Sie machen nämlich kein Hehl daraus, daß sie sich vor der Gegenwart und

der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen _fürchten_; sie üben eine

Menge von Zeremonien, um ihn fern zu halten, ihn zu vertreiben(43).

Seinen Namen auszusprechen, dünkt ihnen eine Beschwörung, der seine

Gegenwart auf dem Fuße folgen wird(44). Sie tun darum folgerichtig

alles, um einer solchen Beschwörung und Erweckung aus dem Wege zu gehen.

Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne(45), oder sie

entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wüten gegen den

rücksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf

seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmöglich, der Folgerung

auszuweichen, daß sie nach _Wundts_ Ausdruck, an der Furcht »vor seiner

zum Dämon gewordenen Seele« leiden(46).

(43) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei _Frazer_,

l. c., p. 353, die Tuaregs der Sahara angeführt.

(44) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fügen: so lange noch etwas

von seinen körperlichen Überresten existiert. _Frazer_, l. c., p. 372.

(45) Auf den Nikobaren. _Frazer_, l. c., p. 382.

(46) _Wundt_, Religion und Mythus, II. B., p. 49.

Mit dieser Einsicht wären wir bei der Bestätigung der Auffassung

_Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in

der Angst vor den Dämonen findet.

Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teuere Familienmitglied mit dem

Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, von dem die Hinterbliebenen nur

Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen böse Gelüste sie sich

mit allen Mitteln schützen müssen, ist so sonderbar, daß man ihr

zunächst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle maßgebenden

Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben.

_Westermarck_, der in seinem Werke: »Ursprung und Entwicklung der

Moralbegriffe« dem Tabu, nach meiner Schätzung, viel zu wenig Beachtung

schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt:

»Überhaupt läßt mich mein Tatsachenmaterial den Schluß ziehen, daß die

Toten häufiger als Feinde denn als Freunde angesehen werden(47) und daß

_Jevons_ und _Grant Allen_ im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe

früher geglaubt, die Böswilligkeit der Toten richte sich in der Regel

nur gegen Fremde, während sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und

Clangenossen väterlich besorgt seien.«

(47) _Westermarck_, l. c., II. B., p. 424. In der Anmerkung und in der

Fortsetzung des Textes die reiche Fülle von bestätigenden, oft sehr

charakteristischen Zeugnissen, z. B.: Die Maoris glaubten, »daß die

nächsten und geliebtesten Verwandten nach dem Tode ihr Wesen ändern

und selbst gegen ihre früheren Lieblinge übel gesinnt werden.« -- Die

Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit bösartig; je

enger die Verwandtschaft, desto größer die Furcht. Die Zentraleskimo

werden von der Vorstellung beherrscht, daß die Toten erst spät zur

Ruhe gelangen, anfänglich aber zu fürchten seien als unheilbrütende

Geister, die das Dorf häufig umkreisen, um Krankheit, Tod und anderes

Unheil zu verbreiten. (_Boas._)

R. _Kleinpaul_ hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des alten

Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Darstellung des

Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet(48). Es

gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung, daß die Toten mordlustig die

Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten töten; das Skelett, als welches

der Tod _heute_ gebildet wird, stellt dar, daß der Tod selbst nur ein

Toter ist. Nicht eher fühlt sich der Lebendige vor der Nachstellung der

Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn

gebracht hat. Daher begrub man die Toten gerne auf Inseln, brachte sie

auf die andere Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits

sind hievon ausgegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit

der Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein besonderes Recht

zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die ihren Mörder als böse

Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen, wie

die Bräute. Aber ursprünglich, meint _Kleinpaul_, waren alle Toten

Vampyre, alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden,

sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff

eines bösen Geistes geliefert.

(48) R. _Kleinpaul_: Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben,

Religion und Sage. 1898.

Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem Tode zu

Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was bewog die

Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine solche Sinnesänderung

zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dämonen? _Westermarck_ glaubt,

diese Frage leicht zu beantworten(49). »Da der Tod zumeist für das

schlimmste Unglück gehalten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt

man, daß die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden

seien. Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch Tötung, sei

es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht

man die Seele als rachsüchtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie

die Lebenden und sehnt sich nach der Gesellschaft der alten Angehörigen

-- es ist daher begreiflich, daß sie trachtet, sie durch Krankheiten zu

töten, um mit ihnen vereinigt zu werden ....

... Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den Seelen

zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht

ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.«

(49) l. c., p. 426.

Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns auf eine

umfassendere Erklärung hin, welche die _Westermarcksche_ miteinschließt.

Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den Tod

verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die Überlebende von

peinigenden Bedenken, die wir »Zwangsvorwürfe« heißen, befallen wird, ob

sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit den Tod

der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie

sorgfältig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der

behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa

den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der Zeit

langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Fälle hat

uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben

erfahren, daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur

darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die

Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlässigung

wirklich begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war

doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter Wunsch, der mit

dem Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigeführt hätte, wenn er

im Besitze der Macht gewesen wäre. Gegen diesen unbewußten Wunsch

reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im

Unbewußten versteckte Feindseligkeit hinter zärtlicher Liebe gibt es nun

in fast allen Fällen von intensiver Bindung des Gefühls an eine

bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz

menschlicher Gefühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem

Menschen bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise

ist es nicht so viel, daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus

entstehen können. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich

gerade im Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es am

wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition zur

Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich

herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Maß solcher

ursprünglicher Gefühlsambivalenz gegeben.

Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche Dämonentum der

frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich durch die

Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schützen, erklären kann. Wenn

wir annehmen, daß dem Gefühlsleben der Primitiven ein ähnlich hohes Maß

von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der

Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es verständlich,

daß nach dem schmerzlichen Verlust eine ähnliche Reaktion gegen die im

Unbewußten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch die

Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im Unbewußten als Befriedigung über

den Todesfall peinlich verspürte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven

ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das Objekt der

Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im

normalen wie im krankhaften Seelenleben häufigen Abwehrvorgang eine

_Projektion_. Der Überlebende leugnet nun, daß er je feindselige

Regungen gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des

Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der Trauer

zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reuecharakter dieser

Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten Abwehr durch Projektion

darin äußern, daß man sich fürchtet, sich Verzicht auferlegt und sich

Einschränkungen unterwirft, die man zum Teil als Schutzmaßregeln gegen

den feindlichen Dämon verkleidet. Wir finden so wiederum, daß das Tabu

auf dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch

das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatze zwischen dem bewußten

Schmerz und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her. Bei

dieser Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverständlich, daß

gerade die nächsten und früher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am

meisten zu fürchten haben.

Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig wie die

neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als

Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie

sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den

Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der

Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote

ist wehrlos, das muß zur Befriedigung der feindseligen Gelüste an ihm

reizen, und dieser Versuchung muß das Verbot entgegengesetzt werden.

_Westermarck_ hat aber Recht, wenn er für die Auffassung der Wilden

keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich Gestorbenen gelten

lassen will. Für das unbewußte Denken ist auch der ein Gemordeter, der

eines natürlichen Todes gestorben ist; die bösen Wünsche haben ihn

getötet. (Vergl. die nächste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie

und Allmacht der Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der

Träume vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister)

interessiert, der wird beim Träumer, beim Kind und beim Wilden die volle

Übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegründet auf die nämliche

Gefühlsambivalenz, feststellen können.

Wir haben vorhin einer Auffassung von _Wundt_ widersprochen, welche das

Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dämonen findet, und doch haben wir

soeben der Erklärung zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die

Furcht vor der zum Dämon gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt.

Das schiene ein Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn

aufzulösen. Wir haben die Dämonen zwar angenommen, aber nicht als etwas

Letztes und für die Psychologie Unauflösbares gelten lassen. Wir sind

gleichsam hinter die Dämonen gekommen, indem wir sie als Projektionen

der feindseligen Gefühle erkennen, welche die Überlebenden gegen die

Toten hegen.

Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen -- zärtlichen und

feindseligen -- Gefühle gegen die nun Verstorbenen wollen sich zur Zeit

des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und als

Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen muß es zum Konflikt

kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit -- ganz

oder zum größeren Anteile --, unbewußt ist, kann der Ausgang des

Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitäten von

einander mit bewußter Einsetzung des Überschusses bestehen, etwa wie

wenn man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Kränkung

verzeiht. Der Prozeß erledigt sich vielmehr durch einen besonderen

psychischen Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als _Projektion_

zu bezeichnen gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß

und auch weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in

die Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und der

anderen zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, freuen uns jetzt

darüber, daß wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir trauern um ihn,

aber er ist jetzt merkwürdigerweise ein böser Dämon geworden, dem unser

Unglück Befriedigung bereiten würde, der uns den Tod zu bringen sucht.

