Am Dienstag den 13. Dezember befand sich die „Valdivia“ auf dem
Schnittpunkte des 60. südlichen Breitegrades mit dem 50. östlichen
Längegrad. Wir waren weiter nach Süden gelangt, als wir bei der
Abfahrt von Kapstadt mit unseren kühnsten Erwartungen voraussetzen
durften. Tags zuvor hatte uns das am Morgen aufklarende Wetter bei
mäßigen östlichen und nordöstlichen Winden ermöglicht, den tiefsten
Schließnetzzug bis zu 5000 Metern auszuführen. Gegen Abend frischte
indessen der östliche Wind stürmisch auf, verbunden mit heftigem
Schneetreiben, welches das Schiff mit einer dicken Schneeschicht
bedeckte. Man nutzte die günstige Gelegenheit zu einer regelrechten
Schneeballschlacht aus, die einen unauslöschlichen Eindruck auf unsern
in Kamerun angemusterten Neger machte. Heulend, nicht ohne daß ihm
einige Grüße auf den Wollkopf nachgesendet worden wären, flüchtete er
in die Koje. Der etwas nach Nordost herumgehende stürmische Wind stand
den ganzen 13. Dezember hindurch und erleichterte nicht gerade die
Lotung, welche wir indessen bis zu 5566 Metern tadellos durchzuführen
vermochten. Wiederum gelangten wir gegen 2 Uhr nachmittags in die Nähe
von Treibeis, das uns zu nordöstlichem Ausbiegen nötigte. Wir verloren
es indessen bald außer Sicht und konnten daher den früheren Kurs nach
Osten beibehalten.
Aus fast allen Karten früherer Expeditionen im antarktischen Gebiete
geht deutlich hervor, daß gerade in jener Region, in die wir jetzt
eintraten, die Grenze des Treibeises unter scharfem Winkel weit nach
Süden ausbiegt. Es kann dies nur darin seinen Grund haben, daß eine
etwas wärmere, von den Kerguelen nach Süden reichende Strömung ihren
Einfluß ausübt. Als wir daher in der Frühe des 14. Dezember eisfreies
Meer südlich von uns hatten, wurde die Frage nahegelegt, ob man es
wagen dürfe, einen letzten Vorstoß in rein südlicher Richtung zu
unternehmen. Die Fährlichkeiten, welche einem derartigen Vorgehen im
Wege standen, und denen auch mehrfach Ausdruck gegeben wurde, waren
nicht zu unterschätzen. Denn wenn auch offenes Meer vor uns lag, so
war doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß rückwärtig sich
Felder verschoben, deren Durchbrechen sich für unser in keiner Weise
gegen das antarktische Eis geschützte Schiff kritisch gestaltet hätte:
wurde die Schraube verletzt, so mußten wir bei dem Mangel von Takelage
zur Segelführung auf das Äußerste gefaßt sein. Trotzdem wurde der
Versuch gewagt und nach 6 Uhr morgens der Kurs nahe dem 53. Längegrad
rechtweisend Süd gesetzt. Ein Vergleich mag vielleicht besser als
langausgesponnene Erwägungen die Stimmung wiedergeben, in der man
sich befand. Man denke sich zwei Schachspieler, welche sich zu einer
Partie zusammensetzen; der eine ist der Mensch, der andere die Natur
mit ihren „ewig ehernen Gesetzen“. Die letztere zieht an und tut immer
den denkbar besten Zug. Der Ausgang liegt auf der Hand. Aber wie der
erstere sich wehrt, wie er in die Absichten seines Gegners einzudringen
versucht, um nicht von vornherein die Partie aufzugeben, sondern erst
nach langer Zeit mit Ehren sich schachmatt zu erklären, das ist sein
Verdienst.
Im Verlauf des 14. Dezember ließ sich unser Beginnen vielversprechend
an. Der Wind flaute in der Nacht vollständig ab; die Luft blieb
einigermaßen sichtig, und erst gegen Mitternacht stellte sich Nebel
ein, der uns zu um so vorsichtigerem Vorgehen unter zeitweiligem
Stoppen nötigte, als wir an diesem Tage nicht weniger als 14 Eisberge
passierten. Die zuerst uns begegnenden waren auffällig klein und stark
zersetzt; doch passierten wir um 9 Uhr einen Riesen von 54 Meter Höhe
und 575 Meter Breite.
