»Ich bin gekommen, daß du dich nicht ängstigst«, sagt die Alte. »Er
wird nicht sterben. Ich habe die Probe gemacht: die Diele im Treßhof
gibt keinen Laut!«
* * * * *
Am Morgen, als sich zwischen das Graugewölk im Osten fahle gelbe
Lichtstreifen wie die Brände verschwelender Fackel schoben, hatte der
Sturm sich ausgetobt. Wie ein mißhandeltes und verstoßenes Weib lag
die Erde da: Wege verweht, Bäume verwüstet, Menschenwerk zerstört. Ein
feiner Regen sprühte hernieder und hing sich wie Tränengeriesel an
die geknickten Zweige der Sträucher. Es war ein leises Weinen in der
geschändeten Natur.
Güldenfey ging, sobald es ihr an der Zeit schien, den Weg gegen die
Schwedenschanze zu. Oses tröstliche Verheißung war gut, aber Malte
schien von großer Unruhe hin und her geworfen zu werden.
Im trüben Licht des Morgens schien ihr die Straße verändert; sie fand
sich nicht zurecht, und eine Sorge schreckte sie, daß sie wieder
vergebens den Weg hinter der Frau her suchen müsse.
Doch dort drüben das Haus, das mußte es sein. Als sie eintrat,
erinnerte sie das stürmische Läuten der Türglocke, daß sie gefunden
habe, was sie suchte. Jede ängstliche Besorgnis war von ihr gewichen,
als sie an die Stubentür pochte. Sie kannte die Stimme, die von innen
zum Eintritt aufforderte.
Frau Jobst stand zum Ausgang gerüstet in der Stube und sah verwundert
dem frühen Gast entgegen. Sie erkannte Güldenfey nicht; als diese ihren
Namen nannte, hob sie erschreckt die Hand.
»Ja, ich bin Güldenfey Treß. Sie sagten damals, ich dürfe erst wieder
zu Ihnen kommen, wenn wir auf gleicher Stufe ständen, weil arm und
reich nebeneinander sich nicht schicke. Nun trete ich als eine Arme bei
Ihnen ein. Haben Sie es schon gehört? Wir haben alles verloren.«
Die Augen der Frau weiteten sich. Es war keine frohlockende Genugtuung,
es war Entsetzen, was sie ausdrückten. »Mein Gott!« sagte sie. »Ist es
wahr?«
»Ja, es ist wahr. Und nun dürfen Sie auch nicht fürchten, daß ich Sie
mit etwas, das ich bringe, beschämen will; nein, ich möchte von Ihnen
holen. An Ihren Edelmut wende ich mich.«
Frau Jobst blickte Güldenfey an wie eine, die aus schweren Träumen
erwacht; ihre Finger tasteten unsicher an den Säumen ihrer Jacke
entlang. »Ist es wahr?« stammelte sie. »Es gibt eine Gerechtigkeit? O
Gott, mir ist jetzt bange vor ihr.«
»Es gibt eine Gerechtigkeit,« sagte Güldenfey; »sie ist nur höher und
größer als die unsre. Doch warum erschreckt Sie das? Arm sein ist keine
Strafe, und die geistlich Armen sind selig, weil sie die Empfänglichen
sind.«
»Bitte, setzen Sie sich doch«, stammelte die Frau.
Aber kaum hatte sich Güldenfey auf den nächsten Brettstuhl
niedergelassen, als durch den Leib der Frau ein Schüttern ging, wie
wenn sich der Wind auf eine einsame Weide wirft. Ganz ihrer seelischen
Erschütterung überlassen, warf sich Frau Jobst vor Güldenfey in die
Knie und barg ihr überströmendes Gesicht in des Mädchens Schoß. Aus
ihrem Schluchzen drangen verwirrte Worte. »Vergeben Sie mir, vergeben
Sie mir! Ich habe es verschuldet. Mein Haß hat so lange böse Wünsche
ausgeschickt auf das Treßhaus, bis sie zur Tat wurden und das Unheil
herbeizogen. Aber Sie hat es nicht treffen sollen, Sie nicht. Und nun
...«
Es war unmöglich, gegen diese wilde Verzweiflung anzureden. Güldenfey
strich beruhigend über das verunehrte Gesicht.
