Nicht müßig aber beriethen nur die Häuptlinge in Mahaena, so

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Tahiti.

Roman aus der Südsee

von

Friedrich Gerstäcker.

Zweite unveränderte Auflage.

Vierter Band.

Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.

Leipzig,

Hermann Costenoble.

1857.

Inhalt des vierten Bandes.

Seite

Cap. 1. Die Schlacht von Mahaena 1

" 2. Alte Abrechnungen 55

" 3. Das Lager der Insulaner 103

" 4. Die Flucht 142

" 5. Lefévre und Aumama 170

" 6. Der Angriff auf Papetee 218

" 7. René und Susanna 248

" 8. Schluß 302

Capitel 1.

Die Schlacht von Mahaena.

»Joranna!« -- und die Palmen rauschten dazu ihre leise wehmüthige Weise,

und wie grollend, zürnend tönte der dumpfe Donner der Brandung ihm in's

Ohr -- »Joranna!« -- »Und doch ja auch nur für wenige Tage!« rief er

dann plötzlich sich abwendend und mit der Hand die Stirne streichend,

als ob er da alle die trüben traurigen Ideen fortwischen wolle. »Unsinn,

sich das Herz da schwer zu machen mit Sorge und Noth und tollen, trüben

Ideen; wie rasch verfliegt die Stunde, und Wochen schwinden, daß man sie

kaum zählen kann. Nein, nicht muthwillig mag ich mir das Leben schwer

machen, ein tückisches Schicksal quält und neckt uns überdies schon

genug, wirft Wermuth in den süßesten Becher, oder giebt der Frucht

Stacheln nach der unsere Lippe sich sehnt. Fort; in der Stadt vergeß ich

die Grillen und mein Haus mag heute sehen wie es allein fertig wird.«

Und den Hut fest in die Stirn drückend, die Arme über der Brust

zusammengeschlagen und den Kopf gesenkt, ging er mit raschen Schritten

nach der Stadt zurück und betrat, seine Grillen wie er sie nannte,

mit einer Flasche Wein niederzuschwemmen, das erst seit kurzer Zeit

etablirte Haus eines Franzosen, Viktor, ließ sich eine Flasche

Claret geben, und setzte sich, ein paar Gläser rasch hintereinander

hinunterstürzend, den Kopf in die Hand gestützt, allein an einen Tisch,

in die entfernteste Ecke der Stube -- gedankenvoll auf das vor ihm

ausbreitende Meer hinausschauend.

Wohl eine Stunde mochte er so gesessen haben, die Flasche stand geleert

vor ihm, und noch immer starrte er düster vor sich hin, als eine Hand

ihm derb auf die Schulter klopfte und eine fröhliche Stimme seinen Namen

rief:

»René!«

René schaute langsam auf, sprang aber im nächsten Augenblick von seinem

Sitz empor und rief, dem Freund beide Arme entgegenstreckend und ihn

an's Herz drückend:

»Adolphe! mein lieber, lieber Freund, wo kommst Du her? zehntausendmal

willkommen auf Tahiti.«

»Und Dir geht es gut?« frug Adolphe, die ersten herzlichen Begrüßungen

vorüber -- »es gefällt Dir hier, und Du bereust Dein Weglaufen nicht?«

»Bereuen?« lächelte René, »ich habe Alles hier, was das Menschenherz nur

fordern oder verlangen könnte und sollte bereuen? -- Doch« -- unterbrach

er sich plötzlich, den Freund erstaunt betrachtend -- »spielst Du

Maskerade oder ist es jetzt Sitte hier geworden, französische Uniformen

anzulegen? was thut der Wallfischfänger in der Officiersuniform?«

=»Peste!«= lachte Adolphe, »ich hatte das Leben ebenfalls satt, und da

uns gute Kräfte hier fehlen, hielt ich den Zeitpunkt für geeignet, meine

alte Carrière wieder aufzunehmen. Hol der Teufel die Freiheit am Bord

eines Wallfischfängers; durch =Du Petit Thouars= selber, von dem ich die

Ehre habe schon seit frühern Zeiten gekannt -- vielleicht überschätzt

zu sein, sind mir die Epauletten wieder auf die Schultern gedrückt, mit

denen ich seit langer Zeit fertig zu sein glaubte.«

»Und seit wann bist Du hier?« frug René erstaunt.

»Seit drei Tagen etwa; aber wie mir gesagt wurde, wärst Du zurück nach

Atiu gegangen, wo wir Dich damals ließen.«

»Ich habe die Erlaubniß noch nicht erhalten, einer langweiligen

Untersuchung wegen.«

»Ich weiß, ich weiß, wegen einer Französischen Schildwache, man hielt

das aber für abgemacht -- nun desto besser, so hab' ich Dich doch hier

noch getroffen, ich wäre aber später jedenfalls einmal hinübergekommen,

Dich zu besuchen. Mensch ist es möglich -- Du hier verheirathet und

Familienvater? -- nun die Sache klingt gefährlicher, wie sie ist.«

»Ich fühle mich glücklich darin,« sagte René. --

»Und was willst Du jetzt auf Atiu?«

»Dort bleiben.«

»Bah, Unsinn --«

»Unsinn? -- weshalb?«

»Du willst Dich, mit acht und zwanzig Jahren in einem Cocospalmenwald

vergraben und mit der Welt fertig sein? -- Mensch bist Du denn

wahnsinnig oder hast Du die Lektionen am Bord des Delaware noch nicht

vergessen? und ein indianisches Mädchen -- René, René, ich fürchte fast,

Du hast da Dir selber einen recht bösen Streich gespielt, und ich habe

Dir am Ende gar keinen so besonderen Dienst geleistet, als ich die

Bande durchschnitt die Dich hielten. Das Schlimmste gereicht uns oft zum

Glück, und das gerade, was wir armen kurzsichtigen Sterblichen im Anfang

für die Krönung unserer Wünsche halten, ist nicht selten der Beginn von

-- gerade dem Gegentheil.«

»Du kennst Sadie nicht,« lächelte René -- »sie ist nur Indianerin von

Geburt, sonst aber fast ganz in europäischen Sitten und Gebräuchen

auferzogen.«

»Desto schlimmer für sie,« brummte Adolphe kopfschüttelnd. »Ich habe

auch darüber schon Manches munkeln hören. Aber was zum Teufel bleibst Du

da nicht wenigstens in Papetee? -- hier hast Du doch einen Wirkungskreis

für irgend eine Thätigkeit; auf Atiu versauerst Du ja doch, und zehn

Jahre dort, machen Dich untüchtig für irgend einen menschlichen Beruf.«

»Verhältnisse, lieber Adolphe, bestimmen den Menschen,« lächelte der

Freund, wenn auch nicht mehr so ganz unbefangen. »Sadie fühlte sich hier

nicht glücklich zwischen den Europäerinnen und --«

»Aber ich denke sie hat eine ganz europäische Erziehung bekommen -- wie

stimmt das?«

»Ich -- ich selber fühlte auch daß wir dort drüben würden viel freier,

ungehinderter leben können« entgegnete René ausweichend.

