Güldenfey sah Marfa überrascht an. Welcher jubelnde Ton trug plötzlich
ihre Stimme! »Und das gab dir der Stein, unser Stein?« fragte sie.
»Seit ich ihn trug, bin ich ruhig geworden, und in der Ruhe ging mir
auf, was mir Trost gab. War es ein Traum, war es ein Gesicht? Ich
weiß es nicht. Aber ich stand drüben am Teich und sah auf das dunkle
Gewölk, das den Himmel bedeckte und ahnungschwer über der Erde lag. Mit
einem Male tat es sich auf wie ein großes Tor, und ein langer Zug von
Erntewagen, die hoch mit Garben beladen waren, fuhr heraus. Jeden der
Wagen lenkte ein Soldat, der eine Wunde trug, und kleine Wägelchen voll
Frucht kamen, die wurden von kleinen blassen Kindern geführt. Der Zug
wuchs und dehnte sich unabsehbar, und der Wagen waren so viele, daß es
nicht zu sagen ist.«
»Und dann?« fragte Güldenfey.
»Sie fuhren alle bis zu einem Platz; dort begannen sie ihre Garben
abzuwerfen. Eins half dem andern, und sie schichteten einen
Ernteschober so hoch, daß ich noch jetzt nicht weiß, wie es möglich
war, daß meine Augen eine solche Höhe absehen konnten. Und dann, ja,
dann begannen die Körner zu rinnen, ohne daß eine Hand den Dreschflegel
rührte, und sie rannen wie ein weizengelber Strom. Und allmählich ward
der Fluß weiß, und ich erkannte, daß das Korn sich in Mehl gewandelt
hatte. Ganz am Ende aber regten sich Hände, die formten daraus Brot,
wundervolles edles Brot, Güldenfey, wie wir es heute nicht mehr
genießen. Und andre Arme waren da, die reichten das Brot der Erde. Dort
aber strömten die Darbenden zuhauf und empfingen die kostbare Labe und
aßen und wurden satt und froh.«
Es war ganz still in dem Zimmer, als Marfa schwieg. Die Hände der
beiden Frauen lagen ineinander. Nach einer Weile näherte Marfa ihr
Gesicht Güldenfeys Ohr. »Mein kleines Kind hab' ich auch gesehen«,
flüsterte sie. »Ich wußte, daß es meins war. Es konnte seine schweren
Garben nicht abwerfen, da half ihm ein Soldat, der eine Herzwunde
trug.« --
Von diesem Tage an war Marfa heiter. Sie ging mit Güldenfey in die
Stadt und hatte Teilnahme für alles, was ihr begegnete. Frauke zeigte
erstaunte Augen, als Marfa sie in dem Hause am Markt besuchte.
* * * * *
Es war Tauwetter eingetreten. Ose stand am Fenster und sah besorgt auf
die Teiche, wo, unbekümmert um die Risse im Eise, die Jugend fortfuhr,
auf Schlittschuhen zu laufen.
»Sie treiben es wieder so lange, bis sich der Teufel sein Opfer geholt
hat«, sagte sie.
»Nicht doch, Ose!« bat Marfa.
»Ich treibe keinen Spott mit so ernsten Dingen, Frau Doktor«, sagte die
Alte und wandte sich um. »Sie kennen das nicht, aber das ist gewiß,
er muß jedes Jahr sein Opfer haben.« Als sie Marfas ungläubige Miene
erblickte, begann sie zu erzählen. »Vor vielen hundert Jahren hat
der Böse in St. Niklas rumort. Da haben ihn die Priester mit ihren
Weihwedeln in den Teich gebannt. Aber bevor er untertauchte, hat er
gedroht, sich jährlich einen Menschen herabzuziehen, und das hat er
treulich gehalten. Jetzt haben wir schon Mariä Lichtmeß, das ist die
schlimmste Zeit.«
Güldenfey holte Marfa ab, die über einem Brief an ihre Tante Honterus
saß.
»Ich werde ihn später beenden«, sagte sie und erhob sich.
Der Rauhreif hatte Büsche und Bäume geziert, fern über Heilisoe ballte
sich Gewölk, das Schnee verhieß.
