Die Reise nach Tilsit

Wilwischken liegt am Haff. Ganz dicht am Haff liegt Wilwischken. Und

wenn man von dem großen Wasser her in den Parwefluß einbiegen will, muß

man so nah an den Häusern vorbei, daß man Lust bekommt, ihnen vom Kahn

aus mit ein paar Zwiebeln -- es können auch Gelbrüben sein -- die

Fenster einzuschmeißen.

Um die schönen, blanken Fenster wäre es freilich schade. Denn

Wilwischken ist ein sauberes Dorf und ein reiches Dorf. Seine Einwohner

betreiben neben der Haff- und der Flußfischerei einträgliche Acker- und

Gartenwirtschaft, und die Zwiebeln von Wilwischken sind berühmt.

Die stattlichste Wirtschaft von allen ist die, die an der Mündung der

Parwe gleichsam die scharfe Ecke bildet, und sie gehört dem Ansas

Balczus.

Der Ansas Balczus ist nicht etwa ein gewöhnlicher Fischer, der bei jedem

Raubfang sein Teil einscharren muß und nie genug kriegt, der am

Montagabend seine Barsche in Heydekrug unterm Preis ausbietet und am

Dienstagnachmittag betrunken heimfährt; der Ansas Balczus ist beinahe

schon ein Herr, der mit den Deutschen deutsch spricht wie ein Deutscher,

der sich sein Glas Grog süßt wie ein Deutscher und der sich bei seinen

Prozessen so gut zu verteidigen weiß, daß er die Anwaltskosten sparen

kann.

Er hat sich auch eine feine Frau genommen, der Ansas Balczus. Sie stammt

aus Minge und ist die Tochter von dem reichen Jaksztat, dem die großen

Haffwiesen gehören. Daß er die Indre Jaksztat bekommen würde, hätte

keiner geglaubt, denn um die rissen sich alle, und sie ging so blaß und

sanft an ihnen vorbei, als ob sie eine Sonnentochter gewesen wäre.

Nun _hat_ er sie aber und kann stolz auf sie sein. Sie hat ihm drei

hübsche Kinder geboren, und sie sorgt für die Wirtschaft, als wäre sie

mit der Laime, der freundlichen Göttin, im Bunde. Ihre Butter wird ihr

von den Händlern schon weggerissen, wenn sie noch in der Milch steckt,

ihr Johannisbeerwein ist der kräftigste weit und breit, und im

Brautwinkel stehen seit vorigen Weihnachten zwei rote Plüschsessel. Man

erzählt sich sogar, daß sie der kleinen Elske, wenn sie sieben Jahre alt

sein wird, ein Klavier kaufen will.

Und dabei geht sie noch ebenso sanft und blaß ihres Wegs, wie sie es als

Mädchen getan hat, und wird so rot wie ein Nelkenbeet, wenn man sie

anspricht.

So ist die Indre Balczus. Und wenn _ich_ der Ansas wäre, ich würde meine

Hände zum Himmel heben, morgens und abends, daß _sie_ meine Frau ist und

keine andere.

Und so war es auch früher, aber seit die Busze als Magd ins Haus

gekommen ist, hat es sich sehr verändert. So sehr verändert, daß die

Nachbarfrauen schon lange die Köpfe zusammenstecken, wenn von dem Hof

des Balczus Schimpfen und Weinen herüberschallt.

Das Schimpfen kommt von dem Ansas. _Die_ Stimme kennt ein jeder. Aber

weinen tut nicht die Indre -- _wenn_ sie's tut, so nur ganz leis und in

der Nacht --, es sind die drei Kinder, die da weinen über all das Üble,

das ihre Mutter erleiden muß. Und manchmal mischt sich auch ein Lachen

darein, ein gar nicht gutes Lachen, hart wie Glas und schadenfroh wie

Hähergeschrei.

Der Teufel hat diese Busze ins Haus gebracht. Wenn sie nicht selbst eine

Besitzerstochter wäre und als solche stolzen und hoffärtigen Sinnes,

hätte sie so viel Schaden gar nicht anrichten können. Warum muß die

überhaupt dienen gehen mit ihren blinkernden Achataugen und dem Fleisch

wie von Apfelblüten? Wer weiß, wie vielen die schon die Köpfe verdreht

hat! Aber sie nimmt sie und läßt sie laufen, und wenn sie irgendwo einen

ganz verrückt gemacht hat, dann lacht sie und geht in einen anderen

Dienst.

Hier in dem Hause des Balczus sitzt sie nun als das leibhaftige

Gegenteil der stillen und sanftmütigen Frau. Singt und schmeißt und

rumort vom Morgenstern an bis in die späte Nacht, schafft für dreie und

wird schon aufgebracht, wenn man ihr nur sagt, sie möchte sich schonen.

