Durch die Gewitternacht fuhr der junge Mann den Sterbenden.
Es gab einen kürzeren Weg über die Berge durch eine seichte Furth im
Flusse. Schmuggler benutzten ihn für lichtscheuen Handel. Man vermied ihn
am Tage. Ihn bei Nacht zu fahren, war Wahnsinn.
Das Gewitter näherte sich. Es war ein Sausen in der Luft, das die Bäume
zur Erde bog. Kiefern und magere Birken, die an den Abhängen wuchsen im
beständigen Kampf um ihr Dasein. Der Wind fing sich in den gewundenen
Schluchten der Thäler. Da heulte und rasselte er wie ein eingeschlossener
Wolf. Und unten der Fluss, von einer mysteriösen Anziehungskraft
aufgetrieben, begann zu brüllen, kurze Wellen aufzuwerfen mit schnellen
Kruppen, die zu den Steinen hinüberleckten. Bewegungslos, weiss lagen noch
die schimmernden Ränder. Runde Backen von Kieseln gleissten. Aber die
Schilfe rauschten und raunten. Während von weiter, über dem Gebirge
unheilschwangere Laute eines brauenden, überkochenden Hexenkessels kamen,
jagende, schwarze Wolkenfetzen mit der peitschenden Bewegung der Bäume
eine fratzenhafte Mischung von Licht und Schatten verursachten. Alles in
Galoppade, die Kutsche einhüllend, die wie ein Gespann der Hölle
dahinsauste. Inwendig den Sterbenden. Ueber den Hälsen der Pferde, halb
hängend in der Luft, den Mann, der die Pferde antrieb, dass die Steine
knatterten, Funken aufsprühten.
Nun fuhr der erste Blitz herunter. Der Eclaireur, senkrecht, elegant, halb
spielerisch, ein Fechterhieb im beginnenden Duell der Elemente. Die Pferde
bäumten sich. Er riss sie zurück. Sie rasten vorwärts wie der Teufel.
Drinnen hörte er den Sterbenden röcheln. Er schrie. Er flehte. Das Gehör
des Fahrenden, unnatürlich angespannt, vernahm jeden Laut. Er fühlte die
schweissfeuchten, huschenden Finger, die sich anklammern wollten, das
Fenster niederzulassen versuchten. Der hülflose Körper verweigerte die
Anstrengung. – „Hülfe! Hülfe!“ keuchte der drinnen.
Er lachte laut auf. Er klopfte mit dem Peitschenstock an das Fenster und
schrie: „Hoho!“ Er sah den drinnen sich verzerren in Todesangst, die
künstlichen Zähne heruntergefallen, die Augen vorgequollen, in weissgrünem
Schweiss.
Er jauchzte wilder. Der Ton brachte die Pferde ausser sich. Sie flogen vor
ihm her wie Raben im Dampf.
Es fiel ihm ein, wie er ein Hirtenjunge gewesen war, den Berg
hinuntersprang, mit dem schäumenden Sturzbach um die Wette. Manchmal kamen
Steine. Der Bach sprang klaftertief mit sprühendem Gischt, der Junge
sprang noch über Bach und Stein hinweg. Seine nackten Sohlen tanzten in
dem grünen, eiskalten Wasser, das nach ihm aufleckte, nach den weissen,
zappelnden Füssen. Er wusste, dass sie Feinde waren, er und der Bach.
Trotzdem konnte er ihn nicht kriegen; trotzdem liebte er ihn.
Er liebte den Bergwind, der die Bäume zerbrach, um seine Schutzhütte
tobte, diesen grossen Ton der Wuth, der Unterwelt, Gewaltigerer gegen die
dumme Ordnung, die banale Heiterkeit der Sonne. Von sehr hoch sah er
winzige abgetheilte Felder. Häuser wie Schneckenhäuser angeklebt,
ängstlich. Sie hatten Mühlräder eingesetzt, um das Wasser zu nützen und
bepackte Postwagen keuchten schwerfällig die Strassen hinauf. Manchmal
kamen Städter mit dünnen Beinen, wischten sich den Schweiss ab und
lächelten höflich. Er stand vor ihnen wie ein kleiner Wildling. Er
verachtete sie.
