch z. B. bekannt das sogenannte griechische Feuer im vierten
Jahrhundert vor Christi, aus Harz, Petroleum, Schwefel und ungelöschtem
Kalk bestehend, und das später, im zwölften Jahrhundert, häufig von den
Sarazenen gegen die Kreuzfahrer zur Anwendung gebracht wurde ...? Und
dann erst das Mittelalter! Eine reiche Ausbeute für unsere
geschichtliche Exkursion! Lesen wir da nicht in dem berühmten
„Kompendium der Sekrete“ des Arztes und Naturforschers Leonhard
Floravanti von Bononia um 1600 von einem Oel, destilliert aus Terpentin,
Schwefel, Asa foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das dermaßen
stinkt, daß kein Mensch in der Festung, in die es geworfen wird, mittels
Schleudermaschinen, versteht sich, es darin aushalten kann ...
Also, alles schon dagewesen ... Was zu beweisen war.
„Prosit Neujahr!“ entfuhr es aber da dennoch einem kleinen
Bankangestellten, als er das las, „schöne Aussichten, das kann ja noch
recht gemütlich werden ... Heiter, immer heiterer, in der Tat! Aber man
muß schon mit den Wölfen heulen ...“
Und er versucht gleich ein Gespräch über dieses Thema mit dem Studenten
anzuknüpfen, der noch mit an dem Tisch saß.
Der wehrte aber energisch ab.
„Ja, warum denn nicht ... Glauben Sie vielleicht noch an den
Abrüstungsschwindel!? ...“
„Sie entschuldigen schon ... Das war doch nicht so ernst gemeint ...“
Unablässig drehten sich indeß die Drehtüren.
Zwei Bekannte prallten dort unerwarteter Weise im Gang aufeinander.
„Du hier, ach Emil, wer hätte das gedacht ... ja, wie lange schon ...?
Und immer wohlauf ... Und das Geschäft ...“ Und schon zogen sie sich
gegenseitig an einem Tischchen nieder und wie eine Litanei wurde die
ganze Skala der Bekannten und Geschäftsfreunde abgeklappert.
Die Schnurrbartspitzen des Portiers leuchteten wie zwei rötliche
Stichflammen.
Der eine oder der andere stolzierte in dem Caféraum auf und ab, wie in
einer Wandelhalle. Der Zeitungsmann flitzte geschäftig.