III

Ein Kino vorn:

Mit einem Plakat: ein Schiff, das im Eismeer versinkt, ein Auto, das

vollbesetzt auf einer mexikanischen Alpenstraße in den Abgrund saust,

eine Großaufnahme von einem blonden Mädchenkopf, „Lia Mara“ oder die

„Gefesselte Schönheit“ genannt, bengalisch überstrahlt von himbeerroten

Lichtern –

Und hinten über zwei Höfe hinweg war das Versammlungslokal.

„Neue Frankfurter Festsäle“ nannte es sich.

Es mochten gegen zweitausend Menschen anwesend sein.

Der Bühnenhintergrund war sichtbar, gemalte Kulissen, eine

Seelandschaft, dahinter im Sonnenuntergang leuchtende Bergspitzen,

ziegelrot. Auf knallgrüner Leinwandalm weideten braunlackierte Kühe,

auch die schöne Sennerin fehlte nicht, in samtschwarz gestrichenem

Mieder, die Lippen wie ein Kügelchen so rund.

Blauweiße Fahnengirlanden waren kreuz und quer gespannt.

* * * * *

Als Max eintrat, sprach der Redner schon.

Es hatte auch schon einige Zwischenrufe gesetzt, Kollegen informierten

Max gleich darüber, aber der Saalschutz funktionierte diesmal gut, und

man hatte die Störenfriede gleich in vereinfachtem Verfahren an die Luft

befördert.

Auch Max nickte mit dem Kopf:

„Eine bodenlose Frechheit, unsere Versammlungen zu stören ...

Radaubrüder ...“

Und er war stolz auf seinen Saalschutz.

„Es ist gut so ... Mögen die sich wo anders austoben ...“

Und auch aus ordentlich gekleideten Kerls bestand der Saalschutz. Gut

ausgerüstet: blaue Mütze, Wickelgamaschen, Windjacke. Bewaffnet mit

stählernen federnden Totschlägern und Gummiknüppeln. –

* * * * *

Man mußte also über die bevorstehenden Reichstagswahlen mit sich ins

Klare kommen.

Der Redner ließ es sich dabei nicht nehmen, der Reaktion, worunter er

vor allem die Deutschnationalen verstand, einiges ordentlich

auszuwischen, ging dann von der innerpolitischen Lage zur

außenpolitischen über und erörterte sachlich und wirkungsvoll die

wichtigsten Probleme. Es gelang ihm dabei, überzeugend darzutun, daß

unter den nun einmal gegebenen politischen Verhältnissen dem deutschen

Volke, das, schlecht geführt, den Krieg verloren hat, nichts anderes

übrig bleibt, als das Sachverständigengutachten anzunehmen, das – im

Vergleich zu den Verpflichtungen, die vor dem Deutschland aus dem

Versailler Vertrag erwuchsen, – wesentliche Erleichterungen biete, die

Räumung des Ruhrgebiets und damit die Befreiung einiger Millionen

Deutscher von der französischen Fremdherrschaft bringe, der Industrie

die lebenswichtigen, nicht unerheblichen Kredite vermittle, der

zerrütteten deutschen Wirtschaft wieder aufhelfe – man denke nur an die

passive Handelsbilanz! – und damit auch zugleich dem Proletariat

Verdienstmöglichkeiten und Arbeit verschaffe. Ueber die Lastenverteilung

aber entscheide der Reichstag, und es komme nun darauf an, möglichst

stark dort einzuziehen, um die Gewichtsverteilung der Lasten zugunsten

der werktätigen Bevölkerung auf die Schultern der besitzenden Klasse

abzuwälzen.

„Ja, aber meine Herrschaften!“ rief der Referent aus, als sich aus einer

Saalecke heraus wieder Widerspruch bemerkbar machte – „wir leben eben

nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht,

so gern ich auch möchte, sie von heute auf morgen wegpusten. So heißt es

also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufinden und sich so

häuslich wie irgend nur möglich in dieser Gesellschaft einzurichten ...

Gedulden Sie sich, warten Sie ab, bitte, alles zu seiner Zeit ...“

Dies alles schien sonnenklar.

„Solange die Arbeiterschaft noch nicht einmal unter sich selbst einig

ist ... Da kann man ja jeden xbeliebigen Betrieb als Beweis dafür

hernehmen ...“

Und auch das, was der Redner nur so nebenbei bemerkte, daß man es sich

schon was kosten lassen solle, um die Hohenzollern außer Land zu halten:

„wir werden uns schon in dieser Frage nicht lumpen lassen – – –“

Auch das war Maxens Standpunkt.

„So haben eben nun doch die Herrschaften der Entente einsehen gelernt,

daß man auf dem Weltmarkt ohne den deutschen Arbeiter, ohne den

begabten, gründlichen, gewissenhaften deutschen Arbeiter nicht auskommt.

Deutschland: Industriewerkstatt der Welt! Das ist der Inhalt, das wahre

Wesen dieses von uns angenommenen Gutachtens! Stellt euch vor, Arbeiter,

wie nun langsam aber sicher von Monat zu Monat euere Lage sich bessert,

euer Lebensniveau sich heben wird ... In einem solchen Moment sollen den

Mut wir sinken lassen ...! Nach all den Jahren, in denen ein schlimmer

Unstern über Deutschland, über euch Proleten im besonderen, waltete!?

Nein, dreimal nein! Nimmermehr! Mit vollem Recht können heute wir wieder

ausrufen: am deutschen Wesen, am Wesen des deutschen Arbeiters im

besonderen wird wieder die Welt genesen ... Schaut frohen Mutes drum in

die Zukunft!“

„Ja, ja. So, so ist es.“

Viele nickten mit den Köpfen.

„Reaktion oder Revolution!? Schwarzweißrot oder schwarzrotgold!?

Entscheidet euch?! Monarchie oder Republik!? Gebt euere Stimmen,

Proleten, der Republik, schafft mit an dem Erlösungswerk der werktätigen

Massen. Die Revolution, die Befreiungsaktion des Proletariats

marschiert, wenn auch langsam ... Auf zur Wahl! Schließt die Reihen

dicht! ... Beziehen wir unsere alten revolutionären Kampfpositionen!

Hinein in die Wahlschlacht ... Die Sozialdemokratische Partei

Deutschlands, sie lebe –“

„Hoch! Hoch! Hoch!“

Der Saal schmetterte.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 41 / 229 题