DAS DREIZEHNTE KAPITEL.

Es begab sich aber, dass Einer gestorben war, den er lieb hatte. Dessen

Verwandte und Freunde kamen zu ihm und sagten: „Dein Freund ist todt. Er

hat Dich geliebt und liebt nicht mehr. Er hat gesprochen und nun schweigt

er. Er ging und wandelte unter uns und er ist nun starr und stumm wie ein

Stein. Bald wird die Verwesung eintreten an seinem Leichnam. Wir werden

ihn begraben und unter die Erde senken müssen. Die Würmer werden ihn

zerfressen, sein Fleisch, das faul und stinkend wird, die Knochen, dass

von ihm nichts übrig bleibt. Pilze und lange Gräser werden wachsen aus

seinem Grab. Wo sein Hirn war, werden die Maden nisten. Ekle Larven werden

kriechen in der Höhle seines Mundes, der lieblich tönte von holdseliger

Rede, weil er lebte. Seine Mutter wird Niemand haben, der ihr Trost

bringt. Sie ist alt und kann nicht mehr ausgehen auf Arbeit. Seine

Schwestern werden sitzen und verwelken in ihrer Jungfrauenschaft. Denn wer

wird sie wollen, wo der Bruder fehlt, der Brot gab und Schutz? Ein grosses

Unglück ist es für Alle. Du konntest helfen und halfst nicht. Nun ist er

todt. So Du nicht eilig kommst, wirst Du die Leiche nicht mehr sehen im

Tode. Der Dir lieb war, geht ein wie Gras, das verdorrt.“

Dies Alles hörte er mit an, sagte nichts. Danach stand er auf und ging

sehr eilig, dass er den Todten noch sähe auf seiner Bahre, die Hand auf

sein Antlitz legte, ehe sie ihn zuschlossen im Sarge.

Im Hause fand er Alles in schwerer Trauer. In einer Stube sass die alte

Mutter und wehklagte laut. Alle Weiber des Orts waren um sie, weinten und

halfen ihr ihre Thränen trocknen. Während sie laut die Tugenden des Todten

rühmten, der ein vortrefflicher Sohn gewesen, voll Eifer und

Zuverlässigkeit gegen seine betagte Mutter, der er die Hälfte seines

Verdienstes gab, dass sie friedlich und in Eintracht lebten in ihrem

Häuschen und satt zu essen gehabt von dem, was er heimbrachte.

So trostlos war die alte Frau, dass sie ihre Haare zerrauft hatte. Ihre

Kleider hingen unordentlich um ihren Leib, denn sie hatte sie mehrere Tage

und Nächte nicht abgenommen, während er krank lag. Ihre Augen waren

geröthet vom Nachtwachen, ihre Backen eingefallen von Kummer, jämmerlich

und hülflos die ganze Erscheinung. Sie weinte laut, schrie und wollte sich

nicht trösten lassen. Es war ihr einziger Sohn gewesen, der todt lag. Sie

hatte nur diesen und würde kinderlos bleiben hinfort. Ihre Töchter konnten

in die Ferne ziehen als Mägde. Manchmal würden ihr die Nachbarn eine

Unterstützung bringen als einer Bettlerin und Ueberlästigen. Sie würde an

der Thür stehen, wo sie früher als Herrin gewaltet, ärmlich sitzen, wo sie

im Mutterstolz geschritten neben ihrem Sohn.

Die eine Schwester Martha ging ab und zu. Sie brachte warme Getränke,

Wecken und Kuchen für die Leidtragenden, während die Männer Bier aus

Krügen tranken, Branntwein hingestellt war in Flaschen. Das gebot die

Sitte. Diese Martha hatte das Hauswesen unter sich und war sehr tüchtig

darin. Ihre Wecken und Kuchen waren berühmt im Dorfe. Das Bier, das sie

selbst braute, schmeckte kräftig und süss, wie irgend ein gekauftes. Alle

assen und tranken reichlich, lobten Martha, ihre Ordnung und Führung des

Hauswesens, wie sie Alles eingeleitet und gerichtet in dieser traurigen

Gelegenheit. Sie war bald hier und bald dort, füllte die Tassen und Krüge,

schalt auf die Kinder, die anfingen das Brot zu verstreuen, sich die

Gesichter zu beschmieren mit Mus unter dem Tisch. Sie nahm einen Besen und

fegte sie damit hinaus Alle zusammen und gab ihnen Schläge auf ihre

kleinen Röckchen. Alle fanden, dass sie recht that, diese Martha ein sehr

tüchtiges Frauenzimmer sei. Es war ein oberster Bauer im Dorf, der sich

vornahm, sie als Haushälterin zu dingen. Der Wirth vom Krug wollte sie

gleichfalls. Dieser war ein Wittmann und konnte heirathen. So dass wenig

Noth war um Martha, selbst wenn sie keine Aussteuer hatte, der Bruder

fehlte, sie wegzugeben.