Das Barometer begann langsam zu steigen, erreichte am 14. um
Mitternacht 748 Millimeter und behielt seine steigende Bewegung auch
an den nächsten Tagen bei. Am 15. Dezember überschritten wir bereits
den 62. Grad und vermochten, begünstigt durch leichten, östlichen Wind,
nicht nur eine Tiefe von über 5000 Metern zu loten, sondern auch eine
Reihe von Zügen mit den Vertikal- und Planktonnetzen auszuführen.
Wiederum begegneten uns kleinere, stark zersetzte Eisberge und eine
Anzahl größerer, bald abgerundeter, bald scharfkantiger Schollen, die
oft nur wenig über die Oberfläche hervortraten und bisweilen unter
Pumpbewegungen auf und niedertauchten.
Die Temperatur des Oberflächenwassers sank bis zu minus 1,5 Grad; mit
ihr hielt denn auch die Lufttemperatur gleichen Schritt. Ein feiner
Staubschnee machte sich während des ganzen Nachmittags geltend, und
gleichzeitig zeigten sich ebenso, wie an dem vorhergehenden Tage,
Masten und Tauwerk stark vereist. Da die Kruste bisweilen 2 Zentimeter
dick wurde und um die Mittagszeit in großen Stücken herabfiel, war
einige Vorsicht bei dem Aufenthalt auf Deck geboten. Das Vorwärtskommen
wurde uns nicht unwesentlich dadurch erleichtert, daß es in der
Nacht trotz des ständig bedeckten Himmels fast taghell war. Bei
der ungewohnten Lichtfülle und der begreiflichen Erregung über den
weiteren Verlauf des Vorstoßes dachte man nur wenig an Schlaf und
suchte nur auf kurze Stunden die Koje auf. Als ich mich am Abend des
15. Dezember zur Ruhe begab, fiel es bereits auf, daß die schweren
Eisschollen häufiger wurden. Gegen 1 Uhr ließ mich der Kapitän wecken,
da wir uns mitten in schwerem Packeis befanden. Der Anblick wird mir
unvergeßlich bleiben: überall starrte es am Horizont von Eisbergen,
während ringsum das Schiff von 15-20 Meter breiten Packeisschollen so
dicht umgeben war, daß ein weiteres Vordringen aussichtslos erschien.
Wir befanden uns auf 64 Grad 14,3 Minuten südlicher Breite und 54
Grad 31,4 Minuten östlicher Länge. Es war der südlichste Punkt, den
wir auf der Fahrt erreicht haben. Um ihn festzulegen, wurde nachts
nach 2 Uhr durch den Navigationsoffizier eine Lotung veranstaltet,
die, dank der Anstrengung aller Beteiligten, glatt von statten ging
und eine Tiefe von 4747 Metern ergab. Die Grundprobe zeigte, wie
schon am vorhergehenden Tage, nicht mehr reinen Diatomeenschlick,
sondern erwies sich zu 90 Prozent aus tonischer Substanz und
kleinen mineralischen Bruchstücken zusammengesetzt. Die letzteren
bestanden, wie die mikroskopische Untersuchung ergab, aus bisweilen 3
Millimeter großen Körnern von Quarz, Feldspat, Glimmer, Hornblende und
vulkanischem Glas. Kieselorganismen waren nur 10 Prozent nachweisbar
und zwar in Gestalt von Diatomeen, denen Radiolarien und Schwammnadeln
beigemischt waren. Ganz glatt ging freilich die Lotung nicht ab, da
schwere Packeisschollen antrieben und mit Stangen von der Bemannung
abgehalten werden mußten. Es galt, aus dem Eise sich herauszuarbeiten,
über dem rauchgraue Albatrosse und schneeweiße Sturmvögel ihre Kreise
beschrieben. Die „Valdivia“ wand sich elegant bei nördlichem Kurs an
den Packeisschollen vorbei; doch wurde es erst gegen Morgen lichter und
uns begreiflicherweise auch freier zumute.
