Wilder und tödtlicher wurde das Handgemenge, besonders da, wo Aonui an

Jim O'Flannagans Seite mit wahrem Heldenmuthe focht. Der alte Mann hatte

aber doch die Bibel, die er bis dahin unverdrossen im Arm getragen,

in der Hitze des Gefechts fallen lassen, ohne es in der That gewahr zu

werden, zweimal schon sein Gewehr mit Erfolg auf den Feind abgefeuert,

und eben wieder zum dritten Mal geladen. Jim O'Flannagan, der Ire

kämpfte neben ihm, und wenn auch nicht mit so kecker Todesverachtung

wie der Indianer, vielleicht mit dafür desto günstigerem Erfolg,

denn keineswegs gesonnen sein Leben irgend einer unnöthigen Gefahr

auszusetzen, hielt er sich immer etwas mehr im Rückhalt, jeden Platz

aber dann um so gewandter und auch entschlossener vertheidigend, wo die

Franzosen irgend festen Fuß zu fassen drohten. Er wußte genau für was er

kämpfe, und hatte überhaupt keine Idee gehabt, daß die »Fremden« einen

solchen ernsten Angriff auf das kleine Fort beabsichtigen könnten.

Jetzt aber durfte er den Platz nicht gut mehr verlassen, ohne bei den

Eingeborenen als feige verschrieen zu werden und die einzige Vorsicht

die er nun brauchte, war sein Gesicht so wenig als möglich auf dem Wall

zu zeigen, während er doch selber dann und wann einmal einen Blick nach

unten zu gewinnen suchte, ob er nicht seinen gefährlichsten Feind und

Gegner unter den Stürmenden entdecken und vielleicht unschädlich machen

könne.

Die Matrosen der Jeanne d'Arc waren allerdings bei dem Sturm betheiligt,

denn Einer von ihnen, der sich zu keck den Uebrigen vorausgewagt, lag

von Jims Kugel getroffen todt in dem inneren Wall, der Strohhut war ihm

vom Kopf gefallen und das breite schwarze Band darum trug den vollen

Namen des Schiffes. Vergebens suchte er aber nach jenem Officier, die

Leute der Jeanne d'Arc schienen von Fremden, ihm wenigstens Unbekannten

angeführt zu werden, und zwei von diesen hatte er schon, immer nur sein

Augenmerk auf die eine Schaar gerichtet, den einen gleich auf dem Fleck

erschossen, den andern tödtlich verwundet, daß er fortgetragen werden

mußte.

Pompey auf seiner Seite hatte ebenfalls mit den ihm beigegebenen Leuten,

Wunder der Tapferkeit gethan, und die nackten Burschen warfen sich mit

kaltblütiger Todesverachtung immer auf's Neue dem scharfen Stahl der

Bayonnette entgegen, hier mit Schleuder und Wurfspeer, auf die kürzeste

Entfernung oft in einem förmlichen Kugelregen ihr Opfer suchend und

findend, und dort, unter den drohenden Waffen der Feinde gefallene oder

verwundete Kameraden herausholend, als ob sie sicher im Schatten ihrer

Palmen lägen.

Teraitane hatte den Oberbefehl des Ganzen, aber weder sein Befehl noch

seine Stimme wurde in dem Gewirr von Tönen, dem Schießen und Schreien,

Trompeten und Trommeln gehört, während bald darauf, indeß der Wind sich

nach dem Zenith der Sonne wieder legte, der Pulverdampf wie ein dichter

Schleier auf dem Hügel lag, und ein Feuern von den Schiffen aus ganz

unmöglich machte, indem sie von dort nicht mehr Freund und Feind

unterscheiden konnten. Und selbst im Einzelkampf war dieser Pulverqualm

den Eingeborenen günstig, denn die Franzosen konnten von ihrer

Schießwaffe erst in einer Entfernung Gebrauch machen, wo selbst die

leichten Wurfspeere tödtlich wirkten und die sicher geschleuderten

Steine manches Opfer trafen und zu Boden warfen. Aber auch erbittert

durch den unverhofften Widerstand warfen sich die Matrosen besonders,

immer auf's Neue gegen den Wall, von ihren Officieren unerschrocken

angeführt, einen Eingang zu erzwingen und den Feind in seine Berge zu

treiben.

