Und sie erwiderte immer ins Leere hinaus: »Es hat nicht gestimmt.«

»Um wieviel hat es nicht gestimmt?« fragte die Mutter.

Sie besann sich einen Augenblick und erwiderte dann: »Mehr als funfzig

Mark sind es, die fehlen.«

Da lachte die Mutter und sagte: »Die schick' ich noch in der Frühe und

lege funfzig als Zinsen dazu. Die kann sich der Wieszpatis sauer

kochen.«

Und die Marinke entgegnete heftig: »Um das Geld ist es nicht. Das hat er

mir gleich geschenkt. Der Verdacht ist es -- die Schande ist es, daß der

Schweizer nun sagen wird: >Eine lüderliche Kröt' ist vor mir im Amte

gewesen.< Oder er sagt gar noch Schlimmeres.«

Die Mutter schalt sie, daß sie sich mit so unnützen Sorgen abgab, aber

in ihrem Innern freute sie sich darüber, daß Gottes Gnade ihrem Jurris

eine so rechtschaffene Frau hatte bescheren wollen.

Und sie sagte: »Morgen fahr' _ich_ mit der Milch, und wenn ich deinen

Herrn Westphal seh', dann sag' ich ihm ordentlich die Meinung, weil er

ein ehrliches Mädchen in schändlichen Ruf gebracht hat. Ja, das werd'

ich tun und fürcht' mich nicht im geringsten.«

Als sie das sagte, hatte die Marinke zuerst ein sehr erschrockenes

Gesicht gemacht. Dann aber lächelte sie ein weniges, wie man zu

Kinderworten wohl lächelt. Dem Herrn Westphal trat kein Mann und keine

Frau mit Vorwürfen unter die Augen. Dem nahte man höchstens mit einer

Bitte im Munde.

Nicht ohne Grund nannten die Leute ihn weit und breit den »Wieszpatis«.

Das heißt auf deutsch »König und Herrscher«. Und der liebe Herrgott

heißt auch so.

6

Am nächsten Morgen benahm sich die Marinke fast wieder so wie

gewöhnlich.

Sie küßte der Mutter den Ärmel und gab dem Jurris die Hand. Aber warum

er sich gestern versteckt hatte, danach fragte sie nicht. Sie fragte

überhaupt nichts mehr, sondern ging still an die Arbeit.

Die Tage verflossen. Der Roggen kam trocken herein, und Erbsen und

Gerste nicht minder. Es war ein Jahr, gesegnet, wie wenige sind. Keine

Trespe und kein Brand, nichts Ausgewintertes und nichts Enthülstes.

»Die Laumen meinen es gut mit uns,« sagte die Mutter, »seit das Kind bei

uns wohnt.«

Und der Vater sagte: »Wenn nur nicht --« Aber das weitere verschwieg er.

Zwischen der Marinke und dem Jurris wurde es nie mehr so, wie es gewesen

war. Sie gingen wohl freundlich nebeneinander her und sprachen auch, was

der Augenblick brachte, aber zusammen allein zu sein, das suchte der

eine nicht und auch nicht der andere.

Und jeder grämte sich auf seine Art.

Wenn die Marinke sich unbeobachtet glaubte, dann hing sie mit fragenden

und ängstlichen Blicken an seinem Angesicht, und er wieder ging um sie

'rum wie ein Dieb und scheute sich, sie zu berühren.

Auch von der kommenden Hochzeit war nie mehr die Rede. Höchstens daß die

Mutter einmal von der Aussteuer sprach und zu wissen begehrte, was das

Elternhaus ihr wohl mitgab.

Der Jozup kam Tag für Tag. Wenn der Feierabend nahte, dann war er da.

Und beide Freunde saßen vorm Pferdestall und rauchten oder aßen unreife

Äpfel.

Einmal, als die Marinke das Rindvieh von der Weide heimtrieb, tauchte

der Jozup neben ihr auf und begann ein Gespräch.

»Hast du auch schon den Schwiegereltern das Stück Brautleinwand

geschenkt,« sagte er, »und Rautenblüte hineingelegt?«

»Warum sollt' ich das?« fragte sie. »Ich bin die Magd hier und sonst

nichts.«

»Das hast du mir schon einmal gesagt,« erwiderte er. »Es ist Zeit, daß

du freundlicher zu mir wirst, denn ich bin drauf und dran, dir die

Hochzeitsgäste zusammenzubitten.«

»Ich weiß von keiner Hochzeit,« erwiderte sie.

Er stieß ein Gelächter aus. »Aber im Leibe sitzt sie uns schon, als

hätten wir Tollwasser gesoffen. Ich lieg' bis zum Morgen und denk' an

die Braut und die Brautnacht und soll doch bloß der Brautführer sein.