»Ich begleite dich heute auf deiner Suche«, sagte Marfa. »Wir müssen
uns wieder einmal nach Frau Jobst umtun.«
»Ach, Marfa, das ist nichts, was dir Freude macht«, entgegnete
Güldenfey. »Diese Gassen in der Sachsenstadt! Und wir finden sie doch
nicht. Du glaubst nicht, wie verzagt ich bin.«
Aber Marfa sprach ihr so freundlich zu, daß Güldenfey wieder Mut faßte,
und sie suchten Häuser auf, in denen Güldenfey noch nicht gewesen war.
Es war vergeblich. Überall die gleiche nichtssagende Auskunft, das
gleiche stumme Verneinen.
»Sie wohnt wohl gar nicht mehr in der Stadt«, klagte Güldenfey. »Aber
auf den Ämtern wissen sie auch nichts.«
»Nun, du wirst sie finden«, tröstete Marfa. »Laß uns jetzt noch zu
Engelke gehen.«
Auf dem Heimweg erzählte Marfa, was Ose ihr von dem Opfer, das der
Teich jährlich fordere, mitgeteilt hatte.
Güldenfey, die jetzt, da sie Marfa froh sah, so gern lachte, wurde
ernst. »Die Gefahr, die den Leichtfertigen von den Teichen droht, muß
schon lange bestehen, sonst wäre jene Sage nicht entstanden«, sagte
sie. »Wirklich verunglücken hier jährlich Menschen.«
Sie schritten durch die Anlagen, die den Stadtteich umgaben. Ein
Sicherheitwachmann ging, die Hände auf den Rücken gelegt, in gemessenem
Schritt vor ihnen her. Als sie den Mann erreichten, blieb dieser
plötzlich stehen und spähte scharf auf den Teich hinaus. »Also da haben
wir das Unglück«, sagte er laut.
»Welches Unglück?« fragte Güldenfey, gleichfalls stehenbleibend.
»Ein Junge ist eingebrochen«, sagte er ärgerlich. »Da sind nun ein
Dutzend Warnungtafeln ausgehängt, und trotzdem müssen sie auf das
brüchige Eis gehen. Schadet ihnen gar nicht.«
Auf dem Eise liefen die Leute zusammen und umstanden die Stelle, von
der aus jetzt klägliche Hilferufe ertönten; keiner aber wagte sich dem
Spalt zu nähern, in den der Verunglückte geglitten war. Man sah ihn,
wie er sich an den Rand des Eises klammerte.
»Helfen Sie doch«, bat Güldenfey dringlich.
Der Mann blickte sie strafend an und schüttelte den Kopf. »Das ist
nicht meine Aufgabe«, sagte er. »Überdies, helfen kann da keiner.«
War denn unter dem Beamtenrock keine menschliche Regung mehr?
Güldenfeys Gesicht rötete der Zorn. »Es ist ein Mensch in Not, und Sie
können fragen, ob es Ihres Amtes ist, ihm zu helfen? Schämen Sie sich!«
Der Mann sah an sich nieder. Es war nicht Scham; er erwog wohl, ob er
seine Uniform der Möglichkeit, naß zu werden, aussetzen könne. Aber er
verharrte in seiner Untätigkeit.
Als Güldenfey sich von ihm abwandte, sah sie Marfa nicht mehr an ihrer
Seite; sie war die Uferböschung hinabgestiegen und lief jetzt über das
Eis der Unfallstelle zu. Güldenfey folgte ihr, sie rief ihren Namen,
doch Marfa hörte nicht. Immer eiliger strebte sie fort. Himmel, sie
würde doch nicht ...!
Da Güldenfey in den Kreis der Gaffer trat, sah sie Marfas Hut und
Mantel auf dem Eise liegen, sie selbst schob sich kriechend dem Knaben
zu, dessen erstarrte Hände den Kopf mühsam über Wasser hielten.
»Halt aus, ich komme!«
Die umherstehenden Menschen rührten sich nicht. Aber plötzlich schrien
sie auf und wichen erschreckt zurück. Das Eis war geborsten und die
Retterin in das Wasser gestürzt. Der Knabe war verschwunden.
