8. Einige Ergebnisse der Valdivia-Expedition

Als ein wertvolles Ergebnis dieser in einigen Kapiteln vorgeführten

Expedition kann der Nachweis bezeichnet werden, daß die pelagische

Tiefenfauna in allen Meeresgebieten außerordentlich gleichmäßig ist,

so daß man von tiergeographischen Reichen hier nicht reden kann.

Anders dagegen die schwebenden Oberflächenformen. Sie richten sich

so nach der Temperatur, dem Salzgehalt, dem spezifischen Gewicht und

vor allem nach der inneren Reibung des Seewassers, daß man schon mit

dem Mikroskop den Eintritt in ein neues Stromgebiet nachweisen kann.

Nichts ist überraschender, als diese mit einem Schlage erfolgende

vollständige Änderung im Oberflächenplankton bei dem Übertritt aus

dem Warmwasser in das Kaltwasser und umgekehrt. Nun läßt sich aber

zwischen dem erstaunlich reichen antarktischen und arktischen Plankton

eine gewisse Übereinstimmung feststellen, die so weit geht, daß einige

Formen in beiden polaren Wassergebieten auftreten, welche in den

ungeheuren, dazwischenliegenden Warmwasserzonen durchaus fehlen. Um das

zu erklären, muß man sich vor Augen halten, daß es viele tierische

Organismen gibt, die zu ganz bestimmten Jahreszeiten an der Oberfläche

erscheinen, hier sich derart vermehren, daß sie sich zu dichten

Schwärmen anstauen, um dann so rasch, wie sie gekommen sind, in der

Tiefe wieder zu verschwinden. Im tiefen und kalten Wasser tropischer

Gebiete findet eben, wie auch die Schließnetzbefunde bezeugen, ein

Austausch zwischen arktischen und antarktischen Oberflächenformen statt.

Die Anpassung der Tiefseetiere an die vollständig dunklen Regionen, in

denen sie leben, äußert sich vor allen Dingen in der Rückbildung der

Augen. Ein an der Somaliküste erbeuteter Grundfisch ist völlig blind;

an Stelle der Augen sind zwei in goldenem Metallglanz erstrahlende

Hohlspiegel getreten (Abbildung 20). Aber es läßt sich nicht leugnen,

daß nur bei wenigen Tiefseetieren ein völliger Verlust der Augen

eingetreten ist; manche Fische und Kruster dieser ewig dunklen Regionen

haben sogar wohlentwickelte, oft ungewöhnlich vergrößerte, ja sogar

teleskopisch verlängerte Augen. Was für Lichtstrahlen mögen es sein,

für die sie empfänglich sind? Der Gedanke, daß dieses Licht von den

Tiefseetieren selbst erzeugt wird, liegt nahe und ist auch durch

direkte Beobachtung über allen Zweifel sicher gestellt. Es gewährt

einen feenhaften Anblick, wenn in der Dunkelheit das Vertikalnetz oder

die Dredsche mit ihrem teilweise noch lebenden Inhalt an die Oberfläche

gelangen und die in ihnen enthaltenen Organismen in phosphorischem

Schein erglühen. Bald sondern sie einen leuchtenden Schleim ab, bald

erstrahlt der ganze Körper, bald nur einzelne Leuchtorgane. An den

Zweigen der „Seefedern“, die an der Somaliküste erbeutet wurden,

huschten blitzartig von Polyp zu Polyp übergreifend die Strahlen auf

und ab. Bei manchen Tiefseefischen umsäumen die Leuchtorgane, als

Blendlaternen mit Hohlspiegeln und Linsen ausgestattet, die Seitenteile

des Körpers und den Bauch (Abbildung 16 oben mit dem großen Leuchtfleck

hinter dem Auge und den vielen Leuchtpünktchen am Bauche entlang),

während andere Fische wie Diogenes ihre Glühlämpchen am Kopfe und auf

dem Unterkiefer tragen (Abbildung 16 mitten und unten). Selbst die

Flossenstrahlen können als Träger von Leuchtorganen dienen. Der in

Abbildung 12 und 13 dargestellte Tintenfisch ist mit 24 Leuchtorganen

ausgestattet. Unter allem, was uns die Tiefseetiere an wundervoller

Färbung darbieten, läßt sich nichts auch nur annähernd vergleichen

mit dem Kolorit dieser Organe. Man glaubt, der Körper sei mit einem

Diadem bunter Edelsteine besetzt: das mittelste der Augenorgane glänzt

ultramarinblau und die seitlichen weisen Perlmutterglanz auf; von

den Organen auf der Bauchseite erstrahlen die vorderen in rubinrotem

Glanze, während die hinteren schneeweiß oder perlmutterfarben sind mit

Ausnahme des mittelsten, das einen himmelblauen Ton aufweist.

Schwerlich dürften die Leuchtorgane als Schreckmittel zur Abwehr von

Feinden aufzufassen sein. Die auf die Oberfläche herabgelassenen

elektrischen Schwimmlampen werden immer in kurzer Frist von einer

erstaunlich großen Zahl pelagischer Organismen umschwärmt, die, weit

entfernt, von dem starken und anhaltenden Licht abgeschreckt zu werden,

demselben vielmehr zustreben. Man trifft wohl das Richtige, wenn man in

den Leuchtorganen Lockmittel erblickt, durch die die Beute angezogen

wird. Da aber zum Beispiel bei den Tiefseefischen die Leuchtorgane sich

in ganz bestimmter Anordnung vorfinden, wodurch die verschiedenen Arten

wie die Arten der Landtiere „gezeichnet“ werden, so muß man in den

Leuchtorganen gewiß auch ein Mittel sehen, durch die das Zusammenfinden

der Geschlechter und die Vereinigung der einzelnen Arten zu Schwärmen

begünstigt wird. Die Leuchtorgane in originellen Zeichnungen über

den Körper verteilt, vielleicht in verschiedenfarbigem Licht

phosphoreszierend, was für einen magischen Anblick muß das gewähren!

Wer will die Wunderwelt der Tiefsee in allen ihren Beziehungen

erfassen? Überall Fremdartiges, Erstaunliches, nie Geschautes. Und doch

geht das Neue niemals so weit, daß nicht verwandte Erscheinungen aus

dem Leben an der Erdoberfläche aufzufinden wären. Man glaubt eine alte,

längst vertraute Melodie zu vernehmen, die stets von neuem packend in

unendlichen Abänderungen wiederkehrt.

„In ewig wiederholter Gestalt wälzen die Taten sich um. Aber jugendlich

immer, in immer veränderter Schöne ehrst du, fromme Natur, züchtig das

alte Gesetz.“

Aus den Tiefen des Weltmeeres Schilderungen von der deutschen Tiefsee-Expedition · 第 9 / 18 题