Orpheus, wie man erzählt, stieg seine Frau zu suchen in die Hölle
herab. Und wo anders, als in der Hölle, hätte Orpheus auch seine
Frau suchen sollen?
Man sagt, er sei singend herabgestiegen. Ich zweifle im geringsten
nicht daran; denn solange er Witwer war, konnte er wohl vergnügt sein
und singen.
Berge, Flüsse, und Steine folgten seinen Harmonien nach; und wenn er
auch noch so schlecht gesungen hätte, so wären sie ihm doch
nachgefolgt.
Als er ankam und seine Absicht entdeckte, hörten alle Martern auf.
Und was könnten für einen so dummen Ehemann wohl noch für Martern
übrig sein?
Endlich bewog seine Stimme das taube Reich der Schatten; ob es gleich
mehr eine Züchtigung als eine Belohnung war, daß man ihm seine Frau
wiedergab.
[Übersetzung der Ode des Horaz "Ad Barinen"]
Ode 8. Lib. II.
Hätte dich je des verwirkten Meineids Strafe getroffen; würde nur
einer deiner Zähne schwarz; nur einer deiner Nägel häßlicher; so
wollt ich dir glauben,
Kaum aber hast du das treulose Haupt mit falschen Gelübden verstrickt;
so blühst du weit schöner auf, und trittst stolz einher, aller
Jünglinge sehnlichstes Augenmerk.
Dir steht es frei, der Mutter beigesetzte Asche, die stillen Gestirne
der Nacht, und den ganzen Himmel, und alle unsterblichen Götter zu
täuschen.
Venus selbst, wie gesagt, lachet darüber; die guten Nymphen lachen;
es lachet der immer brennende Pfeile auf blutigem Wetzstein
schleifende, strenge Kupido.
Noch mehr: nur dir reitet die Jugend alle, nur dir wachsen in ihr
immer neue Sklaven auf; und noch können die Alten dich, ihre
gewissenlose Gebieterin, nicht meiden, so oft sie es auch gedroht.
Dich fürchten die Mütter für ihre Söhne; dich fürchten die geizigen
Alten; dich fürchten die armen nur erst verheirateten Mädchen, um
deren Männer es geschehen ist, wenn sie einmal deine Spur finden.
"Ad Barinen" wird die Ode überschrieben. Diese Barine war ohne
Zweifel eine Freigelassene, welche das Handwerk einer Buhlerin trieb.
Tan. Faber hat diesen Namen in Carine verwandeln wollen, weil
Barine weder griechisch noch lateinisch sei; und Dacier billiger
diese Veränderung. Konnte aber eine Sklavin, welches Barine gewesen
war, nicht leicht aus einem barbarischen Lande, von barbarischen
Eltern entsprossen sein?
[An Mäcen]
Du, durch den einst Horaz lebte, dem Leben ohne Ruhe, ohne
Bequemlichkeit, ohne Wein, ohne den Genuß einer Geliebten kein Leben
gewesen wäre; du, der du jetzt durch den Horaz lebst; denn ohne Ruhm
in dem Gedächtnisse der Nachwelt leben, ist schlimmer als ihr gar
unbekannt zu sein;
Du, o Mäcen, hast uns deinen Namen hinterlassen, den die Reichen und
Mächtigen an sich reißen, und die hungrigen Skribenten verschenken;
aber hast du uns auch von dir etwas mehr als den Namen gelassen?
Wer ists in unsern eisern Tagen, hier in einem Lande, dessen
Einwohner von innen noch immer die alten Barbaren sind, wer ist es,
der einen Funken von deiner Menschenliebe, von deinem tugendhaften
Ehrgeize, die Lieblinge der Musen zu schützen, in sich häge?
Wie habe ich mich nicht nach einem nur schwachen Abdrucke von dir
umgesehen? Mit den Augen eines Bedürftigen umgesehen! Was für
scharfsichtige Augen!
Endlich bin ich des Suchens müde geworden, und will über deine
Afterkopien ein bitteres Lachen ausschütten.
Dort, der Regent, ernährt eine Menge schöner Geister, und braucht sie
des Abends, wenn er sich von den Sorgen des Staats durch Schwänke
erholen will, zu seinen lustigen Räten. Wieviel fehlt ihm, ein Mäcen
zu sein!
Nimmermehr werde ich mich fähig fühlen, eine so niedrige Rolle zu
spielen; und wenn auch Ordensbänder zu gewinnen stünden.
Ein König mag immerhin über mich herrschen; er sei mächtiger, aber
besser dünke er sich nicht. Er kann mir keine so starken
Gnadengelder geben, daß ich sie für wert halten sollte,
Niederträchtigkeiten darum zu begehen.
_Corner_, der Wollüstling, hat sich in meine Lieder verliebt. Er
hält mich für seinesgleichen. Er sucht meine Gesellschaft. Ich
könnte täglich bei ihm schmausen, mich mit ihm umsonst betrinken, und
umsonst auch die teuerste Dirne umfangen; wenn ich nur mein Leben
nicht achtete; und ihn als einen zweiten Anakreon preisen wollte.
Ein Anakreon, daß es den Himmel erbarme! welcher das Podagra und die
Gicht hat, und noch eine andre Krankheit von der man zweifelt, ob sie
Columbus aus Amerika gebracht hat.
[Bruchstück einer Ode auf den Tod eines Freundes]
Die ich dich nie dem Chor unschuldger Scherze raubte,
Und schwer beklemmt zu bangen Klagen rief,
Die Rosen heut, o Muse, von dem Haupte,
Das gestern noch im Schoß der frohen Jugend schlief;
Und aus der freien Rechte
Den fürchterlichen Stab,
Den, als der Pindus jüngst in Libers Laube zechte,
Dir der vergnügte Wirt zum Freundschaftspfande gab;
Reiß schnell, der Weste Spiel, das flatternde Gewand
In schmutzig unachtsame Falten!
Und trenn mit ungestümer Hand
Die Perlenschnur, bestimmt das güldne Haar zu halten.
***
Nun nimm sie hin, die mir getreuen Saiten,
Und stimme sie zum Trauerten herab,
Zum Ton geschickt die Seufzer zu begleiten,
Und fromm zu schallen um ein Grab.