Jetzt vollzog sich alles blitzgleich. Marfa tauchte wieder auf, sie
hatte den Knaben im Arm, sie stieß sich auf das Eis zu. Aber sie hatte
sich und das Kind zu halten. Wie lange sollte das währen? In Güldenfeys
Herz preßte sich alles Blut zusammen.
»Marfa!« rief sie. »O Marfa!«
Sollte dies das Ende sein? Noch nicht. Es vollzog sich jetzt für
Güldenfey alles wie hinter Schleiern. Ein Brett, ein beherzter Mann,
ein Arm streckte sich. Das Eis hielt, gottlob, es hielt. Der Knabe
erschien. Wie lange es währte! Jetzt wurde auch Marfa heraufgezogen.
Man legte sie dahin, wo das Eis fest war, und deckte den Mantel über
sie. Zwei Augenblicke lag sie wie bewußtlos, nur schwer keuchend, dann
sprang sie auf und schüttelte das Wasser von sich. »Der Knabe!« sagte
sie. Sie ergriff ihn, hob ihn in ihren Arm, und in triefendem Haar und
schleppendem Kleid trug sie ihn an das Ufer. Güldenfey ging an ihrer
Seite. Nach Hause, dachte sie, nur schnell nach Hause! Doch Marfa
schien die Kälte der durchnäßten Kleider nicht zu spüren.
Am Ufer stand der Wachmann, sein Schreibbuch in der Hand haltend. In
seiner Dienstanweisung war wohl gefordert, daß er den Vorfall mit den
Namen der Beteiligten zu verzeichnen habe. Der Zuschauer wollte sich
plötzlich im Mittelpunkt wichtig fühlen.
»Gehen Sie!« sagte Güldenfey. War es das Wort, war es ihr Blick -- der
Mann trat bestürzt zurück und steckte sein Buch ungenützt ein.
Endlich, endlich lag Marfa in den Kissen. Ose lief mit Wärmbecken und
Teetassen ab und zu, und Güldenfey rieb und bürstete unaufhörlich
das feuchte Haar. Draußen läutete es: Blumen wurden hereingebracht,
Grüße gesagt. Im Vorzimmer stand Malte und wartete auf den Bescheid,
ob er Harro benachrichtigen solle. Nein? Güldenfey würde ihm gleich
schreiben? Gut; es war ja alles glücklich abgelaufen. Weshalb Harro
beunruhigen?
»Sieh, Liebste«, sagte Güldenfey und wies ihr einen prunkenden Strauß.
»Von Olrogges.«
Marfas Hand glitt zärtlich über die Blumen. »Komm nahe«, bat sie, und
da sich Güldenfey zu ihr neigte: »Was meinst du, werde ich jetzt wohl
auch einen Erntewagen fahren dürfen?«
»Einen großen und sehr vollen,« erwiderte Güldenfey; »doch dein Korn
ist ja noch lange nicht reif.«
»Glaubst du nicht?« fragte Marfa. Und nun ging ihre fast übermütige
Heiterkeit, die sie seit ihrer Tat gezeigt, in ein sinnendes Schweigen
ein. --
Sie wunderten sich, daß Marfa am nächsten Tage nicht aufstehen mochte.
Es hatte begonnen zu schneien; sie lag, ohne zu sprechen, und sah in
die langsam niedersinkenden Flocken. Am Abend brannte ihr Leib im
Fieber. Der Arzt kam und ging. Der folgende Tag brachte die Gewißheit,
daß die entzündete Brust nicht mehr genug Lebenskraft hergeben konnte.
Frauke kam und stand mit weiten Augen auf der Schwelle. So sah es also
aus, das Sterben! Als Marfa ihr winkte, kam sie zögernd näher und
setzte sich neben dem Krankenlager nieder.
