Er sprach zu ihm: „Warum liest Du nicht in Deinem Buch, das Du hältst?“

Er sprach: „Dieses Buch habe ich gelesen, viele Bücher, alle Bücher der

Welt, die ich finden konnte. Ihre Worte sind Buchstaben und ihr Wissen ist

Worte. Jetzt lese ich gar nichts mehr. Ich bin nur hier und studire den

Baum.

„Recht herrlich anzusehen ist dieser Baum. Aufgepflanzt auf starken

Wurzeln, unter der Erde gegründet wie über ihr. Der Mittelstamm reckt sich

stolz und gerade. Jedes Jahr weitet sich der Ring. Eine Schnur fügt sich

mystisch zur Schnur der gewesnen, die die Vergangenheit zeichnen, und jene

Zukünftiges. So entsendet er Aeste ringsum im Kreise nach allen vier

Richtungen der Sonne, dass die Sonne sie bescheine und wachsen macht.

Kleine Zweige schiessen auf von den grossen, aus knorrigen Höhlen, wo das

Geheimniss der Geburt sich erneuert. Diese wieder theilen sich in

fächernde Finger.

„Keine Regel scheint in dem Ganzen und stolz giebt er die Rundung des

Erdballs wieder. Fast flach breiten sich die untern tragenden Aeste. Die

mittleren reichen an den Kreis des Aequators. Zum Pole der Spitze fügen

sich in schärferer Steigung die oberen.

„Und Alles lebt. Die Wurzel entsendet die Kräfte, die die Aeste leiten.

Zur äussersten Spitze des ärmlichsten Stieles steigt pulsender Saft, der

schwärt und gebiert. Ohne Ende ist dieses Leben, grossmüthig und doch

sparsam. Es scheint zu schlafen und wirkt doch in der Stille. Prangend

steht es in der Blüthe und sicher reift doch die Frucht. Es giebt kein

Meistern an seiner Form und Bestimmung. Denn Alles ist meisterlich von

Anfang gegründet wie es sein muss, bis er stirbt, sein Tag um ist, da er

lebte.“

Er sprach: „Bist Du also weit und hast Du dies Alles erkannt, so will ich

Dir mehr sagen, das wichtiger ist denn Werden und Sterben. Lass Dein Buch

und den Baum und folge mir.“

So folgte ihm dieser.

Zwei Brüder, Maurermeister, lebten in einer kleinen Stadt. Sie lebten dort

schlicht und redlich, waren verheirathet und hatten Kinder. Ihr Gut

mehrten sie täglich und sie hatten zusammen ein schönes Haus gebaut, dass

sie dort auf ihrem Eignen sässen und ihre Tage friedlich endeten.

Sprach der Eine zum Andern: „Was hilft es uns nun, dass unser Gut sich

mehrt von der Arbeit unsrer Hände, unser Haus fest und stattlich steht?

Wir müssen doch sterben. Die Zeit reisst es ein, was wir gebaut haben.“

Der Andre sprach zu seinem Bruder: „Ich kenne einen Fremden, der Worte

weiss stärker wie das Leben. Was er meint, bindet keine Zeit. Mauern

fassen es nicht, die stärker sind wie unsre.“

Er sprach, der der ältre Bruder war und der Weiseste von Beiden: „Diesen

Mann muss ich hören. Und wenn ich alle meine Güter dahintenlasse, was das

Herz froh macht, ein Weib und junge Kinder. Es ist wichtiger, dass ich

habe, was ewig bleibt. In sich bauen, dass man fest wird, ist mehr denn

Häuser bauen, die der Sturm einreisst.“

Diese Beiden gingen und suchten den Fremden auf.

Sie waren aber redliche Leute, wohlgeachtet von allen Menschen und von

nachdenklicher Gemüthsart, wie es das Handwerk mit sich bringt. Denn ein

Maurermeister in seinem Handwerk, so er es recht versteht und ernst nimmt,

ist etwas vom lieben Gott und Schöpfer selbst, der die Welt geschaffen

hat. Er hält in seiner Hand Thon und Mörtel. Was er baut, soll für Jahre

und Jahrzehnte sein, wohlgegründet und ausgemessen in allen seinen

Theilen, dass nicht das Hohe auf das Niedrige falle, der Boden nachgiebt

unter zu schwerer Belastung von Schnörkeln, Pfeilern, buntausgemalten

Fenstern.

