DAS ACHTZEHNTE KAPITEL.

Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, müde Sonne

des Spätherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch

Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen.

Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage

Grüne, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel.

Zweimal über den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die

Flüchtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft

gingen die Letzten über die Ersten. Dazwischen schob man Geschütze,

Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genügten, halfen Männer mit. Andre

hatte man im Stich lassen müssen. Sie lagen in unnatürlichen Positionen,

mit aufgereckten Hälsen, zerbrochnen Rädern, unschädlich gemachte

Eisenungethüme, Sättel, Flinten, Uniformstücke, Leichen. Zuerst hatten die

Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das

Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurück. Eine Zeitlang

hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man

sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich

weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin.

Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen,

Vierbeinigen, Rädern, die liefen, liefen ...

Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In

einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von

den andern getrennt und marschirten rhythmisch. – Man sah sehr hohe

Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem

weissen Pferde. Sein Gesicht war vollständig schwarz vom Pulver und Staub.

Er opferte sich auf. Er war überall. Man hörte seine Stimme wie die eines

Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein

Held war. Er konnte nichts mehr ändern, die Eile des Rückzugs nahm zu. Sie

fühlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles

weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie

liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren,

zurückzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte,

galoppirte. Sie hatten sich wie Männer geschlagen, Tage und Wochen lang,

an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefühl, die Empfindung

der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten.

Sie liefen, liefen für ihr Leben.

Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie

griffen mächtig aus in weiten, jagenden Sprüngen. Ihre Reiter feuerten sie

an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Fährte. Diese sassen

aufrecht im Sattel, zurückgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu

fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges.

Ein ganz junger Kürassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus

wie ein rächender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund

dürstend emporgehoben.

Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld.

Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschütze auf in einer

Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezündet. Alle diese Menschen

rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermüdet. Sie schliefen, eh’ sie noch

daran dachten, zu essen. Mit geöffnetem Munde, in der Stellung, die sie

gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen und

Pferdeäsern.

Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen,

irrenden Glühwürmchen vergleichbar, weissgekleidete Gehülfen, rothe Kreuze

auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische

aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten.

Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, sägten, verbanden die Aerzte die

ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschöpfung umsanken, traten Andre ein. Aber

der Aelteste wurde nie müde. Bis über die Ellenbogen im Blut, mit

triefender Schürze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit.

Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Hügel gegenüber, hatte der

siegende Feldherr sein Hauptquartier aufgeschlagen. Auch da ging es

lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie

kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in

ihre Hauptstadt. Sie würden die Helden des Tages sein. Man sprach von

ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glänzenden Salon vor,

männlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zärtliche Huldigung der

Schönheit entgegennehmend. Man würde sagen, dass der Feind tapfer war, der

Krieg ein grosses Unglück sei. – Je näher sie dem General kamen, seiner

Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie

befahlen gleichgültige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der

Miene von Diplomaten, die über Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden.

Niemand war heiter oder betrank sich. Das war für die Troupiers draussen,

die gewöhnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte

dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die

Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg

zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comödianten sofort,

sogenannte Liebenswürdigkeit ist ihm als Laune verdächtig. – Niemals sah

man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that

seine Pflicht.

Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne

Zusätze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die

Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die

Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als

vollkommner Erfolg bewiesen.

Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis.

Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen

hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschütterlich wie sein

Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch

nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die

eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und fällt. Er besass keinerlei

Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwächen. Sein junger, einziger Sohn

war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute

vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht

weicher. – Er war ein grosser Mann.

In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader Geruch war in der Luft, von

Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkühle

machte er sich bemerkbar.

Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger

Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, äusserst correct immer mit

blendend weisser Wäsche und gefeilten Nägeln. Wenn er den General gesehen

hätte, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren würde: Excellenz

befehlen dies – geruhen das –! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein

Hammel. Er träumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts.

Er schritt über mehrere Schläfer. Die Wachen präsentirten. Es waren

Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses

Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass

sie heut’ sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er

verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben,

Freund und Feind.

Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, die erst eben auf dem

Schlachtfeld angekommen waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen

hatten. Diese waren prächtig. Das Metall der sauber zusammengestellten

Waffen blinkte. Sie schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals

zugeknöpft, noch im Schlafe stramm und gerade. Alles ausgewählte junge

Leute. Man hatte sie noch immer gut genährt. Die Landsleute hatten ihnen

zugetrunken auf dem Marsche. Sie fürchteten sich nicht und schliefen mit

einem leichtsinnigen Soldatenliedchen auf den Lippen.

Für ein andres Mal reservirte man diese.

Er ging über das Feld. Der Boden war hartgestampft, wie um niemals wieder

weich zu werden. Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen war,

Gras, Gärten oder Weizen. Er war Stein jetzt, zerhämmert, geschmiedet von

Millionen Füssen und Hufen. Im Ring die Berge behielten ihre alte Form von

Wellen, Rücken. Ihre Abhänge waren mit Leichen gedüngt. Jeder Einzelne war

für sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung genommen worden. Den

ganzen Tag hatten ihre Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus

dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne.

Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen Füssen lang ausgestreckt. Der

war mausetodt, in’s Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie ein

Achilles. Er bewunderte das Viereck der Schultern, dieses herrlichen

Brustkastens. Das Gesicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem

Paradebett, ein gefällter Eichstamm.

Vierzig Jahre und fünfzig hätte er noch leben können. Und er, der General,

war achtzig, ein kleiner, müder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb eine

schreckliche Sache.

Von der einen Seite aus den Gebüschen kam Wimmern. Schwerverwundete hatten

sich da hingeschleppt, die Sanitätscolonnen hatten sie noch nicht

entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. Manchmal stockte sein Fuss wie in

Leim. Er zog ihn mit einer Art Ekel zurück.

Grässlich waren die Pferdecadaver. Sie hatten nicht die Würde, die der

Mensch unwillkürlich im Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewährt.

Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie fragen wollten: Warum? Das stupide,

blödsinnige Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie mit hängenden

Bäuchen, unter denen Pfühle standen, in der Ungeschicklichkeit der

leblosen vier Beine, gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, – während

die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. Wo Granaten crepirt

waren, lagen abgerissne Stücke, groteske Nacktheiten – beinah lächerlich.

Wie hässlich der Tod war!

Freund und Feind lagerten durcheinander. Es war gar kein Unterschied mehr.

Die meisten zeigten diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man konnte

fast sagen betrübter Kinder, die man mitten im Spiel unterbrochen hatte. –

Er wunderte sich fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu sehen.

Dieser junge Mann war beinah der Einzige gewesen, der der Vorstellung

entsprach, die man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmälern, wenn

über dem gefallnen Krieger der Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er

sich: „Wie könnte es auch anders sein? Was sind diese Leute? Wo kommen sie

her? Was wissen sie von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft,

der Volksehre, für die sie sich schlagen? Es ist sonderbar, dass sie sich

überhaupt schlagen, Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was ist

ihr Werth?“

An dem Hügel war der Kampf am heissesten gewesen. Da lagen Leichen dicht

wie abgemähte Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach ihrer Lage und

Fallrichtung konnte man deutlich die Stellung des Feindes erkennen. Der

ganze Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. – Etwas

Dunkles verschwand im Schatten. Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen

unmenschliche Hantirung. Mit einer Geste des Ekels wandte er sich ab.

Leichenraben! Schakale – das rief ihm einen Spion zurück, den er den Tag

zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte für ihn gefleht und

gebettelt, eine elende, zerrissne Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der

Brust, einer hängenden, welken, ekelhaften Brust. Die Andern hingen in

ihren Röcken. Natürlich war die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein

Schuft! – er hatte eine Frau – kleine Kinder ...

Ein Windzug hatte sich erhoben und kam über das Schlachtfeld, ein

trauervoller, trauriger Wind der Feuchtigkeit mit tappenden Flügeln. Er

brachte ein Röcheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. Ganz sanft. Aber

es setzte nicht aus. Es erhob sich wieder in weiten Entfernungen. Und

starb im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der Klage, als die Klage

selbst. Vielleicht war es die Hallucination des Orts. Dieser Ort war

traurig.

Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Räderwerk der Maschine,

das auslief. – Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit

heraushängender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war für’s Vaterland

gestorben. Welches zusammengewürfelte Material, diese Haufen der Todten! –

Ernsthafte Familienväter mit Vollbärten. Sie hatten zur Waffe gegriffen,

weil man sie angriff. Ihre Beschäftigung war, den Acker zu bauen, Städte

aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus

allerlei Ländern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war

Alles dasselbe. Alles hatte aufgehört, die Sorge, der Leichtsinn, die

Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Mühe, die man aufgewendet hat,

es zu schützen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich

gezogen fühlen?

Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurück. Die Befreiung,

der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein

Volk mit Thränen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem

Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstürzten, vom Hunger ausgemergelt ...

Männer weinten wie kleine Kinder. Sie küssten ihm die Hände. Er war Gott,

der Retter! Sein Einzug – das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine

zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Füssen. Sie

küssten ihm die Füsse, die Steigbügel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er

gekostet. Er war alt geworden und traurig.

Er blieb plötzlich stehen. Das Röcheln war ganz deutlich geworden. Es

klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache,

doch sehr vernehmlich, hörte er: „Mama ... Mama ...“

Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden,

erbärmlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen,

überirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte

die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter.

Da – da war die ganze Tragödie des Krieges, die ewige Feindschaft, die

Mutter, die immer wieder gebiert, nährt, hofft. Und man nimmt ihr immer

wieder, tödtet, vernichtet.

„Mama ... Mama ...“ schluchzte der kleine Bauernjunge.

Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht wäre er

ein Mann geworden, hätte getödtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er

fror. Er hatte Schmerzen. Er fürchtete sich.

„Mama ...“ rief er. „Mama ...“

Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz

in schwarzen Schleiern. Die eigne jähe Wunde fing an zu bluten. Sie hatte

nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. „Gott segne Dich!“

sagte sie und hatte ihn geküsst.

Und über ihr wieder stand eine noch grössere, tragischere Mutter. Eine

Königin – sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Söhne,

ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ...

Opfergabe, hinter der die Mütter standen, die vielfach Gestorbnen, die

zehnmal Gekreuzigten – Sie, die wahren Leidenden, die wahre Grösse,

Lebensträgerinnen ...

Und ein andres erstaunliches Phänomen machte ihn betroffen. An einem

Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Flüchtenden gestreift, halb

zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch

lebendiges Hölzchen, – blühte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben

erschlossen haben. Sie duftete – sie blühte ...

Er sah die Mutter der Mütter. Er sah die Natur treibend und unverletzt,

trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht trägt, den

Baum, in dem die Säfte steigen, das Thier, das seine Jungen säugt ...

Wüstes Gelärme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg.

Sie zechten und brachten Toaste aus; die triumphirten. – Jetzt musste die

Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken läuten und steckte

die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der

Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelärm schien sein Ohr zu erreichen,

ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief über die Meere. Das war

der Sieg.

Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flüche, Thränen, Racheschwüre ... Sie

auch wussten jetzt. Sie beteten.

Derselbe Gott war über ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgültig. Er sprach

nicht und hörte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der

Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren

gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! – Es war Alles

dasselbe ...

Die Landschaft war flacher hier. Eine Kühle wurde deutlich fühlbar. Er

schritt eiliger vorwärts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit

fortzuziehen, ein mächtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging

und kam. Aber das Gehen schien noch kräftiger wie das Kommen. Im Werden

verging Alles. Ein Tödtliches, Beständiges, Festes war in der Bewegung.

Alles starb.

Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag

es grau, unruhig, sich anwälzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer

fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne

Sterne.

Und er sah etwas Andres. – Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon

vorüber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen

Schlachtfelds, das da hinten dünstend lag: ein blasser Mann trug ein

Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm

des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf

den schwarzen Wellen. „Und er wandelte auf dem Meer.“ ...

In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, krähte ein

Hahn.

Es war Nacht.

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 40 / 46 题