»Ihr waret alle so freundlich zu mir«, sagte Marfa leise. »Jeder
wollte mir helfen, jeder mir Gutes tun. Wieviel Unleidliches habt ihr
liebevoll übersehen! Ich danke euch.«
Frauke nickte und wußte nichts zu entgegnen. Wann wäre sie wohl so
freundlich gewesen, daß es eines Dankes wert war! Sie hatte Marfa
eine beobachtende Teilnahme geschenkt; sie wollte erkennen, wie sich
die Fremde, die wie sie aus ganz andrer Lebenszone in diese Familie
gekommen, mit ihrem Los abfinden werde. Das Ergebnis war für Frauke
tröstlich gewesen: auch Marfa war vereinsamt geblieben. Das freilich
hatte Frauke in ihrer Gleichstellung vergessen, daß die andre eine
Wunde trug, von der sie, die vom Glück Verwöhnte, nichts wußte, und daß
jene nach anderm verlangte als sie.
Frauke sprach einige Worte, wie man sie zu Kranken spricht: es werde
bald besser werden. Marfa lächelte geheimnisvoll.
Als Frauke gegangen war, setzte sich Güldenfey wieder zu der Kranken.
Langsam, leise fiel der Schnee.
»Wir haben Harro gerufen, liebstes Herz, er wird bald hier sein.«
Marfa lächelte wieder. Wie kam ihr nur dieses seltsame Lächeln? Warum
fragte sie nicht einmal nach dem Mann, ohne den sie bisher nicht einen
Tag leben zu können vermeinte? »Ich warte jetzt mein letztes Warten«,
flüsterte sie. »Aber ... Pastor Thomasius ...«
Telge trat bekümmert zu Frau Mellin ein und berichtete, nun sei es
ganz gewiß, daß Frau Doktor sterbe; man habe schon nach dem Pastor
geschickt. Dann ging er in seine Stube und sah trübselig in die
Lampe. Wie lange war es her, daß sie noch so herzlich gelacht, als
er auf Heilisoe gesprungen hatte: Juchhe Panitzenschauh, juchhe
Panitzenschauh! Ach, was war doch das Leben!
Droben im Krankenzimmer war der Tisch für das letzte Mahl gedeckt.
Die Kerzen brannten, und die Ahnung von der Gegenwart des Größten
heiligte den Raum. Thomasius, der das nahe Ende voraussah, blieb bei
der Wartenden. Am Bett kniend, sprach er von Zeit zu Zeit ein Wort des
Unvergänglichen.
Marfa lag ergeben und heiter da. Sie war zu gehen bereit. Die alten
Worte kamen wie Kindergespielen, die ihre Hände faßten. Wie war das
Land ihrer Jugend ihr so nahe gerückt: die runde Kirche mit dem
nüchternen Gestühl, in der sie eingesegnet war; der Weg mit den
Kopfweiden zur Frühlingszeit. Dufteten da nicht Veilchen?
Ein Geistchen, eine der grasgrünen Florfliegen, wie sie in den Zimmern
überwintern, flog herbei und ließ sich auf ihre Hand nieder. »Ei, wie
lieb!« Und wie treu diese Guten sie alle umgaben! Güldenfey, Ose,
Thomasius. Er betete:
»Wann endlich ich soll treten ein
In deines Reiches Freuden ...«
Als er innehielt, winkte Marfa Güldenfey zu sich. »Liebste, deinen
Stein, bitte.«
Und Güldenfey nahm den Amethyst von ihrem Halse und legte ihn auf
Marfas Brust.
* * * * *
Harro trifft nach einer Nacht, die er im Zuge zugebracht, in Berlin ein
und betritt müde seine freudlose Wohnung. Ein ansehnliches Häuflein
Postsendungen erwartet ihn. Die Durchsicht muß warten, bis er
ausgeruht ist. Aber die Depeschen. Er öffnet eine, liest, erschrickt,
öffnet die andern und zuckt zusammen.
In diesem Augenblick schellt es. Er geht selbst und erfährt jetzt, daß
es höchste Zeit ist.
Der Zug steht schon zur Abfahrt bereit, als er den Bahnhof keuchend
erreicht. Wird er genügend Geld bei sich haben? Die Preise schnellen
von Tag zu Tag in die Höhe. Ein Bruchteil fehlt, und der Mann am
Schalter will ihm die Karte nicht aushändigen.
