Wäre die Schlacht auch nicht das kräftigste, das gewöhnlichste und

wirksamste Mittel der Entscheidung, so würde es doch hinreichen, daß sie

überhaupt zu den Mitteln der Entscheidung gehört, um die stärkste

Vereinigung der Kräfte zu fordern, die die Umstände irgend gestatten.

Eine Hauptschlacht auf dem Kriegstheater ist der Stoß des Schwerpunktes

gegen den Schwerpunkt. Je mehr Kräfte man in dem einen oder andern

versammeln kann, um so sicherer und größer wird die Wirkung sein. Also

jede Teilung der Kräfte, die nicht durch einen Zweck hervorgerufen wird

(der entweder selbst durch eine glückliche Schlacht nicht erreicht

werden kann, oder der den glücklichen Ausgang der Schlacht selbst

bedingt), ist verwerflich.

* * * * *

Das Gefecht ist die eigentliche kriegerische Tätigkeit; alles übrige ist

nur Träger. Gefecht ist Kampf, und in ihm ist die Vernichtung oder

Überwindung des Gegners der Zweck.

* * * * *

Was ist die Überwindung des Gegners? Immer nur die Vernichtung seiner

Streitkraft, sei es durch Tod oder Wunden oder auf was für eine andere

Art, sei es ganz und gar, oder nur in einem solchen Maße, daß er den

Kampf nicht mehr fortsetzen will. Wir können also, solange wir von allen

besonderen Zwecken der Gefechte absehen, die gänzliche oder teilweise

Vernichtung des Gegners als den einzigen Zweck aller Gefechte

betrachten.

* * * * *

Die unmittelbare Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist überall

das Vorherrschende. Wir stellen also das Vernichtungsprinzip auf.

Indessen befinden wir uns in der Strategie und nicht in der Taktik und

dürfen also nicht von den Mitteln sprechen, die jene haben mag, mit

wenig Kraftaufwand viel feindliche Streitkräfte zu vernichten, sondern

müssen daran erinnern, daß wir unter unmittelbarer Vernichtung die

taktischen Erfolge verstehen. Unsere Behauptung lautet also, daß nur

große taktische Erfolge zu großen strategischen führen können, oder,

bestimmter ausgedrückt, daß die taktischen Erfolge von vorherrschender

Wichtigkeit in der Kriegführung sind.

* * * * *

Die Frage, ob ein einfacher Stoß oder ein mehr zusammengesetzter,

kunstvoller größere Wirkung hervorbringt, mag unzweifelhaft für den

letzteren entschieden werden, solange der Gegner als ein leidender

Gegenstand gedacht wird. Allein jeder zusammengesetzte Stoß erfordert

mehr Zeit, und diese Zeit muß ihm gegönnt werden, ohne daß durch einen

Gegenstoß auf einen der Teile das Ganze in den Vorbereitungen zu seiner

Wirkung gestört wird. Entscheidet sich nun der Gegner zu einem

einfacheren Stoß, der in kurzer Zeit ausgeführt ist, so gewinnt er den

Vorsprung und stört die Wirkung des großen Plans. Man muß also bei dem

Werte des zusammengesetzten Stoßes alle Gefahren in Betracht bringen,

die man während seiner Vorbereitung läuft, und kann ihn nur anwenden,

wenn man vom Gegner nicht zu fürchten braucht, durch einen kürzeren

gestört zu werden. Sooft dies der Fall ist, muß man selber den kürzeren

wählen und in diesem Sinne so weit hinuntersteigen, als es der

Charakter, die Verhältnisse des Gegners und andere Umstände nötig

machen. Verlassen wir die schwachen Eindrücke abstrakter Begriffe und

steigen wir ins wirkliche Leben hinab, so wird ein rascher, mutiger,

entschlossener Gegner uns nicht Zeit zu weitaussehenden künstlichen

Zusammensetzungen lassen, und gerade gegen einen solchen bedürfen wir

der Kunst am meisten. Hiermit, scheint es uns, ist das Vorherrschen der

einfachen und unmittelbaren Erfolge vor den zusammengesetzten schon

gegeben.