Wir befanden uns nur 102 Seemeilen, nicht viel mehr als eine halbe
Tagesfahrt entfernt von jenem Lande, welches der die Brigg „Tula“
befehligende Kapitän Biscoe am 27. Februar 1831 entdeckt und der
tatkräftigen Firma zu Ehren, in deren Diensten er stand, Enderby-Land
genannt hatte. Er gibt seine Position auf 65 Grad 57 Minuten südlicher
Breite und 47 Grad 20 Minuten östlicher Länge an. Biscoe folgte dem
Lande bis zum 49. Grad östlicher Länge. Drei Jahre später (1834)
sichtete Kemp östlich von Enderby-Land in 66 Grad 25 Minuten südlicher
Breite und 59 Grad östlicher Länge gleichfalls Land, das ihm zu Ehren
Kemp-Land genannt wird. Ob es sich bei Enderby-Land und Kemp-Land
um die Küste des antarktischen Kontinents handelt, oder ob sie mehr
oder minder umfängliche Inseln repräsentieren, wird hoffentlich der
deutschen Südpolarexpedition zu entscheiden möglich sein. An dieser
Stelle kann nur betont werden, daß wir nicht in der Lage waren, bei
der allerdings etwas diesigen Luft in der Nacht vom 15. zum 16.
Dezember deutliche Anzeichen von Land zu gewahren. Der Kapitän glaubte
allerdings, einen im Süden leicht ansteigenden weißen Streifen als
Land ansprechen zu können, doch schien es mir wahrscheinlicher, daß es
sich um ungewöhnlich ausgedehnte Eisberge handelte, wie wir sie noch
am nächsten Tage wahrnahmen. Da der Ostwind nur flau auftrat und das
Barometer langsam weiter stieg bis auf 754,8 Millimeter, konnten wir am
Nachmittag des 16. Dezember, nachdem wir uns völlig aus dem Packeise
herausgearbeitet hatten, eine Reihe von Schließnetzzügen veranstalten
und unsere Vorbereitungen für einen der ergebnisreichsten Tage im
fernen Süden, nämlich den 17. Dezember treffen.
Als ob ein gütiges Geschick uns für alle Mühen und Sorgen der letzten
Zeit hätte entschädigen wollen, so brach ein Tag an, wie er im
antarktischen Süden nur selten einer Expedition beschert wird. Der Wind
flaute in der Nacht zum 17. Dezember vollständig ab, das Barometer
stieg anhaltend und erreichte am Morgen des 17. mit 756 Millimetern
einen so hohen Stand, wie wir ihn seit Verlassen der Bouvet-Insel nur
einmal, am 1. Dezember beobachtet hatten. Wir fuhren in der taghellen
Nacht so ruhig wie auf der Elbe, passierten sieben Eisberge und loteten
nach 5 Uhr unbehelligt eine Tiefe von 4636 Metern.
Da galt es, die ungewöhnlich günstigen Verhältnisse auszunutzen und
ein in Anbetracht der großen Tiefe und der ganzen äußeren Umstände
nicht geringes Wagnis zu unternehmen, nämlich einen Dredschzug mit dem
großen Trawl auszuführen. Wenn man bedenkt, daß man im antarktischen
Meere niemals vor plötzlich einsetzendem stürmischem Wetter oder
dichtem Nebel in der Nähe von Eisbergen sicher ist, so wird man es
begreiflich finden, daß wir seit Verlassen der Bouvet-Insel uns
nicht zu Dredschzügen entschließen konnten. Allerdings hatten die
unerwartet großen Tiefen, welche wir ständig loteten, wesentlich dazu
beigetragen, uns von einer Operation abzuhalten, welche leicht die
bedienende Mannschaft hätte gefährden und uns zudem das Kabel hätte
kosten können. Alle diese Bedenken wurden indessen auf Grund der
Erwägung, daß ein Dredschzug nicht nur über die Tiefseefauna, sondern
auch über die Zusammensetzung des Grundes wertvolle Aufschlüsse liefern
konnte, hintangesetzt. Um 7 Uhr ließen wir das mit zwei eisernen
Oliven beschwerte beste Trawl herab. Es erreichte den Grund kurz nach
12 Uhr, nachdem wir 6400 Meter Kabel ausgegeben hatten. Wir zogen es
hierauf eine Stunde lang über den Grund, wobei der rasch ansteigende
und gelegentlich mehr als fünf Tons betragende Zug darauf hindeutete,
daß es eine schwere Last gefaßt haben mußte. Als wir dann endlich mit
dem Aufhieven des Schleppnetzes begannen, wich die Beklommenheit im
Hinblick auf einen Tag, wie wir ihn auf der ganzen Fahrt in südlichen
Regionen kaum jemals ähnlich ruhig erlebt hatten. Im Osten, gegen
Kemp-Land zu, zeigte sich schweres Packeis, und ein heller Eisblink
überzeugte uns bald, daß wir in dieser Richtung unmöglich mit der
„Valdivia“ weiter vorzudringen vermochten. Die Sonne war nur des
Morgens gegen 8 Uhr auf einen Moment durchgebrochen, der Himmel war
grau verhängt, und vereinzelte Schneetreiben benahmen uns zeitweilig
den Ausblick. Klarte es dann auf, so fand man den Horizont von
gewaltigen Eisbergen begrenzt und überzeugte sich auch durch einen
hellen Eisblink im Süden, daß uns dort der Weg verlegt war.
