Er sprach: „Warum forderst Du es?“

Es entstand da ein ganz lächerlicher Disput über die Ehre. „Wenn Einer

mich geschlagen hat, muss ich ihn wieder schlagen?“

Er sprach: „Ein Schlag und noch ein Schlag sind zwei Schläge. Machst Du

ein Loch damit zu, dass Du es doppelt weit einschlägst?“

Aber in seinem Herzen wurde es traurig über sie. Und er that seinen Mund

auf und fing an zu wehklagen.

„Arme! die Ihr reich seid, und Eure Güter fressen Euch selbst, Geiz, Neid

und Habsucht! Was Du zu viel hast, nimmst Du einem Andern, der zu wenig

hat, und für jedes Ueberflüssige, das Du Deinem Leibe anthust, leidet ein

Andrer Mangel.

„Geht Ihr hin und gebt Theile, baut Krankenhäuser und sammelt für

Wohlfahrtsanstalten: Dies thue ich – und wollt Lob Eurer Nachbarn und

Ansehen vor den Leuten, Ihr Heuchler! Wo Ihr nicht genommen habt zuvor,

was brauchet Ihr zu geben?

„Ihr sagt, dass Ihr sie hochbringt und streitet für die Freiheit Eurer

Brüder, Gesetze, Unterricht und Bürgerrechte. Was brauchtet Ihr Freiheit,

wenn Ihr nicht Unfreie gemacht hättet zuvor, Eure Seelen nicht in Banden

wären des Geizes, des Trotzes, des Hochmuths, der Lüge, der Trägheit und

der feigen Angst?

„Nach Macht trachtet Ihr selbst, wie Ihr Euch hochbaut vor den Leuten,

dass sie Euch anstaunen möchten. Innerlich seid Ihr hohl. Ihr zehrt vom

Kostbarsten, das Ihr habt. Und wenn der Tag kommt, dass man Euren Leib zu

Grabe trägt, Eure Seele war todt in Euch lange vorher.

„Ihr denkt, Ihr habt gefunden, darum sucht Ihr nicht mehr. Das Gesuchte

ist weiter von Euch, denn da Ihr irrtet in Noth und Zagen. Ihr stopft die

äussre Wunde zu und der Brand frisst fort inwendig. Ihr seid stolz in

Eurer Erkenntniss, Eurem Wissen, köstlichen Kleidern um Eure Nacktheit.

Und wenn Ihr ganz nackt steht, kommt der Frost. Ihr erstarrt unter dem

faulen Schimmer. Eure Herrlichkeit ist die der Eintagsfliege, Eure Grösse

die des Maulwurfs, der seinen Erdhaufen aufwirft.

„O Ihr Kleinen! Ihr Armseligen! Ihr Ungläubigen! Wie unglücklich seid Ihr

in Eurem Glücke! Wie erbärmlich in Eurem Stolz!

„Die Kinder und Unmündigen werden wissen vor Euch, die Kleinen, die Ihr

verachtet habt. Das Lamm wird stärker sein denn der Löwe, der laut brüllt.

Eine Jungfrau mit der Seide ihres Haares wird Königreiche leiten, die der

Eisenfuss zertritt.

„Wehe Euch! Wehe Euch!

„Die Pflanzen wissen, die Felsstücke. Die Wasser, die ihren Weg laufen.

Alle Sterne, die gehen in ihrer Bahn.

„Ihr werdet nie wissen, die Ihr klug seid. Ihr könnt nicht, die Ihr stark

seid. Die wollen, werden niemals erreichen. Die kämpfen, siegen nicht.“

Solche Rede erbitterte Viele. Sie suchten ihn zu erhaschen. Aber er ging

mitten durch sie hindurch und entwischte ihnen immer.

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 18 / 46 题