Unsere Meinung ist also nicht, daß der einfache Stoß der beste sei,

sondern daß man nicht weiter ausholen dürfe, als der Spielraum erlaubt,

und daß dies immer mehr zum unmittelbaren Kampf hinführen wird, je

kriegerischer der Gegner ist. Also weit entfernt, den Gegner nach der

Richtung zusammengesetzter Stöße hin überbieten zu dürfen, muß man

vielmehr suchen, ihm nach der entgegengesetzten Richtung hin immer voran

zu sein.

* * * * *

Was ist nun unter Vernichtung der feindlichen Streitkraft zu verstehen?

Eine Verminderung derselben, die verhältnismäßig größer ist als die

unsrer eigenen. Wenn wir eine große Überlegenheit der Zahl über den

Feind haben, so wird natürlich diese absolute Größe des Verlustes für

uns kleiner sein als für ihn und folglich schon als ein Vorteil

betrachtet werden können. Nur der unmittelbare Gewinn, den wir im

gegenseitigen Zerstörungsprozeß machen, kann als Zweck des Gefechts

betrachtet werden, denn dieser Gewinn ist ein absoluter, der die

Rechnung des ganzen Feldzugs durchläuft und sich am Schluß immer als

reiner Gewinn erweist. Jede andere Art des Sieges über unseren Gegner

aber würde entweder ihren Grund in anderen Zwecken haben, von denen wir

hier ganz absehen, oder nur einen einstweiligen relativen Vorteil geben.

Ein Beispiel soll uns dies klarmachen.

Wenn wir unsern Gegner durch eine geschickte Anordnung in eine so

nachteilige Lage versetzt haben, daß er das Gefecht ohne Gefahr nicht

fortsetzen kann und er sich nach einigem Widerstande zurückzieht, so

können wir sagen, daß wir ihn auf diesem Punkt überwunden haben. Haben

wir aber bei dieser Überwindung gerade in demselben Verhältnis an

Streitkräften eingebüßt als er, so wird bei der Schlußrechnung des

Feldzugs von diesem Siege, wenn man einen solchen Erfolg so nennen

könnte, nichts übrigbleiben. Es kommt also das Überwinden des Gegners,

d. h. die Versetzung desselben in einen solchen Zustand, daß er das

Gefecht aufgeben muß, an und für sich nicht in Betracht und kann deshalb

auch nicht in die Definition des Zweckes aufgenommen werden, und so

bleibt denn, wie gesagt, nichts übrig als der unmittelbare Gewinn, den

wir im Zerstörungsprozeß gemacht haben. Es gehören aber dahin nicht bloß

die Verluste, die im Verlauf des Gefechts vorkommen, sondern auch die,

die nach dem Abzug des besiegten Teils als unmittelbare Folge eintreten.

Nun ist es eine bekannte Erfahrung, daß die Verluste an physischen

Streitkräften im Laufe des Gefechts selten eine große Verschiedenheit

zwischen Sieger und Besiegtem zeigen, oft gar keine, zuweilen auch wohl

eine sich umgekehrt verhaltende, und daß die entscheidendsten Verluste

für den Besiegten erst mit dem Abzug eintreten, nämlich die, die der

Sieger nicht mit ihm teilt.

Der Verlust an physischen Streitkräften ist nicht der einzige, den beide

Teile im Verlauf des Gefechts erleiden, sondern auch die moralischen

werden erschüttert, gebrochen und gehen zugrunde. Es ist nicht bloß der

Verlust an Menschen, Pferden und Geschützen, sondern an Ordnung, Mut,

Vertrauen, Zusammenhang und Plan, der bei der Frage in Betracht kommt,

ob das Gefecht noch fortgesetzt werden kann oder nicht. Die moralischen

Kräfte sind es vorzugsweise, die hier entscheiden, und sie waren es

allein in allen Fällen, wo der Sieger ebensoviel verloren hatte wie der

Besiegte.