»Bitte, ich muß zu einer Sterbenden.«
Der Mann hinter dem Glas zuckt bedauernd die Schultern. Eine unsagbare
Bitterkeit steigt in Harro auf. Zurück? Dann erreicht er den Zug nicht
mehr. Und wer leiht in dieser Zeit einem Fremden?
»Meine Frau!« stammelt er.
»Ihre Frau?« fragt eine Stimme hinter ihm, und ein Herr erbietet sich,
ihm auszuhelfen. Nie sind Dankesworte inniger gewesen.
Mit schmerzendem Kopfe sitzt er im Zuge und schließt die Augen. O
dieses langsame Kreisen der Räder! O diese sich endlos hinzögernden
Aufenthalte! Er muß sie noch lebend treffen, er muß! Wenn es wahr ist,
daß es eine Fernwirkung der Gedanken gibt, so wird sein Wille das
entrinnende Leben aufhalten können. Oder ist es vielleicht so, daß jene
in übertriebener Ängstlichkeit ihre Nachrichten sandten? Eine Ahnung
sagt ihm, daß er Grund habe, sich zu eilen.
Hätte er doch Marfa erhört und sie mit sich genommen, als sie ihn darum
bat! Dann wäre ihr dies nicht widerfahren. O über diese kleinliche Art,
die wägt, mißt und zählt und dabei das Eigentliche übersieht!
Leise fällt der Schnee. Zu beiden Seiten des Bahndamms wachsen die
Schanzen. Und die Nacht dunkelt. Um alles in der Welt, man wird
doch nicht einschneien! Auf der nächsten Haltestelle ruft Harro den
Zugleiter an. »Werden wir wohl durchkommen?«
Der Mann gibt eine verheißende Zusicherung. Wieder weiter, wieder
die Kreuz-und-Quer-Hetze der Gedanken. Wie sich die Stunden dehnen!
Harro blickt unaufhörlich nach der Uhr. Jetzt ist der trennende
Zwischenraum nur noch zwanzig Kilometer weit, jetzt fünfzehn, jetzt
zwölf. Er erhebt sich und holt den Koffer aus dem Netz. Da steht der
Zug mitten auf freiem Felde, nein, rechts und links wachsen die Wände
eines Hohlweges auf. Die Zugbeamten rennen hin und her, kostbare Zeit
verstreicht. Endlich der Bescheid, daß man unrettbar festgefahren und
ein Aufenthalt von mehreren Stunden unvermeidlich sei.
Äfft ihn das Schicksal auf diese Art? Was nun beginnen? Harro kennt
sich in der Gegend aus. Drüben flimmern Lichter. Ein Gutshof. Er
schultert sein Gepäck und geht querfeldein, versinkt in schneegefüllte
Gräben, wird von Gebüsch zerfegt, gleitet, erhebt sich wieder und kommt
schweißgebadet an sein Ziel.
Als er, das aufwartende Mädchen überholend, in den Familienkreis tritt,
der um die Lampe sitzt, starren ihn alle wie einen Unterweltlichen an.
Sein Aussehen muß erschreckend wirken.
Er erklärt stammelnd dem Hausherrn seine Umstände und bittet um einen
Schlitten.
Aber natürlich. Er ist ja bekannt, Bruder des Kornkaufherrn Treß und
nennenswerter Politiker. Es wird sogleich angespannt. Harro beantwortet
die teilnehmenden Fragen der Hausfrau wie im Traum, schüttet etwas
Heißes herab wie im Traum, läßt sich in Pelze und Decken hüllen, hört
gutmeinende Wünsche hinter sich dreinrufen.
Die Schellen läuten durch die Winternacht, und der Schnee fällt. Die
Pferde haben schwere Arbeit, sie dampfen bald, und der Dunst zieht
wie eine Wolke vor den knirschenden Kufen her. Neben dem Kutschersitz
flackert das Licht einer Laterne. Wie seltsam rot das leuchtet!
Schwebt dort nicht ein Seelchen vor ihm hin? Er müht sich ihm nach und
kann es nicht erreichen, er streckt stöhnend die Hand aus, und immer
wieder entgleitet es ihm. Er bittet: Warte noch ein Weilchen! Doch es
läuft unfaßbar vor ihm her, weiter, immer weiter.