Da geriet der Alte in großen Zorn und rief: »Dafür strafe dich Gott!«

Der Jurris senkte den Kopf und sagte: »Gott wird mir vielleicht

vergeben, denn es war gar zu schwer.«

Der Alte aber schrie: »Nein, Gott wird dir _nicht_ vergeben. Ebenso

wenig, wie _ich_ dir vergebe, daß du mich in so große Ungelegenheit

gebracht hast.«

Und er lief auf seinen Schlorren umher wie ein Rasender.

Nach einer Weile sagte er weiter: »Natürlich muß die Hochzeit früher

stattfinden. So früh als möglich muß sie stattfinden, damit nicht

vielleicht hinterher ein Stein auf mich geworfen wird. Aber das sage ich

dir: Kummer und Drangsal werden mit euch zu Tische sitzen, und der Tod

wird hinter euch stehen, weil du den Willen Gottes so wenig geachtet

hast, und den Willen deines Vaters noch weniger.«

Da ging der Jurris traurig hinaus und sprach mit keinem ein Wort, nur

daß er zur Marinke, die in Ängsten stand, im Vorübergehen sagte: »Er hat

es erlaubt.«

Und alsbald erhob sich im Hause ein großes Rumoren, denn die

Vorbereitungen zur Hochzeit sollten sogleich beginnen.

Das Aufgebot war bestellt beim Standesamt sowohl wie beim Pfarrer, und

der Jozup erschien am hellen Vormittag auf einem mit Bändern

geschmückten Pferde und selber mit Bändern geschmückt an Achseln und

Hutrand. Dem reichte die Mutter eine lange Liste hinauf in den Sattel

von allen den Gästen, die zu der Hochzeit zu laden waren.

Und die Marinke wurde geschickt, ihm den Festtrunk zu zapfen.

Als sie das Glas zu ihm hochhob, packte er es so gierig mit seinen

Händen, daß sie die ihren nicht lösen konnte. Und so hielt er sie fest

und sagte: »Wenn ich nun losreite, dann mußt du mit und kommst nicht

mehr frei bis ans Ende der Welt.«

Und sie sagte erschrocken: »Dann wärst du ein schlechter

Hochzeitsbitter.«

Er trank und sprengte lachend davon, sie aber fühlte seine Hände brennen

bis gegen Abend.

Es war gerade die Zeit der Hafereinfuhr und des ersten Pflügens, aber

beides mußte hintangestellt werden, weil es im Hause soviel zu tun gab.

Und die Leute im Dorf wunderten sich und sagten: »Die Marinke ist doch

erst so kurze Zeit hier; sollten die beiden schon vorher miteinander

gekramt haben?«

Es war ein Glück, daß der Alte durch keinen erfuhr, daß er gerade das

Gegenteil davon erreichte, was seine Absicht gewesen war; er hätte sich

sonst vielleicht den Schlag an den Hals geärgert. Der Jurris aber

erfuhr's. Dem steckte es der Jozup nur allzubald.

Und obgleich im Grunde ja nichts dabei war, so grämte er sich doch immer

noch mehr und dachte in seinem Herzen: »Sollte so das Unglück bereits

beginnen?«

Und der Jozup bestärkte ihn noch und warf immer neue Kohlen ins Feuer.

Die Marinke hingegen tröstete ihn und sagte: »Wenn zweie sich liebhaben,

für die gibt es kein Unglück und kein Verschulden, denen steht Gott zur

Seite und nimmt den Eidbruch von ihrer Seele und noch viel Schlimmeres.«

Sie war nun wieder ganz obenauf, und wenn sie ihn heimlich im Arm hielt,

vergaß sie alles, auch daß sie vor kurzem noch so große Angst gehabt

hatte. Dabei arbeitete sie für dreie, und Töpfe und Eimer und Garben und

was sie zu fassen bekam, flog wie Spielzeug durch ihre dankbaren Hände.

Der Jurris aber hielt's mit dem Müßiggang. Sie mochte ihm noch so viel

zureden, seine Arbeit wurde nur halb getan, und wäre nicht

glücklicherweise ein Scharwerker zu mieten gewesen, wer weiß, ob der

Hafer nicht ins Faulen gekommen wäre. Dafür trieb er sich um so mehr auf

dem Haffe herum. In einer Zeit, in der keiner, der Landwirtschaft hat,

ans Fischen nur denken kann, machte er sich morgens und abends draußen

zu schaffen.

Der Frühherbstregen setzte ein, und oft kam er naß bis auf die Knochen

vom Ufer nach Hause. Aber im Käscher hatte er nichts. Nur auf das

Draußensein kam es ihm an.

Die Marinke küßte ihm beide Hände und sagte: »Jurris, Jurris, es tut dir

ja keiner was.« Aber auch das half nicht viel.

Eines Morgens wehte stark der »Aulaukis«, der Südwest, den die Fischer

nicht mögen, besonders wenn Regen als Zugabe kommt.

Als die Marinke hinaussah, dachte sie: »Nun, heute wird er wohl nicht

gefahren sein,« aber wen sie zum Frühstück nicht finden konnte, weder im

Hof noch auf dem Felde, das war der Jurris.

Die Vormittagsstunden vergingen, und sie dachte: »Um Gottes willen, wo

bleibt der Jurris?«

Und als er zum Mittagbrot noch nicht da war und auch die Mutter das

Fürchten bekam, da hielt sie sich nicht länger, sondern sprang von der

Mahlzeit auf und rannte hinaus und dem Strande zu.

Schon als sie quer durch die Wiesen lief, erkannte sie: das war kein

Wind mehr, das war ein Sturm. Und der Regen bohrte wie Hagelschlacken.

Die Tür des Schuppens schlug auf und zu, und der Handkahn war weg.

Vom Haffwasser ließ sich nicht viel erkennen, denn die Regenwolken

strichen ganz niedrig darüber hin, aber die Strandwellen gingen so hoch,

als wollten sie jeden auffressen, der ihnen zu nah kam, und das Rohr

schrie, als hätte es eine Menschenstimme bekommen.

Die anderen Kähne waren alle zurückgeschoben, so weit, daß die Wellen

sie nicht erreichen konnten, und die Marinke dachte bei sich: »Jetzt muß

ich hinausfahren -- muß ihm entgegenfahren.«

Aber wenn sie einen Kahn bis an das Wasser herangebracht hatte, dann

schlugen die Wellen ihn sofort zur Seite, so daß er beinahe kieloben

lag.

Da sah sie ein, daß ihr Wille voll Unvernunft war und daß sie davon nur

den Tod haben würde.

Und sie warf sich im nassen Sande auf die Kniee, wie sie es jüngst vor

ihrem Bette oft getan hatte, und dachte es durch Beten zu zwingen.

Aber kein Kahn kam aus den Regenwolken gekrochen, und keine

Menschenstimme rief: »Da bin ich.«

Ja, _eine_ Menschenstimme war da. Ganz plötzlich schallte sie ihr in die

Ohren und sagte: »Was machst du?«

Und diese Stimme gehörte dem Jozup.

Da vergaß sie alles, was sie gegen ihn auf dem Herzen gehabt hatte, und

hob die gefalteten Hände zu ihm auf und flehte ihn an, er möchte mit ihr

hinausfahren. Für sie allein sei es zu schwer. Aber zusammen würden sie

ihn schon finden.

Litauische Geschichten · 第 58 / 69 题