Das Verhältnis des physischen Verlustes ist ohnehin im Laufe des

Gefechts schwer zu schätzen, aber das Verhältnis des moralischen nicht.

Zwei Dinge geben ihn hauptsächlich kund. Das erste ist der Verlust des

Bodens, auf dem man gefochten, das andere das Übergewicht der

feindlichen Reserven. Je stärker unsere Reserven im Verhältnis zu den

feindlichen zusammenschwinden, um so mehr Kräfte haben wir gebraucht,

das Gleichgewicht zu erhalten. Schon darin tut sich ein fühlbarer Beweis

der moralischen Überlegenheit des Gegners kund, der auch selten

verfehlt, im Gemüt des Feldherrn eine gewisse Bitterkeit und

Geringschätzung seiner eigenen Truppen zu erzeugen. Aber die Hauptsache

ist, daß alle Truppen, die schon anhaltend gefochten haben, mehr oder

weniger wie eine ausgebrannte Schlacke erscheinen. Sie haben sich

verschossen, sind zusammengeschmolzen; ihre physische und moralische

Kraft ist erschöpft, auch wohl ihr Mut gebrochen. Eine solche Truppe ist

somit auch, abgesehen von der Verminderung ihrer Zahl, als ein

organisches Ganze betrachtet, bei weitem nicht mehr, was sie vor dem

Gefecht war, und daher kommt es, daß sich der Verlust an moralischen

Kräften an dem Maß verbrauchter Reserven wie an einem Zollstock kundtut.

Jedes Gefecht ist also die blutige und zerstörende Ausgleichung der

Kräfte, der physischen und moralischen. Wer am Schluß die größte Summe

von beiden übrig hat, ist der Sieger.

* * * * *

Im Gefecht war der Verlust der moralischen Kräfte die vorherrschende

Ursache der Entscheidung. Nachdem diese gefallen, bleibt jener Verlust

im Steigen und erreicht erst am Schluß des ganzen Aktes seinen

Höhepunkt. Es wird also auch das Mittel, den Gewinn in der Zerstörung

der physischen Streitkräfte zu machen, was der eigentliche Zweck des

Gefechts war.

Die verlorene Ordnung und Einheit macht oft sogar den Widerstand

einzelner verderblich. Der Mut des Ganzen ist gebrochen. Die

ursprüngliche Spannung über Verlust und Gewinn, in der die Gefahr

vergessen wurde, ist aufgelöst; und den meisten erscheint die Gefahr nun

nicht mehr wie eine Herausforderung des Mutes, sondern wie das Erleiden

einer harten Züchtigung. So ist das Instrument im ersten Augenblick des

Sieges geschwächt und abgestumpft und darum nicht mehr geeignet, Gefahr

mit Gefahr zu vergelten.

Diese Zeit muß der Sieger benutzen, um den eigentlichen Gewinn an der

physischen Kraftzerstörung zu machen. Nur was er hierin erreicht, bleibt

ihm gewiß. Denn die moralischen Kräfte kehren im Gegner nach und nach

zurück; die Ordnung wird wieder hergestellt, sein Mut wieder gehoben,

und es bleibt in der Mehrheit der Fälle nur ein sehr geringer Teil vom

errungenen Übergewicht zurück, oft gar keins. Und in einzelnen, obgleich

seltenen Fällen entsteht wohl gar durch Rache und stärkeres Anfachen der

Feindschaft eine umgekehrte Wirkung. Dagegen kann, was an Toten,

Verwundeten, Gefangenen und an erobertem Geschütz und sonstigem

Kriegsgerät gewonnen ist, niemals aus der Rechnung verschwinden.

* * * * *

Die Verluste *in* der Schlacht bestehen mehr in Toten und Verwundeten,

die *nach* der Schlacht mehr in verlorenem Geschütz und Gefangenen. Die

ersteren teilt der Sieger mehr oder weniger mit dem Besiegten; die

letzteren nicht, und deshalb finden sie sich gewöhnlich nur auf der

einen Seite des Kampfes oder wenigstens dort in bedeutender Überzahl.

