Er sprach: „Kennst Du mich?“

Sie sprach: „Bist Du nicht der kommen soll? Ich kenne Dich wohl, denn Du

bist meiner Seele holdseligster Bräutigam. Ich habe nie einen andern Mann

gesehen, noch im Traume eines Zweiten gedacht. Die Thür meiner Kammer

blieb verschlossen. Niemand sah das Geheimniss meines Hauses bis heute.“

Nun sagte er: „So Du nicht weisst, was Liebe ist, wie kannst Du mich

lieben?“

Sie sprach: „Ich liebe Dich mehr als mein Leben. Ich liebe Dich mehr als

die Freiheit und den Frieden meiner Tage. Ueber die Scham meiner

Jungfrauenschaft liebe ich Dich. Ich würde meine Füsse in Flammen setzen,

um Dir zu folgen, meinen nackten Leib untertauchen in die stinkende

Faulheit des Sumpfes.“

Er sprach: „Da Du so tapfer bist, weisst Du, dass Du sterben musst? Denn

die mich freien, werben um den Tod. Ihr Weg geht über Dornen. Glühende

Nägel müssen in ihre Hände eindringen; ihre Seiten werden sich öffnen und

bluten. Sieben Schwerter gehen ein durch Deine Seele. Sie werden Dein

Fleisch zerschneiden mit scharfer Schneide, in Deinem innersten Herzen

haften wie fressendes Feuer.“

Sie aber schlug ihr weisses Gewand auf und wies ihre junge Brust, die

weisser war wie die Seide des Kleides, unter der das Leben klopfte in

hohen geduldigen Wogen. Und sie sprach: „Stich zu!“

Er sprach: „Du bist sehr schön. Schönheit ist der Stolz und die Gnade des

Weibes, und macht sie zur Freude des Mannes, seiner Augenweide, dass er

sein Leben lieber lässt denn die Süsse ihres Leibes. Um Schönheit wird ein

Weib geliebt. Die Liebe des Mannes haftet an der Lieblichkeit, den Formen

und der Feinheit der Glieder. – Gieb mir Deine Schönheit.“

Flugs legte sie nun ihr königliches Gewand ab. Sie nahm die Spangen von

ihren Armen, die Perlen, die an ihrem Hals hingen, die purpurne Stirnbinde

that sie zur Seite. Und nahm eine scharfe Scheere und schnitt ihr goldnes

Haar ab, wo es am dichtesten war hart im Nacken. Und Alles legte sie

zusammen und vor ihn hin, dass sie nun vor ihm stand im Untergewand, und

ihre Arme und Hände waren unbedeckt. Sie fror in ihrem dünnen Linnen. Dies

Alles that sie in der grössten Freude, mit den herzlichsten und

zärtlichsten Liebesworten.

Er aber seufzte und sprach: „Kummer wird über Dich kommen, Krankheit,

Verfolgung, Nachtwachen. Deine Augen werden blind werden vom Weinen, Deine

Wangen einfallen von der Sorge und täglichem Mühsal des Daseins. Du bist

sehr lieblich und jung. Du wirst hässlich sein und unansehnlich. Ein Spott

denen, die Dich priesen.“

Sie sprach: „Ich bin gerne so, so Du mich siehst, ich Dir nur wohlgefalle,

der mein erwählter Herr ist und lindester Gebieter.“

Er sprach: „Ich bin arm gewesen und hatte kein Lager für mein Haupt des

Abends. Meine Nahrung fand ich von den Feldern, was wild wuchs, karge

Barmherzigkeit gab. Du musst arm sein, ohne Frieden und Heimath wie ich.“

Sie sprach: „Gleich heute will ich fortgehen, die Thür verschliessen und

mein Haus zumachen, es nicht wiedersehen, wo ich still lebte und

glücklich. Meine Habe soll den Armen gehören. Ich nehme nichts denn einen

Stab, Brot für morgen, diesen Schleier um mein Haupt, dass ich nicht zum

Gespött der Gassenjungen werde, sie sagen: ‚Es ziemt sich nicht einem

Weib, in Freiheit zu laufen.‘ So ich doch Deine verlobte Braut bin und

eines grössten Königs Geehrte.“

Da seufzte er noch tiefer, sprach: „Gerade schleierlos musst Du gehen und

unverhüllt, nackt und in Blösse. Ich brauche Deine Scham, wie ich Dein

Leben brauche, weil sie einer Jungfrau theurer ist wie ihr Leben, sie es

zehnfach lassen würde um ihre Scham. – So gieb mir denn, was ich von Dir

heische.“

Da ward sie roth über und über, röther wie die Purpurrose, die zuerst der

Sonne sich öffnet. Es war, als ob Flammen überall aus ihrem Leibe schlugen

und um sie brannten. Sie konnte die Augen nicht aufheben, denn ihre Lider

waren schwer von Scham. Vom Scheitel bis zur äussersten Spitze ihres

Fusses fühlte sie die lohenden Fluthen der Scham. Und sie stand zitternd

mit knickenden Gliedern. Sie sprach leise: „Hier, Herr! Nimm mich.“

Und seine Seele ward weich über ihr, da sie vor ihm stand, ohne Fehl und

Flecken, weiss in ihrer purpurnen Scham wie Eine, die im Feuer steht, die

Flammen hoch um sie brennen, und sie steht und flieht nicht.