»Damals, im Hause am Markt, sagten Sie mir: ›Fluchen Sie nicht,
denn jeder Fluch fällt auf den zurück, der ihn ausschickt.‹ Das hat
mich ergriffen. Aber als mein Mann so elend starb, da hab' ich es
doch getan, nicht einmal, sondern hundertmal. Und als Sie mich hier
im Frühjahr fanden, schickte ich Sie fort, weil ich mich vor Ihnen
schämte. Nun müssen Sie mir sagen, daß alles sich erfüllt hat, und auf
mich fällt es zurück, und mich zerschmettert es.«
In dem Bett im Winkel richtete sich ein Kinderkopf auf, und eine
schlaftrunkene Stimme sagte: »Mutter!«
»Das Kind!« raunte Güldenfey.
»Sie soll es wissen, was danach kommt«, schluchzte die Frau.
»Sie sollen sich nicht so erregen lassen«, sagte Güldenfey heiter, und
ihre Hand strich sänftigend über das rauhe Haar. »Meinen Sie denn, Ihre
Wünsche, die aus einem verbitterten Herzen kamen, hätten etwas über
unser Schicksal vermocht, wenn dieses Schicksal nicht zu unserm Besten
gedient hätte? Und wenn Sie schon sich schuldig fühlen wollen, so biete
ich die Gelegenheit, daß Sie Böse in Gut wandeln können.« Ruhig begann
sie zu erzählen, von Maltes Not und Zusammenbruch, von seinem Verlangen
nach beruhigender Vergebung.
Das Weinen der Frau wurde leiser, wie eine Klage über ihr zerstörtes
Leben und ihr zerronnenes Selbst klang es. Was bedeutet alles Regen
des zügellosen Blutes und das Aufbegehren eines entschränkten Willens,
wenn beide dem Zeitlichen entwuchsen und nur auf Zeitliches zielten!
»Und was kann ich dem Kranken bestellen?« fragte Güldenfey endlich.
»Sagen Sie ihm, was Sie gesehen haben«, antwortete die Frau. »Unser
Wollen ist nichts als ein Wollenmüssen. Ich bitte, daß er mir vergebe.«
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Güldenfey saß an Maltes Bett, strich über seine erblaßte Stirn und goß
Balsam in seine Unruhe. Sie jubelte innerlich, als sie bemerkte, wie
die Ruhe seine wunde Seele sättigte. »Nun quält es dich nicht mehr?«
fragte sie.
Er wandte ihr dankbar sein Gesicht zu und machte eine Bewegung, die
sie als Zustimmung deuten konnte. Seine Blicke glitten von ihr fort,
hefteten sich auf einen Punkt, füllten sich mit kinderhaftem Staunen,
und ihre Starre löste sich in einem freudigen Glanz.
Was ist ihm nur? dachte Güldenfey und wandte sich um, daß sie erkenne,
was ihn fesselte. Da sah sie, daß Frauke in der Tür stand.
»Ja, ich bin es«, sagte Frauke. »Es hat mich nicht in Hamburg gelitten,
ich bin gleich wieder zurückgefahren. Was du mir sagtest, Güldenfey ...
oder besser, daß du mir nichts sagtest, das ließ mir keine Ruhe.«
Sie trat schnell auf das Lager zu und beugte sich darüber, stutzte aber
erschreckt, als sie Maltes entstelltes Gesicht sah.
»Das?« fragte sie.
Güldenfey nickte bedeutsam.
Da hatte Frauke Poppelmann sich schon gefaßt. »Sei ganz ruhig, Malte«,
sagte sie. »Ich weiß jetzt, daß ich zu dir gehöre.«
Ihre Stimme war verändert, weich, wie durch ein großes Geschehen
geklärt und gesänftigt.
Eine gelähmte Hand tastete sich mühsam auf die dargebotene Frauenhand
zu.
Und es war eine wundersame Stille um alle.