Reizvoll war das Vogelleben im äußersten Süden. Rauchgraue Albatrosse
segelten ruhig über die mit vereinzelten Packeisschollen bedeckte
Oberfläche. Sie waren uns von der Bouvetregion an treu geblieben,
und ich finde in dem Journal kaum einen Tag verzeichnet, an dem
nicht ihr Erscheinen vorgemerkt wäre. Meist zeigten sie sich zu
zweien oder dreien, selten stieg ihre Zahl auf neun oder zehn.
Mit scharf eingezogenem Kopfe, den Schnabel nach abwärts gesenkt,
folgten sie in anscheinend plumper Haltung stunden- und tagelang dem
Schiffe, ohne die leiseste Ermüdung zu zeigen. Selten nur wird ein
Flügelschlag ausgeführt, während sie den Körper mit seinen mächtig
langen und schlanken Schwingen bald horizontal, bald schräg, bei
Wendungen gelegentlich auch völlig in Seitenlage der Luft darbieten.
Kein antarktischer Vogel fesselt so die Aufmerksamkeit, wie diese
in unhörbarem Fluge dem Schiffe folgenden Segler. Wenn sie sich der
Brücke so nahe hielten, daß man sie fast mit den Händen hätte greifen
mögen, und dabei mit ihren weißumrandeten Augen, die aus dem sammetnen
Schwarzgrau des Kopfes hervorblitzten, aufmerksam dem Treiben der
Menschen folgten, machten sie einen fast gespenstischen Eindruck. Man
glaubt, die ewigen Juden des antarktischen Meeres vor sich zu haben,
welche ruhe- und rastlos ihre Kreise ziehen und dann sich am wohlsten
fühlen, wenn die Wogenkämme vom Sturme gepeitscht zu unerhörter Höhe
anschwellen. Immerhin bemerkte ich einmal -- am 15. Dezember -- mehr
als ein Dutzend grauer Albatrosse, die auf einem kleinen Eisberge
behaglich der Ruhe pflegten.
Die Untersuchung des Mageninhaltes ergab, daß die grauen Albatrosse
sich vorwiegend von Tintenfischen und pelagischen Krustern nähren, aber
auch kleinere Vögel nicht verschmähen. Bei stille liegendem Schiff
ließen sie sich auf dem Wasser nieder und haschten gierig nach den
Abfällen. Der ewige Hunger kennt kein Bedenken und so machten sie sich
bisweilen über ihre eigenen, von uns erlegten Genossen her, hackten
ihnen die Augen aus und richteten sie übel zu, bevor das ausgesetzte
Boot den auf dem Wasser treibenden Kadaver erreichte.
Die Sturmvögel sind echte Hochseeformen, welche oft zutraulich in der
Nähe des stilleliegenden Schiffes sich niederließen und hierbei die
ihnen ein leichteres Auffliegen ermöglichende Luvseite bevorzugten. Bei
Enderby-Land belebten sie in malerischem und traulichem Durcheinander
die Oberfläche gemeinsam mit zahlreichen, auf der ganzen Fahrt uns treu
gebliebenen Kaptauben. Wir fütterten sie mit Speck und Abfällen, welche
die Kaptauben nur von der Oberfläche, die antarktischen Sturmvögel weit
geschickter durch Tauchen zu erhaschen suchten. So eifrig waren sie
damit beschäftigt, daß einer unserer Matrosen mit dem an langer Stange
befestigten Käscher eine Kaptaube von Bord aus fing.
