3. Kapitel.

„Friede auf Erden“ –

Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht

eine sozialdemokratische Wahlversammlung.

– Die Befriedung der Welt ist da. Der

Weltfrieden scheint gesichert.

Deutschland: die Industriewerkstatt der

Welt! – Zeitungsleser im Café.

Unheimliche Nachrichten. – Einiges vom

Studenten Peter Friedjung. Max Herse und

seine Kollegen auf dem Heimweg. –

Klebekolonnen bei der Arbeit. –

Schlafende Menschen. – „Friede auf

Erden.“

I

Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tausende Lichtpunkte

flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten grün, weiß, rot. Die Menschen

gingen sehr schnell. In Trupps schoben sie sich über die Plätze ...

Ein Lichtband fließt oben vorüber ...

Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf die hintere Plattform

einer Elektrischen.

Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften.

Der lautete:

„Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetzlichen

Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichstag. Wo wird

das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertragsgesetz, die

Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet? Im Reichstag. Wo wird

die Verteilung der Lasten gesetzlich geregelt, die der Dawesplan uns

gebracht hat!? Im Reichstag ...“

„Also doch!“ dachte Max.

„Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man wenigstens wieder

rechnen ... Man braucht ja heutzutage, mehr denn je, schon wirklich

gewaltig viel Geld ... Sich zu Tode schuften. Aber das Resultat ist dann

wenigstens doch ein stabiler Hundelohn ...“

Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern.

„Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die Fettaugen ...“

Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den Stahlhelm. Sie

kamen von einem Truppenübungsplatz.

Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier:

„50000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen. Tadellos. Ein

jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen.“

Gesprächsfetzen schwirrten:

„Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände bekommen haben! ...

Ja, wissen Sie, die Inflationszeit. Die steckt mir immer noch wie die

Grippe in den Gliedern.“

„Ich, Herr Kulicke, hab’ es immer schon gesagt – und was die vielen

Parteien anbetrifft – eine Linke, eine Rechte, eine Mitte: das genügt

vollauf, dann hat jeder was ...“

„Lassen Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat, sage ich Ihnen, mit

den Regierungen! Lassen Sie die neue ein wenig liegen und schon wieder

wird sie abgeholt ... Sie werden sehen, der starke Mann ist’s, der uns

fehlt ... So ein Bismarck ...“

„Also wird’s doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die Arme greift ...“

Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich jemand, der eine

duftige Zigarre rauchte:

„Na, was macht’s ... Viele Unfälle, was ... Ja, das deutsche Volk muß

eben erst wieder arbeiten lernen! ...“

„Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu nicht genug, um

einmal in der Woche sich ordentlich satt zu essen ... außerdem vier

Jahre schließlich im Krieg gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie

unsereins ... Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist ...

Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten ... Und wie das alles

heruntergekommen ist ... Die Bremsen, die Sicherungsanlagen ... aber

dazu ist ja eben kein Geld nicht da ...“

* * * * *

Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmassen an die

Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es war ein gewaltiger

Kreislauf, ein schwingender Wirbel. Unter der Erde, auf der Erde, hoch

in der Luft. Eingepfercht in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen

schossen Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röhren,

stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer ... Rufe splitterten,

Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich die Autobusse um die

Kurven ... Jeder wehrte sich gegen den andern ... Wie das Meer kennt

auch die Großstadt Flut und Ebbe. Brandung und Springflut ... Erst tief

in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten Menschenwellen

...

* * * * *

Max war mit dem Gewerkschaftsaufruf fertig.

„Gott der Allmächtige!“ stöhnt in sich hinein ein Kriegskrüppel. Er trug

die Soldatenmütze mit schwarzweißroter und schwarzweißer Kokarde, das

Eiserne Kreuz, eine Hakenkreuznadel, einen Totenkopf, und handelte mit

patriotischen Ansichtspostkarten.

Er stolperte mit einem Prothesenbein.

Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm.

„Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein“ orgelte ein Leierkasten.

Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines Straßenhändlers.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 38 / 229 题