DAS SIEBENTE KAPITEL.

Durch die Gewitternacht fuhr der junge Mann den Sterbenden.

Es gab einen kürzeren Weg über die Berge durch eine seichte Furth im

Flusse. Schmuggler benutzten ihn für lichtscheuen Handel. Man vermied ihn

am Tage. Ihn bei Nacht zu fahren, war Wahnsinn.

Das Gewitter näherte sich. Es war ein Sausen in der Luft, das die Bäume

zur Erde bog. Kiefern und magere Birken, die an den Abhängen wuchsen im

beständigen Kampf um ihr Dasein. Der Wind fing sich in den gewundenen

Schluchten der Thäler. Da heulte und rasselte er wie ein eingeschlossener

Wolf. Und unten der Fluss, von einer mysteriösen Anziehungskraft

aufgetrieben, begann zu brüllen, kurze Wellen aufzuwerfen mit schnellen

Kruppen, die zu den Steinen hinüberleckten. Bewegungslos, weiss lagen noch

die schimmernden Ränder. Runde Backen von Kieseln gleissten. Aber die

Schilfe rauschten und raunten. Während von weiter, über dem Gebirge

unheilschwangere Laute eines brauenden, überkochenden Hexenkessels kamen,

jagende, schwarze Wolkenfetzen mit der peitschenden Bewegung der Bäume

eine fratzenhafte Mischung von Licht und Schatten verursachten. Alles in

Galoppade, die Kutsche einhüllend, die wie ein Gespann der Hölle

dahinsauste. Inwendig den Sterbenden. Ueber den Hälsen der Pferde, halb

hängend in der Luft, den Mann, der die Pferde antrieb, dass die Steine

knatterten, Funken aufsprühten.

Nun fuhr der erste Blitz herunter. Der Eclaireur, senkrecht, elegant, halb

spielerisch, ein Fechterhieb im beginnenden Duell der Elemente. Die Pferde

bäumten sich. Er riss sie zurück. Sie rasten vorwärts wie der Teufel.

Drinnen hörte er den Sterbenden röcheln. Er schrie. Er flehte. Das Gehör

des Fahrenden, unnatürlich angespannt, vernahm jeden Laut. Er fühlte die

schweissfeuchten, huschenden Finger, die sich anklammern wollten, das

Fenster niederzulassen versuchten. Der hülflose Körper verweigerte die

Anstrengung. – „Hülfe! Hülfe!“ keuchte der drinnen.

Er lachte laut auf. Er klopfte mit dem Peitschenstock an das Fenster und

schrie: „Hoho!“ Er sah den drinnen sich verzerren in Todesangst, die

künstlichen Zähne heruntergefallen, die Augen vorgequollen, in weissgrünem

Schweiss.

Er jauchzte wilder. Der Ton brachte die Pferde ausser sich. Sie flogen vor

ihm her wie Raben im Dampf.

Es fiel ihm ein, wie er ein Hirtenjunge gewesen war, den Berg

hinuntersprang, mit dem schäumenden Sturzbach um die Wette. Manchmal kamen

Steine. Der Bach sprang klaftertief mit sprühendem Gischt, der Junge

sprang noch über Bach und Stein hinweg. Seine nackten Sohlen tanzten in

dem grünen, eiskalten Wasser, das nach ihm aufleckte, nach den weissen,

zappelnden Füssen. Er wusste, dass sie Feinde waren, er und der Bach.

Trotzdem konnte er ihn nicht kriegen; trotzdem liebte er ihn.

Er liebte den Bergwind, der die Bäume zerbrach, um seine Schutzhütte

tobte, diesen grossen Ton der Wuth, der Unterwelt, Gewaltigerer gegen die

dumme Ordnung, die banale Heiterkeit der Sonne. Von sehr hoch sah er

winzige abgetheilte Felder. Häuser wie Schneckenhäuser angeklebt,

ängstlich. Sie hatten Mühlräder eingesetzt, um das Wasser zu nützen und

bepackte Postwagen keuchten schwerfällig die Strassen hinauf. Manchmal

kamen Städter mit dünnen Beinen, wischten sich den Schweiss ab und

lächelten höflich. Er stand vor ihnen wie ein kleiner Wildling. Er

verachtete sie.

