Der Mann sprach: „Nimm so viele, wie Du willst?“

Er nahm eine Handvoll und streute sie auf das Wasser.

Sprach der Mann zu ihm: „Wie kannst Du solches thun, so doch das Wasser

die Samen nicht hält und austreibt?“

Er sprach: „Sollen sie keimen, wird es sie schon tragen, wo sie Wurzel

finden. Die Erde ist nicht besser denn das Wasser. Wo ein Same leben soll,

müssen tausende sterben.“

Und es war ein Buckliger auf demselben Schiff, der war ganz verwachsen.

Alle Knochen seines Leibes standen schief und sein Gesicht war scheusslich

anzusehen mit schielenden Augen und einer platten, queren Nase.

Derselbe sprach zu ihm: „Meister, es ist recht, was Du sagst, dass alle

Menschen gleich sind, und ist nicht Einer schön und der Andre hässlich,

Jener klug und Dieser thöricht. So sage auch diesen, dass sie mich schön

finden, und lobe meine Verwachsenheit, die keine Missgestaltung mehr ist.“

Er sprach zu ihm: „Was habe ich mit Dir zu schaffen? Ganz hässlich bist Du

und schauerlich anzusehen. Was wagst Du zu hoffen von der Schönheit, die

Du beleidigst, und woher kommt Dir der Muth, der Du feige bist und ganz

niedrig.“

Trieb ihn von sich mit harten Worten und sah wieder in den Fluss, darin

die Landschaft sich spiegelte im klaren Wasser.

Aber sie hörten es nicht gern. Die, die das hörten, fuhren fort, das Volk

zu reizen zur Gewalt, um die Machthaber umzustürzen, oder System und

Lehrsätze zu erfinden, die Alles gerecht machen sollten, dass Jeder seine

Fülle hätte, kein Unfrieden mehr sei in der Welt. Diesen liefen Viele zu.

Sie hatten ein grosses Gefolge hinter sich, die sagten: „Morgen kommt der

grosse Zusammensturz. Wir werden dann essen, die wir jetzt hungrig sind.

Wir werden herrschen, die dienen. Wir sind Viele und sie sind Wenige.

Lasst uns uns zusammenrotten und laut schreien, dass wir sie übertäuben

und ihre Stimmen mit unseren Stimmen, die zahlreicher sind und lauter

schreien.“

Gewaltig erscholl die Stimme Fritz Kuhlemann’s aus der grossen Stadt.

„Gebt Eure Güter und verlasst Eure stolzen Paläste! Gebt Eure Macht auf,

Ihr Herren und Regierenden! Lasst uns gute Gesetze haben und nicht mehr

unsre Frauen und Mädchen verkaufen zu Laster und Unzucht! Wir wollen keine

Kriege mehr und keine Hungersnoth. Wir wollen Alle arbeiten und essen.

Einer soll sein wie der Andre, Keiner König und Keiner ein Bettler. Unsre

Frauen sollen gleichgeachtet sein wie wir und unsre Töchter wie unsre

Söhne. Wir wollen glücklich sein auf dieser Welt und Kinder zeugen. – Denn

was nachher kommt, wissen wir nicht, Niemand kann an gegen den Tod.“

Ein junger Mann kam zu dem Fremden. Er wollte mit ihm über seinen

Seelenzustand sprechen.

Er sagte: „Ich habe immer ein untadeliges Leben geführt. Von Lastern und

verbotnen Dingen habe ich mich ferngehalten. Ich habe versucht, meinen

Geist zu bilden mit allem Wissen und der Bildung unsrer Zeit. Ich habe

meine Lehrer in Ehrfurcht gehalten und meinen Eltern gehorcht. Gegen

Niedrigstehende bemühe ich mich höflich und gerecht zu sein. Es fehlt

meinen Leuten an nichts. Sie haben ihre Gebühr und über Gebühr. Ich bin

allgemein angesehen und hochgeachtet. Wenn ich ein Weib nehmen will, wird

Niemand zögern, mir seine beste Tochter anzuvertrauen. Ich werde sie

unschuldig, wohlgebildet und von gutem Ruf nehmen, wie ich selber bin. Es

klebt kein Stäubchen an meinem Vermögen. Alles ist auf ehrliche Weise

erworben und von meinen Voreltern langsam erarbeitet. Kein Blutrichter

fände einen Flecken daran. Niemand ist von mir um einen Pfennig betrogen.

Dem Staat zahle ich pünklich, was ihm zukommt. Ich betheilige mich an

allen Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnützigen Anstalten. Die Leute auf

meiner Besitzung sind glücklich gepriesen von Allen. Sprich nun selbst,

bin ich vollkommen so und nach Deinem Sinn?“

Er sprach: „Du sagst, dass Du Güter hast. Nimm Deine Güter, den letzten

Pfennig, den Du besitzest, und gieb ihn den Armen, den Bettlern und den

Hunden.“

Der junge Mann ward sehr traurig und ging von ihm. Er sah ihm lange nach,

denn er war ein trefflicher junger Mann, licht und schön von Ansehen, der

das Gute suchte.