»Ungehinderter? das glaub der Teufel,« lachte Adolphe, »wer sollte

Euch dort stören? wenn da nicht einmal zufällig ein vereinzelter

Wallfischfänger anlangte -- aber apropos René -- weißt Du denn, daß

Capitain Lewis Tochter hier auf Tahiti und sogar in Papetee ist?«

René fühlte, daß ihm das Blut in die Schläfe stieg und drehte sich rasch

ab, nach einer frischen Flasche Wein zu rufen.

»Ich weiß es,« sagte er gleichgültig -- »ich habe sie hier auf einem

Ball kennen lernen, sie wohnt jetzt bei Belards; aber Adolphe --«

rief er, rascher sich dem Freund wieder zudrehend, der ihn aufmerksam

betrachtete -- »Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, was Ihr damals

mit dem ehrwürdigen Manne gemacht habt, den Ihr statt meiner an Bord

nahmt. Was sagte er denn, als er wieder zu sich selber kam?«

»Was er sagte?« lachte Adolphe in der Erinnerung an jenen Abend laut

auf, »er war Feuer und Flamme, und wollte augenblicklich an Land gesetzt

sein. Mein Glück übrigens wars, daß er behauptete Einer der Bootsleute

habe ihn zu Boden geschlagen und gebunden und geknebelt, und unser alter

Seehund von Harpunier wußte recht gut, daß ich nicht lange genug oben

gewesen war, das möglicher Weise zu Stande zu bringen, wenn er mir's

auch zutraute, während keiner der Anderen das Boot verlassen haben

wollte, und auch in der That verlassen hatte. So ärgerlich der _Alte_

übrigens auch war, daß wir _Dich_ nicht, trotz aller gemachten Auslagen,

wie des Aufenthalts und bösen Beispiels wegen, wiederbrachten, so sehr

freute er sich doch jedenfalls heimlich, daß es gerade der Schwarzrock

gewesen, der darunter leiden mußte, noch dazu, da er einen Matrosen

verrathen, und wir Alle kamen so, wenigstens für den Augenblick, mit

einem blauen Auge davon. Nichtsdestoweniger hatten sie gegründete

Ursache auf mich den stärksten Verdacht einer Mitwissenschaft zu werfen,

und wenn ich mir auch nicht gerade besonders viel daraus machte, wurde

doch das Leben an Bord für mich dadurch nach und nach so fatal, daß

ich mich zuletzt in Honolulu, als wir von oben wieder herunter kamen,

auszahlen ließ und nicht einmal mit dem Schiff zu Hause ging. Ich bin

übrigens dem geistlichen Herrn eben heute Morgen hier in der Straße

begegnet -- und ob er mich nicht wieder erkannte? Wie er nur einen Blick

auf mich warf, blieb er im ersten Moment überrascht stehen, -- er wußte

wahrscheinlich nicht gleich wo er mich hinthun sollte; als ich aber ein,

vielleicht etwas malitiöses Lächeln doch nicht verbeißen konnte, und

ihm auch wahrscheinlich dabei einfiel bei welcher, für ihn so fatalen

Gelegenheit wir uns zum letzten Mal gesehen, quoll ihm das Blut wie eine

Springfluth in's Gesicht und er ging rasch, und ohne mich weiter eines

Blicks zu würdigen, an mir vorüber, die Straße hinab.«

»Ja, er hat hier seine Mission« sagte René noch in der Erinnerung an

heut Morgen, mit zusammengezogenen Brauen, »mir aber ist er bis heute

ausgewichen wie dem bösen Feind, und wirklich heute Morgen zum ersten

Mal hat er meine Schwelle, in meiner Anwesenheit überschritten, um

Abschied von meiner Frau zu nehmen.«

»Will er fort?«

»Nein, meine Frau hab' ich hinüber nach Atiu, mit einem der anderen

protestantischen Missionaire geschickt, um später nachzukommen.«

»So so?« sagte Adolphe gedehnt, »Du bleibst jetzt noch allein in Papetee

-- und wo wirst Du wohnen?«

»Ich wollte eigentlich gern in meinem Haus draußen bleiben, aber ich

fürchte es wird nicht gehen -- heute Morgen wenigstens kreuzten schon

dumpfe Gerüchte von einem wirklichen Aufstand, und was ich hier darüber

gehört, bestätigt das nur. Als einzelner Franzose setzte ich mich da

draußen doch am Ende Unannehmlichkeiten aus.«

»Nein, Gott bewahre« rief Adolphe rasch -- »diese Indianer sind

seelensgute Menschen wenn in Frieden gelassen, aber treib' sie erst

einmal dazu daß Blut fließt, und sie sind wie die Tiger, unersättlich.

-- Ich fürchte auch wir bekommen hier noch einen verwünscht schweren

Stand, denn die zwei Schiffe sollen, wie ich höre, an allen Inseln

zugleich anklopfen, und wenn sie da in Papetee nicht eine _recht_

tüchtige Besatzung zurücklassen, so weht einmal eines Morgens die

Tahitische Flagge statt der Französischen, und für unsere Leben, alle

mitsammen, möcht' ich dann keinen Franc geben. Die Missionaire thun

außerdem was sie können, die Eingeborenen gegen uns aufzuhetzen.«

»Verdenken kann ich's ihnen nicht« entgegnete René, die geleerten Gläser

wieder vollschenkend, »haben sie doch meine Landsleute hier vollständig

aus dem Sattel gehoben, und jeder wehrt sich seines Brodes so gut er

kann.«

»Peste, René, Du vertheidigst die Schwarzröcke wohl gar?« lachte

Adolphe. »Wetter mein Bursche, hast Du Dich geändert. Die Luft hier muß

anstecken.«

»'Bist im Irrthum, Adolphe, nur den Stand selber vertheidige ich, der

hier ein Recht hat zu existiren, sobald _wir_ nur den Schatten eines

solchen beanspruchen wollten. Stände ihnen die eigene Bibel nicht

dabei im Wege, wären sie gerade die Leute die sich zu Herren des Landes

erklären dürften, insoweit sie zuerst hier ihren Wohnsitz, und damit

nach dem Rechte der Entdecker, Besitz von dem Lande nahmen. Doch es

fällt mir nicht ein ihre Parthei zu ergreifen« setzte er rasch hinzu,

»und Gott weiß es, sie haben mir das Leben hier schon manchmal recht

verbittert, ja -- hätten es mir verleiden können.«

»Haben Sie Dich nicht auch bekehren wollen?« lachte Adolphe.

»Nun ja, im Anfang wohl dann und wann, das gaben sie aber doch bald auf

-- die Besseren unter ihnen sind auch tüchtige wackere Leute, Menschen

die, wenn auch nicht immer den Kopf, doch jedenfalls das Herz auf der

rechten Stelle haben, die Mehrzahl aber, mit ihrem ewigen Beten und

Psalmensingen, könnte einen Heiligen zu Verzweiflung bringen. Ich glaube

wenn ich noch ein Jahr hier in Papetee geblieben wäre, hätten sie mir

mein Weib entweder abtrünnig, oder da das nicht ging, verrückt gemacht.«

»Hat Dir der Ehrwürdige Mr. Rowe noch Nichts weiter in den Weg gelegt?«

frug Adolphe.

