Arbeiterviertel:
Uebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den Häuserfronten
heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte seinen besonderen Geruch. Das
Nebeldickicht schlug sich durch Mauerritzen in das Innere der Häuser
hinein. Winkelig und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den
Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf. Ueberall troff
es. In einem steilen Zickzack kletterten knarrend die Treppen empor.
Gaslicht gespensterte.
Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer über die Straße.
Frauen standen, aus zahnlosen Mündern wispernd, in Gruppen herum. Festen
Schritts kamen einige Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in
den Hosentaschen. Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den
Futtersack vor.
Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig gewordene
Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube. Mit spärlichen Möbelresten
waren sie dürftig ausgeflickt.
Menschenwerk sind diese Häuser.
Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder die Menschen
um.
Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen lebendigen Leidenskern
gestülpt.
Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind freiwillig Gefangene,
bekommt man zur Antwort. Sie beaufsichtigen sich selbst. Sie haben sich
ihrem Schicksal ergeben. Lieben sie wirklich ihre Verdammnis ...?
Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden!
Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen sind sie
überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele Morde, Verzweiflungsmorde
sind schon in ihren Gängen geschehen. Sie bergen in sich ein Maß von
Not, das übermenschlich ist. Seht diese Häuser an! Kaum daß sie sich
noch auf ihren Füßen halten können! Die Fundamente sind längst
unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht hier auf Abbruch. Sie
sind wirklich schlecht genährt. Gemüsereste, Kartoffeln, Brennsuppen,
Heringe. Immer ist es derselbe Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um
zu sehen, der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Grabhäuser, und
die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie Lumpen an einem
Skelett ...
Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er heißt vielleicht
heute noch Krätzig und wohnt im Ostseevillenörtchen Heringsdorf. Aber
die Häuser, zweihundert Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie
wandern herum zwischen Tschechoslowakei und Amerika: nur die Verwalter
bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu Kündigungen
und Hinausschmisse ... Denn auch das todwunde Häuserrevier ist immer
noch ein lohnendes Spekulationsobjekt. –
Hier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen Kampf um die
Wohnung. Hier ist ein rumpfgroßes Loch in der Wand. Es müßte vermörtelt
werden. Man muß die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin:
denn die Decke tropft. Es müßte geteert werden. Hier sind ganze
Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unternimmt man vergebens
Feldzug um Feldzug gegen das Ungeziefer. Hier wächst der Schmutz von
selbst. Mit zusammengebissenen Zähnen versucht man zu retten, was noch
zu retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühelos
das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein, die
Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend ihr Banner auf ...
Und schon ist wie immer Arbeitslosigkeit, Hunger, Skrophulose da ...
Eine höllische Armee, zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen
Notdurft und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle ... Der
Generalangriff beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalungen,
Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben. Da gibts keinen
Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos ...
Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen wollen, bis zu den
Knöcheln in einem fauligen Tümpel ...
Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des Gesetzes, infolge
Gesetzeskraft und laut Paragraph so und soviel – erbarmungslos vollzieht
sich hier eine ganz viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit ...
Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar grenzenlos über dieses
Massenelend gespannt. –