Vom Jurris red' ich nicht, der schwitzt Öl vor Angst, wenn er daran

denkt, die Junggesellenschaft zu verlieren, aber du, mein

Tausendschönchen, du siehst mir nicht danach aus, als ob dir sehr davor

graute, über ein Heunetz geworfen zu werden. Bloß er tut es nicht, der

ehrbare Bräutigam. Vielleicht nimmt er sich einen Vertreter.«

Der Weg war schmal, darum mußte sie das lästerliche Gerede anhören, und

als sie es ihm gerade verweisen wollte, da kam ihr mit eins der Gedanke:

»Vielleicht weiß er mehr von mir, als mir gut ist; sonst könnte er gar

nicht so dreist sein.«

Und sie fürchtete sich so sehr vor ihm, daß sie nur den Kopf senkte und

ihn reden ließ, was er wollte.

Auch dem Jurris sagte sie nichts, obwohl sie innerlich wünschte, er

möchte ihn mit der Peitsche vom Hof hinunterjagen.

Und bald darauf kamen Tage voll neuer Herzensangst. Die drückten noch

härter als alles, was vordem gewesen war.

Sie lief von der Arbeit weg und versteckte sich in der Scheune, um in

den Garben nach Brandkörnern zu suchen, sie irrte im Dorfe umher, ob

nicht irgendwo ein Sadebaum sich über den Zaun hinstreckte, und ihre

Füße waren verbrüht von kochendem Wasser.

Nachts lag sie auf den Knieen und betete, aber bei Tage machte sie

freundliche Augen. Mit denen täuschte sie alle, nur die Schwiegermutter

täuschte sie nicht.

Die legte eines Tages die Arme um ihren Hals und sagte: »Mein Täubchen,

du bist nun bei uns schon bald sechs Wochen, und ich habe dich wohl

geprüft. Wenn ich dir sage, daß ich dem Jurris nichts Besseres wünsche

als dich, so weißt du, wie ich gesonnen bin. Aber uns Frauensleuten

spielen die Männer oft so schlimme Streiche, daß wir ins Unglück kommen

und wissen nicht wie. Darum, sollte es dir vielleicht ebenso gehen, nimm

deinen Mut zusammen und suche gutzumachen, was sich noch gutmachen läßt.

Auf etwas Täuschung kommt es dabei nicht an, nur muß man den Knaben

liebhaben, wenn man ihn täuscht.«

Wie die Mutter diese Worte gemeint hatte, vermochte Marinke nicht zu

ergründen, aber gute Wirkung taten sie doch. Denn nun hörte sie auf, in

Verzagtheit am Boden zu knieen, und sann darüber nach, wie sie dem

Jurris wieder nahkommen könne. Leicht war das nicht, denn in den Garten

ging er zum Feierabend nie mehr, und nie mehr wollte er einen Gang mit

ihr machen.

Am nächsten Sonntag, so um die Dämmerstunde, hörte sie, wie er zum Alten

sagte: »Ich bin schon lange nicht mehr am Ufer gewesen, ich muß einmal

nach dem Kahn und dem Schuppen sehn.«

Wäre alles zwischen ihnen gewesen wie früher, so hätte er jetzt zu ihr

gesagt: »Komm mit!« und wäre mit ihr an der Hand durchs Hoftor gegangen.

Aber statt dessen schlich er sich um die Scheune herum und kroch durch

die Zäune und blickte verstohlen zurück, ob es auch niemand bemerke.

Da sagte sie sich: »Ich tu's.« Und ging ihm nach. Aber sie ließ eine

weite Entfernung, so daß seine scharfen Augen sie nicht erkennen

konnten, sonst hätte er womöglich einen anderen Rückweg genommen.

Als sie wohl eine Viertelstunde gegangen war, setzte sie sich auf den

Grabenrand und wartete.

Die Dunkelheit fiel herab, und rings um sie sangen die Heimchen.

Da schämte sie sich sehr, daß sie mit schiefen Gedanken im Kopfe hinter

ihm herlief. Wäre es wie früher aus großer und reiner Liebe geschehen,

so hätte sie sich kein Gewissen gemacht, aber nun die Not sie zwang, kam

sie sich als eine Betrügerin vor. Dabei fühlte sie wohl, daß ihre Liebe

zu ihm nur noch größer und reiner war. Aber es hätte ihr keiner

geglaubt. Und auch sie selber glaubte es kaum.

So verging eine geraume Zeit, da hörte sie seine Schritte näherkommen.

Beinahe wäre sie jetzt noch weggelaufen, aber sie zitterte so sehr, daß

sie die Kraft zum Aufstehen nicht finden konnte.

Litauische Geschichten · 第 52 / 69 题