»Er hat noch nichts Anderes gethan fast, als gesucht einen Anhaltepunkt

zu finden. Es hieß einmal, er sollte mit einem speciellen Auftrag an die

Tafel der Missionaire abgeschickt werden, den hat aber wahrscheinlich

Mr. Pritchard mitbekommen, den sie hier fortschicken mußten, wenn sie

je hoffen wollten, sich mit den Eingeborenen wieder anders als mit den

Waffen in der Hand zu verständigen. Ich wollte übrigens dieser Rowe

_wäre_ fort von hier, mir verbittert sein kaltes scheinheiliges Gesicht

jedesmal den ganzen Tag, wenn er mir einmal zufällig über den Weg läuft,

und ich kann mich des Gedankens kaum erwehren, daß er mir noch irgend

einmal feindlich in's Leben greift. Seine Schuld wird's auch in der

That nicht sein, wenn er eine, sich ihm vielleicht einmal bietende

Gelegenheit unbenutzt vorübergehen ließe. Doch fort mit dem Schleicher,

wir haben wahrlich Besseres zu thun, als an ihn zu denken. Und Du

bleibst jetzt hier auf den Inseln, Adolphe?«

»Eine Zeitlang wenigstens, und so lange es etwas zu thun giebt,«

erwiederte der Freund.

»Wenn Du nur einmal eine kurze Zeit hier bist, wird es Dir auch schon

besser gefallen« lächelte René, »vielleicht sogar machst Du mir's nach,

und wir werden noch am Ende Nachbarn -- Adolphe, diese Inseln sind ein

wirkliches Paradies.«

Adolphe schüttelte mit dem Kopf.

»Und doch möchte ich es nicht auf die Länge der Zeit mit Dir theilen«

sagte er ernster -- »ja, nach einem langen und vielleicht langweiligen

Kreuzzug durch die Meere, nach Eis und Schneegestöber da oben in jenen

unwirthlichen Regionen, nach Entbehrungen und Strapatzen, wie sie der

verweichlichte Landbewohner kaum für möglich halten würde -- und in der

That auch kaum für möglich hält -- thut es Einem wohl, wieder einmal

eine kurze Zeit unter Palmen auszuruhn, -- und die freundlichen

Gesichter der Eingeborenen, wenn erst einmal diese unglücklichen

Conflikte vorüber sind, bilden keine unangenehme Zugabe solcher Rast --;

aber da bleiben, wohnen, _heirathen_, und seine Existenz hier

beschließen? nein, ich glaube ich hielte das gar nicht aus, ja ich bin

fest davon überzeugt daß ich nicht einmal den Versuch machen möchte.«

»Und was könnte das Herz mehr verlangen als es hier findet?« rief René

-- »was bietet Dir Gottes Welt Schöneres, wohin Dich der unstete Fuß

auch trägt, als diese Küsten, wenn Du ein Wesen hier findest, das dieses

Glück mit Dir theilt? was würde Dir in diesem Paradiese fehlen?«

»Der Nerv es zu genießen, es zu schätzen« rief Adolphe rasch,

»Thätigkeit -- Entbehrungen, _Leben_ mit einem Wort, wie es der alte

Herr da oben für uns erschaffen, und gar erstaunlich weise eingerichtet

hat -- ich verginge in dem Müßiggang. Nein René, nein, und tausendmal

nein, wenn Du Dir selber vorlügen willst daß Du Dich glücklich darin

fühlst. Ich glaube es nicht, weil ich überhaupt nicht an Unmöglichkeiten

glauben mag, und Dir noch obendrein so etwas gar nicht wünschen wollte.

Du mit Deinem leichten lebensfrischen Herzen, der Abgott Deiner Kreise

einst in Paris, der eben nur übermüthig und übersättigt wurde durch

das Glück, das überall auf ihn einstürmte. Du, dem noch bis jetzt kein

Welttheil vermögend war in seinen Grenzen zu halten, Du solltest

jetzt Deine Heimath in einer Bambushütte gefunden haben und mit Deinen

Lebensbedürfnissen auf einen Brodfruchtbaum und eine Angel angewiesen

sein? -- Unsinn René! -- hahaha komisch ist's aber doch, wenn ich mir

das so denke, und komischer noch daß ich ernstlich dagegen anstreite.

Bah! geh Du einfach wieder nach Atiu hinüber, aber mit dem was Dir jetzt

durch Herz und Seele zieht, was Dir schon, Du magst es verleugnen wie Du

willst, in den Augen mit unvertilgbaren Zügen geschrieben steht, lebst

Du noch ein Jahr drüben und springst nachher wieder selbst an Bord eines

Wallfischfängers, wenn Du auf keine andere Weise fortkommen kannst, oder

-- Du bist elend und unglücklich.«

»Nein nein Adolphe, Du hast Unrecht« rief René, aber er war

aufgesprungen, und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Du

hast Unrecht, und ich werde es Dir beweisen; habe ich Dir doch schon

früher gezeigt was ich durchsetzen kann, und auch damals hieltest Du es

für unmöglich.«

»Armer René« sagte Adolphe -- »schon mit _den_ Worten gestehst Du mir

Alles ein, ohne es selber vielleicht zu wissen; und doch irrst Du Dich.

In tollkühnem Muth, einer Gefahr trotzend, die sich Dir noch so wild und

furchtbar entgegenstellt, _ja_; im kecken Wurfe bist Du im Stande und

setzest Dein Leben ein und gewinnst. Ich glaube nicht daß Du Dich durch

irgend eine Schwierigkeit oder Gefahr von irgend einem gefaßten Vorsatz,

wär er noch so wahnsinnig, zurückschrecken ließest. Du hast mir das

mehrfach bewiesen und am schlagendsten durch Deinen Ein- wie Austritt an

Bord des Wallfischfängers; hier aber, wo es darauf ankommt durch

zähes _geduldiges_ Ausharren ein Ziel zu erreichen, gäbe es keinen

unpassenderen Gesellen dazu wie Dich, und zwingst Du Dich hinein, so

gehst Du darüber zu Grunde -- denk' an mich.«

Wilder Lärm draußen unterbrach sie hier; die Leute sprangen durch

einander und verworrene Rufe wurden laut. Die beiden jungen Leute waren

der Thür zugeeilt, zu sehn was es gäbe, als draußen die scharfen Schläge

einer Trommel ertönten.