Geschütze und Gefangene sind darum jederzeit als die wahren Trophäen des

Sieges betrachtet worden und zugleich als sein Maßstab, weil sich an

ihnen sein Umfang unzweifelhaft kundtut.

* * * * *

Daß sich die in dem Gefecht und seinen ersten Folgen zugrundegerichteten

moralischen Kräfte nach und nach wiederherstellen und oft keine Spur

ihrer Zerstörung lassen, ist zumeist der Fall bei kleinen Abteilungen

des Ganzen, seltener bei großen.

* * * * *

Wir dürfen das verlorene Gleichgewicht der moralischen Kräfte nicht

darum gering achten, weil es keinen absoluten Wert hat und nicht

unfehlbar in der endlichen Summe der Erfolge erscheint. Es kann von

einem so überwiegenden Gewicht werden, daß es mit unwiderstehlicher

Gewalt alles niederwirft.

* * * * *

Über den Verlust an Toten und Verwundeten sind die gegenseitigen

Berichte nie genau, selten wahrhaft und in den meisten Fällen voll

absichtlicher Entstellung. Selbst die Zahl der Trophäen wird selten ganz

zuverlässig gegeben, und wo sie nicht sehr bedeutend ist, kann auch sie

noch Zweifel an dem Siege übriglassen. Vom Verlust an moralischen

Kräften läßt sich außer den Trophäen gar kein gültiges Maß angeben. Es

bleibt also in vielen Fällen das Aufgeben des Kampfes als der einzige

wahre Beweis des Sieges allein übrig. Es ist mithin als Bekenntnis der

Schuld, als das Senken des Paniers zu betrachten, durch das dem Gegner

Recht und Überlegenheit in diesem einzelnen Falle eingeräumt wird, und

diese Seite der Demütigung und Scham, die von allen übrigen moralischen

Folgen des umschlagenden Gleichgewichts noch zu unterscheiden bleibt,

ist ein wesentliches Stück des Sieges. Dieser Teil allein ist es, der

auf die öffentliche Meinung außerhalb des Heeres wirkt, auf Volk und

Regierung in beiden kriegführenden Staaten und in allen beteiligten

anderen.

* * * * *

Das Aufgeben der Absicht ist nicht gerade identisch mit dem Abzug vom

Schlachtfeld, selbst da, wo der Kampf hartnäckig und anhaltend geführt

worden ist. Niemand wird von Vorposten, die sich nach einem hartnäckigen

Widerstande zurückziehen, sagen, sie hätten ihre Absicht aufgegeben.

Selbst in Gefechten, die die Vernichtung der feindlichen Streitkraft zur

Absicht haben, kann der Abzug vom Schlachtfelde nicht immer als ein

Aufgeben der Absicht angesehen werden, z. B. bei vorher beabsichtigten

Rückzügen, bei denen das Land Fuß für Fuß streitig gemacht wird. In den

meisten Fällen ist das Aufgeben der Absicht von dem Abzuge vom

Schlachtfelde schwer zu unterscheiden, und der Eindruck, den jenes in

und außer dem Heere hervorbringt, ist nicht geringzuschätzen.

Für Feldherren und Heere, die keinen ausgemachten Ruf haben, ist dies

eine eigene, schwierige Seite mancher sonst in den Umständen begründeten

Verfahrungsarten, wo eine Reihe mit Rückzug endigender Gefechte als eine

Reihe von Niederlagen erscheinen kann, ohne es zu sein, und wo dieses

Erscheinen von sehr nachteiligem Einfluß werden kann. Es ist dem

Ausweichenden in diesem Falle nicht möglich, durch die Darlegung seiner

eigentlichen Absicht dem moralischen Eindruck überall vorzubeugen, denn

um das mit Wirksamkeit zu tun, müßte er seinen Plan vollständig

bekanntmachen, was, wie sich versteht, seinem Hauptinteresse zu sehr

entgegenliefe.