Seit nun gar der Wirt bei ihr in der Kammer gewesen ist, kennt sie

überhaupt keinen Spaß mehr. Es ist ein Elend mitanzusehen, wie sie die

Herrschaft mehr und mehr an sich reißt, und er ist schwach und tut, was

sie will.

Sonst kommt das wohl in Wirtschaften vor, wo die Frau arm eingezogen ist

oder aber kränklichen Leibes und darum die Dinge gehen läßt, wie sie

gehen. Aber der Indre gegenüber, dem reichen Jaksztat seiner schönen

Tochter, die bloß zu fein und zu hochgeboren ist, um sich mit so einem

Biest auflegen zu können, da versteht man die Welt nicht mehr.

Eines Tages, als er wieder betrunken gewesen ist und sie geschlagen hat,

kommt die Nachbarin, die Ane Doczys, zu ihr und sagt: »Indre, wir können

das nicht mehr mit ansehen, wir ringsum. Wir haben beschlossen, ich

schreib's deinem Vater.«

Die Indre wird noch blasser, als sie schon ist, und sagt: »Tut's nicht,

sonst nimmt er mich mit, und was wird dann aus den Kindern?«

»Wir tun's doch,« sagt die Doczene, »denn solch ein Frevel darf nicht

sein auf der Welt.«

Und die Indre bittet auch noch für ihren Mann und sagt: »Spricht es sich

immer weiter herum, so kommt er ganz sicher ins Unglück. Heiraten darf

er sie nicht wegen des Ehebruchs. Auf den müßt' ich klagen, denn nur so

kann ich die Kinder zugesprochen kriegen. Schon jetzt betrinkt er sich

immer häufiger. Was dann erst wird, das überlegt sich ein jeder.«

»Aber soll denn das immer so fortgehen?« fragt die Doczene.

»Sie ist schon aus fünf Brotstellen weggelaufen, wenn sie genug gehabt

hat,« sagt die Indre, »und mit ihm wird sie's nicht anders machen.«

Aber die Ane Doczys, mitleidigen Herzens, wie Nachbarinnen sind, denen

es morgen ebenso gehen kann, warnt sie wieder und wieder.

»Wir haben uns auch erkundigt,« sagt sie, »das sind dann immer

Saufbengels gewesen und Duselköpfe. So einen wie deinen Mann läßt die

nicht los.«

Dies Wort führt der Indre so recht zu Gemüte, was für einen

vortrefflichen Mann sie gehabt hat, ehe die Busze ins Haus kam. Aber sie

weint und klagt nicht, denn es ist nicht ihre Art. Sie wendet nur ein

wenig das eingefallene Gesicht und sagt: »Wie Gott will.«

Nun, vorerst geht es so, wie die Doczene will.

Die kommt nach Hause und sagt zu ihrem Mann, der auf der Ofenbank liegt

und schläft: »Doczys,« sagt sie, »hier sind die Wasserstiefel. Setz die

Segel ins Mittelboot, wir fahren nach Minge.«

»Aus welchem Grund fahren wir nach Minge?« fragt er ungehalten; denn wer

schläft, will Ruhe haben.

Aber die Doczene, in Wut bei dem Gedanken, daß es ihr morgen ebenso

gehen kann, fackelt nicht viel und stößt ihn herunter. Er bekommt auch

noch die schweren Stiefel angezogen, und eine halbe Stunde später fahren

die beiden nach Minge.

Am Tage darauf kommt der alte Jaksztat in Wilwischken an. Er ist nicht

zu Kahn gekommen, das hätte zu armemannsmäßig ausgesehen, sondern hat

den Umweg über Land nicht gescheut, um seinem Schwiegersohn mit dem

Verdeckwagen und dem neusilbernen Kummetgeschirr unter die Nase zu

reiben, welcherart das Haus ist, aus dem seine Frau herstammt.

Des reichen Jaksztat erinnern wir uns noch alle. Der o-beinige, kleine

Mann mit dem lappigen Knochengesicht und den ewigen Rasiermesserkratzen

war ja bekannt genug. Als er starb, ist er schließlich gar nicht so

reich gewesen. Aber das tut nichts zur Sache.

Die Busze, die ihre Augen überall hat, sieht als erste das Fuhrwerk

vorfahren und tritt aus dem Hause.

Was er wünsche, fragt sie, die Arme einstemmend, und funkelt ihn an.

Er, nicht faul, nimmt seinem Kutscher die Peitsche aus der Hand und

reißt ihr eins über. Lang übers Gesicht und den nackten rechten Arm

herunter flammt die Strieme.

Und was tut sie? Sie packt den alten Mann, zieht ihn vom Wagen und fängt

ihn mit den Fäusten zu verprügeln an. Der Kutscher springt vom Bock, der

Ansas Balczus kommt aus dem Hause gestürzt, und beiden Männern zusammen

gelingt es erst, ihn der wütenden Frauensperson zu entreißen. Weiß Gott,

sie hätte ihn sonst vielleicht umgebracht.