Wie er sie verachtete! Sie vermeinten, dass der Berggeist sie foppte, wenn

er schallend hinter ihnen her lachte, weil sie sich verliefen und

ängstlich suchten. Hässliche alte Weiber traten ihnen entgegen aus

Versenkungen, die sie nie gesehen hatten, murmelten ihnen Verwünschungen

nach, die sie nicht verstanden, für Segenswünsche hielten als Entgelt

ihrer blanken Nickelstücke.

Ab und zu stürzte auch mal Einer wirklich ab, mit der Brille, dem

Photographierkasten. Das war dann ein grosses Unglück. Herren vom Gericht

kamen, Leidtragende, wichtig thuend. Sie trugen gar nicht wirklich Leid.

Sie freuten sich heimlich. Er gönnte es ihnen. Was kamen sie herauf mit

ihren dünnen Beinen, ihren Glatzen und Gläsern, ihrem Geld.

Freilich ihr Geld! Er wusste bald, was es werth war, dass er ein Lump war

mit seinen Fäusten, seinem prachtvollen Krauskopf und weissen starken

Zähnen, wenn er es nicht hatte. Dafür gab man ihm Hutfedern, blanke

Stiefel, die gleissten in der Sonne. Sonst musste er hungern. Anton Rothe

wollte Geld.

In der Schule verschlang er seine Bücher. Er zeigte einen Heisshunger nach

Wissen, der die Lehrer erstaunte, unbedeutende eingesumpfte Dorfmenschen,

die sie waren. Das peinigte ihn. Er brachte seine Nächte zu, schwierige

Aufgaben sich auszudenken und zu lösen, mehr zu erfahren, mehr – mehr! Mit

einer wahren Wuth riss er jetzt an den Thoren der Erkenntniss, der vorher

in scheue Wildheit sich eingeschlossen hatte.

Und er hatte Glück.

Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, ein wohlthätiger und gelehrter

Mann, sehr reich. Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich einen

brauchbaren Präceptor seiner Söhne erziehen. Es ist immer angenehm, einen

Clienten zu haben, Wohlthun ist ein Vergnügen für reiche Leute.

Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der Junge entlief zwischen die

rotheste Rotte. Er hielt zündende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die

Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst Arbeiter. Seine Fäuste zwangen

das Eisen wie sein Geist den Stoff – ein interessanter junger Mann, dem

man eine Zukunft prophezeite!

Er verliebte sich. Irgend eine gleichgültige, hellblonde Tochter seines

Patrons. Sie liess ihn lächelnd sich glühend erklären und heirathete

kaltblütig und vernünftig ihren Dragonerlieutenant. – Nun fing er an wie

ein grosser Herr zu leben, machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm

den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine Feder, seine Talente,

skrupelloseste Börsenmachinationen. Summen glitten zwischen seinen

Fingern. Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft des Prinzen.

Seitdem waren die Beiden unzertrennliche Begleiter.

Bergabwärts raste das Gespann. Er hatte die Peitsche fortgeworfen, die

Zügel losgelassen. Er kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. Er

hätte wie eine Katze den Pferden auf den Rücken springen mögen, mit seinem

Athem an ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten.

Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas: „Hülfe! Hülfe!“ klang es

gellend, kreischend, nicht mehr menschlich.

Er schlug ein teuflisches Gelächter auf. Sie rasten weiter.

Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch die Luft. Die Luft litt unter

dem Ansturm und pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die Flanken

der Wüthenden. Ihre Nüstern schnoben Feuer. Von ihren Hufen sprühte der

Stein in knisternden Funken. Das Heulen der Winde wurde grässlicher. Sie

fingen sich, drehten sich, verschlangen einander in kreisenden Strudeln.

Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es schon giessen in Strömen. Es

schlug prasselnd gegen das Fenster. Die krampfende Hand im Rahmen

verschwand. – Dadrinnen war die Sündfluth.

Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. Die Pferde rasten weiter mit

dem geschleiften Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang,

fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen Geräusch von Schlittenkufen auf

dem Trocknen.

Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr menschliches Ding, getödtet von

Furcht, und doch lebend, das agonisirte. Es dachte an diese schreckliche

Angst und Hülflosigkeit, dass er ihn hielt in seiner starken Hand, stark

wie die Lawine!

Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen prasselte. Er schlug hernieder

wie in Ruthenbündeln. Haarscharf wendend, zeigten sich im Blitzlicht

zerrissne Sprünge, schweflig gähnend, dass die Pferde zur Seite

schnellten, grausend.

„Auf! Auf, alter Satan! Wir fahren zur Hölle!“

Singend pfiffen die Riemen. Die Pferde mit blutenden Flanken,

schaumbedeckt, keuchten wie apokalyptische Spukdinge. Lucifer, der

gefallne Engel, lenkte sie selbst im höhnenden Rausch seiner Kraft und

seines Stolzes. Es war unmöglich, dass sie so ankamen, der Wagen musste

sich überschlagen, zerschellen.

Die tolle Eile steigerte sich. Sie verbrannten den Boden, dass die Geleise

rauchten, die Räder sich hitzten zu dunkler Rostgluth. Hinter ihnen

losgelassen folgte das ganze Gewitter, Frauen mit feuchten Haaren,

Rübezahl der Berggeist mit dem Barte, das ganze Heer der Wilden,

Eingebannten.

„Ich kenne Euch! Ich kenne Euch! Willkommen, Gesindel!“

Drinnen war es still. Er hörte nichts mehr. Der Wagen schlug auf wie ein

klappender Kasten, nur noch Holz, etwas Lebloses, etwas Unförmiges, das

die Pferde erschreckte, hinter ihnen hing, nach dem man sich nicht umsah,

immer zwischen ihren Beinen verwickelt, sie stiess zu rasenderem Lauf.

Und nun, ganz deutlich, vernahm man die Stimme des Flusses, zwischen allen

diesen Bächen, Wässern, die neben ihnen gossen, vom Walde und Wolkenbruch

angeschwollen. Er röhrte wie ein Hirsch in Wollust. Er war allmächtig.

Bäume, mit der Wurzel ausgerissen, fuhren und drehten sich blitzgeschwind.

Die Steine seiner Tiefe kollerten polternd übereinander. „Ihr denkt, ich

drehe Euch Eure Mühlen, schaffe Euer Licht, trage Eure Brücken – Euer

Diener, Euer gehorsamer! Euer Speichellecker! Ich hasse Euch! Ich hasse

Euch!“

Er fühlte sich stolz, alle Demüthigung dieser vielen Jahre fortgeschwemmt,

zerbrochen der Zaum, den er im Munde getragen. Bücken, heucheln und lügen!

– Sie hatten ihn gehalten. Er hielt sie. Er war stark.

Da war der rothe, glorreiche Tod dahinter, über ihm und in ihm, Satan mit

prachtvollem Lachen, aufgereckt der Titan. Er war der Starke. Nichts!

Nichts gegen ihn!

Er schnalzte mit der Zunge, schwang die Arme fuchtelnd in der Luft, Laute

südlicher, infernalischer Idiome, die den Blutdurst rufen, Tänzer zu den

tollsten Gliederverrenkungen aufstacheln und die Frauen willenlos machen

unter dem Gluthhauch der Brunst. Alles das hatte er gesehen und genossen

im delirirenden Suchen nach Genuss, unter der platzenden Sonne des

Mittags.

Todt! Todt! Todt! Elendes Aas, von dem sich die Hunde abwenden mit Grauen,

sein leeres Hirn zerschellt an den Steinwänden. Nichts drin, das Grinsen

selbst des Todtenschädels zerstört im grösseren Grausen, dieser

zersplitterten Knochen, zerschundnen Häute unter dem Orden, dem Frack.