»Alle Wetter!« rief Adolphe, »es scheint Ernst zu werden, die Trommel

ruft uns auf unsere Sammelplätze. Und wo sehen wir uns wieder, René?«

»Heute Abend hier.«

»Gut denn, und ade so lange!« und mit herzlichem Kuß und Handdruck

trennten sich die Freunde, Adolphe seinem neuen Beruf mit all dem

lebendigen Feuereifer obliegend, eben in dem Neuen der Sache den Reiz

findend der ihn auch für manche Last und Unannehmlichkeit entschädigen

mußte, während René in der Thür stehen blieb und ihm die Straße hinab

nachschaute, bis ihn eine Biegung derselben seinen Blicken entzog. Tief

aufseufzend drehte er sich dann um und wandte sich, theils in das Haus

zurück zu gehen und seinen Hut zu holen, theils zu sehen was es gebe,

als er seinen Namen gerufen hörte und sich umschauend Lefévre erkannte,

der mit ausgestreckter Hand auf ihn zu kam.

Der früher so muntere und leichtherzige Nachbar sah aber gar verändert

und angegriffen aus. Er trug den linken Arm in der Binde und war bleich

und abgemagert, auch der Blick seines Auges hatte etwas Feindliches,

Stieres gewonnen, das er sonst nicht gehabt.

»Hallo Lefévre, wie sehn Sie aus?« rief René erstaunt -- »wo wurden Sie

denn verwundet, und sind denn unsere Truppen schon mit den Eingeborenen

zusammengetroffen?«

»Hier noch nicht« sagte Lefévre, mit einem eignen Lächeln in den scharf

ausgeprägten und keineswegs angenehmen Zügen, »wenigstens bis heute

Morgen nicht, aber jetzt gerade gehts los, und ich will mir nur eben

meinen Säbel und meine Pistolen holen, als Freiwilliger den Spaß mit zu

machen.«

»Mit dem Arm in der Binde?« sagte René kopfschüttelnd. »Sie sollten

froh sein daß Sie eine Entschuldigung haben nicht gegen die Eingeborenen

fechten zu müssen, weshalb das muthwillig herbeiziehen. Gehören wir

Beiden nicht zu ihnen?«

»Zu den rothen Hallunken?« rief Lefévre mit einem wilden Fluch -- »hol

sie der Teufel alle, denn nicht Frieden giebts, bis wir die eine

Hälfte von ihnen todtgeschlagen, und die andere in ihre Bergschluchten

hineingejagt haben, dort von Feis und wilden Ziegen ihr Mahl zu halten.

Daß die Pest zwischen sie fahre!«

»Lefévre?« rief René erstaunt -- »was ist denn mit Ihnen vorgegangen? --

wo ist Aumama?«

Lefévre lachte höhnisch und rief, den Kopf zurückwerfend:

»Zu ihrem Gesindel zurückgekehrt, aus dem ich ein Thor war sie heraus

zu ziehen -- nun, ich habe wenigstens meinen Spaß mit ihr gehabt --

Sie haben Sadie auch wieder nach Atiu zurückgeschickt, wie ich höre.

Gescheut, die Dirnen sind recht gut für eine kurze Zeit, so etwas muß

aber nicht zu lange dauern, sonst wird es langweilig.«

»Ich habe sie hinübergeschickt um selber nachzugehn« erwiederte René

ernst, »und haben _Sie_ sich so leicht von Ihrer _Frau_ trennen können?«

»Frau trennen können« lachte Lefévre -- »wenn es ihr nicht mehr

Thränen gekostet hat wie mir, sind wir alle Beide ungemein leicht davon

gekommen. Aber wissen Sie daß der Teufel losgegangen ist? die Burschen

machen Ernst.«

»Doch nicht hier in Papetee?« sagte René.

»Nicht gerade in der Stadt, aber in Mahaena haben sie sich

verbarrikadirt und einen Trupp Soldaten, der sie von dort vertreiben

wollte, mit blutigen Köpfen zurückgejagt. Eben ist die Nachricht hier

hergekommen, und es soll jetzt gleich ein Bataillon dorthin aufbrechen,

den Empörern zu zeigen mit wem sie eigentlich in ihrer Verblendung den

Krieg begonnen. Durch diese protestantischen Missionaire aufgehetzt,

glauben und hoffen sie immer noch auf die Unterstützung gar nicht

vorhandener englischer Schiffe, es wäre ja sonst doch nicht möglich, daß

sie nur einen Augenblick daran denken könnten, ernsthaften Widerstand zu

leisten. Aber dort rückt schon das Militair heran, kommen Sie mit, René,

wir machen uns einen kleinen Spaziergang dahinunter, und helfen die

Burschen mit in die Berge jagen.«

René schüttelte mit dem Kopf.

»Ich habe Nichts in dem Kampf zu thun« sagte er ernster, »meine

Landsleute mögen das unter sich ausmachen.«

»Bah, Sie werden doch nicht zusehn wollen wie wir uns schlagen?«

»Warum nicht? -- so lange ich kein Interesse dabei habe.«

»Und wenn sie uns hier in der Stadt angreifen?«

»Sie schienen ja eben noch nicht einmal zu glauben daß sie einem

einzelnen Bataillon Stand halten könnten.«

»Ei, der Teufel traue den Schuften, manchmal sind sie zäh und werfen

sich mit ihren nackten Leibern ganz tollkühn und einer besseren Sache

werth in die Bayonnette, wie bei Tairabu.«

»Sie vertheidigen ihr Vaterland« sagte René ernst -- »das ist die beste

Sache, die sie vertheidigen können.«

»Meinetwegen« lachte der Franzose, »ich aber habe nun einmal meine ganz

besondere Malice auf sie -- also adieu, wenn Sie denn durchaus nicht

mitwollen und auf Wiedersehn!« und rasch seinen Säbel umschnallend, den

er indeß aus der Ecke geholt, und wobei ihm Einer der hier zur Bedienung

gehaltenen indianischen Burschen, da er die linke Hand nicht gebrauchen

konnte, helfen mußte, verließ er das Haus mit schnellen Schritten sich

dem indeß schon voraus marschirten Trupp anzuschließen.

* * * * *

Die Sonne von Tahiti beschien, zum ersten Mal wieder, seit ihre

Feudal- und Religionskriege bei Seite geworfen waren, ein wildes und

kriegerisches Bild.

Kaum mehr als etwa zwölf englische Meilen von Papetee entfernt, wo die

friedlichen leicht gebauten Bambushütten von Mahaena standen, hinter

denen sich die gewaltigen Bergesmassen in steilen kurzen Hängen erheben,

hatten sich die Bewohner der benachbarten Distrikte, nach dem Angriff

auf Tairabu, zu kurzem Kriegsrath gesammelt, und mit zornig blitzenden

Augen und geschwungenen Speeren Rache verlangt für das vergossene Blut

der Brüder. Ein Schrei der Entrüstung zuckte durch das ganze Land, und

was an waffenfähiger Mannschaft in der Nähe war eilte herbei, seinen Arm

der Sache des Vaterlandes anzutragen.

Die am meisten fanatisirten Häuptlinge der Eingeborenen hatten sich hier

gesammelt, Aonui und Potowai, Taaniri, Kahuahu und selbst Teraitane, und

Boten wurden an Paofai, Tati, Utami, Hitoti und Paraita abgeschickt,

diese ebenfalls der vaterländischen Sache zuzuwenden. Einzelne von

diesen aber, wie Paofai und Hitoti hatten sich direkt geweigert Pomares

Sache zu der ihrigen zu machen, während Paraita, Krankheit vorschützend,

ebenfalls in Papetee blieb und nur Tati und Utami, der eine sich nach

Papara, der andere nach Papeneeo zurückzog, dabei jedenfalls ihren

Rücktritt von den französischen Interessen erklärend.