Die blauen Sturmvögel begegneten uns schon in der Westwindregion
und waren von da an die ständigen Begleiter bei der Fahrt längs der
Eiskante bis nach Enderby-Land und weiterhin bis zu den Kerguelen. Sie
sind scheuer als die übrigen Sturmvögel, hielten sich etwas weiter
von dem Schiffe und fischten eifrig in dem Kielwasser. Wenn bei den
Vorbereitungen zum Loten und Fischen der Dampfer rückwärts ging und
die Schraube weithin das Wasser zu weißem Gischt aufwühlte, waren sie
oft in Schwärmen von Hunderten dabei, die aufgewirbelten pelagischen
Organismen zu erbeuten. Ihr Flug ist unruhig und erinnert durch die
raschen Wendungen an jenen der Fledermäuse; einen prächtigen Anblick
gewährt es, wenn bisweilen die Schwärme gleichzeitig eine Drehung
ausführen und die weißen Bauchflächen dem Beobachter zukehren.
Alle Eigenschaften, welche die Sturmvögel zu den liebsten Genossen des
Seefahrers machen, finden sich vereint in dem wunderbaren schneeweißen
Sturmvogel, dem sichersten Zeugen für das nahe Eis. Als ob die Natur
sich selbst habe übertreffen wollen, schuf sie einen Vogel, der an
Anmut des Fluges und reizvoller Färbung seinesgleichen sucht. Das
Gefieder ist schneeweiß und wetteifert bei seinem Seidenglanz mit
dem Weiß des blendend von der Sonne beschienenen Eises. Kein Vogel
hat es mir so angetan, wie dieses Edelweiß des antarktischen Südens;
stundenlang folgte man seinem eleganten Fluge über Wogenkämme und durch
Wellentäler, über Treibeisfelder und stille, vom Eise umsäumte Buchten.
Wie ein Gruß aus fernen heimatlichen Gebieten mutete es an, als
bei Enderby-Land inmitten der schneeweißen Sturmvögel ein Schwarm
niedlicher schwarzer Petersvögel auftauchte und zwischen den
Packeisschollen, von dem Schiffe scheu sich fernhaltend, eifrig nach
Beute spähte. Die Anpassungsfähigkeit dieser Sturmschwalbe an die
verschiedenartigsten klimatischen Bedingungen ist geradezu erstaunlich:
von den Küsten Englands bis herab nach Enderby-Land, durch 120
Breitegrade, bemerkten wir sie um das Schiff. Längs der Treibeisgrenze
tauchte sie öfter, wenn auch stets nur vereinzelt auf, und nur ungern
entschlossen wir uns, bei Enderby-Land ein Exemplar als Belegstück für
die ausgedehnte Verbreitung zu schießen.
In dem antarktischen Meere ist diesen Schwärmen von Vögeln stets
der Tisch gedeckt. Treibeis und Eisberge geben Ruheplätze ab, und
gleichzeitig fördert die Brandung an den eisigen Steilwänden eine Menge
pelagischer Organismen zu Tage, unter denen Krebse nebst Tintenfischen
als Kost bevorzugt werden. Die in den Krustern enthaltenen gelblichen
und rötlichen Öltropfen sammeln sich in dem Kropfe der Sturmvögel zu
ansehnlichen Massen an. Das Öl dürfte sowohl eine Nahrungsreserve für
ungünstige Zeiten abgeben, als auch zur Verteidigung dienen. Wer so
unvorsichtig ist, einen Sturmvogel zu haschen oder einen an der Angel
gefangenen in die Hände zu nehmen, wird von dem wenig aromatischen Tran
besudelt, den der Vogel oft mehrmals hintereinander im Strahle von sich
gibt.
Überraschend war es, daß der Mageninhalt der grauen Albatrosse, der
Eissturmvögel, der antarktischen und schneeweißen Sturmvögel oft
ausschließlich aus Schnäbeln von Tintenfischen bestand.