„Geht! Geht, meine Engel! Fliegt, meine Feuerrosse! Springt an, meine

Wildlinge!“

Senkrecht weiter ging es in toller Flucht. Ein Rudel Wild hatte sich da

zusammengedrängt im Hohlweg, Schutz suchend in scheuem Schrecken. Mitten

unter sie sprangen die tollgewordenen Rappen. Ein Gekreisch der Stummen,

die nie sprechen, fuhr auf, Blutgeruch, warme Spritzer ... Die Klage

erstarb im Tannenwald.

Und jetzt setzte der Donner ein. Ein Trommelrollen wie von tausend

Tambouren. Der Wirbel ging über den ganzen Himmel hin, zornig und

rufend ... und verhallte.

Er war jetzt ganz frei. Er führte die wilden Rosse seines Lebenswagens

gegen den Abgrund. Eine jauchzende Kraft kam über ihn.

„Wir können nicht leben wie wir wollen. Aber wir können sterben und den

Tod verachten, denn wir wissen, dass er kein Tod ist. Nur ein leeres

Schreckgespenst, ein lächerlicher Schwindel gar nicht existirender

Gewalten. Taschenspielerkunststück Derer, die sich schwach fühlen!“

Der Donner, ein zweites Mal, gab Antwort, ein Tiger mit ungeheurem

hängenden Bauch, der über weite Flächen springt; im Sprunge brüllt er ...

... „Der Schwarze Bock in Purpurfinsterniss erscheint“ ...

Höllengeschichten fielen ihm ein. In Pariser Schlammpfühlen, affreuse

Weiber, schwarze Messen, wo man mit dem Blut der Wollust die Todten

beschwor, Hüftenverrenkungen in Bauchtänzen geschlechtsloser

Vorstadtbajaderen, Augen, die über der Verwesung schwammen wie fischige

Perlen in perlmutternem Glanze.... Diese ganze Civilisation, impotent und

pervers, in den letzten Zügen röchelnd, mit Haschisch und Qualen sich

aufpeitschend zu neuen Sensationen, ein zweites, neues, junges,

greisenhaft altes Rom, wo die Messalinen ordinaire Cocotten sind, die

Neros und Heliogabals, Boulevardbummler, verwöhnte Muttersöhnchen,

Sprösslinge jüdischer Banquiers und christlicher Prostituirter. Wie

gemein! Wie gemein!

Ein Gelächter schüttelte ihn wie im Krampf. Der Hut war ihm vom Kopf

geschlagen. Er riss sich den Rock auf. Er drängte sich nackt, hoch, dem

Tod und dem Nachtwind entgegen.

Ein Schrei gellte auf von irgendwo. Vielleicht ein Wandrer? Der

Chausseewärter? Die wilde Jagd stob vorüber.

Er fühlte die feuchten wehenden Haare der Hexen hinter sich, ein lascives

Gelächter nackter Trollen und Faune. Sie ritten mit entsetzlichen,

unbeschreibbaren Gesten. Die Jungen waren hübsch mit traurigen Augen. Die

Aeltern waren noch schrecklicher, schwarz, Aeser geworden in der

lebendigen Verwesung ihres Lasters.

Er wusste nicht mehr, was er hinter sich herzog. Einen Cadaver. Ein Aas in

Fetzen. Einen Lumpen ...

Er hörte nur noch das Brüllen des Wassers, fühlte die Feuchtigkeit. Steine

rollten mit ihm bergab. Sie hüpften, kugelten, kollerten, surrten. Hohhi

hoh! Er hetzte die Rappen zum Todessprung.

Plötzlich standen sie kerzengerade. Der ganze Himmel flammte im Feuer. Er

schien zusammenzukrachen von allen Seiten, zu bersten, zu schüttern, zu

schwingen ...

Wie ein eiserner Vorhang, ganz von Eisen, schwarz, und schwer vom Gewicht

aller Himmelsgewölbe klappte der Donnerschlag.

Dann nichts mehr. Dunkelheit.

Eine Hand hielt seine Hand gefasst. Er versuchte die andre gegen seine

Stirn zu führen. Sie war warm vom Blut. „Wohin führst Du mich?“

„Wohin Du nicht gewollt hast – _Paulus_!“

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 10 / 46 题