Bertrand führte übrigens wirklich die Seeleute vom Bord der Jeanne

d'Arc, wenn ihn Jim O'Flannagan auch noch nicht gesehn, und Adolphe

focht mit einer kleinen und schon tüchtig zusammengeschmolzenen Schaar

der Marine-Infanterie an seiner Seite, selber aus mehren Wunden blutend,

aber unbekümmert darum die Seinen immer zu neuen Anstrengungen treibend.

Die Trompeten und Trommeln waren ihnen dabei mehr zum Schaden als Nutzen

gewesen, denn während sie die Leute, die dessen kaum noch bedurften,

mehr anfeuern sollten, verriethen sie den Belagerten immer schon im

Voraus die genaue Stelle wo der nächste Angriff geschehen sollte, und

zogen sie dorthin, den Stürmenden ihre ganze Macht entgegenzuwerfen.

Bertrand sandte deshalb jetzt auf Adolphes Rath seine Trommler sowohl

wie Trompeter, durch die Guiaven und den Nebel gedeckt, am Hang

hinunter, von dort aus, wenn sie das Fort eine kurze Strecke umgangen

hatten, einen Scheinangriff zu blasen, während sie dann zu gleicher Zeit

auf anderer Stelle das Fort suchen wollten zu forciren. Glücklich und

unbemerkt hatten diese auch, von einem jungen Seecadetten geführt, die

eben bezeichnete Stelle erreicht, und wie sie dort zum Angriff bliesen

und den, von den Eingeborenen jetzt nur zu gut gekannten Sturmmarsch

wirbelten, flogen die meisten der Vertheidiger dort hin, dem erwarteten

Angriff zu begegnen.

Teraitanes scharfes Ohr hatte aber gleich vom ersten Augenblick

mistrauisch den etwas zu ungewöhnlich lauten und herausfordernden Tönen

gelauscht, und rasch die Blöße entdeckend, die auf der einen Seite der

Verschanzung gegeben wurde, während auf der anderen noch immer kein

Schuß fiel, sprang er vor und rief Aonui mit seinen Leuten von dort ab,

auf ihrem Posten zu bleiben und ihre Seite des Walles zu vertheidigen.

Er brauchte ihnen aber seine Gründe nicht auseinanderzusetzen, denn in

demselben Augenblick fast hörten sie den raschen regelmäßigen Schritt

einer stürmenden Schaar, die lautlos und drohend heranrückte.

»Wehrt Euch!« rief Teraitane »und Feuer! sobald Ihr sie sehen könnt!«

und unter dem Knall der Musketen warfen sich die von Bertrand und

Adolphe geführten Seeleute dem kleinen schwachen Corps, das diese

Stelle noch besetzt hielt, entgegen, erzwangen den Damm und warfen die

Guiavenbüsche, während ein Theil der Truppe die Eingeborenen mit dem

gefällten Bayonnette zurückhielt, hinter sich hinab, freie Bahn zu

bekommen für sich und die Nachfolger, und drangen dann, während die

hinten Stehenden so rasch als möglich nachpreßten, gerad' hinein in die

ihnen entgegenstarrenden Speere und Bayonnette.

Die Pistolen der Matrosen thaten hier schlimme Wirkung, und trotz dem

daß sich Aonui mit den Seinen in voller Todesverachtung den feindlichen

Kugeln aussetzten, und ihnen jeden Zollbreit Raumes mit scharfer Waffe

streitig machten, faßten die Franzosen schon mehr und mehr festen

Fuß, selbst bis in die Verschanzung selber hinein, wo sie sich

auch vielleicht, waren sie in diesem Augenblick von Außen gehörig

unterstützt, behauptet hätten. Der Nebel, der ihr Eindringen aber

begünstigte, verhinderte auch die Freunde, die errungenen Vortheile zu

sehn, während der gellende Schlachtenschrei Teraitanes die Seinen

zu sich rief, die jetzt in mehren Trupps, dort Gefahr wissend,

herbeistürmten.