Unsere Darstellung von dem Vogelleben auf der Hochsee wollen wir
nicht abschließen, ohne einer Gesellschaft flugunfähiger Reisender zu
gedenken, die niemals verfehlten, die Aufmerksamkeit in besonderem
Maße zu fesseln. Es sind dies die antarktischen Pinguine, welche
die niedrigen Plattformen und vorspringenden Zungen der Eisberge
als Standquartier bei ihren Wanderungen benutzten und bei unserer
Annäherung, oft erschreckt durch Flintenschüsse, unter stürmischer
Heiterkeit der Mannschaft die steile Eiszunge aufrechtstehend
hinunterrutschten. Andere landeten wieder, indem sie geschickt eine
Brandungswelle benutzten, um festen Fuß zu fassen und vornübergebeugt
mit zur Balance vorgezogenen Flossen ihre steile Warte zu erklimmen.
Mit ihrem schwarzen Kopfe, Rücken und Flossen und dem weißen gemästeten
Bauche, der nur unter der Kehle ein schwarzes Band aufweist, gleichen
sie von weitem kleinen preußischen Grenzpfählen. Kommt man dann
näher, so erheben sie ein lautes Gezeter, setzen sich in Positur und
schießen auf einem gewissen Körperteil die Rutschbahn hinab in das
Wasser. Hier aber ist der Pinguin in seinem Elemente, und hier fordert
er die Bewunderung und Anerkennung dessen heraus, der ihn zuvor nur
als drollige und selbstverständliche Staffage für die antarktische
Landschaft wollte gelten lassen. Mag der Dampfer noch so rasch
seinen Kurs verfolgen, so überholt ihn der Pinguin mit spielender
Leichtigkeit. Dabei findet er noch Zeit, mit gespreizten Flossen auf
dem Wasser zu liegen, aus den dunklen, fast schalkhaft blickenden
Augen das fremde Ungetüm anzustaunen, um dann mit einem heiseren Rrräh
unterzutauchen. Unter mächtigen Ruderschlägen geht er so tief, daß er
für längere Zeit dem Auge entschwindet. Wenn er dann plötzlich wieder
der Oberfläche nahe ist, schnellt er sich mit dem Körper angeschmiegten
Rudern im Bogen über Wasser und verschwindet von neuem in der Tiefe.
Nichts ist köstlicher, als einen Trupp von Pinguinen zu beobachten, der
seinen Eisberg verläßt und wie eine Herde kleiner Delphine in eleganten
Sprüngen dem Schiffe zustrebt.
Keinem Sturmvogel wird der Nahrungserwerb so leicht gemacht, wie diesem
berufsmäßigen Taucher: wir fanden den Magen des antarktischen Pinguins
oft vollgepfropft mit Leuchtkrebsen, welche größer waren, als die von
uns erbeuteten.
Es ist schwer, die Erregung zu schildern, die sich aller bemächtigt
hatte, als nach 4½stündigem Aufhieven abends gegen sechs Uhr das
Trawl der Oberfläche nahe kam. Alle Vorrichtungen waren getroffen, um
es rasch und unversehrt an Bord zu bekommen, zumal da es sich ergab,
daß die schwere Last, welche der Dynamometer angezeigt hatte, nicht
von Schlamm, sondern von Gesteinsmassen herrührte. Da lag zunächst
obenauf im unversehrten Netzbeutel ein fünf Zentner schwerer, roter
Sandstein mit deutlich eingerissenen Gletscherschliffen. Soweit er in
den Tiefseeboden eingesunken war, zeigte er schwarzen Ton, der von dem
weißlichen Diatomeenschlick scharf abstach.
Mit Genugtuung wurde dieser schwarzweiß-rote Gruß aus der antarktischen
Tiefsee in Empfang genommen. Der Sandsteinblock kann einen Roman
berichten: Ursprünglich ein auf dem antarktischen Festlande anstehendes
Gestein, wurde er von den Gletschern geschrammt, losgelöst und an der
Basis eines Eisriesen in das Meer hinausgetragen. Durch den Einfluß
des warmen Tiefenwassers abgetaut, sinkt er in 4636 Meter nieder,
liegt dort friedlich gar lange Zeit, bis er von dem Schleppnetz einer
Tiefsee-Expedition gefaßt, zur Oberfläche befördert und später der
Äquatorsonne des indischen Ozeans ausgesetzt wird. Nun paradiert er
vor einer wißbegierigen Studentenschaft auf dem Vorlesungstisch als
stummer und doch wieder beredter Zeuge, daß Enderby-Land offenbar nicht
vulkanischer Natur ist.