Die Überlebenden müssen sich nun gegen diesen bösen Feind verteidigen;

sie sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen

eine Bedrängnis von außen eingetauscht.

Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher die

Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen

Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen

wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer Härte, Herrschsucht,

Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der zärtlichsten

Verhältnisse unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach

zugehen, daß uns dieses Moment für sich allein die Projektionsschöpfung

der Dämonen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen

enthalten gewiß einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der

Überlebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit

aus ihnen erfolgt wäre, und der Zeitpunkt ihres Todes wäre gewiß der

ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, die man

ihnen zu machen berechtigt war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit

als das regelmäßig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht

entbehren. Diese feindselige Strömung gegen die nächsten und teuersten

Angehörigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, d. h. sich dem

Bewußtsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung

verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und gehaßten

Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt wurde akut. Die aus

der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer wurde einerseits

unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte sie es

nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun ein Gefühl der Befriedigung

ergebe. Somit kam es zur Verdrängung der unbewußten Feindseligkeit auf

dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die

Furcht vor der Bestrafung durch die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem

zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schärfe, so

daß das Tabu dieser Toten sich abschwächen oder in Vergessenheit

versinken darf.

4.

Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehrreiche Tabu der

Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versäumen, einige Bemerkungen

anzuknüpfen, die für das Verständnis des Tabu überhaupt bedeutungsvoll

werden können.

Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die

Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorgängen,

denen der größte Einfluß auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens

zugesprochen werden muß. In dem betrachteten Falle dient die Projektion

der Erledigung eines Gefühlskonfliktes; sie findet die nämliche

Verwendung in einer großen Anzahl von psychischen Situationen, die zur

Neurose führen. Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen,

sie kommt auch zu Stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion

innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem

z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der

Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat. Unter

noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden innere

Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorgängen wie die

Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestaltung der

Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es

hängt dies vielleicht genetisch damit zusammen, daß die Funktion der

Aufmerksamkeit ursprünglich nicht der Innenwelt, sondern den von der

Außenwelt zuströmenden Reizen zugewendet war, und von den

endopsychischen Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und

Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten

Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der

Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst allmählich

wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch

Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ein Bild der Außenwelt

entwickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewußtseinswahrnehmung in

Psychologie zurückübersetzen müssen.

Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen ist nur ein

Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung« der Primitiven

geworden ist und das wir in der nächsten Abhandlung dieser Reihe als das

»animistische« kennen lernen werden. Wir werden dann die psychologischen

Charaktere einer solchen Systembildung festzustellen haben und unsere

Anhaltspunkte in der Analyse jener Systembildungen finden, welche uns

wiederum die Neurosen entgegenbringen. Wir wollen vorläufig nur

verraten, daß die sogenannte »sekundäre Bearbeitung« des Trauminhaltes

das Vorbild für alle diese Systembildungen ist. Vergessen wir auch nicht

daran, daß es vom Stadium der Systembildung an zweierlei Ableitungen für

jeden vom Bewußtsein beurteilten Akt gibt, die systematische und die

reale, aber unbewußte(50).

(50) Den Projektionsschöpfungen der Primitiven stehen die

Personifikationen nahe, durch welche der Dichter die in ihm ringenden

entgegengesetzten Triebregungen als gesonderte Individuen aus sich

herausstellt.

_Wundt_(51) bemerkt, daß »unter den Wirkungen, die der Mythus allerorten

den Dämonen zuschreibt, zunächst die _unheilvollen_ überwiegen, so daß

im Glauben der Völker sichtlich die bösen Dämonen älter sind als die

guten«. Es ist nun sehr wohl möglich, daß der Begriff des Dämons

überhaupt aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde.

Die diesem Verhältnis innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren

Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin geäußert, daß sie aus der

nämlichen Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psychische Bildungen

hervorgehen ließ: Dämonen- und Gespensterfurcht einerseits, die

Ahnenverehrung anderseits(52). Daß die Dämonen stets als die Geister

_kürzlich_ Verstorbener gefaßt werden, bezeugt wie nichts anderes den

Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens. Die Trauer

hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die

Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von den Toten ablösen. Ist

diese Arbeit geschehen, so läßt der Schmerz nach, mit ihm die Reue und

der Vorwurf und darum auch die Angst vor dem Dämon. Dieselben Geister

aber, die zunächst als Dämonen gefürchtet wurden, gehen nun der

freundlicheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur

Hilfeleistung angerufen zu werden.