Und er sprach langsam: „Die Scham ist die Tochter der Sünde, aber die

Reinheit kennt keine Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die

Menschen sie sehen und schamrot werden vor ihrer strahlenden Nacktheit.

Jede Fiber gehört dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der Leib.

Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn die Seele erkennt. Es giebt nicht

Mann und nicht Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. Die Scham

ward gewebt zum schleiernden Schutze, den Schleier zerreisst, wer die

Wahrheit erschaut, Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! – – Das

ist das letzte der Geheimnisse. Ich sage es Dir, weil Du meine Braut und

Verlobte bist. Behalte es wohl und sage es Niemand.“

Danach küsste er sie. Er küsste ihre Augen, ihre Lippen und Wangen. An

ihren Schläfen küsste er sie. Und er nahm sie in seinen linken Arm, der

der Herzarm ist, und küsste sie auf die beiden Rosen ihres Busens. Denn im

Busen der Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und Verderben. Und

vom Schoosse des Weibes kommt alles Lebendige, Segen und Fluch.

Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er reichte ihr das Brot und sie ass

von seinem Brote. Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von dem Wein.

Und assen von allen Dingen, die auf dem Tische standen und wurden ganz

fröhlich.

Wie nun die Morgenröthe heraufkam, verliess er sie wieder. Der blöde

Knecht sah, wie sie die Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren viel

zu schwer für einer zarten Jungfrau Hände. Dennoch that sie es mit

Leichtigkeit. Sie war in ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen

Kleide, mit der purpurnen Stirnbinde.

Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches Weib. Sie küsste ihm die

Lippen und küsste seine Augen. Und sprach: „Fahre wohl, mein geliebter und

seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, da ich neben Dir das

Brautbett besteige.“

Das dünkte dem Knecht schier eine seltsame Rede für eine so untadelige

Jungfrau. Aber sie stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd bestieg.

Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug ihre Sachen zusammen, übergab

Alles dem Knecht und sprach: „Ich gehe. Ich habe viel zu thun. Und die

Zeit ruft.“

Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare Frau. Man brachte viele

Kranke zu ihr, die sie heilte, indem sie ihnen die Hände auflegte. Und

Einige wurden nicht geheilt, die ungläubig waren, sie versuchten. Solche

trieb sie mit Schelten von ihrer Thür: „Wie Ihr thöricht seid und tückisch

und so ganz schamlos!“

Niemals aber sprach sie über ihre Geheimnisse dieser Nacht. Nur eine

grosse, selige Freude war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine

Jungfrau, wo eine alte, blinde und kränkliche Frau gewesen war. Niemand

hatte je eine schönere Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr genau

sah, hatte an ihren Händen Stiche als von rothen Nägelmalen. Sie

durchbohrten auch ihre Füsse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von der

das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn Eindrücke, als ob Dornen um

ihr Haupt gewunden gewesen und in die Haut eingedrungen waren. Alles dies

war sehr deutlich. Sie hatte es immer an sich getragen, nur verborgen in

ihrer Bescheidenheit vor den Menschen, da sie sich selbst nie für solcher

mystischen Ehrung würdig gehalten. Und beständig sich selber schalt, dass

sie schwach sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den Werken, wie es

sich einer guten und getreuen Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten,

während der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als sie nun auf dem Sterbebett

lag, blass und abgezehrt, sehr schwächlich vom übergrossen Leiden, that

sie plötzlich einen lauten Schrei wie von seligster Freude. Die bei ihr

waren, darunter der Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen

strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. Und er nahm sie bei der

Hand und führte sie in das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf

silberweissen Linnen.

Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, aber ganz klar in seinem Kopf,

vorsichtig und abwägend in aller seiner Rede, schwor, dass es derselbe

gewesen, der sie damals besucht. Viele sprachen über diese seltsamen

Geschichten: Es ist ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche

glaubten noch schlechtere Dinge.

Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem Mund, und faule Worte kamen nur,

dass selbst die, die sie sonst gehört, einen Abscheu vor ihnen hatten.

Selbige schrieen laut auf: „Die Scham ist todt! Die Scham ist todt!“

stürzten sich unter Schweine, dass man sie für solche hielt, einsperren

und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein Schrecken fuhr in alle Leute

der Gegend. Und fürchteten das Grab und sagten: „Lasst uns eine hohe Mauer

darum bauen!“

Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse Kränze. Und ward ein

Heiligthum da für untadelige Jungfrauen, die nie ein Mann berührt hatte,

und sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten vor allem Volk.

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 25 / 46 题