Er ging auf’s Land.
Er kam durch Dörfer, die sich lang hinstreckten in einer einzigen Strasse.
Oder eine andre zweigte sich ab vom Mündungsplatz, sehr ausgefahren, in
einer flachen Tränke endigend am Waldrand, gleich sehr einfachen,
primitiven Verdauungsorganen ganz untergeordneter Thiere. Es gab ärmliche
Häuser, abseits im Koth stehend mit zerfallnen Stacketen und windschiefen
Mauern, wohlgebaute, schmucke, die steinerne Treppen vor der Thür hatten;
weisse Gardinen umrahmten die Fenster über blühenden Töpfen. Recht in der
Mitte war die Kirche gebaut. Ueberall hatte man da zuerst die Todten
begraben, eh’ man anfing sie hinauszutragen weit abseits in gleichgültiges
Flachland. Uralter Epheu kletterte empor nach dem verwitterten Holzthurm.
Eine runde Zifferscheibe zeigte die Stunde mit eingerostetem eisernen
Finger. Des Abends riefen die Glocken und antworteten sich. Vor dem
Wirthshaus stand irgend ein hundertjähriger Baum, eine Ulme oder Linde.
Sehr oft war sie schon ganz zerfressen, eine Seite fehlte, dass man
hineinsehen konnte, wie in einen hohlen Ring. Aber oben trieben die Aeste
noch grüne Ruthen. Die Alten betrachteten sie sorgenvoll, aber die Jungen
dachten, dass sie etwas Heiliges wäre und das Glück ihres Dorfes davon
abhinge. Die Hühner scharrten in den Fahrgeleisen. Das Vieh wohnte
friedlich neben den Menschen. Die Kühe tranken aus der steinernen Tränke
am Brunnen. Sie auch waren heilig, freundlich, der Reichthum ihres
Besitzers, und sahen mit ruhigen Augen wie Berechtigte, die ihren Weg
kennen. Kleine Kinder liefen dem Wandrer nach in ihren Holzschuhen. Oder
sie nahmen die Schuhe in die Hand und folgten so auf den blossen Füssen.
Sie liefen mit, so lange sie Lust hatten, und kehrten dann um, wenn sie
müde waren. Sie standen, den Finger im Mund, mit grossen Augen, sagten gar
nichts, und sahen ihm nach.
In den Feldern war man an der Arbeit. Männer stiessen die Pflugschar,
langsam, sehr langsam hinter dem Pferdegespann, das sich wie ein
Schattenriss abhob vom grauen Frühlingshimmel. Die Erde wellte sich hier
in grossen Hügeln, wie Wogen eines Meers, das die Fluth verlassen hat. Man
sah den Pflug mit dem Gespann aufsteigen und niedersinken. Manchmal war er
in den Schluchten ganz verschwunden; er kroch langsam und steil hinan in
runder Schwingung um die Schwellung des Bodens. Rhythmisch drehte und
wandte er sich, dem stärkeren Rhythmus der Erdmassen folgend. Ins Graue,
Harte schnitten die blanken Schaufeln, es aufwerfend in blanker, oben
gekräuselter Scholle. Sehr dunkles Bauernbrot hat diese Farbe. Es duftete
vom Frischgebacknen. Die Pferde schritten geduldig. Sorgsam, merkend auf
Zahl und Curve der Furchen lenkte der Pflüger. – Sie waren geschritten so
seit Jahren. Ihre Väter hatten gepflügt. Die Erde war da, und die Menschen
waren vergangen, zur Erde gekehrt wieder.
Geheimnissvoll in verschwiegenen Furchen keimte die Saat; kleine,
schüchterne Hälmchen aus dem festen, lagernden Erdreich. Krähen strichen
kraxend über die Felder. Ganz oben zogen Schwärme wilder Gänse in
mystischer Keilreihe mit schrillem fernen Kreischen. Der Wind klang wie
brauendes Tosen und Kollern, Kobolde und Trollen aus dem Norden,
Vorgeborner, Eddabewohner.