Wie er sie verachtete! Sie vermeinten, dass der Berggeist sie foppte, wenn
er schallend hinter ihnen her lachte, weil sie sich verliefen und
ängstlich suchten. Hässliche alte Weiber traten ihnen entgegen aus
Versenkungen, die sie nie gesehen hatten, murmelten ihnen Verwünschungen
nach, die sie nicht verstanden, für Segenswünsche hielten als Entgelt
ihrer blanken Nickelstücke.
Ab und zu stürzte auch mal Einer wirklich ab, mit der Brille, dem
Photographierkasten. Das war dann ein grosses Unglück. Herren vom Gericht
kamen, Leidtragende, wichtig thuend. Sie trugen gar nicht wirklich Leid.
Sie freuten sich heimlich. Er gönnte es ihnen. Was kamen sie herauf mit
ihren dünnen Beinen, ihren Glatzen und Gläsern, ihrem Geld.
Freilich ihr Geld! Er wusste bald, was es werth war, dass er ein Lump war
mit seinen Fäusten, seinem prachtvollen Krauskopf und weissen starken
Zähnen, wenn er es nicht hatte. Dafür gab man ihm Hutfedern, blanke
Stiefel, die gleissten in der Sonne. Sonst musste er hungern. Anton Rothe
wollte Geld.
In der Schule verschlang er seine Bücher. Er zeigte einen Heisshunger nach
Wissen, der die Lehrer erstaunte, unbedeutende eingesumpfte Dorfmenschen,
die sie waren. Das peinigte ihn. Er brachte seine Nächte zu, schwierige
Aufgaben sich auszudenken und zu lösen, mehr zu erfahren, mehr – mehr! Mit
einer wahren Wuth riss er jetzt an den Thoren der Erkenntniss, der vorher
in scheue Wildheit sich eingeschlossen hatte.
Und er hatte Glück.
Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, ein wohlthätiger und gelehrter
Mann, sehr reich. Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich einen
brauchbaren Präceptor seiner Söhne erziehen. Es ist immer angenehm, einen
Clienten zu haben, Wohlthun ist ein Vergnügen für reiche Leute.
Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der Junge entlief zwischen die
rotheste Rotte. Er hielt zündende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die
Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst Arbeiter. Seine Fäuste zwangen
das Eisen wie sein Geist den Stoff – ein interessanter junger Mann, dem
man eine Zukunft prophezeite!
Er verliebte sich. Irgend eine gleichgültige, hellblonde Tochter seines
Patrons. Sie liess ihn lächelnd sich glühend erklären und heirathete
kaltblütig und vernünftig ihren Dragonerlieutenant. – Nun fing er an wie
ein grosser Herr zu leben, machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm
den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine Feder, seine Talente,
skrupelloseste Börsenmachinationen. Summen glitten zwischen seinen
Fingern. Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft des Prinzen.
Seitdem waren die Beiden unzertrennliche Begleiter.
Bergabwärts raste das Gespann. Er hatte die Peitsche fortgeworfen, die
Zügel losgelassen. Er kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. Er
hätte wie eine Katze den Pferden auf den Rücken springen mögen, mit seinem
Athem an ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten.
Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas: „Hülfe! Hülfe!“ klang es
gellend, kreischend, nicht mehr menschlich.
Er schlug ein teuflisches Gelächter auf. Sie rasten weiter.
Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch die Luft. Die Luft litt unter
dem Ansturm und pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die Flanken
der Wüthenden. Ihre Nüstern schnoben Feuer. Von ihren Hufen sprühte der
Stein in knisternden Funken. Das Heulen der Winde wurde grässlicher. Sie
fingen sich, drehten sich, verschlangen einander in kreisenden Strudeln.
Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es schon giessen in Strömen. Es
schlug prasselnd gegen das Fenster. Die krampfende Hand im Rahmen
verschwand. – Dadrinnen war die Sündfluth.
Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. Die Pferde rasten weiter mit
dem geschleiften Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang,
fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen Geräusch von Schlittenkufen auf
dem Trocknen.
Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr menschliches Ding, getödtet von
Furcht, und doch lebend, das agonisirte. Es dachte an diese schreckliche
Angst und Hülflosigkeit, dass er ihn hielt in seiner starken Hand, stark
wie die Lawine!
Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen prasselte. Er schlug hernieder
wie in Ruthenbündeln. Haarscharf wendend, zeigten sich im Blitzlicht
zerrissne Sprünge, schweflig gähnend, dass die Pferde zur Seite
schnellten, grausend.
„Auf! Auf, alter Satan! Wir fahren zur Hölle!“
Singend pfiffen die Riemen. Die Pferde mit blutenden Flanken,
schaumbedeckt, keuchten wie apokalyptische Spukdinge. Lucifer, der
gefallne Engel, lenkte sie selbst im höhnenden Rausch seiner Kraft und
seines Stolzes. Es war unmöglich, dass sie so ankamen, der Wagen musste
sich überschlagen, zerschellen.
Die tolle Eile steigerte sich. Sie verbrannten den Boden, dass die Geleise
rauchten, die Räder sich hitzten zu dunkler Rostgluth. Hinter ihnen
losgelassen folgte das ganze Gewitter, Frauen mit feuchten Haaren,
Rübezahl der Berggeist mit dem Barte, das ganze Heer der Wilden,
Eingebannten.
„Ich kenne Euch! Ich kenne Euch! Willkommen, Gesindel!“
Drinnen war es still. Er hörte nichts mehr. Der Wagen schlug auf wie ein
klappender Kasten, nur noch Holz, etwas Lebloses, etwas Unförmiges, das
die Pferde erschreckte, hinter ihnen hing, nach dem man sich nicht umsah,
immer zwischen ihren Beinen verwickelt, sie stiess zu rasenderem Lauf.
Und nun, ganz deutlich, vernahm man die Stimme des Flusses, zwischen allen
diesen Bächen, Wässern, die neben ihnen gossen, vom Walde und Wolkenbruch
angeschwollen. Er röhrte wie ein Hirsch in Wollust. Er war allmächtig.
Bäume, mit der Wurzel ausgerissen, fuhren und drehten sich blitzgeschwind.
Die Steine seiner Tiefe kollerten polternd übereinander. „Ihr denkt, ich
drehe Euch Eure Mühlen, schaffe Euer Licht, trage Eure Brücken – Euer
Diener, Euer gehorsamer! Euer Speichellecker! Ich hasse Euch! Ich hasse
Euch!“
Er fühlte sich stolz, alle Demüthigung dieser vielen Jahre fortgeschwemmt,
zerbrochen der Zaum, den er im Munde getragen. Bücken, heucheln und lügen!
– Sie hatten ihn gehalten. Er hielt sie. Er war stark.
Da war der rothe, glorreiche Tod dahinter, über ihm und in ihm, Satan mit
prachtvollem Lachen, aufgereckt der Titan. Er war der Starke. Nichts!
Nichts gegen ihn!
Er schnalzte mit der Zunge, schwang die Arme fuchtelnd in der Luft, Laute
südlicher, infernalischer Idiome, die den Blutdurst rufen, Tänzer zu den
tollsten Gliederverrenkungen aufstacheln und die Frauen willenlos machen
unter dem Gluthhauch der Brunst. Alles das hatte er gesehen und genossen
im delirirenden Suchen nach Genuss, unter der platzenden Sonne des
Mittags.
Todt! Todt! Todt! Elendes Aas, von dem sich die Hunde abwenden mit Grauen,
sein leeres Hirn zerschellt an den Steinwänden. Nichts drin, das Grinsen
selbst des Todtenschädels zerstört im grösseren Grausen, dieser
zersplitterten Knochen, zerschundnen Häute unter dem Orden, dem Frack.