Maria aber, die andre Schwester, sass zu Häupten des Todten in dem kleinen

Verschlag nebenan. Sie hatte einen blühenden Kirschenzweig abgebrochen und

wehrte damit den Fliegen, die kommen wollten, sich auf das Antlitz des

Todten zu setzen. Wenn eine Fliege kam, scheuchte sie sie sacht hinweg mit

ihrem blühenden Zweig, ohne sie zu tödten, dass sie aufflog und summend

gegen das Fenster stiess. Sie hatte Wiesenblumen gepflückt, ganze

Armladungen voll, und sie zu beiden Seiten des Bettes geschichtet. Wie auf

einem lichten Frühlingsanger lag der Todte, weil er jung war,

wohlgewachsen und schön vor andern Jünglingen.

Martha schalt über das unnöthige Heu, das die Kühe fressen könnten. Sie

fand, dass die Schwester ihr helfen sollte in der Wirthschaft und bei der

Bedienung der Gäste. Aber Maria blieb sitzen bei dem Todten. Sie hatte

ihren Zweig in der Hand und scheuchte sacht die Fliegen, während sie vor

sich hinsang.

Diese Maria hatte die Gabe der Lieder. Im Hause war sie nicht so geschickt

wie Martha, von weniger flinken Fingern, so dass jene oft schalt und ihr

Vorwürfe machte. Sie konnte auch nicht ansehen, dass man Thiere und Vögel

schlachtete, wie Martha es that, trefflich davon zu kochen verstand.

Manchmal hatte sie der Schwester die blinkenden Fische wieder aus dem Netz

genommen und heimlich zurückgetragen in’s Wasser. Martha hatte gezankt,

ihre Hand geschlagen. Sie fand, dass sie unnütz war und träge in der

Arbeit. Obgleich sie sehr schön war, höchst lieblich anzusehen, fragte sie

nicht nach den jungen Leuten im Dorf, die zwar gekommen wären, unter ihren

Fenstern von Liebe zu schwätzen, auch wohl ihre Armuth übersehen hätten um

ihrer grossen Schönheit willen. Ihre Schönheit war wie die einer Königin,

nicht eines Bauernmädchens. Wenn sie durch das Dorf zum Brunnen ging,

liefen die Kinder ihr nach, die Kühe kamen mit breiten, weissen Stirnen,

sich streicheln zu lassen von ihr, zu saufen aus ihrem Eimer. Man sagte,

dass in ihrer Hand Heilkraft wäre, die Pflanzen, die sie eingesetzt hatte,

schlugen an und blühten. Ihre Lieder schläferten ein trotziges Kind ein.

Das wilde Blut wurde ruhig. Man vergass die Sorgen des Lebens, wurde

einfach, Lilien auf dem Felde, die blühen in ihrer stillen Pracht, und

kleine Vöglein, die zwitschernd flogen ohne Sorge und Noth.

Sie sass und störte mit ihrem Zweig die Fliegen. Sie sang leise. Sie war

gar nicht traurig. Ihr schönes Gesicht blieb ruhig wie zuvor. Sie weinte

auch nicht; man sah keine Unordnung in ihrem Haar oder Kleid. Keine

Herdröthe lag auf ihren Backen, wie bei Martha, die fliegend stob,

scheltend, zählend, weinend wieder zwischendurch über den Bruder, der

fehlte, die Sorge, die in den Haushalt gekommen dadurch. Besonders

beklagte sie sich, dass Er, der sein Freund war, nicht dagewesen war bei

Zeiten. Er hätte ihm ein Heilmittel geben können, wenigstens doch Trost

spenden an seinem Bett, eine Hülfe sein den geplagten Frauen.

Es kamen immer mehr Menschen, denn die Zeit des Begräbnisses war nahe.

Alle assen und tranken. Es war eine grosse Unordnung. Man hörte das Klagen

der alten Frauen, die die Tugenden des Todten aufzählten, die Kinder

spielten und trieben allerlei Schabernack. In den Ställen brüllte das

Vieh, das man vergessen hatte über dem Trubel, vor seinen Krippen.

Mitten hinein da trat der Fremde. Martha stürzte sich sofort auf ihn und

erzählte die näheren Einzelheiten von der Krankheit und dem Tod. Die alte

Mutter erhob ihre Stimme sehr hoch in Schluchzen. Alle sahen ihn an und

drängten sich um ihn, denn sie wussten, dass der Verstorbne ihm sehr lieb

gewesen war. Sie wunderten sich, was er thun würde. Einige dachten auch,

er hätte ihm helfen können: Was ist an ihm, so er nicht mal diesen retten

konnte, den er lieb hatte? Die Andern glaubten beinah an ein Wunder: Jetzt

ist die Gelegenheit für ihn. Wir müssen sehen, was er thut. Sie waren ganz

bereit zu glauben, wenn er den Todten erweckte, obgleich sie natürlich

nicht zugaben, dass so etwas möglich wäre. Es war eine Aufregung in der

ganzen Gesellschaft und Alle sahen auf ihn.

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 20 / 46 题