* * * * *

Die Dauer eines Gefechts ist gewissermaßen als ein zweiter,

untergeordneter Erfolg zu betrachten. Dem Sieger kann ein Gefecht

niemals schnell genug entschieden sein, dem Besiegten niemals lange

genug dauern. Der schnelle Sieg ist eine höhere Potenz des Sieges, die

späte Entscheidung bei der Niederlage ein Ersatz für den Verlust.

* * * * *

Kein Gefecht entscheidet sich in einem einzelnen Moment, obwohl es in

jedem Gefechte Momente von großer Wichtigkeit gibt, die die

Entscheidung hauptsächlich bewirken. Der Verlust eines Gefechts ist ein

stufenweises Niedersinken der Wage. Es gibt aber bei jedem Gefecht einen

Zeitpunkt, wo man es als entschieden ansehen kann, so daß der

Wiederanfang ein neues Gefecht und nicht die Fortsetzung des alten wäre.

Über diesen Zeitpunkt eine klare Vorstellung zu haben, ist sehr wichtig,

um sich entscheiden zu können, ob ein Gefecht von einer herbeieilenden

Hilfe noch mit Nutzen wieder aufgenommen werden kann.

Oft werden in Gefechten, die nicht wiederherzustellen sind, neue Kräfte

vergeblich geopfert. Oft wird versäumt, die Entscheidung zu wenden, wo

dies noch füglich geschehen könnte.

* * * * *

Jedes Gefecht ist ein ganzes, in dem sich die Teilgefechte zu einem

Gesamterfolge vereinigen. In diesem Gesamterfolg liegt die Entscheidung

des Gefechts.

* * * * *

Je kleiner der Teil der Streitkraft ist, der wirklich gefochten, je

größer der ist, der als Reserve durch sein bloßes Dasein mitentschieden

hat, um so weniger kann uns eine neue Streitkraft des Gegners den Sieg

wieder aus den Händen winden. *Der* Feldherr wie *das* Heer, die es am

weitesten darin gebracht haben, das Gefecht mit der größten Ökonomie der

Kräfte zu führen und überall die moralische Wirkung starker Reserven

geltend zu machen, gehen den sichersten Weg zum Siege. Man muß den

Franzosen, besonders wenn Bonaparte sie führte, eine große Meisterschaft

darin einräumen.

Ferner wird der Augenblick, wo beim Sieger der Zustand der

Gefechtskrisis aufhört und die alte Tüchtigkeit zurückkehrt, um so

früher eintreten, je kleiner das Ganze ist. Eine Reiterfeldwache, die

ihren Gegner spornstreichs verfolgt, wird in wenig Minuten wieder die

alte Ordnung gewinnen, und länger dauert auch die Krisis nicht. Ein

ganzes Regiment Reiterei braucht dazu schon mehr Zeit. Noch länger

dauert es beim Fußvolk, wenn es sich in einzelne Schützenlinien

aufgelöst hat, und wieder länger bei Abteilungen von allen Waffen, wenn

ein Teil diese, der andre jene zufällige Richtung eingeschlagen und dies

eine Störung der Ordnung veranlaßt hat, die gewöhnlich dadurch erst

schlimmer wird, daß kein Teil recht weiß, wo der andre ist.

Wieder später tritt dieser Augenblick ein, wenn die Nacht den Sieger in

der Krisis überrascht; und endlich tritt er später ein, wenn die Gegend

durchschnitten und verdeckt ist.

* * * * *

Die Gefahr, sich auf zwei Seiten schlagen zu müssen, und die noch

drohendere, keinen Rückzug zu behalten, lähmen die Bewegungen und die

Kraft des Widerstandes und wirken auf die Alternative von Sieg und

Niederlage; ferner steigern sie bei der Niederlage den Verlust und

treiben ihn oft bis an die äußerste Grenze, d. h. bis zur Vernichtung.

