Und die lebendige Menschenmauer stößt sich in die Gitter des Zechentores
hinein. –
* * * * *
Bälge.
Hautfetzen.
Von Armen und Beinen abgequetschte Rümpfe.
Verkohlte Menschenköpfe, wie kugelähnliche Versteinerungen:
So lag es schon, ein wirres Durcheinander, auf den Höfen herum.
Die Lebenden stürzten sich mit einem schrillen Aufschrei auf diese
Toten. Rissen, zerrten an ihnen herum. Wem gehörte dieses Haarbüschel?!
Dieser Arm mit den Tätowierungen!? Dieser Ring mit dem Finger da!? Wer
ist das mit dieser Narbe am Hals da?! ...
Fackeln waren jetzt angebrannt.
Ein Haufen von Menschen: nach allen Seiten hin wendete man der Reihe
nach so einen Menschenbrocken.
Und wie Baggermaschinen arbeiteten die Förderkörbe: neue Weinkrämpfe,
neue Herzschmerzen, neue unermeßliche Leiden, neue unselige Gewißheiten,
immer neue Tote, Leichenfetzen und Leichenbrocken schöpften sie aus der
Tiefe herauf. –
* * * * *
Eine Stunde später: und die Nachricht von der Grubenkatastrophe
verbreitet sich, dreihundert Kilometer von der Unglücksstätte entfernt,
in der Hauptstadt.
„Wie kam es zur Entzündung!?“
„Durch eine Lampe!? Durch einen Schuß!?“
„Ist der Sicherheitssprengstoff, der verwendet wird, auch wirklich ganz
sicher!?“
„Hat der Schießmeister nicht einen Fehler begangen!? Und wie steht es
mit der Ausbildung der Bergleute überhaupt!?“
„Funktionierten die Kohlensperren?! Und wenn nicht, was ist die tiefere
Ursache?!“
„Ueber zwei bis drei Tote im Ruhrbergbau täglich, oft über 700 Verletzte
monatlich ... Muß das so sein!?“
„Nein, nein, nein ... Das verstehen Sie so nicht recht, Herr, um was es
sich bei solchen Unglücksfällen eigentlich handelt ... Das ist
Schicksal. Alles ist bestimmt in Gottes unerforschlichem Rat ... Wie der
Weltkrieg ein Gericht Gottes ist, um die Uebervölkerung zu beseitigen,
so ist ein Grubenunglück eine Vorsehung Gottes, um den Kapitalismus zu
vernichten. Gott nimmt den Proletarierfamilien den Ernährer, damit der
Kapitalist Frauen und Kinder unterstützen muß. Dadurch zeigt Gott den
Kapitalisten, daß er ihnen nicht gut gesinnt ist ...“
V
Es war gegen zwölf Uhr nachts.
Die Arbeiterviertel horchten auf.
Ein kurzer Ruck auch dort. Eine Sekunde lang zögerte auch dort in jeder
Brust der Herzschlag. Bis in die Fingerspitzen hinein floß die Nachricht
als eiskalte Blutwelle. Lähmend.
Auch Max Herse sprang noch einmal aus dem Bett hoch und zog sich an, als
der Kollege von nebenan, ein Straßenbahner, der eben vom Dienst heimkam,
bei ihm anklopfte.
„Du, Max, hast schon gehört!?“
„?“
„Bis jetzt über einhundertundzwanzig Tote ...“
„?“
„Schlagwetterexplosion. Grubenkatastrophe ... Natürlich, sicher genau
wie bei uns bei der Straßenbahn. Ueberall fehlt’s, zu nichts ist Geld
da, die Schachtanlagen waren sicherlich mangelhaft ... Ist doch
heutzutag die Arbeitskraft eines Proleten billiger, als neue technische
Anlagen kosten. Das rentiert sich ja heutzutag nicht ... Und das, das
muß man sich merken, das sind doch noch obendrein die Herrschaften, die
höchst ehrenwerten Herrschaften, sage ich, die Millionen, viele
Millionen Ruhrkredite verschlungen haben. Unersättlich sind die. Der
Krieg, die Revolution: nichts kann sie genug satt kriegen ... Wenn wir
Proleten ihnen nicht endlich das Maul stopfen ...“
Und der Straßenbahnerkollege schlug auch schon mit der Faust auf den
Tisch.
„Wann, frage ich mich, Herrgottsdonnerwetter, werden wir endlich soweit
sein, einig, einig, einig ... Darauf, nur darauf kommt’s noch an ...
Wir, wir, wir Proleten, verfluchte Proleten, die wir sind ...“
Max Herse mußte dem zustimmen.
Dann sprachen die Beiden noch lange.
Woher und warum dieser Zwist in der Arbeiterschaft!? Daß die einzelnen
Berufsverbände zu wenig, viel zu wenig zusammenarbeiten, ja oft sogar
gegeneinander arbeiten. Daß z. B. Arbeitslose und Arbeitende schon recht
oft hart aneinander geraten sind. Daß der eine im Produktionsapparat
eben den, der andere den Platz einnimmt. Daher auch die verschiedenen
Interessen, die unterschiedliche Denkart ... die Konflikte. Daß die
meisten unter ihnen eben leider immer noch nicht weiter zu sehen
vermögen als bis zu ihrer eigenen Nasenspitze ... Ganz dumm, ganz eng
gedacht ist das ... Wie das ganze System rücksichtslos korrumpiert ...
Daß sie neidisch sind, Lohndrückereien usw. ... Wegen der kleinsten
Differenzen oft gleich übereinander herfallen, wie Kampfhähne, zum
Gaudium der „Dritten“ ... daß sie allesamt viel zu wenig die
Gesamtinteressen der Arbeiterschaft im Auge behalten. Daß sie endlich
auch kampfmüde geworden sind und immer noch natürlich viel, viel zu
wenig opferbereit ... Wie der Beruf sich auswirkt: daß einer, der acht
Stunden und mehr noch hinter sich hat, halt eben einfach nicht mehr die
Kraft hat, die Konzentrationsfähigkeit, nicht mehr genügend
aufnahmefähig ist, halt ein ausgepumpter und beinahe zu nichts mehr
brauchbarer Mensch ist ... Da, da bleibt aber auch schon gar kein
Ueberschuß an Menschenkraft mehr, im Gegenteil, jeder Tag bringt an
Menschenkraft ein Defizit. Man muß sich schon verteufelt ernst
ranhalten, um sich auch nur einigermaßen wieder herzustellen ... Und daß
das alles eben daran liegt, daß –
Na, daß die Arbeiterschaft eben heute beinahe schon nichts mehr zu sagen
hat –
Daß sie alle Machtpositionen, die sie einstmals innegehabt hat, sich hat
entwinden lassen –