Als ein wertvolles Ergebnis dieser in einigen Kapiteln vorgeführten
Expedition kann der Nachweis bezeichnet werden, daß die pelagische
Tiefenfauna in allen Meeresgebieten außerordentlich gleichmäßig ist,
so daß man von tiergeographischen Reichen hier nicht reden kann.
Anders dagegen die schwebenden Oberflächenformen. Sie richten sich
so nach der Temperatur, dem Salzgehalt, dem spezifischen Gewicht und
vor allem nach der inneren Reibung des Seewassers, daß man schon mit
dem Mikroskop den Eintritt in ein neues Stromgebiet nachweisen kann.
Nichts ist überraschender, als diese mit einem Schlage erfolgende
vollständige Änderung im Oberflächenplankton bei dem Übertritt aus
dem Warmwasser in das Kaltwasser und umgekehrt. Nun läßt sich aber
zwischen dem erstaunlich reichen antarktischen und arktischen Plankton
eine gewisse Übereinstimmung feststellen, die so weit geht, daß einige
Formen in beiden polaren Wassergebieten auftreten, welche in den
ungeheuren, dazwischenliegenden Warmwasserzonen durchaus fehlen. Um das
zu erklären, muß man sich vor Augen halten, daß es viele tierische
Organismen gibt, die zu ganz bestimmten Jahreszeiten an der Oberfläche
erscheinen, hier sich derart vermehren, daß sie sich zu dichten
Schwärmen anstauen, um dann so rasch, wie sie gekommen sind, in der
Tiefe wieder zu verschwinden. Im tiefen und kalten Wasser tropischer
Gebiete findet eben, wie auch die Schließnetzbefunde bezeugen, ein
Austausch zwischen arktischen und antarktischen Oberflächenformen statt.
Die Anpassung der Tiefseetiere an die vollständig dunklen Regionen, in
denen sie leben, äußert sich vor allen Dingen in der Rückbildung der
Augen. Ein an der Somaliküste erbeuteter Grundfisch ist völlig blind;
an Stelle der Augen sind zwei in goldenem Metallglanz erstrahlende
Hohlspiegel getreten (Abbildung 20). Aber es läßt sich nicht leugnen,
daß nur bei wenigen Tiefseetieren ein völliger Verlust der Augen
eingetreten ist; manche Fische und Kruster dieser ewig dunklen Regionen
haben sogar wohlentwickelte, oft ungewöhnlich vergrößerte, ja sogar
teleskopisch verlängerte Augen. Was für Lichtstrahlen mögen es sein,
für die sie empfänglich sind? Der Gedanke, daß dieses Licht von den
Tiefseetieren selbst erzeugt wird, liegt nahe und ist auch durch
direkte Beobachtung über allen Zweifel sicher gestellt. Es gewährt
einen feenhaften Anblick, wenn in der Dunkelheit das Vertikalnetz oder
die Dredsche mit ihrem teilweise noch lebenden Inhalt an die Oberfläche
gelangen und die in ihnen enthaltenen Organismen in phosphorischem
Schein erglühen. Bald sondern sie einen leuchtenden Schleim ab, bald
erstrahlt der ganze Körper, bald nur einzelne Leuchtorgane. An den
Zweigen der „Seefedern“, die an der Somaliküste erbeutet wurden,
huschten blitzartig von Polyp zu Polyp übergreifend die Strahlen auf
und ab. Bei manchen Tiefseefischen umsäumen die Leuchtorgane, als
Blendlaternen mit Hohlspiegeln und Linsen ausgestattet, die Seitenteile
des Körpers und den Bauch (Abbildung 16 oben mit dem großen Leuchtfleck
hinter dem Auge und den vielen Leuchtpünktchen am Bauche entlang),
während andere Fische wie Diogenes ihre Glühlämpchen am Kopfe und auf
dem Unterkiefer tragen (Abbildung 16 mitten und unten). Selbst die
Flossenstrahlen können als Träger von Leuchtorganen dienen. Der in
Abbildung 12 und 13 dargestellte Tintenfisch ist mit 24 Leuchtorganen
ausgestattet. Unter allem, was uns die Tiefseetiere an wundervoller
Färbung darbieten, läßt sich nichts auch nur annähernd vergleichen
mit dem Kolorit dieser Organe. Man glaubt, der Körper sei mit einem
Diadem bunter Edelsteine besetzt: das mittelste der Augenorgane glänzt
ultramarinblau und die seitlichen weisen Perlmutterglanz auf; von
den Organen auf der Bauchseite erstrahlen die vorderen in rubinrotem
Glanze, während die hinteren schneeweiß oder perlmutterfarben sind mit
Ausnahme des mittelsten, das einen himmelblauen Ton aufweist.
Schwerlich dürften die Leuchtorgane als Schreckmittel zur Abwehr von
Feinden aufzufassen sein. Die auf die Oberfläche herabgelassenen
elektrischen Schwimmlampen werden immer in kurzer Frist von einer
erstaunlich großen Zahl pelagischer Organismen umschwärmt, die, weit
entfernt, von dem starken und anhaltenden Licht abgeschreckt zu werden,
demselben vielmehr zustreben. Man trifft wohl das Richtige, wenn man in
den Leuchtorganen Lockmittel erblickt, durch die die Beute angezogen
wird. Da aber zum Beispiel bei den Tiefseefischen die Leuchtorgane sich
in ganz bestimmter Anordnung vorfinden, wodurch die verschiedenen Arten
wie die Arten der Landtiere „gezeichnet“ werden, so muß man in den
Leuchtorganen gewiß auch ein Mittel sehen, durch die das Zusammenfinden
der Geschlechter und die Vereinigung der einzelnen Arten zu Schwärmen
begünstigt wird. Die Leuchtorgane in originellen Zeichnungen über
den Körper verteilt, vielleicht in verschiedenfarbigem Licht
phosphoreszierend, was für einen magischen Anblick muß das gewähren!
Wer will die Wunderwelt der Tiefsee in allen ihren Beziehungen
erfassen? Überall Fremdartiges, Erstaunliches, nie Geschautes. Und doch
geht das Neue niemals so weit, daß nicht verwandte Erscheinungen aus
dem Leben an der Erdoberfläche aufzufinden wären. Man glaubt eine alte,
längst vertraute Melodie zu vernehmen, die stets von neuem packend in
unendlichen Abänderungen wiederkehrt.
„In ewig wiederholter Gestalt wälzen die Taten sich um. Aber jugendlich
immer, in immer veränderter Schöne ehrst du, fromme Natur, züchtig das
alte Gesetz.“