Auch Pompey, der sich mit durch den falschen Alarm der Trompeten

und Trommeln hatte täuschen lassen und nach dort zu vergebens einen

Augenblick hinausgehorcht, den anrückenden Feind in dem Nebel erscheinen

zu sehn, hörte jetzt den Schlachtenlärm zu seiner Rechten, und die

ihm nächsten Indianer rasch an sich rufend, sprang er mit ihnen der

bedrohten Stelle zu.

Bertrand kämpfte hier in den vordersten Reihen, mit unerschütterlicher

Kaltblütigkeit die nach ihm gerichteten Stöße parirend und mit scharfer

Klinge sich mehr und mehr Bahn hauend in den Menschenknäul; da fiel sein

Blick plötzlich auf eine bekannte Gestalt -- er sah die Mündung eines

Gewehrs, fast dicht vor sich, auf seinen Kopf gerichtet und behielt

eben noch Zeit mit dem Säbel unter das auf ihn zeigende und gerad'

erreichbare Bayonnett zu schlagen, als auch die Kugel so dicht über

seinem Kopf hinpfiff, daß sie ihm einen Theil der Haut mitnahm!

»Hund!« schrie er in demselben Augenblick und warf sich auf den

erkannten Verbrecher, und während er die nach ihm gestoßene Waffe noch

einmal parirte, führte er mit dem Säbel einen so gut gemeinten Hieb

nach der Stirn des Iren, daß nur eine rasche Wendung von dessen Kopf

dem Streich das tödtliche nahm, während die scharfe Waffe an der Seite

seines Schädels nieder fuhr, den oberen Theil des linken Ohres mit nahm

und auf dem Schlüsselbein abprallte. Zu gleicher Zeit sprang Bertrand zu

und den Iren mit der Linken fassend, wollte er ihn eben zurück und

nach seinen Leuten zu reißen, als Pompey mit der Verstärkung auf dem

Kampfplatz erschien und mit solcher Wucht gegen den Franzosen anprallte,

daß dieser seinen Gefangenen loslassen mußte und alle seine Stärke

und Gewandtheit gebrauchte, sich gegen den neuen riesigen Feind zu

vertheidigen.

Die Soldaten und Matrosen fanden sich aber in diesem Momente auch so

von allen Seiten bedrängt, daß an ein Vordringen weiter gar nicht mehr

gedacht werden konnte, ja Bertrand fast sogar der Rückzug abgeschnitten

wäre, hätte sich nicht Adolphe mit seinen regulären Truppen, die eigene

Gefahr misachtend, hineingeworfen, ihn heraushauen zu helfen, während

von der andern Seite der erste Lieutenant der Jeanne d'Arc ebenfalls

mit einem kleinen Trupp Matrosen einen Scheinangriff machte, die

Aufmerksamkeit der Belagerten von dort in etwas abzulenken und den

Kameraden Luft zu gönnen.

»Hierher meine Jungen«, rief dieser seinen Leuten zu, »hinein mit Euch,

und treibt mir die rothen Schufte da einmal zu Paaren,« und über einen

niedergeschossenen Guiavenstamm springend wollte er eben über einen

kleinen freien Raum der innern Schanze laufen, von seinen Leuten gefolgt

den Kameraden Hülfe zu bringen, als eine pulverrauchgeschwärzte Gestalt

auf ihn zusprang die er in dem von Blut entstellten Zügen kaum wieder

erkannte, und mit heiserer Stimme ihn anschrie:

»Hallo mein Herzchen, bist Du hierhergekommen _uns_ einmal zu besuchen«

und der Bursche richtete dabei, auf kaum zwei Schritt Entfernung ein

weitmündiges Sattelpistol auf den Officier --

»Schurke!« schrie dieser, seinen entsprungenen Matrosen in ihm erkennend

-- »Du meldest Dich gerade zur rechten Zeit,« und zum Hiebe ausholend

wollte er auf ihn einspringen, als Jack, der ruhig seine Zeit erwartet

hatte, ihm das Pistol so nahe vor den Augen abfeuerte, daß der

Pulverblitz seine Augenwimper versengte und die Rehposten mit denen es

geladen war den Unglücklichen mit zerschmettertem Hirn zu Boden warf.