Nicht müßig aber beriethen nur die Häuptlinge in Mahaena, sondern

zu gleicher Zeit wurden an dem einen passendsten Hügelhang, auf den

Vorschlag und unter der Anleitung mehrer englischer und irischer

Matrosen, Befestigungen aufgeworfen, einem etwaigen Angriff auch

die Spitze bieten und abwarten zu können, bis die ganze Insel

gemeinschaftlich gegen die Unterdrücker aufstehn würde. Ueberhaupt

hatten sich eine ganze Zahl Fremder, die sich früher hier nieder

gelassen und den Einfluß der Franzosen fürchteten, den Eingeborenen

gleich von allem Anfang angeschlossen, von denen sie, wenigstens von

den meisten, gar sehr willkommen geheißen wurden. Es war diesen schon

gewissermaßen eine Beruhigung Weiße mit sich gegen Weiße zu wissen und

in der Führung der Feuerwaffe, die sie hier zum ersten Mal in die Hände

bekamen, brauchten sie auch noch Leute die sie mit den Geheimnissen

derselben betraut machten. Die meisten dieser Weißen waren früher

entlaufene Matrosen von Wallfischfängern, ja hie und da aber auch sogar

von den französischen Kriegsschiffen selber, die sich in den steilen

unwirthbaren Bergen nicht halten konnten, und jetzt wohl genöthigt

wurden die Waffen aufzugreifen, ihre eigene Freiheit zu vertheidigen.

Unter ihnen befand sich Jack sowohl, wie Jim O'Flannagan, dem der

Aufenthalt in Papetee nach seinem letzten Zusammentreffen mit dem

Lieutenant der Jeanne d'Arc doch zu heiß geworden war, und der doch auch

kein Schiff finden konnte die Insel jetzt gerade, was er mit Vergnügen

gethan haben würde, zu verlassen. Auch der Neger war dort, eine

herkulische Gestalt, der vor einigen Abenden erst einen Zank mit mehren

französischen Soldaten bekommen und vier davon so zugerichtet hatte,

daß er sich nur durch die Flucht der blutigen Rache der übrigen entzog.

Manche Andere waren durch die Franzosen selber zu diesem letzten

verzweifelten Schritt getrieben, die unkluger Weise in jedem Engländer

oder Amerikaner einen Verräther ihrer Sache sahen und diese auf Schiffe

packen wollten, um sie von Tahiti wenigstens zu entfernen, oder

auch möglicher Weise unter Aufsicht zu halten, bis der Conflikt erst

entschieden und das tahitische Volk selber vollständig unterworfen

gewesen wäre.

Mit dieser Beihülfe war Mahaena, oder vielmehr das Fort von Mahaena,

wie man die rohe Verschanzung nannte, gar nicht so schlecht befestigt

worden. Ein etwa fünf Fuß hoher und ungemein starker Erdwall sollte sie

vor allen Dingen gegen die Kugeln der Kriegsschiffe schützen, die man

jedenfalls bei einem Angriff der Franzosen erwarten mußte, während sich

das Rücktheil der kleinen Veste an den steilen Hügel selber lehnte und

die Zerrissenheit der Schluchten nur einen einzelnen, den Eingeborenen

allein bekannten Pfad dort hinaufließ, den wenige Mann hätten gegen eine

gewaltige Ueberzahl vertheidigen können. Auf dem Wall aber schützte

ein starkes Pallisadenwerk, von den starren zackigen Aesten der

Guiaven aufgeschichtet, das kleine Fort fast vollständig gegen einen

Bayonnetangriff, und Boten waren indeß schon nach allen Richtungen

abgesandt, die Krieger der verschiedenen Stämme herbei zu ziehen und

hier zu sammeln und dann einen vereinten Angriff auf Papetee zu wagen.

Die Franzosen wollten ihnen aber da keineswegs so lange Zeit gönnen,

weil sie schon des bösen Beispiels wegen suchen mußten die Eingeborenen

von jedem Fleck wo sie sich befestigen konnten, zu vertreiben, ihnen vor

allen Dingen das Vertrauen zu nehmen, daß sie sich überhaupt einem ihrer

ernstlichen Angriffe mit Erfolg entgegenstellen _könnten_. Die Scharte

von Tairabu mußte sobald als möglich wieder ausgewetzt werden.

Am frühen Morgen hatten deshalb auch die beiden dorthin beorderten

Schiffe, die Uranie wie der Dampfer Phaeton ihre Truppen gelandet, aber

noch keinen wirklichen Angriff unternommen, weil man erst die Ankunft

der aus der Stadt herbeigezogenen Truppen erwarten wollte, und es

war Mittag geworden bis diese eintrafen; dann aber eröffneten beide

Kriegsschiffe auch ihr Feuer auf das kleine Fort. Der Schlag gegen die

Empörer sollte mit einem Mal geführt und alle die Frevler vernichtet

oder zerstreut werden.

Oben im Fort selber herrschte indessen ein reges Leben. Die Frauen

und Kinder hatten sich schon bei Ankunft der Schiffe in die Berge

geflüchtet, und nur ein Theil derselben, meist lauter junge kräftige

Weiber, waren ihren Männern oder Vätern gefolgt, das Pittoreske der

Scene dadurch nur noch erhöhend. Ueberall auf dem weiten geräumigen

Plateau kauerten sie über den dampfenden Kochgruben, das Mittagsmahl für

die Krieger zu bereiten; mit dem schmalen Holzspaten warfen sie die Erde

herab und lüfteten die über saftige Ferkel oder Brodfrucht gedeckten

Blätter, zu sehn ob sie bräunen und gahr werden wollten, und breiteten

dann die glatten Blätter der Banane oder des Tutuibaumes auf ebene

Stellen aus, als Tisch dem leckeren Mahle. Indianer und Europäer saßen

dabei wild durcheinander gestreut, und wenn irgend Jemand überhaupt bei

der Gasterei ausgezeichnet wurde, bei der nur die Häuptlinge für sich

einen etwas erhöhten Platz gewählt hatten, so war es der Neger

Pompey, dem die Frauen und Mädchen, vielleicht seiner brillant schwarz

glänzenden Farbe wegen, die besten Stücke aussuchten und zuerst die

Cocosnuß zum Trinken reichten. »Pompey« ließ sich das auch ganz ruhig,

und wie ein Mann, der an etwas derartiges gewöhnt ist, gefallen, und

that der Mahlzeit alle Ehre an, während er mit den Männern selber lachte

und Geschichten erzählte, und der Ausgelassenste von Allen schien. Dann,

in einem förmlichen Paroxismus von Fröhlichkeit, warf er sich nicht

selten hintenüber, zwei Reihen der glänzendsten Zähne dabei zeigend, und

die Eingeborenen schrieen und jubelten um ihn herum.