Darauf sprach er: „Der Reichthum ist schlimmer denn die Wollust, die

Wollust giebt für Andre. Er denkt nur an sich. Auch thut der wohl eher

Busse, der grobe Sünde thut, denn der angesehen ist vor aller Welt und

niemals fiel. Ach es ist schwer! schwer für einen Menschen, der viele

Güter hat, dass er das Gute finde!“

Nun sprach Jemand aus seiner Umgebung zu ihm: „Was nützt es den Armen, so

Einer giebt? Es käme wenig auf Alle. Morgen wäre dasselbe wieder, dass

Einige nichts hätten und Andre mehr.“

Er sprach: „Es ist nicht um der Armen willen. Wenn er es auf’s Meer würfe,

die Wellen trügen es fort, wäre es ihm ebenso gut. Siehst Du nicht, dass

seine Güter wie eine Mauer stehen zwischen seinem Thun und dem freien

Wollen seiner Seele? Alle seine Liebe bleibt eingeschlossen und wird

ersticken in ihm, ohnmächtig und schlaff werden. Nur weil er reich ist. –

Der Arme liebt wohl leichter. Er hat dafür Neid und Niedrigkeit als seine

Feinde. Die Seelen, auf denen das Joch lange liegt, werden niedrig. Und

die wahre Liebe ist stolz und eine Königin. Aber die begehren, sind

Sklaven. Nur der nichts mehr begehrt, ist ein Vornehmer und ein Fürst.“

Wenige verstanden dies und Viele murrten darüber. Einige sagten, er liebt

nur die Armen. Die Andern fanden, dass er ein Reactionär sei und es mit

den Hohen nicht verderben wollte.

Es gefiel ihnen auch sehr, ihm schwierige Fragen zu stellen, weil sie ihn

fangen wollten in den Antworten. Und er schickte sie ihnen zurück, fragte:

Was _willst_ Du thun?, dass sie selber sich antworten mussten, beschämt

standen in ihrer Nacktheit und List.

So war ein Mann, der ein Eheweib hatte, die ihn betrog.

Er kam zu ihm und fragte, ob er ihr verzeihen sollte? „Das Gesetz erlaubt

mir, mich von ihr zu trennen, sie zu strafen an Gut und Habe. Die

allgemeine Meinung und meine Stärke würden mir wohl gestatten, sie zu

tödten. Das erste ist Gerechtigkeit, das zweite Rache.“

„Und Deine Liebe?“

„Aber sie hat meine Liebe verrathen. Alle Zärtlichkeiten, die ich ihr

erwiesen habe, sind vergessen. Sie hat Kinder von mir gehabt. Ich habe ihr

Ehre gezollt als dem Oberhaupt meines Hauses. Ihre Schönheit erfreute

mich. Ich gab ihr genug, um sich zu schmücken. Keiner ihrer Wünsche, den

es in meiner Macht war zu erfüllen, blieb unerfüllt. Ich liebte ihren

Verstand, ihre Art sich auszudrücken, die Weichheit ihrer Stimme, die

Liebesbezeugungen, die sie mir erwies, und dadurch Neigungen in mir

erweckte, ihre Schüchternheit und Hülflosigkeit selbst.“

„Und ihre Seele? – Hast Du ihre Seele geliebt? Was in ihr schwach war und

arm und nach Hülfe schrie? Ihre Zögerungen, den Glauben an Dich, Deine

Vollkommenheit, die nicht war, diese verzweifelte Liebe, die im Fleisch

suchte, was in Deiner Seele fern von ihr war, – Deine Seele, die sich

nicht mit ihr vereinigen konnte. Die sie in die Arme eines Andern fliehen

machte, der sie noch unglücklicher liess? – Diese arme, nackte frierende,

beschämte Seele, hast Du sie geliebt?“

Auch der verstand ihn nicht. Viele Leute sagten nun: „Er ist nachsichtig

für die Sünden des Fleisches. Huren und Lüstlinge sind ihm recht.“

„Die Sünden der Wollust sind traurig,“ sagte er. „Sie tragen ihre Strafe

in sich. In dieser Traurigkeit, die nachher kommt von der Unvollkommenheit

der Liebe, dass es nur wieder Unvollkommnes ist, was sie gebärt. Die

Unreinheit ist das Gift, das Alles vergiftet, das ihr naht. Es giebt keine

Schönheit mehr für den, der faul sieht. Sie lieben nicht, die sich der

Leidenschaft hingegeben haben. Das ist eine eiternde Krankheit,

Würmerfrass der Seele.“

„So wäre es also besser, ganz keusch zu sein, keine Kinder mehr zu zeugen

und dass die Welt aufhörte?“ fragte Einer. Er war ein Mann, der im Laster

gelebt hatte, und er wollte ihm eine Falle stellen, um zu sagen: „Welch’

ein Unsinn!“

Er sah ihn lange an. „Was weisst Du von der Keuschheit? Das ist die weisse

Blume des Paradieses, das erste Gewebe aus den Strahlen der Morgenröthe.

Wenige sind ihrer theilhaftig. Und ob sie nackt gingen durch den eklen

Sumpf, er befleckte sie nicht. Alle Schande und Schmach kann ihnen nichts

anhaben, _denn sie schämen sich nicht_. Das ist das Höchste, sich nicht zu

schämen. Weil die Scham in uns ist von der Sünde.“

Aber Viele wollten, dass er sich deutlicher erklärte.

Er that es nicht: „Vielleicht begreifen nur sie es, die das Andre gekannt

haben, durchgegangen sind durch den feurigen Ofen und im Feuer wieder rein

wurden. Die irdische unvollkommene Liebe ist in sich ein Abbild der

andern. Sie giebt die Sehnsucht. Die Sehnsucht schafft neues Leben – immer

neues! Sie sind wohl die Unglücklichsten, die nie geliebt haben. Sie sind

unfruchtbar.“

Manche hätten gehofft, dass er mehr darüber sagte. Aber er hielt seinen

Mund geschlossen und sprach nicht mehr den Tag.

So setzten sie ihm zu mit vielen spitzfindigen Fragen. „Ich habe meinem

Nachbar Geld geliehen. Nun will er es mir nicht wiedergeben. Ist er im

Recht oder ich?“

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 17 / 46 题