Der bedrohte Rücken macht also die Niederlage zugleich wahrscheinlicher

und entscheidender.

Hieraus entsteht ein wahrer Instinkt für die ganze Kriegführung und

besonders für die großen und kleinen Gefechte: nämlich die Sicherung des

eigenen Rückens und die Gewinnung des feindlichen. Er folgt aus dem

Begriff des Sieges, der, wie wir gesehen haben, noch etwas anderes als

bloßes Totschlagen ist.

* * * * *

Die Wirkung einer Überraschung in Seite und Rücken ist immer gesteigert,

und ein in der Krisis des Sieges Begriffener ist in seinem ausgereckten

und zerstreuten Zustande weniger imstande, ihr entgegenzuwirken. Wer

fühlt es nicht, daß ein Seiten- und Rückenanfall, der im Anfang des

Gefechts, wo die Kraft gesammelt und für solche Fälle immer vorgesehen

ist, wenig bedeuten würde, ein ganz anderes Gewicht im letzten

Augenblick des Gefechtes bekommt.

In den meisten Fällen wird eine von der Seite oder im Rücken des Gegners

herbeikommende Hilfe viel wirksamer sein, sich wie dasselbe Gewicht an

einem längeren Hebelarm verhalten, so daß man also unter solchen

Umständen die Herstellung eines Gefechts mit derselben Kraft unternehmen

kann, die auf dem geraden Wege nicht zugereicht hätte. Hier, wo die

Wirkungen fast jeder Berechnung ausweichen, weil die moralischen Kräfte

ganz das Übergewicht gewinnen, ist das rechte Feld der Kühnheit und des

Wagens.

* * * * *

Der alte, auch von Napoleon betonte Grundsatz, daß der Befehlshaber

einer abgesonderten Kolonne immer seine Richtung dahin zu nehmen habe,

wo heftiger Kanonendonner die Krise einer Entscheidung andeutet, kann

nur für solche Fälle gelten, wo der Befehlshaber einer abgesonderten

Kolonne durch die Umstände in eine *zweifelhafte* Lage gesetzt worden

ist, in der sich die frühere Klarheit und Bestimmtheit seiner Aufgabe in

die Ungewißheit und die Widersprüche der Entscheidung verliert, die in

der Wirklichkeit des Krieges so häufig sind. Anstatt untätig

stehenzubleiben oder ohne bestimmten Zweck umherzuirren, wird ein

solcher Befehlshaber freilich besser tun, seinem Nachbar zu Hilfe zu

eilen, wenn ein heftiges Feuer dessen Not andeutet.

* * * * *

Die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist das Hauptprinzip der

Kriegführung und für die ganze Seite des positiven Handelns der Hauptweg

zum Ziel.

Diese Vernichtung der Streitkräfte findet hauptsächlich im Gefecht

statt.

Nur große und allgemeine Gefechte geben große Erfolge.

Am größten werden die Erfolge, wenn sich die Gefechte in eine große

Schlacht vereinigen.

Nur in einer Hauptschlacht regiert der Feldherr mit eigenen Händen.

Aus diesen Wahrheiten ergibt sich ein Doppelgesetz, dessen Teile sich

gegenseitig tragen, nämlich, daß die Vernichtung der feindlichen

Streitkräfte hauptsächlich in großen Schlachten und ihren Erfolgen zu

suchen ist, und daß der Hauptzweck großer Schlachten die Vernichtung der

feindlichen Streitkräfte sein muß.

* * * * *

Die Hauptschlacht ist als der konzentrierte Krieg, als der Schwerpunkt

des ganzen Krieges oder Feldzuges anzusehen. Wie sich die Strahlen der

Sonne im Brennpunkt des Hohlspiegels zu ihrem vollkommenen Bilde und zur

höchsten Glut vereinigen, so vereinigen sich Kräfte und Umstände des

Krieges in der Hauptschlacht zu einer zusammengedrängten höchsten

Wirkung.