Ein gar verschiedenes Bild hiervon zeigte eine andere Gruppe, an

einem der entferntesten Theile der Verschanzung, denn dort hatte der

ehrwürdige Bruder Dennis, jeder Gefahr von Außen her trotzend und recht

gut wissend daß die Franzosen einen Angriff beabsichtigten, eine kleine

Schaar seiner Gemeinde um sich versammelt, die in den wunderlichsten und

oft nicht immer ehrerbietigsten Stellungen der Predigt lauschten. Die

meisten saßen allerdings auf Steinen oder ausgebreiteten Matten, jeder

seiner eigenen Bequemlichkeit folgend, ruhig und aufmerksam vor ihm,

andere hatten sich aber auch, von den Schanzarbeiten ermüdet, der

Länge lang ausgestreckt, und lauschten mit halbgeschlossenen Augen

der Predigt, mit leiser Stimme die dann und wann gesungenen Hymnen

nachbrummend, während noch Andere emsig dabei beschäftigt waren ihr

indeß gahr gewordenes Mittagsbrod mit ihren Holzspaten zu Tag zu

fördern, das sie dann auch augenblicklich an Ort und Stelle, und

zu gleicher Zeit der körperlichen wie geistigen Nahrung hingegeben,

verzehrten.

Ueberall aufgestellte Waffen, Musketen mit und ohne Bayonnette,

Speere, ja hie und da sogar noch Bogen und Pfeile, Keulen, Wurfspeere,

Cavallerie- und Infanteriesäbel, Aexte und Beile, gaben dabei dem ganzen

Bilde ein kriegerisches Aussehn, und wild dazwischen herumtanzende

Mädchen, sich weder um die Predigt noch die Essenden kümmernd,

vollendeten die Scene. Unordentlich durch einander gewürfelt lag und

stand Alles, Niemand schien da, der einen Oberbefehl über das Ganze

habe, oder irgend einen Einfluß darauf ausüben könne, und ohne Dach und

Fach, nur hie und da mit ein paar rasch und unregelmäßig aufgesetzten

Pandanus oder Bananenblatt-Dächern, machte auch das ganze Lager weit

eher den Eindruck einer wandernden bewaffneten Caravane, die sich hier

zur Mittagszeit eine kurze Rast gegönnt und in der nächsten Stunde

wieder aufbrechen würde, als einer wirklichen Befestigung, die bestimmt

war einem mächtigen Feinde auf längere Zeit Trotz zu bieten und

Widerstand zu leisten.

Und diese Waffen -- rostige Musketen und hölzerne Speere, Keulen und

Beile, die sich dem furchtbaren Geschütz der Feinde entgegenstellen

sollten; wie Spott und grimmer Hohn lehnten die dünnen Lanzen an den

Erdwällen und kauerten oder standen die halbnackten Männer daneben,

ihrem Geschick verfallen wie es schien, wenn die geschlossenen Colonnen

der Feinde anrücken und ihre donnernden Geschütze die Todesboten in

die kleine Veste schmettern würden. Und hatten sie keine Ahnung der

furchtbaren Gefahr die ihnen drohe? -- noch war es Zeit, noch konnten

sie, durch Guiaven-Dickichte versteckt die sicheren Berge erreichen,

wohin ihnen der schwerfälligere Feind nicht zu folgen vermochte. Auch

der finstere Priester dort in der Ecke weckte mit donnernder Stimme die

Unglücklichen zu Buße und Reue »in der elften Stunde.« Die offene

Bibel im linken Arm, die rechte gegen sie ausgestreckt und das bleiche

ausdrucksvolle Gesicht zum blauen Himmel flehend, zitternd emporgewandt,

stand er da, ein mahnendes Bild dem Sünder, ein Wegweiser zu dem Thron

des Höchsten.

Horch -- ein leiser Trommelwirbel vom andern Ende des Lagers -- die

Betenden wandten den Kopf halb danach um -- fürchten sie den anrückenden

Feind? -- Noch einmal, lauter als vorher und ein gellender Jubelruf der

den Ton begleitet --

»Horch!« schrie eine jauchzende Mädchenstimme, fortwerfend was sie

gerade in Händen hielt und in der Erregung des Augenblicks, von dem

Feind bedroht, selbst die Nähe des sonst so gefürchteten Missionairs

nicht achtend.

»Horch

Horch wie der Trommel Schlag

Wirbelt der Brandung nach

Horch

Lauert der Feind auch schon,

Herzchen ich komme schon

Horch!«

Es war Maire, trotz dem noch lange nicht wieder gewachsenen Haar die

tollste der Schaar, die den Zwang erst einmal abgeschüttelt dem sie

unwillkürlich das Knie gebeugt, jetzt fast gar nicht wußte wie sie die

versäumte Zeit am raschesten und wildesten wieder nachholen könne.

»Maire! Maire!« riefen einzelne Stimmen warnend, aber die Trommel

wirbelte weit verlockender darein und die tolle Dirne war schon lange,

von fünf oder sechs andern jetzt gefolgt, zum Nationaltanz angesprungen,

dem sie in seinen wildesten Formen und Stellungen folgte.

Aonui, der fromme Häuptling, und Potowai waren aufgesprungen und schauten

mit gerunzelten Brauen auf den Unfug, der selbst im Angesicht des

frommen Missionairs verübt wurde, und dieser sprach einige ernste

drohende Worte zu den Männern. Aber die Männer waren nicht allein

Christen, sie waren auch Häuptlinge, und fühlten recht gut wie sie jetzt

gerade, im Begriff einen gefährlichen Kampf zu bestehen, dem jungen

Volk nicht den tollen Muth wehren durften, der wohl die Grenzen der

Schicklichkeit übertritt, dann aber auch wieder im ernsten Kampf, dem

stärkern Feind gegenüber, ihm die starre und kecke Todesverachtung gab,

in dem aufgeregten fröhlichen Blut.

»Maire! Maire!« rief Aonui endlich, aber mehr ermahnend als strafend von

seinem erhöhten Platze nieder, »wahre Dich Mädchen und denke an Deinen

Gott -- wer weiß ob Du nicht in der nächsten Stunde schon vor seinem

Richterstuhl stehst --«

»Ich?« schrie das tolle Mädchen in jubelnder Lust zurück, während sie

das Oberkleid von den Schultern riß und von sich schleuderte »ich? --

Bah!

Heut ist ein Jubeltag

Hörst Du der Trommel Schlag?

Da!

Hei, wie der Wirbel rollt

Betet so viel Ihr wollt.

Da!«

Und jubelnd und jauchzend fiel der Chor ein, Männer und Frauen,

denn viele von diesen freute es, daß sich dem sonst so gefürchteten

Missionair eines der Mädchen keck entgegengestellt hatte, und die

einzelne Trommel, ein altes englisches Instrument, und in früherer Zeit

einmal von irgend einem Kriegsschiff gegen wer weiß was für werthvolle

Sachen eingetauscht, schlug rasselnd ein in den tobenden Chor, den das

zürnende Gebet des Missionairs nicht übertäuben konnte.