Er kam durch Bergland. Da waren die Menschen arm und wenige.
Sie wohnten dicht zusammengedrückt in Thälern oder an den Abhängen. Die
Berge reckten sich hoch, Kuppe an Kuppe. Runde, langgestreckte, mit
breitem, fichtenbestandnem Rücken, oder sie trugen Laubwälder, braun und
grün, die ihre Umrisse verbargen. Fast kahle gab es, von Gestrüpp, ganz
jungen Hölzern bestanden, zwischen denen man Korn gesät hatte, um den
Boden fruchtbar zu machen. Schneisen öffneten Ausluge in grüne Wirrnisse,
neue Seitenthäler und auf hohe ernste Wände. Am Wege rankte
Brombeergesträuch und man sah zwischen Farrenkräuter wie in grüne,
niedrige Dome unter den hohen, wo Elfen hätten spaziren können, Thau
schlürfen aus blauen Glockenblumenkelchen oder Honig melken aus den gelben
Blüthenrüsseln der wilden Bienensaug. Holz schlug man da in grossen
geschichteten Würfeln. Jedes Stück trug den Stempel, die Nummer. Manchmal
aus einem verwachsenen Seitenweg zwischen den hohen Gräsern kam ein
Arbeiter, der seiner Heimath zustrebte, Bergleute oder Hausirer, stille
Leute und gewohnt im Dunkeln zu finden.
Durch fruchtbare Ebenen kam er, wo Dorf an Dorf sich drängte, Hof neben
Hof, stattliche Höfe mit rothen Ziegeldächern und steinernen Ställen,
weiter Einfriedigung für das Gelände. Obstgärten bildeten den Reichthum
der Gegend. Selbst das Vieh war schöner, fett und glatthäutig, wie die
Leute, die in steifen Trachten gingen, mit seltsamen Hauben und Mützen,
weiten Röcken und verschnürten Stiefeln. Die Kinder truppten zur Schule
steif und artig. Alles war numerirt und eingetragen vom Landrathsamt. Man
sah die neue Bahn ohne Ehrfurcht. Man wusste, was man werth war, und
wünschte nicht, dass eine Vermischung stattfand.
... Manchmal ging er sehr früh am Tage. Alles war grau, grau wie im Wasser
gewaschen und noch nicht getrocknet wieder. Die Feuchtigkeit sass in der
Erde wie in einem Schwamm. Die Luft war zu schwer noch, dass sie
ausdampfen konnte. Kleine Kiesel blinkten gewaschen, braun mit stumpfen
Steingries in der Mitte. An jedem Grashalm hing ein Tropfen. Unzählige,
unendlich winzige Tröpfchen bildeten einen feinen, weiss-grauen
Seidenschleier auf seiner klebrigen, mit kleinen Härchen besetzten
Oberfläche. Die Kräuter streiften feucht beim Durchschreiten. Man fühlte
die Erde sich ansetzen und schwer werden unter den Schuhen. Der Wind blies
mit einem Geruch von frischer Wäsche. Zwischen rothen Steinfassungen einer
Brücke floss breit ausgelaufen ein Mühlbach. Niemand wusste, ob es regnen
würde, aber inwendig war ein Tropfen und Sickern, die Thätigkeit des
Wassers, das filterte, sich einsackte.
Der Wind erhob sich in den Pappelkronen. Sie verbeugten sich und neigten
ihre schlanken Ruthen gegeneinander. Die Ruthen rieben sich und wechselten
sehr schnell in der Berührung, wie Tasten eines Klaviers, die man
nacheinander anklinkt, ein Spiel der Stäbe, die Zeichen geben, eine
Botschaft weitertragen. Die ganze lange Reihe hindurch lief die Bewegung.
Sie schüttelten die Köpfe, rauschten und raunten.
