Warum ist jener, an den ich denke, welcher sich über den Schreibtisch
beugt, warum ist er so unbewegt, warum wartet er und horcht, daß etwas
außer ihm geschehe; als ob ihm irgendein Ding einen Wink im Kummer
geben könnte und einen Abschluß dieser unendlichen Reihe von
Unsicherheiten, die ihn durchwallt. Alle Dinge um ihn herum sind nur
melancholieverhangene Gewohnheiten; nur die gegenüberstehende Wand der
Gasse hat in der formlosen Stille einen ungewöhnlich dummen und so
unangenehmen Ausdruck, daß der Mensch, leidend, sich dankbar an das
Rasseln einer Droschke auf dem Pflaster hält, als einem Ausgangspunkt
von dieser Sekunde zur nächsten.
Klapp-klapp der Hufe im Räderknarren, langes rhythmisches Kettchen und
Poltern hinter der Ecke, rasches Rasseln auf den Steinen; das ist etwas,
was sich aufrollt in die Ferne wie ein Knäuel, jetzt schon von weitem
immer schwächeres Klappern, ein Ticken so lang wie ein dünner gespannter
Faden, so dünn, daß er fast nicht mehr ist, schon nichts mehr ist als
angespannte Entfernung, unmögliche Länge, und Stille.
Die Stille von innen und außen flossen zusammen wie zwei von nichts
gekräuselte und durchaus gleichartige Wasserflächen. Alles ist durchaus
gleichartig wie eine Fläche, unbewegt und gespannt. Der Mensch beim
Tisch hält den Atem an und sein Herz steht wie eine Fläche. Die Stille
ist gespannt wie ein Tuch, und alles ist still, alle Dinge sind Stücke
der Stille, hineingeplättet in die glatte Ebene ohne Regung Tisch und
Wände, alle Dinge zusammen sind wie eine Zeichnung auf geglätteter
Fläche, klar, ohne Verkürzung und Schatten. Sie sind eine gespannte
Oberfläche, die ohne Falten und Rauheit ist; alle sind in dieser
unstofflichen Ebene enthalten wie in Eis festgefrorene Halme. Nicht
einmal der Mensch beim Tisch ist außerhalb ihrer: er ist dort, ohne
Regung, in der unendlichen Ebene der Dinge, und kann sich ihr nicht
entraffen; wenn er sich rührte, fühlt er, würde eine Entgleisung und ein
Zusammensturz aller Teile erfolgen, ein furchtbares Zusammenschrumpfen
der gespannten Oberflächen. Ohne Erstaunen, ohne Inneres, ohne Zeit.
Angst, daß dies vielleicht der Tod sei, ein Abgang, Vernichtung. Nicht
fühlen, das ist das positive Gefühl des Nichtseins und ein starkes
Leiden am Nichtsein; unbewegter Kampf des Unbewußten um den Gedanken und
Beklemmung in den Grenzen der Leere. Überall Ebene mit trauriger toter
Oberfläche. Und dieses, was steht, ist die Zeit; wäre es möglich, sie zu
bewegen, so zerfiele sie sogleich in tausende Sekunden, die, tot, wie
Staub zerflatterten. Doch der Mensch beim Tisch fürchtet sich zu rühren;
mit all seiner Bangheit und Machtlosigkeit ist er in der Stille
festgelegt wie ein Insekt in durchsichtigem Bernstein; er ist einfach
eingestellt.
Und da Schritte auf dem Gehsteig, schöne, laute und ordentliche.
Die Welt in der reglosen Fläche ist in lautloser Explosion
auseinandergefallen; die eckigen und massiven Dinge reckten sich
krachend auf, der Mensch an seinem Tische breitet sich aus in alle
Richtungen des Raums im Gefühl seiner reichen Verzweigung und seiner in
die Welt getauchten Bewegungen. Die Kanten und Winkel aller Dinge
kündeten sich in rauhem Rauschen des Raums: so rasch liefen sie in ihren
Richtungen, mit Selbstgewißheit und Härte. Das Herz des Menschen ergriff
seinen alten Schmerz, mit starken, starken Schlägen; jener, an den ich
denke, erhob sich, um seiner Trauer Gewicht zu ertragen, und das große
Rad des Seins dreht sich in immer weiteren und schnelleren Kreisen.