»Vergeltung -- Rache!« jubelte der Matrose und stieß einen gellenden

Freudenschrei aus, der von der anderen Seite des Forts beantwortet

wurde, und von dort her stürmte neue Hülfe. Die Seeleute aber, die sich

nicht weiter unterstützt sahen und dem neuen Anprall nicht hätten die

Stirne bieten können, faßten ihren erschossenen Officier auf, und zogen

sich damit, durch vorgehaltene Bayonnette ihren Rückzug deckend, wieder

die Schanze hinauf und jetzt, den Hörnern folgend die von allen Seiten

den wirklichen Rückzug bliesen, in die Guiaven hinein, dem schon wieder

eröffneten Feuer nicht länger und nutzlos ausgesetzt zu sein.

Es wäre unmöglich den Jubel zu beschreiben, der bei dem Rückzug, ja

der Flucht der Feinde, in der kleinen so tapfer vertheidigten Veste

ausbrach. Im ersten Augenblick konnten sie ihren Sieg noch nicht gleich

übersehen, denn der Nebel lag zu dicht auf der ganzen Kuppe, als aber

jetzt ein Windstoß von der See herüber die duftigen Schleier faßte

und auseinander riß, sie rechts und links in die steilen Schluchten

hineinzudrängen, und der Feind, von dem wilden Anprall der Eingeborenen

zurückgeworfen, nirgend mehr zu sehen war, ja seine Todten und

Verwundeten sogar hatte zurücklassen müssen, da tönte _ein_ gellender,

trotziger Jubelschrei aus den Kehlen der Sieger, und der eigenen

Wunden nicht achtend sprangen und rannten sie, ihre Speere und Waffen

schwingend wild und toll umher.

Während ein Theil aber wieder, rasch um den Missionair gesammelt, zu

einer Dankeshymne die Stimme erhob, dem Herrn der Heerschaaren, der

seine Hand über ihnen gehalten in der schweren Stunde, flogen die

Mädchen und jungen Leute wieder zum kecken ausgelassenen Tanz. Maire vor

Allen, auf den blutgetränkten Boden des einen Walles springend, auf dem

der Kampf am hartnäckigsten gewesen und wo selbst die Guiavenbüsche von

den Stürmenden wie Belagerten zur Seite gerissen waren, freien Spielraum

für ihre Waffen zu haben und Auge in Auge den Gegner zu treffen und zu

bekämpfen, war die tollste; dort stand und sprang jetzt das halbnackte,

bildschöne wilde Mädchen mit blitzenden funkelnden Augen in den

wildesten unanständigen Gebärden ihres Tanzes nach den Schiffen hinüber

spottend und drohend --

»Kommt!« sang oder schrie sie vielmehr dabei, denn die Adern ihrer

Schläfe waren zum Zerspringen angespannt,

Kommt Ihr Feranis her --

Habt Ihr den Muth nicht mehr?

Kommt --

Hei wie Ihr laufen könnt

Hei wie Ihr --

Ein wilder, gar nicht dieser Erde angehörender Schrei endete das kecke

Lied, und die Arme emporwerfend, während von einer benachbarten,

kaum zugänglichen Felskuppe der Donner der Geschütze ganz in der

Nähe herüberschmetterte und die überraschten Eingeborenen erschreckt

aufschauen machte nach dem neuen Gegner -- flog der von einer Kartätsche

zerrissene Körper der jungen Tänzerin -- ein furchtbarer Anblick -- über

den inneren Wall herunter in die Verschanzung.

Einzelne Kugeln schlugen noch außerdem hie und da ein, und zum ersten

Mal erkannten die Belagerten jetzt daß die Feinde, während des Nebels

jedenfalls, eine bessere und höher gelegene Position für ihre Geschütze

eingenommen hatten, und wenn sie auch sich nicht denken konnten wie

die Feranis den fast unzugänglichen schmalen Pfad dort hinauf allein

gefunden haben konnten, ließ sich doch die Thatsache selber, die ihnen

Kugel nach Kugel herüber sandte, nicht verleugnen.