Der fromme Aonui kam aber auf einen anderen Ausweg, und mit den um ihn

geschaarten Seinen, denen er rasch ein Zeichen gegeben, begann er

jetzt ohne Weiteres eines ihrer gewöhnlichen und von allen gekannten

Kirchenlieder, das sie im Chor so gern sangen und dem sich auch

augenblicklich die Nächsten anschlossen. Weiter und weiter drängte die

fromme Melodie hinein in die Masse, den Tanz und Sang der Einzelnen

schon halb übertönend, mehr und mehr schwollen die Töne im vollen

rauschenden Chor, ein Preis dem Herrn in der Höhe und ein Gebet um

seinen Schutz, seine Hülfe in Drangsal und Noth.

Die Tänzer standen still und horchten den Tönen -- selbst der Trommler,

der im Anfang wie in Schadenfreude nur ärger auf das gespannte Fell

losgeschlagen, schwieg mit dem wilden Tanz und folgte leise dem Takte

der Hymne mit den Schlägeln -- wunderliche Begleitung dem frommen Lied:

Dein sei Lob, Ehre, Preis und Ruhm

Der Liebe höchstes Eigenthum --

Erbarm Dich uns'rer Sünden

Und laß uns, oh Herr Zebaoth

In Leid und Graus in Noth und Tod

Vor Dir Herr, Gnade finden.

Und wenn das letzte Strafgericht

Im Sturm der Erde Vesten bricht

Mit Deinen starken Armen,

»Der Feind -- der Feind!« dröhnte da plötzlich ein gellender Schrei

selbst über das jetzt zum vollen Chor angewachsene Lied hinaus, das die

Landbrise weit weit hin über das Wasser trug, aber die Sänger störte es

nicht. Einzelne flüsterten das Schreckenswort nach, »der Feind --

der Feind!« und zwei oder drei sprangen auf die Brüstungen nach den

erwarteten Colonnen auszuschauen, aber Aonui mit voller kräftiger

Stimme, die Arme, wie Hülfe suchend zum Himmel aufgestreckt, erhob seine

Stimme nun um so lauter, und donnernd überschallte den Ruf der Schluß

des Verses:

»Dann führe uns durch Nacht und Graus

Zu Dir hinein, in's Vaterhaus --

Erbarmen Herr -- Erbarmen!«

»Der Feind! der Feind!« schallte es jetzt aber dringender, gellender als

vorher -- von unten herauf tönten die scharfen schmetternden Töne

der Trompeten, und dumpfer Trommelschlag wirbelte d'rein, während die

ausgesandten Laufer und Wächter athemlos aus dem, die Umschanzungen

begränzenden Holz brachen und die Nachricht brachten, daß der Feind in

zwei starken Colonnen anrücke, und sich, wie es schien, zum Sturm rüste

auf das Fort.

Oben wirbelte aber auch schon die Trommel den Schlachtenruf, während

die Männer nach ihren Waffen sprangen, und noch drängte und trieb Alles

durcheinander, in ungeordneten Haufen dem allerdings schon früher durch

Teraitane für jeden bestimmten Platze zuzueilen, als der erste Gruß

von den Schiffen herüber schmetterte, und die Uranie wie der Dampfer in

voller Flankensalve ihre Kugeln theils in dem Wall begruben, theils vor

oder hinter ihnen die Guiavenstämme krachend zusammenschlugen.

Einen Augenblick stand die Schaar wie erschreckt; es war bei fast

allen das erste Mal, daß sie die furchtbare Wirkung einer solchen Kugel

beobachten konnten; Jim O'Flannagan aber, der seine Zeit bis dahin

benutzt und während die andern getanzt oder gesungen, auf eine Matte

ausgestreckt ein ganz tüchtiges Mittagsschläfchen gehalten hatte, sprang

bei dem, ihm gut genug bekannten Lauten empor, und den Hut um den Kopf

schwingend, rief er ein donnerndes dröhnendes Hurrah den feindlichen

Kugeln keck und furchtlos entgegen.

Die Salve aber, die vollkommen erfolglos gewesen, wie der

herausfordernde Ton des Iren, dem sich Pompey jetzt zugesellte und sein

zweites Hip hip hip hurra ertönen ließ, fand Anklang in den kecken und

muthigen Herzen der Krieger, und der tahitische Schlachtenschrei, der

das Echo in diesen Thälern seit langen Jahren nicht geweckt hatte, brach

in wilder jubelnder Lust von ihren Lippen.

Es war ein stilles, friedliches Volk, das den Krieg fast ängstlich so

lange vermieden hatte, wie es nur irgend eine Aussicht auf gütliche

Beilegung seiner Zwistigkeiten sah, das aber jetzt auch, da es die

Fremden zu arg getrieben, rücksichtslos auf irgend eine größere Macht

die noch vielleicht an ihre Küste geworfen werden könnte, die Waffen

aufgriff, und nun mit eben dem kecken, vielleicht unbewußten Muth der

Gefahr entgegenging, wie es früher in seine Kirche oder zu seinem Tanz

gegangen war.

Nur dieser erste Augenblick der Erwartung war peinlich -- die

Ungewißheit von welcher Seite der Angriff zuerst geschehen würde, und ob

sie es überhaupt wagen würden die Eingebornen in ihrer festen Stellung

anzugreifen. Von diesen, mit vielleicht zwanzig oder dreißig Europäern

und vierzig oder fünfzig Frauen, waren etwa 1000 Krieger dort

versammelt; die Hälfte aber kaum mit ordentlichem Feuergewehr bewaffnet,

führten die Anderen noch ihre alten hölzernen Speere von Oros Zeit,

und Viele Schleudern und Wurfspeere. Hier aber zeigte sich jetzt ein

gewaltiger Nachtheil gegen frühere Zeit, wo eben diese unscheinbaren

Waffen selbst in den Händen der nackten Wilden zu furchtbarer Wehr

durch die Geschicklichkeit geworden waren, mit der sie sich derselben zu

bedienen wußten. Die Zeit war vorbei, denn die Missionaire hatten ihnen

ernstlich jede Art solcher »heidnischer« Waffenspiele untersagt gehabt,

weil diese ihre Gedanken nur wieder zu dem alten viel zu sehr geliebten

Kriegsgott Oro zurückführen mußte, und sie Alles zu vermeiden suchten,

was die Erinnerung an jene Zeit ihrem Gedächtniß erhalten konnte. Die

wenigen Eingeborenen, die sich noch im Gebrauch der Schleuder -- früher

eine ihrer gefährlichsten Waffen -- tüchtig geübt gehalten, hatten sich

nie dem Einfluß der Missionaire unterworfen gehabt, oder es heimlich

gethan, und Wurfspeer sowohl, wie Bogen und Pfeil die Hälfte ihrer

Gefahr für die Angreifer verloren. Nichtsdestoweniger gab ihnen ihre

feste Stellung dafür wieder andere Vortheile, und mit trotzigem, jetzt

fast ungeduldigem Muth erwarteten sie den immer noch hinausgezögerten

Angriff.