Hatten schon allein die gewonnenen Gesteinsproben die Mühen des
Dredschzuges reich entschädigt, so waren wir nicht minder überrascht
über die verhältnismäßig große Zahl tierischer Organismen, welche in
diesen gewaltigen Tiefen bei einer Temperatur von -0,5 Grad Celsius
leben. In den Schwabbern des Trawl hingen zwei eigenartige Ascidien
(muschelartige Seescheiden) von fast Faustgröße, die an einem
stricknadeldünnen, über 1 Meter langen Stiele auf dem Grunde befestigt
waren. Offenbar flottieren sie an ihrem strickartigen Stiel wie eine
Boje, da kaum abzusehen ist, daß er den Körper zu stützen imstande
ist. Neben ihnen fielen uns zwei gestielte Seelilien auf (Abbildung
17). Besonders zahlreich waren die Schlangensterne (Ophiuren)
(Abbildung 18) vertreten. Wenn wir ferner noch hervorheben, daß eine
zerbrochene Seeigelschale, mehrere wohl erhaltene Hydroid-Polypen,
Glasschwämme und zahlreiche auffällig große Foraminiferen (einzellige
Kalkschalentierchen) in dem Netze enthalten waren, so ergibt sich
ein in Anbetracht der immerhin beträchtlichen Tiefe bemerkenswerter
Reichtum an Organismen.
Kaum hatten wir das Schleppnetz an Bord, als dichter Nebel sich
einstellte, und uns nötigte, unter äußerster Vorsicht bei nördlichem
Kurse vorzufahren. Als es endlich um 10 Uhr abends aufklarte, war
das Schiff wieder von schwerem Packeis umgeben. Während wir uns
durch dasselbe hindurchwanden, gewahrten wir im Osten den größten
Eisberg, der uns auf der ganzen Fahrt begegnete. Wir glaubten erst die
antarktische Eismauer vor uns zu haben, überzeugten uns aber späterhin,
daß es sich um eine förmliche Eisinsel handelte, die wir leider bei dem
Lavieren durch das Packeis nicht genauer zu messen imstande waren. Die
Schätzungen von Kapitän und Offizieren bezüglich ihrer Breite bewegten
sich zwischen vier und fünf Seemeilen. Wie an dem vorhergehenden
Tage, so trafen wir auch diesmal auf eine durch erdige Beimengungen
schokoladenbraun gefärbte Eisscholle.
Nachdem wir uns zum zweitenmal aus dem Packeis herausgearbeitet hatten,
begann das Barometer rasch zu fallen. Der aus Ost-Nord-Ost wehende
Wind wurde zum vollen Sturme und erreichte am Sonntag den 18. Dezember
um Mittag die Stärke 10 nach der Beaufortskala. Welcher Kontrast
zwischen gestern und heute! Im Schneesturme donnerten die Wogen gegen
das Schiff, mehrfach auftretende Nebel hinderten an einem raschen
Vorwärtskommen, und nur mit Mühe war es uns noch in der Frühe gelungen,
unsere Temperaturserie durch eine mit der Lotmaschine gewonnene
Temperaturprobe aus 3000 Metern Tiefe zu ergänzen. An ein weiteres
Vordringen nach Süden respektive Osten war unter diesen Umständen
nicht mehr zu denken, und so wurde denn der Kurs gegen die Kerguelen
genommen. Waren wir bisher drei Wochen lang bei unserer Fahrt längs der
Treibeisgrenze ungewöhnlich vom Wetter begünstigt gewesen, so erhält
der letzte Abschnitt unserer Fahrt im kalten Gebiet sein Merkmal durch
eine fortlaufende Reihe schwerer Stürme, welche uns fast an allen
Arbeiten behinderten. Fünf Tage hindurch, vom 18.-22. Dezember, hielten
die stürmischen, mit dichtem Schneetreiben verbundenen östlichen
Winde an und erreichten zeitweilig, so am 20. und 22. Dezember, die
Windstärke 10 nach der Beaufortskala. Ein Umschlag erfolgte unter dem
56. Breitegrad am 22. Dezember, indem der Wind nach Norden und an den
folgenden Tagen nach Nordwest und West umsprang, ohne indessen an
Stärke einzubüßen. Der Eintritt in die Westregion wurde am 22. Dezember
durch energische Schwankungen im Luftdruck angedeutet, insofern der
Barograph innerhalb 12 Stunden ein Fallen um 21 Millimeter verzeichnete