(51) »Mythus und Religion«, II., S. 129.

(52) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an

Gespensterangst leiden oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fällt es

oft nicht schwer, diese Gespenster als die Eltern zu entlarven.

Vergleiche hiezu auch die »Sexualgespenster« betitelte Mitteilung von

P. _Haeberlin_ (Sexualprobleme, Februar 1912), in welcher es sich um

eine andere erotisch betonte Person handelt, der Vater aber verstorben

war.

Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den Toten im Wandel

der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Ambivalenz

außerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die

unbewußte, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten

niederzuhalten, ohne daß es eines besonderen seelischen Aufwandes hiefür

bedürfte. Wo früher der befriedigte Haß und die schmerzhafte

Zärtlichkeit miteinander gerungen haben, da erhebt sich heute wie eine

Narbenbildung die Pietät und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur

die Neurotiker trüben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren

durch Anfälle von Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die alte

ambivalente Gefühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem

Wege diese Änderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich konstitutionelle

Änderung und reale Besserung der familiären Beziehungen in deren

Verursachung teilen, das braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber man

könnte durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, _es sei den

Seelenregungen der Primitiven überhaupt ein höheres Maß von Ambivalenz

zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden ist.

Mit der Abnahme dieser Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das

Kompromißsymptom des Ambivalenzkonfliktes._ Von den Neurotikern, welche

genötigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu zu

reproduzieren, würden wir sagen, daß sie eine archaistische Konstitution

als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren Kompensation im

Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so ungeheuerlichem seelischen

Aufwand zwingt.

Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit verwirrenden

Auskunft, welche uns _Wundt_ über die Doppelbedeutung des Wortes Tabu:

heilig und unrein geboten hat (s. o.). Ursprünglich habe das Wort Tabu

heilig und unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das Dämonische

bezeichnet, das nicht berührt werden darf, und somit ein wichtiges, den

beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch

beweise diese bleibende Gemeinschaft, daß zwischen den beiden Gebieten

des Heiligen und des Unreinen eine ursprüngliche Übereinstimmung

obwalte, die erst später einer Differenzierung gewichen sei.

Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen mühelos ab, daß

dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwähnte Doppelbedeutung zukommt,

daß es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambivalenz dient und alles

dessen, was auf dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. _Tabu_ ist

selbst ein ambivalentes Wort, und nachträglich meinen wir, man hätte aus

dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten können, was sich

als Ergebnis weitläufiger Untersuchung herausgestellt hat, daß das

Tabuverbot als das Resultat einer Gefühlsambivalenz zu verstehen ist.

Das Studium der ältesten Sprachen hat uns belehrt, daß es einst viele

solche Worte gab, welche Gegensätze in sich faßten, in gewissem -- wenn

auch nicht in ganz dem nämlichen Sinne -- wie das Wort Tabu ambivalent

waren(53). Geringe lautliche Modifikationen des gegensinnigen Urwortes

haben später dazu gedient, um den beiden hier vereinigten Gegensätzen

einen gesonderten sprachlichen Ausdruck zu schaffen.

(53) Vgl. mein Referat über _Abels_ »Gegensinn der Urworte« im

Jahrbuch f. psycho-analyt. und psycho-pathol. Forschungen, Bd. II,

1910.

Das Wort _Tabu_ hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der abnehmenden

Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst,

respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz geschwunden.

Ich hoffe, in späterem Zusammenhange wahrscheinlich machen zu können,

daß sich hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare

historische Wandlung verbirgt, daß das Wort zuerst an ganz bestimmten

menschlichen Relationen haftete, denen die große Gefühlsambivalenz eigen

war, und daß es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt

wurde.

Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu auch ein Licht

auf die Natur und Entstehung des _Gewissens_. Man kann ohne Dehnung der

Begriffe von einem Tabugewissen und von einem Tabuschuldbewußtsein nach

Übertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die

älteste Form, in welcher uns das Phänomen des Gewissens entgegentritt.

Denn was ist »Gewissen«? Nach dem Zeugnis der Sprache gehört es zu dem,

was man am gewissesten weiß; in manchen Sprachen scheidet sich seine

Bezeichnung kaum von der des Bewußtseins.

Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker II · 第 4 / 5 段