HISTORIE OHNE WORTE

Tief sind die Wälder in der Nacht wie ein grundloser See, und du blickst

schweigend auf einen Stern über Melatín, denkst an das Wild, das in der

Tiefe das Waldes schläft, an den tiefen Schlummer aller und an alles,

was niemals in dir entschlafen wird. Lang, endlos lang sind dämmrige

Tage; wie oft durchschrittest du die Wälder an solchen Tagen, o Schritte

und Erinnerungen ohne Zahl, und nie bist du an das Ende der Schritte und

Erinnerungen gelangt: so lang und tief sind die Wälder über Melatín.

Aber daß heut ein flammender Augustmittag ist — brennende Lücken in den

Baumkronen und des Lichtes Sichel die Forste durchfahrend; daß ein so

klarer Tag ist, wie wenn ihr schütterer würdet, tiefe Wälder, und vor

der Sonne auseinanderträtet. Die Glut hat meine Erinnerungen

ausgetrunken und fast schlief ich ein, ich weiß nicht ob vor Lust oder

Ermattung, eingewiegt von den weißen Dolden, die über meinem Haupte

schwanken. —

An einem solchen Tage ging Ježek durch den Wald, zufrieden, daß er an

nichts dachte und denken konnte. Breit atmete die Wärme zwischen den

Bäumen. Ein Tannenzapfen riß sich los, — er hatte sich festzuhalten

vergessen, weil es so windstill war; die Kronen kräuselten sich und

überall zitterte Licht. Oh, welch schöner, herrlicher Tag! Wie schimmern

silbern die schwanken Ährchen des Windhalms! Eingewiegt von Freude oder

Langweile lauschte Ježek dem warmen Summen des Waldes.

Geblendet stand er am Rande der Lichtung, wo unhörbar die Glut zitterte.

Wer liegt da? Es ist ein Mensch. Er liegt mit dem Gesicht auf der Erde

und ohne Regung. Fliegen weiden auf der ausgestreckten Hand, die sie

nicht verscheucht. Ist er etwa tot?

Andächtig und mit Grauen bückte sich Ježek über die gereckte Hand,

welche noch den alten Schlapphut hielt. Die Fliegen entflohen nicht

einmal. An dem verblaßten Futter waren noch einige Buchstaben leserlich:

..ERTA. EL SOL. Puerta del Sol, erriet Ježek erstaunt und neigte sich

über das Antlitz des Toten. Aber da öffnete dieser die Augen und sagte:

»Möchten Sie mir nicht eine Zigarette geben?«

»Recht gern,« atmete Ježek in nicht geringer Erleichterung eifrig

auf. Der Mensch nahm die Zigarette, knetete sie sorgfältig, wälzte sich

auf die Seite und ließ sich Feuer geben. »Danke,« sagte er und begann

nachzusinnen.

Er war nicht jung, durchgraut, mit breitem und unbestimmtem Gesicht; er

war irgendwie sehr abgemagert in seinen Kleidern, so daß sie in

seltsamen, leblosen Falten an ihm lagen. So war er ausgestreckt auf der

Seite und rauchte, unbewegt irgendwohin zu Boden blickend.

Puerta del Sol, überlegte Ježek, Tor der Sonne; was hat er nur in

Spanien gemacht? Nach einem Touristen sieht er nicht aus. Vielleicht ist

er nicht gesund, daß er so heilige Augen hat. Puerta del Sol in Madrid.

»Sie waren in Madrid?« sprach er unversehens aus.

Der Mensch atmete zustimmend durch die Nase und schwieg.

Er könnte sagen, wer er ist, überlegte Ježek; ein Wort gibt das

andere, und das Übrige errätst du. — Er könnte übrigens sagen: Ja, ich

war in Madrid; aber es ist nicht der entfernteste Ort, wo ich gewesen,

und es gibt noch schönere Orte und ein wunderbareres Leben. Allerlei

könnte er lügen. Siehe, jetzt besinnt er sich.

Der Mensch winkte leicht mit der Hand, unbestimmt und versonnen

nirgendwohin blickend.