Die Franzosen hatten aber auch in der That den Platz durch Verrath

genommen, und zwar von einem »Capitain Henry«, wie behauptet wird dem

Sohn eines englischen Missionairs, selber geführt, der dem französischen

Commandant zuerst den Angriff auf jenen so vortrefflich befestigten

Punkt ganz abgerathen und jetzt, als der Angriff zurückgeschlagen

worden, den Sieg dadurch auf Seite der Franzosen zu lenken suchte, daß

er ihnen den Pfad zeigte, ihre Geschütze günstiger placiren und damit

zum Theil die innere Verschanzung der Eingeborenen beherrschen

zu können. Durch den Nebel begünstigt, als abgeschickte Boten den

wahrscheinlichen Ausgang des Kampfes gemeldet, wurden die Geschütze

an Ort und Stelle hinaufgeschleppt und die erste Ahnung welche die

Eingeborenen von der gefährlichen Nähe bekommen, war eben die, von dort

herübergefeuerte erste Salve.

»=Damn it!=« schrie Pompey, als er einen mehr zornigen als überraschten

Blick dort hinüber geworfen -- »wir stürmen das Nest da oben, und werfen

ihnen nachher ihre Kugeln auf die Schiffe zurück! wer geht mit?«

Ein wildes jubelndes Geschrei antwortete ihm, und die trotzigen

halbnackten Gestalten griffen ihre Waffen fester und machten sich schon

bereit, nur eben der ersten Andeutung folgend, ihre Leiber todesmuthig

der Gefahr entgegenzuwerfen. Teraitane aber, der das Terrain dort besser

kannte und die Unmöglichkeit einsah, von hier oben die fast steile Wand

zu den Kanonen hinaufzulaufen, während sie noch dazu von der Artillerie

vertheidigt werden konnte, wollte seine Einwilligung nicht geben und

hielt, einen neuen Sturm auf das Fort jetzt, unter dem Schutz jener

Kanonen mit Recht erwartend, die Seinen zurück.

Auf diesen sollten sie auch gar nicht so lange zu warten haben; der

erste Lieutenant der Uranie, der den Oberbefehl über die Stürmenden

führte, konnte von einer kleinen Anhöhe aus den neuen und vortheilhaften

Stand ihrer Geschütze erkennen, und die Hörner riefen seine Leute, die

Ueberraschung des ersten Augenblicks zu benutzen, schnell wieder zum

erneuten Angriff des Forts herbei.

Hier aber fanden sie trotzdem noch immer den alten, hartnäckigen

Widerstand, und eine halbe Stunde mochte der erbitterte Kampf, Fuß an

Fuß von beiden Seiten gedauert haben, wobei den Eingeborenen die höher

stehenden Kanonen der Feinde allerdings wesentlichen Schaden thaten,

als Pompey endlich, nach kurzem Kriegsrath mit Teraitane und Aonui einen

Rückzug in die Berge beschloß, theils von einer anderen Bergspitze

aus die dort stationirte Artillerie im Rücken zu fassen, theils die

Franzosen zu verlocken ihnen in das Dickicht nachzufolgen, und sie dann,

von den Guiaven geschützt zu umzingeln und abzuschneiden, während ihnen

die eignen Kanonen im Dickicht keinen Beistand mehr leisten konnten.

Teraitane war nicht ganz damit einverstanden, denn er fürchtete, daß

sich die Franzosen vielleicht in dem Fort fest setzen möchten, wo sie

dann gezwungen gewesen wären den Platz, den sie jetzt behaupteten,

wieder zu erstürmen, Aonui und die Uebrigen aber, die den Versuch

wenigstens gemacht haben wollten die gegen sie spielenden Kanonen

wegzunehmen oder zu verjagen, überstimmten den Führer, und die Frauen

voranschickend, die einen Moment freier Zeit benutzten über den offenen

Platz zu fliehen, folgten die Krieger jetzt in kleinen einzelnen Trupps

aus dem Fort hinaus bergan, die Verschanzung für den Augenblick den

Feinden vollkommen überlassend.

Unten von den Schiffen aus, und während die Soldaten mit Jubelruf

von dem verlassenen Fort Besitz ergriffen, sahen sie aber kaum die

hellgekleideten Gestalten hinter den Verschanzungen sichtbar werden,

als sie, wo das nur irgend anging, ihre Kugeln darauf richteten, und die

Eingeborenen fanden sich plötzlich in einem eisernen Regen, der rechts

und links Verderben brachte. Furchtbar war die Wirkung der schweren

Kugeln in dem dichten Oberholz der Mapes und Wibäume und einzelne

Cocospalmen splitterten im Stamme von einander, und warfen die gewaltige

schwere Krone rasselnd in die Tiefe, ihre gewichtigen Früchte auf die

Flüchtigen niederhagelnd.