So schlimm dies Vorkommnis an und für sich sein mag, in der nun

folgenden Unterredung gibt es dem Alten Oberwasser. Denn so weit vom

Wege abgekommen ist der Ansas Balczus doch noch nicht durch seine

Kebserei, daß er nicht wüßte, welche Schande ein solcher Empfang dem

Hause weit und breit bereiten muß.

Nun steht er in seiner ganzen Länge mit dem hinter die Ohren

gestrichenen gelben Flachshaar und dem braunen Sommersprossengesicht vor

dem Alten und weiß nicht, wo er die Augen lassen soll.

Der schnauft immerzu vor Zorn und weil ihm noch vom Herumrangen die Luft

fehlt.

»Wo ist deine Frau?«

Wie soll der Ansas Balczus wissen, wo seine Frau ist? Die läuft in ihrer

Ratlosigkeit oft genug aus dem Hause, dorthin, wo sie vor Schimpf und

Schlägen sicher ist.

»Ich bin der reiche Jaksztat!« schimpft der Alte. »Mir soll so was

passieren!«

Der Ansas Balczus entschuldigt den Überfall, so gut es geht. Aber was

kann er viel sagen?

»Diese Bestije, diese Patartschke muß sofort aus dem Hause!«

»Na, na,« brummt der Ansas. Wäre das nicht eben geschehen, so hätte er

wahrscheinlich die Brust ausgestemmt und geschrien, das sei _seine_

Wirtschaft, hier hab' er allein was zu sagen, aber jetzt brummt er bloß:

»Na, na.«

Der Alte merkt sofort, daß sein Weizen blüht, und nun legt er los. Es

gibt nicht viel Schimpfwörter im Litauischen, die der Ansas für sich und

sein Frauenzimmer _nicht_ zu hören gekriegt hat in dieser Stunde.

Und schließlich ist er ganz windelweich, sitzt auf der Ofenbank und

weint.

Indre kommt nach Hause. Sie hat die beiden Ältesten aus der Schule

geholt und geht über den Hof, den kleinen Willus auf dem Arm, schlank

und rank, geradeso wie die katholische heilige Jungfrau.

Wie sie das väterliche Fuhrwerk sieht, schrickt sie zusammen, setzt das

Kindchen auf die Erde und sieht sich um, als weiß sie nicht, wo sich am

raschesten verstecken.

Aber noch rascher ist der Alte. Zur Tür hinaus -- und sie packen -- und

sie hereinziehen -- hast du nicht gesehen!

»Jetzt fällst du vor ihr auf die Knie,« fährt er den Schwiegersohn an,

»und küssest den Saum ihres Gewandes!«

So ohne Willen, wie der auch ist, das will er doch nicht. Aber der Alte

hilft kräftig nach, und richtig, da liegt er vor ihr und sagt mit einem

Schluchzer: »Ich weiß, ich bin ein Sünder vor dem Herrn.«

»Steh auf, Ansas,« sagt sie in ihrer milden Weise und legt die Hand auf

seinen Kopf. »Wenn du dich jetzt zu sehr demütigst, vergißt du es mir

nachher nicht, und es bleibt alles beim alten.«

Ach, wie gut hat sie ihn gekannt!

Aber vorläufig geht er auf alles ein und verspricht dem Alten, daß die

Busze mit seinem Willen den Hof nicht mehr betreten soll und daß sie

jetzt auf der Stelle abgelohnt werden soll.

Die Indre warnt den Vater, so Hartes nicht zu verlangen. Aber er besteht

darauf. Er hätte es lieber nicht sollen.

»Die Busze! Wo ist die Busze?«

Da kommt die Busze. Sie hat das Gesicht mit einem Taschentuch verbunden

wie eine mit Zahnschmerzen, und um den rechten Arm hat sie eine nasse

Schürze gewickelt. Zum Kühlen.

Sie stellt sich in die Tür und sieht die drei ganz freundlich an.

»Na also, was ist?« sagt sie. »Ich hab' zu tun.«

»Du hast hier nichts mehr zu tun,« sagt der Alte, »und das wird dir dein

Brotherr gleich klarmachen.«

»Da bin ich doch neugierig,« trumpft sie als eine, die ihrer Sache

sicher ist.

Der Ansas Balczus weiß nicht, wo anfangen und wo aufhören. Aber weil sie

mit ihrem verbundenen Gesicht nicht gerade sehr hübsch aussieht, wird es

ihm leichter. Er stottert was von »Hausfrieden« und »man muß Opfer

bringen« und so. Sehr würdereich sieht er nicht aus.

Sie lacht laut auf und lacht und lacht. »Haben sie dich richtig

kleingekriegt, du Dreckfresser?« sagt sie. »Ums übrige wirst du ja bald

wissen, wo du mich finden kannst.«

Litauische Geschichten · 第 6 / 69 题