und mit 725 Millimetern den niedrigsten auf der Reise beobachteten
Luftdruck markierte. Eine gewaltige Dünung aus Nordwest und West, deren
erste Anzeichen wir bereits unter dem 61. Grad bemerkten, gelangte
gegen den durch die östlichen und nordöstlichen Winde bedingten Seegang
stets zum Durchbruch und gewann schließlich die Oberhand. Mehrmals
mußten wir beidrehen und gegen die überholende See andampfen. Von der
Brücke bietet sich dann ein gewaltiges Schauspiel dar: der Sturm heult
und pfeift durch Masten und Tauwerk, der nasse, rasch tauende Schnee
wird horizontal ins Gesicht getrieben, und die Wogen erreichen eine
Höhe, wie wir sie auf der ganzen Reise nicht erlebten. Das Schiff
erklimmt die Wellenberge und saust dann in die Täler nieder, um, am Bug
in Gischt eingehüllt, wieder elegant aufzusteigen. Selbst das Deckhaus
wurde überspült, und kaum vermochten wir bei dem schweren Rollen
den Verkehr an Bord aufrecht zu erhalten. Trotzdem gelang es uns,
begünstigt durch den Umstand, daß der Wind mehrfach nach Mitternacht
abflaute und erst im Laufe des Vormittags wieder aufbriste, bis zu
den Kerguelen eine Serie von sechs Lotungen durchzuführen. Zweimal
mußten die Lotungen wegen des schweren Seeganges abgebrochen werden,
doch bewährte sich auch unter diesen Verhältnissen die Lotmaschine
trefflich, indem sie eben so exakt, wie unter normalen Verhältnissen
den Aufschlag des Lotes auf den Grund anzeigte.
Auffällig war auf dieser Route das frühzeitige Verschwinden der
Eisberge; wir trafen am 19. Dezember die letzten, unter ihnen einen
tafelförmigen Riesen von 455 Metern Länge, unter 61 Grad 22 Minuten
südlicher Breite an. Gleichzeitig begann die Oberflächentemperatur des
Wassers sich zu heben; während wir am 16. Dezember noch minus 1,8 Grad
(inmitten des Packeises minus 0,8 Grad) gemessen hatten, betrug am 20.
Dezember die Oberflächentemperatur 0 Grad, und stieg dann anhaltend bis
auf plus 3 Grad am 24. Dezember.
Den Weihnachtsabend verbrachten wir in froher Erwartung des
Christgeschenkes, das sich uns am folgenden Tage in Gestalt der
Kerguelen darbieten würde. Die siebentägigen Stürme hatten uns an
allen Arbeiten behindert. Die Luken waren geschlossen und in den
Laboratorien sah es wunderlich genug aus. Mit dreieckigen Klötzchen
hatte man Gläser und Flaschen festgeklemmt; Mikroskope, Lupen und all
der Kleinkram, dessen der Beobachter bedarf, waren angeschraubt und
mit Lappen und Watte umwickelt. Als ob neckische Heinzelmännchen sich
jeden Unfug hätten erlauben können, so sprang trotzdem gar manches
bei dem Stampfen des Schiffes aus seinem Behälter und bisweilen sah
es in den Arbeitsräumen -- um mit Fritz Reuter zu reden -- aus „as
up de leiwe Gottesird vör den irsten Schöpfungsdag.“
Man hatte Zeit genug, sich zum Bescherabend zu rüsten. Das Pianino
erhielt neue Saiten aus Lotdraht; der aus grünem Papier und Stäben
gefertigte Christbaum wurde an der Decke des Salons festgebunden,
während die Mannschaft einen ebensolchen in der Kambüse mit Konfekt
und Würsten dekorierte. Man mußte darauf verzichten, die Geschenke,
zarte Erinnerungen an die schwachen Seiten unserer Mitglieder,
säuberlich auszubreiten, und war froh, wenn man sie unversehrt aus den
Rocktaschen hervorholen konnte. Gar bald rollten sie, untermischt mit
Pfannkuchen, die der Koch unter schwierigen Verhältnissen bereitet
hatte, auf dem Boden zu nicht geringer Befriedigung unseres Dachshundes
„Dacki“. Immerhin lernte man bald, auf das Wohl der Angehörigen, die
über hundert Breitegrade entfernt unser gedenken mochten, anzustoßen.