* * * * *

Nicht bloß der Begriff des Krieges führt uns dahin, eine große

Entscheidung nur in einer großen Schlacht zu suchen, sondern auch die

Erfahrung. Von jeher haben nur große Siege zu großen Erfolgen geführt,

bei dem Angreifenden unbedingt, bei dem Verteidiger mehr oder weniger.

Selbst Bonaparte würde das in seiner Art einzige Ulm nicht erlebt haben,

wenn er das Blutvergießen gescheut hätte. Vielmehr ist es nur als eine

Nachmahd der Siegesfälle seiner früheren Feldzüge anzusehen. Es sind

nicht bloß die kühnen Feldherren, die verwegenen, die trotzigen, die ihr

Werk mit dem großen Wagstück entscheidender Schlachten zu vollbringen

gesucht haben, es sind die glücklichen insgesamt. Und von diesen können

wir uns bei einer so umfassenden Frage die Antwort gefallen lassen.

* * * * *

Der Hauptschlacht im Kriege ist nichts an Wichtigkeit zu vergleichen,

und die höchste Weisheit der Strategie offenbart sich in der Beschaffung

der Mittel zu ihr, in ihrer geschickten Feststellung nach Ort, Zeit und

Richtung der Kräfte und in der Ausnutzung ihres Erfolges.

* * * * *

Der Impuls zur Hauptschlacht, die freie sichere Bewegung zu ihr, muß von

dem Gefühl eigener Kraft und dem klaren Bewußtsein der Notwendigkeit,

mit anderen Worten: er muß von dem angeborenen Mut und von dem durch

große Lebensverhältnisse geschärften Blick ausgehen.

* * * * *

Die Größe eines Sieges steigt nicht bloß in dem Maße, als die besiegten

Streitkräfte an Umfang zunehmen, sondern in höheren Graden. Die

moralischen Wirkungen, die der Ausgang eines großen Gefechts hat, sind

größer beim Besiegten als beim Sieger; sie werden Veranlassung zu

größeren Verlusten an physischen Kräften, die dann wieder auf die

moralischen zurückwirken und so sich gegenseitig tragen und steigern.

Auf diese moralische Wirkung muß man daher ein besonderes Gewicht legen.

Sie findet in entgegengesetzter Richtung bei beiden Teilen statt. Wie

sie die Kräfte des Besiegten untergräbt, so erhöht sie die Kräfte und

die Tätigkeit des Siegers. Aber die Hauptwirkung liegt doch im

Besiegten, denn hier wird sie die unmittelbare Ursache zu neuen

Verlusten, und außerdem ist sie mit der Gefahr, den Anstrengungen und

Mühseligkeiten, überhaupt mit allen erschwerenden Umständen, zwischen

denen sich der Krieg bewegt, homogener Natur, tritt also mit ihnen in

Bund und wächst durch ihren Beistand, während beim Sieger sich alle

diese Dinge wie Gewichte an den höheren Schwung seines Mutes legen. Man

findet also, daß der Besiegte sich viel tiefer unter die Linie des

ursprünglichen Gleichgewichts hinuntersenkt, als der Sieger sich über

sie erhebt.

* * * * *

Die Hauptschlacht ist um ihrer selbst willen da, um des Sieges willen,

den sie geben soll und der in ihr mit der höchsten Anstrengung gesucht

wird. Dies ist die Geistesspannung, nicht bloß des Feldherrn, sondern

seines ganzen Heeres bis zum letzten Troßknecht hinab. Zu allen Zeiten

und nach der Natur der Dinge waren Hauptschlachten niemals

unvorbereitete, unerwartete, blinde Dienstverrichtungen, sondern ein

großartiger Akt, der aus der Masse der gewöhnlichen Tätigkeiten teils

von selbst, teils nach der Absicht der Führer hinreichend hervortritt.

* * * * *

Grundgedanken über Krieg und Kriegführung · 第 3 / 6 段