Vielleicht sagt er: Ich sehe, daß Sie mich teilnehmend betrachten; Sie

haben mich für tot gehalten und sich mitleidig über mich gebeugt. Ich

will Ihnen also die Historie meines Lebens berichten. Unterbrechen Sie

mich nicht, falls Ihnen etwas unzusammenhängend oder unmotiviert

erscheint. Lesen Sie nur auf meinem Gesicht, ob ich leicht und einfach

gelebt habe. So irgendwie würde er etwa beginnen.

Aber der Mensch rauchte schweigend und langsam, die hellen, blicklosen

Augen ins Unendliche geheftet.

Sicherlich wird er etwas sagen, dachte Ježek; es ist schwer, Worte

für eines Lebens Verlauf zu finden. Es sei, ich warte. Leise legte er

sich auf den Rücken. Die Sonne schlug ihm in die Augen und drang durch

die geschlossenen Lider hindurch; rote und schwarze Kreise haben sich zu

drehen begonnen und tanzen brennend vor den Augen. Die Wärme atmet in

langen, feurigen Wellen, und Ježek fühlt sich so wohl, als würde er

entführt von den schwarzen und roten Kreisen, von der Flut langgezogener

Wellen, von unendlicher und unfortschreitender Bewegung. Wohin fließt

diese starke hinreißende Bewegung? Ach nichts; nur die Bewegung des

Lebens an seinem Ort.

Plötzlich wandte er sich. Über die Hand lief ihm eine helle Ameise,

nicht wissend wohin auf der allzu großen Fläche. Auch uns, dachte

Ježek, Ameislein, auch uns regt die allzugroße Welt auf: diese

Fernen, Wanderer, diese hartnäckige Panik. Warum läufst du so? Warte,

verweile; ich tu dir nichts, wenn ich auch groß bin. Ach, kleiner

Abenteurer, ist's nur Verwirrung, die dich so jagt? Wilde und

verzweifelte Verwirrung der Einsamkeit? irgendeine Angst? Wo ist denn

ein Tor, durch das du entrönnest?

Nahe, auf Griffweite nah hat sich ein Schmetterling mit weit geöffneten

Flügeln auf eine Blume niedergelassen, wiegt sich auf der weißen Dolde

und bewegt die leichten Flügel, schließt sie und breitet sie aus mit

einer zauberischen und wollüstigen Bewegung, berauschend süß. Ach

bleibe, o Lust! Verzaubere mein Herz nicht mit dieser ewigen Gebärde des

Entfliehens! Bleib und lasse dich schaukeln, liebliches Weilchen,

Sekunde ohne Gleichgewicht, unaussprechlicher Wink! Edle Begegnung nach

solchen Qualen der Reise! Jungfräulich erbebten die Zauberflügel und

jäh, unbegreiflich entschwindet der Falter, Sekunde, Wollust, als

schlösse sich plötzlich ein Tor hinter ihm.

Ježek blickt empor. Wohin ist all das entflogen? Wohin entfliegt ihr,

leuchtende Wolken, in zielloser und unermüdlicher Bewegung? Ach, so

entführt zu werden, wegen nichts, aus gar keinem andern Grunde als wegen

der Größe des Himmels; so entführt zu werden, weil der Raum groß ist und

nicht endet! Weil die Sehnsucht groß ist und nicht endet. Sanfter

Himmel, meine Seele ist friedlich wie meine Augen. Aber warum blickt ihr

bis hinter den Horizont, friedliche Augen? Warum, friedlichste Seele,

findest du immer die dämonische Tugend der Unrast in dir? Wie hoch

segeln die Wolken, schwindlig hoch, — du möchtest sagen, bis am Tore

der Sonne hin.

Puerta del Sol. Ježek sah sich um. Der Mensch, den er gefunden hatte,

war wieder eingeschlafen, und sein Antlitz erschien unklar und zerquält,

friedlich und weit. — Da stand Ježek auf, um ihn nicht zu wecken,

und ging durch den warmen Wald, zerstreut, ohne Frage und wie gesättigt.

Ihm war, als hätte er die Historie eines Lebens vernommen, eine wenig

klare, aber nahe Geschichte, unzusammenhängend, aber nichtsdestoweniger

eine Geschichte. — Ihm war, als hätte er die Historie eines Lebens

vernommen und begönne schon sie zu vergessen.

Kreuzwege · 第 6 / 14 题