Erst kam es nur wie ein feiner, leichter Wasserstaub, ein Schleier im
Gesicht, den der Wind nach Laune vor- und zurücktrieb. Graue Huschen zogen
rasch wie Watteballen in der Luft. Dann wurde es wie ein leises Stossen,
wie wenn es in einem Kessel anfing langsam zu kochen. Man hörte das
Klatschen auf nackte glatte Häute der Blätter. Aber es kam noch nicht
durch. Sie schützten wie ein Regenschirm. Es rieselte, rauschte, tropfte,
plätscherte ... Es regnete.
Im Frühlingsregen ging man wie in einer grauen Tarnkappe. Alles erschien
ohne Farbe, sehr jung noch, wie eben ausgebrütet, als ob die Eihäutchen
noch herum wären, eine Fötuslandschaft. Das Nass begoss, trieb, schwellte.
Unter den Fusssohlen sickerten Lachen. Alles Grün wurde grell, fast
giftig. Die Blumenkronen schienen grösser, vom Wasser beschwert. Fast
schwarz glichen die Baumrinden aufgebrochner Erde. Ein lauer
Schweissgeruch des Brütens lagerte. Unter den Steinen höhlten sich Löcher.
Alle Steine schienen dunkler. Ihre weissen Aederchen und Brüche zeigten
sich sehr deutlich. Die Steine waren nicht steinern und die Tropfen
schlugen sie.
Dann kam ein gelber Schein von irgendwoher. Er flatterte auf wie ein
Vogel. Es war ein Spiel der Lichter ohne eine Quelle des Lichts, ohne dass
man wusste, woher die Strahlen kamen. Grosse Flecken von Klarheit rissen
ein und vergrösserten sich im Grau. Alles ging sehr rasch, wie das
Anschlagen eines Instruments, ein Finger, der sehr schnell über Saiten
läuft. Es giebt einen Klingklang hier und da, aber noch keine Melodie. Die
Regenstriche schienen blank und sprühend. Einen Moment funkelte Alles. Ein
Regenbogen stand sicher geschwungen über der Landschaft, ein zweiter
verschwamm zitternd im Grauen.
Die Vögel fingen schüchtern wieder an zu piepen.
... Man sah keinen Menschen des Abends. Ueber die Felder zogen Nebel. Am
Waldrand schien sich’s zu brauen, zusammenzurotten. Man unterschied die
einzelnen Bäume nicht mehr. Es waren Alles Rundungen, wie Hammelrücken,
Riste flockiger Widder sehr eng zusammengepresst. Das wiederholte sich
unendlich. Es schien wie ein Meer, das da angewachsen, festgenagelt war,
dunkel, drohend, gierig, immer dieselbe Form in immer tieferen Schatten,
Röthen, Violetten, die der Tag nicht kannte. Das drang vorwärts, frass
sich weiter, eine schlechte Anziehung schien von ihm auszugehen, etwas von
Hexenkraft, Räthselhaftigkeit, Unerlöstem. Sehr sanft schmiegten sich die
Saaten. – Ein Reh trat heraus. Es äugte mit merkenden Lichtern, spitzte
die Horcher, eh’ es sich zum Aesen bückte. Dann kamen mehrere. Man glaubte
den leichten Anschlag ihrer Hufe auf dem Rasen zu hören, wie sie sich
bewegten, malmten. Nun wurde Einem wohler.
... Die Kastanien trieben eidicke Knospen. Blättchen an Blättchen faltete
sich in drängender Enge, rundlich, breiter am Grunde und spitz zulaufend
im Abschluss. Der klebrige Lebenssaft hielt sie alle zusammen. Zartbraun
waren die äussren, wie dünne abfallende Schalen, die ihren Dienst gethan
haben. Die inneren blieben weiss und lichtgelb, wie feines Fleisch der
Eier, das man isst.
Er fand einen jungen Mann unter dem Kastanienbaum. Er hielt ein Buch auf
seinen Knieen, aber er las nicht.