Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, müde Sonne
des Spätherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch
Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen.
Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage
Grüne, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel.
Zweimal über den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die
Flüchtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft
gingen die Letzten über die Ersten. Dazwischen schob man Geschütze,
Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genügten, halfen Männer mit. Andre
hatte man im Stich lassen müssen. Sie lagen in unnatürlichen Positionen,
mit aufgereckten Hälsen, zerbrochnen Rädern, unschädlich gemachte
Eisenungethüme, Sättel, Flinten, Uniformstücke, Leichen. Zuerst hatten die
Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das
Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurück. Eine Zeitlang
hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man
sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich
weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin.
Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen,
Vierbeinigen, Rädern, die liefen, liefen ...
Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In
einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von
den andern getrennt und marschirten rhythmisch. – Man sah sehr hohe
Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem
weissen Pferde. Sein Gesicht war vollständig schwarz vom Pulver und Staub.
Er opferte sich auf. Er war überall. Man hörte seine Stimme wie die eines
Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein
Held war. Er konnte nichts mehr ändern, die Eile des Rückzugs nahm zu. Sie
fühlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles
weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie
liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren,
zurückzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte,
galoppirte. Sie hatten sich wie Männer geschlagen, Tage und Wochen lang,
an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefühl, die Empfindung
der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten.
Sie liefen, liefen für ihr Leben.
Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie
griffen mächtig aus in weiten, jagenden Sprüngen. Ihre Reiter feuerten sie
an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Fährte. Diese sassen
aufrecht im Sattel, zurückgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu
fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges.
Ein ganz junger Kürassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus
wie ein rächender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund
dürstend emporgehoben.
Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld.
Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschütze auf in einer
Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezündet. Alle diese Menschen
rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermüdet. Sie schliefen, eh’ sie noch
daran dachten, zu essen. Mit geöffnetem Munde, in der Stellung, die sie
gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen und
Pferdeäsern.
Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen,
irrenden Glühwürmchen vergleichbar, weissgekleidete Gehülfen, rothe Kreuze
auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische
aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten.
Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, sägten, verbanden die Aerzte die
ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschöpfung umsanken, traten Andre ein. Aber
der Aelteste wurde nie müde. Bis über die Ellenbogen im Blut, mit
triefender Schürze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit.
Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Hügel gegenüber, hatte der
siegende Feldherr sein Hauptquartier aufgeschlagen. Auch da ging es
lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie
kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in
ihre Hauptstadt. Sie würden die Helden des Tages sein. Man sprach von
ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glänzenden Salon vor,
männlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zärtliche Huldigung der
Schönheit entgegennehmend. Man würde sagen, dass der Feind tapfer war, der
Krieg ein grosses Unglück sei. – Je näher sie dem General kamen, seiner
Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie
befahlen gleichgültige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der
Miene von Diplomaten, die über Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden.
Niemand war heiter oder betrank sich. Das war für die Troupiers draussen,
die gewöhnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte
dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die
Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg
zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comödianten sofort,
sogenannte Liebenswürdigkeit ist ihm als Laune verdächtig. – Niemals sah
man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that
seine Pflicht.
Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne
Zusätze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die
Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die
Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als
vollkommner Erfolg bewiesen.
Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis.
Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen
hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschütterlich wie sein
Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch
nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die
eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und fällt. Er besass keinerlei
Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwächen. Sein junger, einziger Sohn
war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute
vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht
weicher. – Er war ein grosser Mann.
In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader Geruch war in der Luft, von
Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkühle
machte er sich bemerkbar.
Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger
Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, äusserst correct immer mit
blendend weisser Wäsche und gefeilten Nägeln. Wenn er den General gesehen
hätte, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren würde: Excellenz
befehlen dies – geruhen das –! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein
Hammel. Er träumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts.
Er schritt über mehrere Schläfer. Die Wachen präsentirten. Es waren
Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses
Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass
sie heut’ sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er
verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben,
Freund und Feind.
Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, die erst eben auf dem
Schlachtfeld angekommen waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen
hatten. Diese waren prächtig. Das Metall der sauber zusammengestellten
Waffen blinkte. Sie schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals
zugeknöpft, noch im Schlafe stramm und gerade. Alles ausgewählte junge
Leute. Man hatte sie noch immer gut genährt. Die Landsleute hatten ihnen
zugetrunken auf dem Marsche. Sie fürchteten sich nicht und schliefen mit
einem leichtsinnigen Soldatenliedchen auf den Lippen.
Für ein andres Mal reservirte man diese.
Er ging über das Feld. Der Boden war hartgestampft, wie um niemals wieder
weich zu werden. Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen war,
Gras, Gärten oder Weizen. Er war Stein jetzt, zerhämmert, geschmiedet von
Millionen Füssen und Hufen. Im Ring die Berge behielten ihre alte Form von
Wellen, Rücken. Ihre Abhänge waren mit Leichen gedüngt. Jeder Einzelne war
für sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung genommen worden. Den
ganzen Tag hatten ihre Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus
dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne.
Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen Füssen lang ausgestreckt. Der
war mausetodt, in’s Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie ein
Achilles. Er bewunderte das Viereck der Schultern, dieses herrlichen
Brustkastens. Das Gesicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem
Paradebett, ein gefällter Eichstamm.
Vierzig Jahre und fünfzig hätte er noch leben können. Und er, der General,
war achtzig, ein kleiner, müder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb eine
schreckliche Sache.
Von der einen Seite aus den Gebüschen kam Wimmern. Schwerverwundete hatten
sich da hingeschleppt, die Sanitätscolonnen hatten sie noch nicht
entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. Manchmal stockte sein Fuss wie in
Leim. Er zog ihn mit einer Art Ekel zurück.
Grässlich waren die Pferdecadaver. Sie hatten nicht die Würde, die der
Mensch unwillkürlich im Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewährt.
Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie fragen wollten: Warum? Das stupide,
blödsinnige Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie mit hängenden
Bäuchen, unter denen Pfühle standen, in der Ungeschicklichkeit der
leblosen vier Beine, gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, – während
die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. Wo Granaten crepirt
waren, lagen abgerissne Stücke, groteske Nacktheiten – beinah lächerlich.
Wie hässlich der Tod war!
Freund und Feind lagerten durcheinander. Es war gar kein Unterschied mehr.
Die meisten zeigten diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man konnte
fast sagen betrübter Kinder, die man mitten im Spiel unterbrochen hatte. –
Er wunderte sich fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu sehen.
Dieser junge Mann war beinah der Einzige gewesen, der der Vorstellung
entsprach, die man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmälern, wenn
über dem gefallnen Krieger der Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er
sich: „Wie könnte es auch anders sein? Was sind diese Leute? Wo kommen sie
her? Was wissen sie von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft,
der Volksehre, für die sie sich schlagen? Es ist sonderbar, dass sie sich
überhaupt schlagen, Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was ist
ihr Werth?“
An dem Hügel war der Kampf am heissesten gewesen. Da lagen Leichen dicht
wie abgemähte Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach ihrer Lage und
Fallrichtung konnte man deutlich die Stellung des Feindes erkennen. Der
ganze Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. – Etwas
Dunkles verschwand im Schatten. Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen
unmenschliche Hantirung. Mit einer Geste des Ekels wandte er sich ab.
Leichenraben! Schakale – das rief ihm einen Spion zurück, den er den Tag
zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte für ihn gefleht und
gebettelt, eine elende, zerrissne Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der
Brust, einer hängenden, welken, ekelhaften Brust. Die Andern hingen in
ihren Röcken. Natürlich war die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein
Schuft! – er hatte eine Frau – kleine Kinder ...
Ein Windzug hatte sich erhoben und kam über das Schlachtfeld, ein
trauervoller, trauriger Wind der Feuchtigkeit mit tappenden Flügeln. Er
brachte ein Röcheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. Ganz sanft. Aber
es setzte nicht aus. Es erhob sich wieder in weiten Entfernungen. Und
starb im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der Klage, als die Klage
selbst. Vielleicht war es die Hallucination des Orts. Dieser Ort war
traurig.
Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Räderwerk der Maschine,
das auslief. – Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit
heraushängender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war für’s Vaterland
gestorben. Welches zusammengewürfelte Material, diese Haufen der Todten! –
Ernsthafte Familienväter mit Vollbärten. Sie hatten zur Waffe gegriffen,
weil man sie angriff. Ihre Beschäftigung war, den Acker zu bauen, Städte
aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus
allerlei Ländern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war
Alles dasselbe. Alles hatte aufgehört, die Sorge, der Leichtsinn, die
Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Mühe, die man aufgewendet hat,
es zu schützen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich
gezogen fühlen?
Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurück. Die Befreiung,
der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein
Volk mit Thränen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem
Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstürzten, vom Hunger ausgemergelt ...
Männer weinten wie kleine Kinder. Sie küssten ihm die Hände. Er war Gott,
der Retter! Sein Einzug – das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine
zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Füssen. Sie
küssten ihm die Füsse, die Steigbügel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er
gekostet. Er war alt geworden und traurig.
Er blieb plötzlich stehen. Das Röcheln war ganz deutlich geworden. Es
klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache,
doch sehr vernehmlich, hörte er: „Mama ... Mama ...“
Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden,
erbärmlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen,
überirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte
die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter.
Da – da war die ganze Tragödie des Krieges, die ewige Feindschaft, die
Mutter, die immer wieder gebiert, nährt, hofft. Und man nimmt ihr immer
wieder, tödtet, vernichtet.
„Mama ... Mama ...“ schluchzte der kleine Bauernjunge.
Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht wäre er
ein Mann geworden, hätte getödtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er
fror. Er hatte Schmerzen. Er fürchtete sich.
„Mama ...“ rief er. „Mama ...“
Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz
in schwarzen Schleiern. Die eigne jähe Wunde fing an zu bluten. Sie hatte
nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. „Gott segne Dich!“
sagte sie und hatte ihn geküsst.
Und über ihr wieder stand eine noch grössere, tragischere Mutter. Eine
Königin – sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Söhne,
ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ...
Opfergabe, hinter der die Mütter standen, die vielfach Gestorbnen, die
zehnmal Gekreuzigten – Sie, die wahren Leidenden, die wahre Grösse,
Lebensträgerinnen ...
Und ein andres erstaunliches Phänomen machte ihn betroffen. An einem
Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Flüchtenden gestreift, halb
zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch
lebendiges Hölzchen, – blühte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben
erschlossen haben. Sie duftete – sie blühte ...
Er sah die Mutter der Mütter. Er sah die Natur treibend und unverletzt,
trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht trägt, den
Baum, in dem die Säfte steigen, das Thier, das seine Jungen säugt ...
Wüstes Gelärme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg.
Sie zechten und brachten Toaste aus; die triumphirten. – Jetzt musste die
Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken läuten und steckte
die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der
Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelärm schien sein Ohr zu erreichen,
ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief über die Meere. Das war
der Sieg.
Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flüche, Thränen, Racheschwüre ... Sie
auch wussten jetzt. Sie beteten.
Derselbe Gott war über ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgültig. Er sprach
nicht und hörte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der
Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren
gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! – Es war Alles
dasselbe ...
Die Landschaft war flacher hier. Eine Kühle wurde deutlich fühlbar. Er
schritt eiliger vorwärts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit
fortzuziehen, ein mächtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging
und kam. Aber das Gehen schien noch kräftiger wie das Kommen. Im Werden
verging Alles. Ein Tödtliches, Beständiges, Festes war in der Bewegung.
Alles starb.
Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag
es grau, unruhig, sich anwälzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer
fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne
Sterne.
Und er sah etwas Andres. – Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon
vorüber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen
Schlachtfelds, das da hinten dünstend lag: ein blasser Mann trug ein
Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm
des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf
den schwarzen Wellen. „Und er wandelte auf dem Meer.“ ...
In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, krähte ein
Hahn.
Es war Nacht.