Alle diese und Andre, an der Landstrasse, sah und fand der Fremde.

Manchmal, wenn Viele beisammen waren, an einem Wegrain oder auf der

Rasenhöhe über dem Teich, sprach er zu ihnen.

Er sprach ihnen von der Armuth des Reichthums und wie die gering sind und

Knechte, die streben und hochstehen.

Von den Thörichten des Herzens und den Armen im Geist sagte er ihnen

süsse, geheimnissvolle Worte. Und von der Güte der Unklugen, die weiser

ist denn Weisheit und stärker denn Stärke aller Gewaffneten und Starken.

Kleine Kinder umstanden seine Kniee und sahen zu ihm auf mit grossen,

unbewussten, gläubigen Augen. Sehr alte Leute nickten in tiefen

Meditationen. Mütter hielten sich lächelnd an mit ihren Säuglingen an der

Brust, die nach der nährenden Zitze lallend griffen, sie patschten mit

ihren rosigen Händchen.

„Die Liebe kennt kein Gesetz. Sie ist über dem Gesetz. Alles Gesetz ist in

ihr.“

„Gieb! Man wird Dir nicht stehlen, wenn Deins ist wie Deines Bruders und

Deines Bruders wie Deins.“

„Die Unkeuschheit ist nicht in der That. In der Scham schon ist Sünde. Der

Gedanke der Wollust schlägt und beschädigt.“

„Nicht das Wort ist Lüge, der Eid betheuert nicht. Eure Rede sei klar,

weil Euer Denken Wahrheit ist.“

„Der Hass, der keinen Widerstand findet, erlahmt in ihm selbst, wie der

Stein, der geworfen wird und in’s Wasser fällt.“

„Und widerstrebet dem Uebel nicht.“

Die kleinen Blumen blühten mit tiefen, duftenden Kelchen. Feiner wie

köstlichste Seide waren ihre Blättchen. Die Staubfäden standen wie

brennende Kerzen, Goldkrystalle edelster Kronleuchter. Auf grünen Stengeln

trugen sie ihre Häupter wie Kronen. Die Luft war schwanger von ihren

Düften und die Winde trugen ihre Samen. Die Vögel kamen sorglos und

pickten ihre Nahrung. Im Gras athmeten Cicaden und Mückchen, Käfer,

Gewürme – ein tausendfältiges Leben.

„Warum sorget Ihr Euch? Alles Leben findet seine Nahrung. Alles Lebendige

erfüllt seine Bestimmung des Lebens. Ihr sorget und sammelt Schätze. Die

Motten zerfressen sie und der Rost, die Diebe graben danach und stehlen.“

„Der Reiche ist arm und der Arme ist reich. Stark ist, wer fest steht in

sich selbst. Der weise geworden ist in Gott, dem haben Stürme, Hass der

Menschen und Noth nichts an. Die Welt ist dem Menschen gegeben. Ueber der

Welt steht der Mensch, der die Welt in sich trägt. Gott ist in Euch und

Ihr seid Gottes. Erwacht zu Eurer Herrlichkeit! Ein königliches Volk, ohne

Könige, Herren Alle und Freie, die Ihrer selbst Herr geworden sind.“

Sehr schön war er mit seiner strahlenden Stirn, dem melodienreichen Mund,

dem die Worte entströmten, die Hände lang und fein mit heilender

Berührung. Seine Worte klangen lieblich wie Musik. Und in ihnen war die

Tiefe. Der blaue Himmel spannte sich über ihn, blau, ganz blau, in immer

lichterem Blau bis zur lächelnden Sonne, über die Erde gestellt mit

grünsammetnem Rain, – einen König im schlichten Bettlergewand, einen

Gebietenden auf dem Feldstein seines Throns.

Die Leute kamen von weit, ihn zu hören.

Etliche sagten: „Es sind Gedichte. Wir haben das schon oft gehört, so oder

so.“ – Aber sie hatten viel zu thun und gingen.

Viele sagten: „Das ist Alles Lüge. Träumereien sind das.“ – Sie erklärten

lange, wie es besser zu machen sei mit dem Aufhören der Militairlasten

oder einer neuen Steuerordnung oder indem man die Güter anders vertheilte.

Sie waren die Klügsten. Aber die Meisten gingen hin und thaten weiter, wie

sie vorher gethan hatten.

Und war Niemand, der ihn verstand.

Der Fremde: Ein Gleichniss · 第 7 / 46 题