Aber die Franzosen dachten gar nicht daran dem Feind zu folgen, denn

ihre Reihen waren selber furchtbar gelichtet, und nur rasch ihre Todten

zusammentragend und mit etwas Sand und Erde leicht überwerfend, griffen

sie die Verwundeten auf und zogen sich mit ihnen, völlig damit zufrieden

den Feind, wie sie glaubten, aus der Schanze geworfen zu haben, rasch

zurück auf die Schiffe.

Die Artillerie schlug indessen allerdings den tollkühnen Angriff der

Eingeborenen auf ihre, fast uneinnehmbare Stellung zurück, hatte aber

ebenfalls, da sie das Fort geräumt sah, keine weitere Veranlassung dort

oben zu bleiben und folgte, auf dem Rückzug noch von einzelnen Trupps

der durch den Wald zerstreuten Insulaner arg belästigt, der übrigen

Mannschaft nach den Schiffen. Die Verwundeten wurden meist Alle auf

die Fregatte gebracht, und wenige Stunden später lichteten die beiden

Kriegsschiffe, noch auf Alles unverdrossen feuernd was sich am Ufer

nur einigermaßen verdächtig zeigte, die Anker und segelten nach Papetee

zurück.

Capitel 2.

Alte Abrechnungen.

Noch an demselben Abend liefen die Schiffe, die günstige Seebrise

benutzend, wieder in den Hafen ein, wohin sie aber, wenn auch als

Sieger zurückgekehrt, keine freudige Nachricht brachten. Der unerwartet

kräftige Widerstand den sie gefunden, die Tapferkeit der Eingeborenen,

die noch dazu weit besser bewaffnet waren als man vermuthen konnte,

der Verlust vieler braver Soldaten und selbst von vier Officieren, warf

einen düsteren Schatten über den Siegesmarsch, mit dem die Truppen an

der Landung aufmarschirten, und konnte wahrlich nicht durch den langen

Trauerzug der Verwundeten, denen man an Land bessere Pflege zu gewähren

hoffte, gemildert werden.

Selbst die kleine Stadt, von der man nicht einmal aller Eingebornen

sicher war, schien gefährdet, und ausgesandte Spione meldeten auch

allerdings, daß sich kleine Trupps bewaffneter Insulaner ganz in der

Nähe zeigten und recognoscirten; vielleicht gar mit der Absicht einen

Ueberfall zu wagen und die dort aufgespeicherten Vorräthe der Feinde

wegzunehmen, wie auch den Feind aus diesem wichtigsten Anhaltepunkt

-- dem besten Hafen der ganzen Inseln zu verjagen und die Flagge der

Pomaren, deren Bedeutung sie erst jetzt ordentlich anfingen einzusehn,

wieder an ihrer alten Stelle aufzupflanzen.

René hatte noch an demselben Abend Adolphe aufgesucht, den Verlauf des

Tages zu erfahren; er selber war ebenfalls jetzt auf Papetee angewiesen,

denn die Eingeborenen streiften überall in kleinen Trupps um die Stadt

herum und sein Haus war, mit dem wenigen was er noch darin gelassen, von

irgend einer boshaften oder muthwilligen Schaar angezündet worden und

bis auf den Grund niedergebrannt; ein Insulaner der dort nicht weit

entfernt wohnte und seinen Landsleuten, ebenfalls als es mit den Feranis

haltend, bekannt war, hatte, ihren Zorn fürchtend, die Flucht ergriffen

und die Nachricht mit nach Papetee gebracht.

Seine Papiere trug er aber bei sich, und seine wichtigsten Effecten

waren schon glücklicher Weise mit Sadie nach Atiu hinüber gesandt

worden, der Verlust des Uebrigen kränkte ihn deshalb wenig. Er sah

übrigens auch daraus wie die Eingeborenen ihm, jedenfalls seiner

Abstammung wegen, selber gesinnt wären, und sein baldiger Abschied von

Tahiti schmerzte ihn desto weniger.