Eine Gefahr existirt nur so lange sie droht, und hat gewöhnlich all

ihre Furchtbarkeit verloren, so bald sie erst wirklich einmal in's Leben

tritt; das Leben kämpft dann dagegen an, und in dem Ringen gerade liegt

die Vergessenheit derselben.

Schmetternder Trompetenschall tönte herauf; von den Schiffen drüben

blitzte es wieder in langer zuckender Reihe, und prasselnd hagelte auf's

Neue ein eiserner Kugelgruß von da herüber gegen die kleine Veste, von

wo sie mit trotzigem Jubelruf begrüßt und beantwortet wurde.

»Dort kommen sie, meine Burschen!« schrie da Pompey, der an der einen

Flanke, seiner riesigen Kräfte und vielleicht auch seiner schwarzen

Farbe wegen, mit einem Anführerposten betraut war -- »da kommen sie, nun

hurrah und wahrt Euer Feuer, bis sie aus den Büschen heraustreten und

vollkommen draußen im Freien sind -- keinen Schuß eher, und keinen

Speerwurf, wenn Ihr nicht den Mann schon fast mit der Spitze erreichen

könnt -- verdamme die hölzernen Dinger« murmelte er dann leise vor sich

hin -- »s'ist doch nur so, als wenn man sich nach Tisch mit Zahnstochern

wirft.«

»Für die Bibel! für die Bibel!« schrie Aonui auf der anderen Seite,

wirklich seine Bibel im linken Arm, die er fest an die Brust gedrückt

hielt, indeß er mit der rechten Hand seine Muskete schwenkte -- »für

die Bibel Ihr Streiter Gottes, der Herr ist mit uns und wird die Feinde

zerstreuen, wie Spreu vor dem Winde!«

Jim, der nicht weit von ihm stand, brummte etwas in den Bart und sah

nach seiner Muskete, während der ehrwürdige Mr. Dennis die meisten der

Frauen um sich gesammelt hatte und mit ihnen im brünstigen Gebet auf den

Knieen lag, vom Herrn der Heerscharen die Abwendung so schweren Leides

zu erflehen, »wenn das noch eben irgend möglich sei, und mit seinen

himmlischen Rathschlüssen übereinstimme.«

Näher und näher wirbelten die Trommeln, schmetterten die Hörner der

Stürmenden; auf einer kleinen Anhöhe, nicht sehr weit von dem Fort, aber

etwas tiefer als dieses liegend, waren mehre Feldstücke aufgepflanzt,

die von jetzt ein lebhaftes Feuer auf den Wall begannen, ohne

jedoch irgend einen Schaden anzurichten, als hie und da ein paar der

aufgeschichteten Guiaven-Pallisaden einzureißen und einige leichte

Verwundungen der nächst dabei Stehenden zu verursachen, die aber kaum

beachtet und mit nur herausfordernderem Geschrei beantwortet wurden.

Jetzt aber rückten auch in geschlossenen Colonnen die Verstärkungen von

Papetee, eine Compagnie Marine-Infanterie mit den Soldaten des Phaeton

und der Uranie und den dazu gegebenen Seeleuten, in geschlossenen

Colonnen gegen die Verschanzung an, und wo sich ein Kopf irgendwo

darüber blicken ließ, wurden gerathewohl Schüsse hinübergefeuert, die

Eingeborenen zu schrecken und zurückzuhalten, daß die Stürmenden

den Wall erst einmal erreichen und ersteigen konnten. Aber weit

furchtbarerer Widerstand erwartete sie hier als sie je vermuthet hatten.

Pompey, der sein dunkles Gesicht einem dichten darübergehaltenen

Guiavenbusch anvertraut hatte, unbelästigt die Stürmenden vor allen

Dingen beobachten zu können, gab zuerst das Zeichen. Er hatte etwa

fünfzig mit Musketen bewaffnete Männer unter seinem Befehl, denen er

schon den ganzen Morgen mit größtem Eifer und vielem Erfolg das rasche

Laden beigebracht und sie den Werth bequemer Patrontaschen gelehrt

hatte, und kaum zeigte sich die erste Colonne im Sturmschritt den

steilen Hügel erklimmend, in dem Bereich ihrer Kugeln, als er mit

gellendem Schrei seinen Arm, das verabredete Zeichen, emporwarf, seine

Büchse aufgriff, und von seinen Leuten redlich dabei unterstützt,

eine wirkungsvolle Salve in die anstürmenden Feinde gab, die vor

solch unerwartetem Gruß allerdings einen Augenblick stutzten und

zurückprallten. Aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn mit

einem wilden, zornigen Hurrah, nicht allein jetzt den Feind zu besiegen,

sondern auch die gefallenen Kameraden zu rächen, warfen sich die

Soldaten, rasch ihre Gewehre abfeuernd, und ohne sich selbst Zeit zu

nehmen wieder zu laden, auf die Schanzen, den Wall mit Sturm zu nehmen

und den dahinter versteckten Gegner zu vertreiben.

Gleichen Anprall hatte Aonui abzuhalten, der aber den größten Theil

der Europäer in seiner Schaar zählte und die Feinde ebenfalls mit

wohlgezielten Schüssen empfing. Aber auch hier, nach kaum einmal

gewechselter Salve, flogen die Franzosen zum Bayonnetangriff und

nachdrängend in keckem Muth, warfen sie sich tollkühn gegen die Schanzen

an.

Hier aber zeigte sich der Vortheil des zu Pallisaden benutzten

Guiavenholzes, das starr und elastisch, die rauhen knorrigen und doch

schwachen Aeste überall hinausstreckte, keinen Halt dem bietend,

der sich daran fest klammern wollte, und doch auch wieder dem Druck

nachgebend statt zu zerbrechen. Wie in einer Falle gehalten staken die

ersten der Stürmer zwischen dem zähen überall auszweigenden Holz und

die Speere der dahinter stehenden Wilden suchten und fanden mit leichter

Mühe förmlich vertheidigungslose Opfer.

Einzelnes Musketenfeuer prasselte dazwischen -- hie und da hatte ein

Trupp tollkühner Franzosen in die Lanzen und Bayonnette der Feinde

hinein sich seine Bahn erzwungen, und Posto gefaßt auf dem Erddamm, von

dem sie vergebens jetzt niederzupressen suchten, die Einzelnen, in die

Schaar der Feinde, einem gewissen Heldentod entgegen. Dazu suchten die

weiter unten aufgestellten Feldstücke alle die Plätze zu bestreichen, wo

kein französisches Militair im Angriff war, die Feinde an dieser Stelle

wenigstens von dem Damm zu halten; aber tiefer stehend als das Fort

selber, waren sie nicht im Stande irgend einen wesentlichen Schaden zu

thun, und die Eingeborenen achteten die Kugeln gar nicht, die draußen

harmlos in die Erdwälle oder in den Hügel selber einschlugen.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band · 第 1 / 17 段