II

Arbeiterviertel:

Uebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den Häuserfronten

heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte seinen besonderen Geruch. Das

Nebeldickicht schlug sich durch Mauerritzen in das Innere der Häuser

hinein. Winkelig und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den

Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf. Ueberall troff

es. In einem steilen Zickzack kletterten knarrend die Treppen empor.

Gaslicht gespensterte.

Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer über die Straße.

Frauen standen, aus zahnlosen Mündern wispernd, in Gruppen herum. Festen

Schritts kamen einige Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in

den Hosentaschen. Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den

Futtersack vor.

Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig gewordene

Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube. Mit spärlichen Möbelresten

waren sie dürftig ausgeflickt.

Menschenwerk sind diese Häuser.

Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder die Menschen

um.

Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen lebendigen Leidenskern

gestülpt.

Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind freiwillig Gefangene,

bekommt man zur Antwort. Sie beaufsichtigen sich selbst. Sie haben sich

ihrem Schicksal ergeben. Lieben sie wirklich ihre Verdammnis ...?

Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden!

Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen sind sie

überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele Morde, Verzweiflungsmorde

sind schon in ihren Gängen geschehen. Sie bergen in sich ein Maß von

Not, das übermenschlich ist. Seht diese Häuser an! Kaum daß sie sich

noch auf ihren Füßen halten können! Die Fundamente sind längst

unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht hier auf Abbruch. Sie

sind wirklich schlecht genährt. Gemüsereste, Kartoffeln, Brennsuppen,

Heringe. Immer ist es derselbe Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um

zu sehen, der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Grabhäuser, und

die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie Lumpen an einem

Skelett ...

Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er heißt vielleicht

heute noch Krätzig und wohnt im Ostseevillenörtchen Heringsdorf. Aber

die Häuser, zweihundert Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie

wandern herum zwischen Tschechoslowakei und Amerika: nur die Verwalter

bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu Kündigungen

und Hinausschmisse ... Denn auch das todwunde Häuserrevier ist immer

noch ein lohnendes Spekulationsobjekt. –

Hier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen Kampf um die

Wohnung. Hier ist ein rumpfgroßes Loch in der Wand. Es müßte vermörtelt

werden. Man muß die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin:

denn die Decke tropft. Es müßte geteert werden. Hier sind ganze

Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unternimmt man vergebens

Feldzug um Feldzug gegen das Ungeziefer. Hier wächst der Schmutz von

selbst. Mit zusammengebissenen Zähnen versucht man zu retten, was noch

zu retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühelos

das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein, die

Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend ihr Banner auf ...

Und schon ist wie immer Arbeitslosigkeit, Hunger, Skrophulose da ...

Eine höllische Armee, zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen

Notdurft und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle ... Der

Generalangriff beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalungen,

Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben. Da gibts keinen

Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos ...

Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen wollen, bis zu den

Knöcheln in einem fauligen Tümpel ...

Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des Gesetzes, infolge

Gesetzeskraft und laut Paragraph so und soviel – erbarmungslos vollzieht

sich hier eine ganz viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit ...

Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar grenzenlos über dieses

Massenelend gespannt. –

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 40 / 229 题