„Geht! Geht, meine Engel! Fliegt, meine Feuerrosse! Springt an, meine
Wildlinge!“
Senkrecht weiter ging es in toller Flucht. Ein Rudel Wild hatte sich da
zusammengedrängt im Hohlweg, Schutz suchend in scheuem Schrecken. Mitten
unter sie sprangen die tollgewordenen Rappen. Ein Gekreisch der Stummen,
die nie sprechen, fuhr auf, Blutgeruch, warme Spritzer ... Die Klage
erstarb im Tannenwald.
Und jetzt setzte der Donner ein. Ein Trommelrollen wie von tausend
Tambouren. Der Wirbel ging über den ganzen Himmel hin, zornig und
rufend ... und verhallte.
Er war jetzt ganz frei. Er führte die wilden Rosse seines Lebenswagens
gegen den Abgrund. Eine jauchzende Kraft kam über ihn.
„Wir können nicht leben wie wir wollen. Aber wir können sterben und den
Tod verachten, denn wir wissen, dass er kein Tod ist. Nur ein leeres
Schreckgespenst, ein lächerlicher Schwindel gar nicht existirender
Gewalten. Taschenspielerkunststück Derer, die sich schwach fühlen!“
Der Donner, ein zweites Mal, gab Antwort, ein Tiger mit ungeheurem
hängenden Bauch, der über weite Flächen springt; im Sprunge brüllt er ...
... „Der Schwarze Bock in Purpurfinsterniss erscheint“ ...
Höllengeschichten fielen ihm ein. In Pariser Schlammpfühlen, affreuse
Weiber, schwarze Messen, wo man mit dem Blut der Wollust die Todten
beschwor, Hüftenverrenkungen in Bauchtänzen geschlechtsloser
Vorstadtbajaderen, Augen, die über der Verwesung schwammen wie fischige
Perlen in perlmutternem Glanze.... Diese ganze Civilisation, impotent und
pervers, in den letzten Zügen röchelnd, mit Haschisch und Qualen sich
aufpeitschend zu neuen Sensationen, ein zweites, neues, junges,
greisenhaft altes Rom, wo die Messalinen ordinaire Cocotten sind, die
Neros und Heliogabals, Boulevardbummler, verwöhnte Muttersöhnchen,
Sprösslinge jüdischer Banquiers und christlicher Prostituirter. Wie
gemein! Wie gemein!
Ein Gelächter schüttelte ihn wie im Krampf. Der Hut war ihm vom Kopf
geschlagen. Er riss sich den Rock auf. Er drängte sich nackt, hoch, dem
Tod und dem Nachtwind entgegen.
Ein Schrei gellte auf von irgendwo. Vielleicht ein Wandrer? Der
Chausseewärter? Die wilde Jagd stob vorüber.
Er fühlte die feuchten wehenden Haare der Hexen hinter sich, ein lascives
Gelächter nackter Trollen und Faune. Sie ritten mit entsetzlichen,
unbeschreibbaren Gesten. Die Jungen waren hübsch mit traurigen Augen. Die
Aeltern waren noch schrecklicher, schwarz, Aeser geworden in der
lebendigen Verwesung ihres Lasters.
Er wusste nicht mehr, was er hinter sich herzog. Einen Cadaver. Ein Aas in
Fetzen. Einen Lumpen ...
Er hörte nur noch das Brüllen des Wassers, fühlte die Feuchtigkeit. Steine
rollten mit ihm bergab. Sie hüpften, kugelten, kollerten, surrten. Hohhi
hoh! Er hetzte die Rappen zum Todessprung.
Plötzlich standen sie kerzengerade. Der ganze Himmel flammte im Feuer. Er
schien zusammenzukrachen von allen Seiten, zu bersten, zu schüttern, zu
schwingen ...
Wie ein eiserner Vorhang, ganz von Eisen, schwarz, und schwer vom Gewicht
aller Himmelsgewölbe klappte der Donnerschlag.
Dann nichts mehr. Dunkelheit.
Eine Hand hielt seine Hand gefasst. Er versuchte die andre gegen seine
Stirn zu führen. Sie war warm vom Blut. „Wohin führst Du mich?“
„Wohin Du nicht gewollt hast – _Paulus_!“