Er sprach: „Lass mich allein mit ihm.“

So ging sie hinaus und schloss die Thür hinter sich.

Es war Niemand im Zimmer, denn er und Maria. Und die Leiche zwischen

ihnen, von der sie die Fliegen wehrte mit ihrem blühenden Zweig. Denn sie

hatten ihn viele Tage liegen lassen um des Fremden willen. Der Leichnam

fing schon an sich zu zersetzen. Ein Geruch der Fäulniss war mit im Zimmer

zwischen dem frischen, kühlen der Blumen, die Maria gesammelt hatte.

Er war an das Lager getreten und sah den Todten an.

„Er ist nicht todt,“ sagte er.

„Ich weiss, dass er nicht todt ist. Er schläft blos,“ sagte Maria. Sie

fuhr fort den Fliegen zu wehren und sang leise. Vom Gras, das verwelkt,

sang sie, von der Spreu im Winde:

„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem

Felde.

„Wenn der Wind darüber geht, ist sie nimmer da und ihre Stätte kennt sie

nicht mehr.

„Sie gehen daher wie ein Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe.

„Sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.

„Wie ein Traum vergehet, so wird er auch nicht gefunden werden und wie ein

Gesicht in der Nacht verschwindet.

„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hochkommt, so sind es

achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit

gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“

Nicht traurig klang es. Nur weich und sehr leise.

„Er ist nicht todt und er hat nicht gelebt,“ sagte der Fremde. „Er wurde

nur geboren und nun ist er gestorben.“

„Ich weiss, dass er nicht todt ist und nicht gelebt hat,“ sagte Maria.

„Was lebt, ist unsterblich. Das Unsterbliche kann niemals sterben.“

„Niemals,“ sagte der Fremde.

„Vielleicht ist er auf einem andern Stern jetzt,“ sagte Maria. „Vielleicht

ist er etwas sehr Hohes und Herrliches. Vielleicht ein Fliegeneichen. Und

der Wind führt es fort. Oder Gräser wachsen aus ihm, die blühen und Samen

tragen.“ Sie lächelte und scheuchte die Fliegen. Die Sonne stand schon

niedrig. Ein breiter Lichtbalken vom Fenster her zog sich quer durch die

Stube. Hunderte von glitzernden Stäubchen tanzten und webten. Sie stiessen

sich und kreisten.

„Vielleicht,“ sagte der Fremde. „Nur er ist nicht todt.“

„Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie sind thöricht.“

„Und blind. Sie sehen nicht.“

„Sie sehen nicht, weil sie hochmüthig sind und Scheuklappen vor ihre Augen

binden, um nicht zu sehen. Alles ist schön. Alles singt. Alles lebt.“

Und fröhlich sang sie in den Tag, der sich neigte: „Sie denken, dass die

Sonne untergeht. Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird Nacht.

Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, die Menschen sind ungeduldig und

unverständig! Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es dunkel wird.

Still ist die Nacht. Lieblich und gütig.“

– „Möchtest Du den wecken, der schläft? Er schläft sanft und seine Lippen

lächeln. Möchtest Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und fiebrig,

was so still ward? Fühle, wie still es ist.“

Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des Todten und legte ihre Hand auf

sein Herz. „Es schlägt nicht mehr. Hört darum der Ocean auf, seine Wellen

zu wälzen? Stört es etwas im Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum

Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig klein sind! Und Froschherzen

sind noch kleiner. Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern

fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und Froschmenschen! Wie sie

klein sind!“

„Deine Mutter weint.“

„Ich habe eine Blume gepflückt und der Stengel blutete. Das ganze

Würzelchen starb. Sie muss nun sterben. Sieh, wie die Blätter hängen! Wie

sie traurig ist!“

„Man könnte sie wieder einpflanzen.“

„Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird Staub werden, eine schönere

Blume vielleicht. Vielleicht wird sie eine Königin. Sie möchte gar nicht

wieder eine arme, kleine Blume sein.“

„Die draussen verstehen es nicht.“

„Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, dumme, kleine Kinder.“

„Und unglücklich.“

„Unglück ist Ungeduld und Eigensinn. Es giebt keine Gefahr, wenn Du auf

dem Wasser liegst und Dich treiben lässt. Es trägt Dich mit sich. _Gegen_

die Fluth bist Du ohnmächtig. Sie verschlingt Dich. – Du kannst die Augen

schliessen und die Arme falten. So leicht – leicht schwimmt es sich! –

_Er_ schwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. Er ist nicht todt und ich lebe

nicht. Es ist Alles Eins – Alles ...“

Die Abenddämmerung war in’s Zimmer gekrochen. Alles löste sich auf, schien

zu schwimmen, emporgetragen zu werden.

„Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der Ferne viele Stimmen hörst, ist es

Alles nur ein Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der gedacht worden

ist, verschwindet. Was in den Schooss der Zeiten gesenkt war, trägt Frucht

und blüht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der Zeiten ist die Ewigkeit.

Und alles Lebens Leben ist Gott.“

Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. Er sprach: „Leb wohl! Ich

sehe Dich jetzt nicht. Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. Das

Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir davon gegeben hast, trage ich in

mir. Und diese Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehütet wie ein

kostbarer Schatz. – Den Winden – der Erde – dem Wasser“ – er schlug die

Zeichen durch die Luft. – „Gott, der des Lebens Ursprung ist, von dem es

fliesst und zurück fliesst. – Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und

ein Ende machen.“

So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, schlossen die Thür hinter sich,

da der Todte lag. Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte jetzt deutlich

den Geruch der Verwesung, in dem der welkenden Blumen, etwas von Blut,

Fleischfaser und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, mit geschlossnen

Kelchen hingen die Blüthen. Die Fliegen schwirrten.

Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig sahen, meinten sie, es wäre ein

Wunder geschehen, dass der Todte lebte. Sie drängten nach in die Thür und

Martha rief mit lauter Stimme ihren Bruder: „Du – Du – sage ob Du lebst?“

Aber Maria sagte: „Lass ihn. Er ist nicht todt. Doch wir müssen ihn

begraben, denn es ist Abend und die Leiche fängt schon an stinkend zu

werden. Es wäre uns schädlich, ungesund, zum Schlafen in der Kammer.“

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 22 / 46 题