„Friede auf Erden“ –
Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht
eine sozialdemokratische Wahlversammlung.
– Die Befriedung der Welt ist da. Der
Weltfrieden scheint gesichert.
Deutschland: die Industriewerkstatt der
Welt! – Zeitungsleser im Café.
Unheimliche Nachrichten. – Einiges vom
Studenten Peter Friedjung. Max Herse und
seine Kollegen auf dem Heimweg. –
Klebekolonnen bei der Arbeit. –
Schlafende Menschen. – „Friede auf
Erden.“
I
Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tausende Lichtpunkte
flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten grün, weiß, rot. Die Menschen
gingen sehr schnell. In Trupps schoben sie sich über die Plätze ...
Ein Lichtband fließt oben vorüber ...
Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf die hintere Plattform
einer Elektrischen.
Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften.
Der lautete:
„Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetzlichen
Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichstag. Wo wird
das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertragsgesetz, die
Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet? Im Reichstag. Wo wird
die Verteilung der Lasten gesetzlich geregelt, die der Dawesplan uns
gebracht hat!? Im Reichstag ...“
„Also doch!“ dachte Max.
„Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man wenigstens wieder
rechnen ... Man braucht ja heutzutage, mehr denn je, schon wirklich
gewaltig viel Geld ... Sich zu Tode schuften. Aber das Resultat ist dann
wenigstens doch ein stabiler Hundelohn ...“
Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern.
„Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die Fettaugen ...“
Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den Stahlhelm. Sie
kamen von einem Truppenübungsplatz.
Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier:
„50000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen. Tadellos. Ein
jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen.“
Gesprächsfetzen schwirrten:
„Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände bekommen haben! ...
Ja, wissen Sie, die Inflationszeit. Die steckt mir immer noch wie die
Grippe in den Gliedern.“
„Ich, Herr Kulicke, hab’ es immer schon gesagt – und was die vielen
Parteien anbetrifft – eine Linke, eine Rechte, eine Mitte: das genügt
vollauf, dann hat jeder was ...“
„Lassen Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat, sage ich Ihnen, mit
den Regierungen! Lassen Sie die neue ein wenig liegen und schon wieder
wird sie abgeholt ... Sie werden sehen, der starke Mann ist’s, der uns
fehlt ... So ein Bismarck ...“
„Also wird’s doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die Arme greift ...“
Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich jemand, der eine
duftige Zigarre rauchte:
„Na, was macht’s ... Viele Unfälle, was ... Ja, das deutsche Volk muß
eben erst wieder arbeiten lernen! ...“
„Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu nicht genug, um
einmal in der Woche sich ordentlich satt zu essen ... außerdem vier
Jahre schließlich im Krieg gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie
unsereins ... Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist ...
Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten ... Und wie das alles
heruntergekommen ist ... Die Bremsen, die Sicherungsanlagen ... aber
dazu ist ja eben kein Geld nicht da ...“
* * * * *
Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmassen an die
Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es war ein gewaltiger
Kreislauf, ein schwingender Wirbel. Unter der Erde, auf der Erde, hoch
in der Luft. Eingepfercht in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen
schossen Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röhren,
stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer ... Rufe splitterten,
Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich die Autobusse um die
Kurven ... Jeder wehrte sich gegen den andern ... Wie das Meer kennt
auch die Großstadt Flut und Ebbe. Brandung und Springflut ... Erst tief
in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten Menschenwellen
...
* * * * *
Max war mit dem Gewerkschaftsaufruf fertig.
„Gott der Allmächtige!“ stöhnt in sich hinein ein Kriegskrüppel. Er trug
die Soldatenmütze mit schwarzweißroter und schwarzweißer Kokarde, das
Eiserne Kreuz, eine Hakenkreuznadel, einen Totenkopf, und handelte mit
patriotischen Ansichtspostkarten.
Er stolperte mit einem Prothesenbein.
Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm.
„Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein“ orgelte ein Leierkasten.
Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines Straßenhändlers.