Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf ihn eines Abends, da es schon
dunkel war, er einsam sass im Staube neben der grossen Heerstrasse.
Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen waren, und dass sie alle
für nichts gewesen. Hunger, Hass und Kriegslärm füllten die Welt. Jeden
Tag unter dem richtenden Beil fielen Häupter Unseliger, Unschuldige gingen
hin und erwürgten sich selbst in Angst und blutiger Noth ihres Leibes.
Die Selbstsüchtigen herrschten immer, die, die hart waren, nur schufen für
sich selbst, ohne Sorge traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten.
Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen klug. Die feige waren,
tapfer, und solche, die frassen wie die gefrässige Raupe auf ihrem Blatt
und fett wurden, weil sie frassen – aber der Baum selbst starb –, galten
für die wahren Guten. Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie
denen, die unvernünftig waren und eigengesinnt: „Seht, wie sie sind! Wie
sie nahrhaft werden und fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen,
Ihr, die Ihr Flügel habt, die zu schwach sind, der Sonne zustrebt, die
Euch verbrennt!“
Diese aber waren die schlimmsten Feinde und sie galten für den Hort aller
Tugenden, hielten die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, weil
der losgelassne Wolf sie zerrissen hätte innerlich, und standen auf dem
Boden des Worts, weil es ihnen nützte für ihre Zwecke, der Strom sie sonst
fortgeschwemmt hätte in seinem Ueberschwellen.
Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt und das Geld. Die Andern
zerbrachen ihre Kräfte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und sahen
doch nicht was darüber war, über ihrer dummen Klugheit, die wahre
Weisheit, über ihrem Geiz die weite Liebe, über ihrer Ungerechtigkeit die
grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten Kräfte verbrauchten, auch
müde wurden, dahingingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil sie
sprachen: „Unser Leben ist kurz und wird uns zugetheilt in kleinen
Tropfen. Wir wollen es auf einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in
seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und frieren.“
Weil sie nicht warten konnten, bis der Wein reif ward und duftig. Nicht
schauen, bis sie die Ferne erkannten und Richtung ihres Schiffens. Weil
sie jung waren, das Blut siedend schoss in ihren Adern, das lind sein
musste vom Denken, der weiten Herzlichkeit ihres Liebens.
Diese aber auch liebten zu sehr sich selbst, dass sie wie brennende
Fackeln sich verzehrten im Leeren. Die Licht gegeben hätten, reines Feuer
zum Leuchten, so sie doch nur geduldig gewesen, sich selbst gereinigt
hätten vom Unreinen.
Und die Andern, die gar kein Licht hatten, sondern dunkle Klötze blieben,
die mühsam denen ihre schiefen Strahlen auffingen, vom
Scheiterhaufenleuchten der Grossen ihren Weg suchten im Finstern,
schnobernd wie die Schweine nach Trüffeln, oder niedrige Hunde auf der
Fährte des Aases – spotteten über solche, zeigten auf sie in
Schadenfreude: „Die verzehren sich und sind gar nicht, Rauch und Asche.
Wir stehen fest und finden.“
Denn sie brauchen nicht viel zu finden, wie der Wurm immer noch Nahrung
findet in seinem Koth, dem Maulwurf die Larven niemals fehlen in seiner
niedrigen Dunkelheit.
Aber der Adler, der sehr hoch fliegt, hat oft sein Futter nicht für seine
Jungen, wenn Alles unter dem Schnee vereist liegt. Dem seltnen Vogel, der
lieblich singt, stellen die Vogelsteller nach. Sein glänzendes Gefieder
lockt Gelüste der Räuber.
So dass diese niemals aufkommen, die die Schönheit nackt gesehen hatten
und priesen, weil ihre eignen Augen unrein waren und ihre Worte die
Wollust verriethen. Die Andern aber, die gar nicht sahen und von Wollust
voll waren wie die geile Erde vom Mist, – dass sie nicht einmal wussten,
dass eine Keuschheit war, den reinen Mond befleckt hätten in ihrer
Unreinheit, – waren gross und sprachen die Urtheile über wichtige Dinge.
Und man nahm ihr Recht für _das_ Recht. Und ihre Wahrheit für _die_
Wahrheit, dass eine grosse Verwirrung war, die nichts mehr sahen, in der
Dunkelheit tappten wie Blinde und Trunkne.
Alles dies that seinem Herzen sehr weh. Der Ekel am Leben stieg in ihm auf
und würgte ihn an der Kehle wie bittre Galle, so dass er in sich selber
sprach: „Besser wäre die Welt gar nicht, Feuer und Schwefel vom Himmel,
denn dies! Und besser ein dumpfes Thier, oder eine Pflanze, die wächst und
stirbt, denn dieses Halbe im Staube, dem niemals die Flügel der Seele
wachsen. Besser, viel, viel besser ein Niegewordnes, Ungeschaffnes, als
das niemals ganz wird, nicht leben kann und nicht sterben.“
Seine Seele in ihm begann zu hadern mit Gott, dass er die Güte so klein
geschaffen und die Grösse niemals gut, die Reinheit sich verdarb an ihrer
eignen Spiegelklarheit und die Unreinheit mit dem Schwert der Reue
durchgestochen blieb, dass die Menschen sich drehten wie aufgespiesste,
unselige Fliegen an ihrem Stachel. Der Stachel war in ihrer eignen Brust
und bohrte sich tiefer bei jeder Drehung.
Und er sprach zu sich selbst: „Wozu so viel Qual und Leiden? Hast Du sie
geschaffen aus Hass oder wurden sie empfangen in Güte? Ist Dein Zweck mit
ihnen Gnade oder ist es Neid des Mächtigen, Allherrschenden gegen das
Kleine, Auch-Strebende? Bist Du gut? Oder sind sie besser wie Du, und nur
eine Zeit ward Dir Macht gegeben, sie zu quälen, im Staub Gebannte, die
ringen und stolz sind? Bist Du der Teufel? Der Ganz-Mächtige nicht? Und es
ist ein viel Mächtigerer, Unbegreiflicherer Dir und mir, und der in ihnen
ist? Wird er triumphiren, klar sein eines Tages? Und unsre Güte war vor
Ihm Halbheit? Unser Licht war Dämmerung? Sage mir, wer Du bist? Wer ich
bin für Dich? Dann lass mich mich hinlegen und sterben. Denn meine Seele
ist müde in mir. Das Licht des Tages thut meinen Augen weh und der Lärm
der noch Arbeitenden beleidigt mein Ohr. Ich grüsse die Nacht, die dunkel
ist, wo gigantische Schatten schweigen.“
So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht herkommen über die Felder.
Sie kam wie eine starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen
Mantel. Die Bäume standen wie dunkle Keulen Gewaffneter und die Stimme des
Wassers wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig sich lösenden
Tropfen.