Die Nacht schlief er mit in dem Bambusschuppen, in dem Adolphe

einquartirt lag, und beschloß am nächsten Morgen, als er hörte daß

Gouverneur Bruat schon weit früher als man erwartet hatte zurückgekehrt

sei, diesem seine Aufwartung zu machen, und die Erlaubniß zur Abreise

einzuholen.

Der Gouverneur hatte allerdings, durch den plötzlich ausgebrochenen

Krieg auf Tahiti, vor der Hand seine Inspektionsreise nach den

Nachbarinseln aufgegeben. Hier mußte vor allen Dingen der Friede

wieder hergestellt, mußten die Eingeborenen unterworfen oder wenigstens

eingeschüchtert sein, ehe er selber wagen durfte sich von dem

Hauptschauplatz zu entfernen.

Bertrand, der übrigens selber mehrfach, wenn auch nur leicht, in dem

gestrigen Kampf verwundet war, übernahm es ihn anzumelden und sein

Gesuch schon gleich von vornherein zu bevorworten. Gouverneur Bruat

empfing ihn auch in der That ungemein freundlich, und seiner Bitte stand

nicht das Mindeste mehr im Weg.

»Es thut mir leid, lieber Delavigne, daß ich Sie das nicht habe schon

vor einigen Tagen, wenigstens vor meiner Abreise wissen lassen, noch

dazu da es Sie in ihren Familienverhältnissen derangirt hat, aber

Sie müssen mich wirklich mit dem tollen Treiben unserer Gegenwart

entschuldigen, das meinen armen Kopf so entsetzlich in Anspruch

genommen. Man möchte jetzt in einem Augenblick überall sein, theils

zu mäßigen, theils zu verhüten, und ich weiß wirklich nicht wem man

im gegenwärtigen Moment mehr auf die Finger zu sehen hat, eben den

Eingeborenen, oder unseren Freunden, den Engländern und Amerikanern.«

»So kann ich also Tahiti verlassen wann ich will, und bin von

dem unwürdigen Verdacht der auf mir, wunderbarer Weise ruhte,

freigesprochen?« frug René.

»Lieber Delavigne, _ich_ habe Sie noch keinen Augenblick in Verdacht

gehabt« lachte der Gouverneur, »und es würde mir nicht eingefallen

sein die Sache auf eine, für Sie so unangenehme Weise hinaus zu dehnen,

hätten wir nicht, allerdings anonym, eine förmliche Anklage gegen Sie

eingeschickt bekommen, die wir schon, um wenigstens spätere Misdeutungen

zu vermeiden, nicht ganz ignoriren durften.«

»Eine Anklage gegen _mich_?« frug René erstaunt.

Monsieur Bruat nickte achselzuckend mit dem Kopf.

»Von einem Landsmann?« frug der junge Mann weiter.

»Wohl schwerlich -- der Brief war englisch, die Hand aber jedenfalls

verstellt und hie und da mit orthographischen -- vielleicht übrigens

absichtlichen Fehlern. Doch dem sei wie ihm wolle« brach er rasch ab,

»die Sache ist vorbei und jeder Form genügt; außer dem haben wir auch

seit einigen Tagen ziemlich gegründete Ursache einen Engländer selber

der That in Verdacht zu halten, der schon eines anderen Verbrechens

angeklagt steht, und gestern auch eben bei den Empörern gesehen ist.

Vielleicht hat auch der den Brief geschrieben.«

»Das glaub' ich schwerlich« sagte René kopfschüttelnd, »den Dienst hat

mir vielleicht ein guter Freund geleistet. Kennen Sie den Namen des

verdächtigen Engländers?«

»Jim O'Flannagan.«

»Aha, ich kenne den Burschen; es ist ein Ire.«

»So? -- möglich, nun von Tahiti fort kann er nicht, und da hoffe ich

denn bald seine nähere Bekanntschaft zu machen. Aber wie wollen

Sie selber jetzt nach Atiu hinüberkommen? haben Sie irgend eine

Gelegenheit?«

»Im Augenblick nicht« entgegnete René, »doch wird sich die schon finden,

die Missionscutter kreuzen ja immer dann und wann einmal herüber und

hinüber.«

Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band · 第 2 / 17 段