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General Karl von Clausewitz
Grundgedanken über Krieg
und Kriegführung
Erschienen im Insel-Verlag zu Leipzig
21.-30. Tausend
Geleitwort des Herausgebers
Das Buch *Vom Kriege*, das Buch aller Bücher über den Krieg, dem die
nachfolgenden Sätze in der Hauptsache entnommen sind, ist im Jahre 1832
erschienen, also erst nach dem -- am 16. November 1831 erfolgten -- Tode
des Verfassers, des preußischen Generalmajors Karl von Clausewitz. Wie
so viele Werke großer Geister ist auch dieses, das Hauptwerk des größten
Theoretikers der Kriegskunst, ein Fragment. Eine Sammlung von
Werkstücken, Hauptlineamente hat der Verfasser selbst sie genannt. Zur
letzten Durcharbeitung, Sichtung und Zusammenfassung ist er nicht
gekommen. Ursprünglich hatte Clausewitz auch gar nicht die Absicht, ein
vollständiges, einheitliches Buch über den Lieblingsgegenstand der
Gedankenarbeit seines ganzen Lebens zu schreiben. Er wollte zunächst
nichts, als ihn »in ganz kurzen, präzisen, gedrungenen Sentenzen, nach
der Art Montesquieus« behandeln. Diese *Körner* -- wie er sie einmal
bezeichnet -- sollten »schon mit der Sache bekannte geistvolle Menschen
anziehen, ebensosehr durch das, was weiter aus ihnen entwickelt werden
könnte, als durch das, was sie feststellen«. Ein System ist erst
allmählich, sozusagen gegen den Willen des Schreibenden, in seine
»Materialien« gekommen.
Diese erste Absicht, in Aphorismen zu sprechen, gestattet es ohne
Zweifel, einmal die Grundgedanken als *Körner* auf einer besonderen
Schale zu reichen. Der Berufssoldat, der das ganze Werk kennt und liebt,
wird durch sie gewiß von neuem zu ihm hingezogen, während wohl mancher
Nichtsoldat zumal in einer Zeit, in der das Gesamtleben Deutschlands nur
noch die Achse des Krieges hat, es sich nun nicht länger versagen wird,
einem Geistesmonument nahezutreten, das er längst hätte besitzen sollen,
denn Clausewitz gehört zu den großen Erziehern der Deutschen.
Auf das Leben und die Persönlichkeit des Generals kann hier aus
Raummangel nicht eingegangen werden. Es müßte ausführlich geschehen, und
dies soll in der Inselausgabe des Buches Vom Kriege erfolgen, die in
Vorbereitung ist. Ebenda wird über die Bedeutung und die Nachwirkung
seiner Lehren das Nötige dargelegt werden. Hier sei nur kurz berichtet,
daß der am 1. Juni 1780 in Burg bei Magdeburg geborene Karl von
Clausewitz als junger Soldat den Rheinfeldzug mitmachte. Nach der
Schlacht bei Jena geriet er dann als Bataillonsadjutant in französische
Gefangenschaft. Später wirkte er im Sinne Scharnhorsts und Gneisenaus,
vor allem aber als der Theoretiker des meisterlichsten aller Praktiker,
Napoleons, an der Kriegsakademie zu Berlin. 1812 trat er in russische
Dienste, erlebte im Hauptquartier den Feldzug von 1812 und kämpfte des
weiteren während der Befreiungskriege im Stabe Blüchers.
Die Schicksale der Großen Armee in Rußland haben den tiefsten Eindruck
auf Clausewitz und seine strategischen Erkenntnisse hinterlassen. Dem
Mißerfolg des genialen Eroberers wissenschaftlich nachzuspüren, ist er
in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens nicht müde geworden, und es
zeugt von der hohen geistigen Überlegenheit dieses preußischen
Offiziers, daß er bei all seiner glühenden Vaterlandsliebe sein Leben
lang der gerechteste Verehrer Napoleons blieb. Unberührt vom blinden
Hasse der Zeit, lag es Clausewitz ob, weiter als die Menschen von damals
zu blicken und dadurch für die Zukunft seines zu einem weltmächtigen
Deutschen Kaiserreiche erweiterten Vaterlandes Dauerndes zu schaffen.
Kaum geht man wohl fehl, wenn man die berühmteste These im Buche Vom
Kriege: Die Verteidigung sei die an sich stärkere Form der Kriegführung
-- vor allem auf die unmittelbaren Erfahrungen des Generals im
russischen Feldzuge zurückführt. Dieser auffälligen Lehre gebühren
selbst im Rahmen dieser knappen Vorrede ein paar Worte. Jedermann in der
Welt weiß, daß unsere Armee den Geist der Offensive über alles hochhält
und bis ins kleinste zu betätigen strebt. Um so fremder erscheint uns
die Verherrlichung der Verteidigungstheorie bei Clausewitz, der die
Offensive erst aus vorheriger Defensive, aus dem Abwarten heraus
entwickelt. So sehr unsere Heerführer bis auf den heutigen Tag von dem
stählernen Kern der Lehren des Generals von Clausewitz, dem
Vernichtungsgedanken, überzeugt sind: in dem einen Problem ist er
vielumstritten worden, noch kurz vor dem großen Kriege Englands gegen
unsere Daseinsberechtigung, durch den General v. Bernhardi, den
Verfasser des hervorragenden Buches »Vom heutigen Kriege«, das zugleich
als das bedeutendste Ergänzungswerk zum alten Clausewitz neben den
gelehrten »Studien nach Clausewitz« des Generals Freiherrn v.
Freytag-Loringhoven, des jetzigen Generalquartiermeisters, hier zu
nennen ist.
Dresden, 1915 Hauptmann Dr. *Arthur Schurig*
Wesen und Ziel des Krieges
Der Krieg ist nichts als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen
Mitteln.
* * * * *
Seit Napoleon Bonaparte hat sich der Krieg, indem er zuerst auf der
einen Seite, dann auch auf der anderen wieder *Sache des ganzen Volkes*
wurde, seiner wahren Natur, seiner absoluten Vollkommenheit sehr
genähert.
* * * * *
Der Krieg ist ein erweiterter Zweikampf. Jeder sucht den andern durch
physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen.
Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung der
Gewalt keine Grenzen.
* * * * *
Die Gewalt rüstet sich mit den Erfindungen der Wissenschaften aus, um
der Gewalt zu begegnen. Unmerkliche, kaum nennenswerte Beschränkungen,
die sie sich selbst setzt unter dem Namen völkerrechtlicher Sitte,
begleiten sie, ohne ihre Kraft wesentlich zu schwächen.
* * * * *
Menschenfreundliche Seelen könnten leicht denken, es gäbe ein Entwaffnen
oder Niederwerfen des Gegners, ohne zu viel Wunden zu verursachen, und
das sei die wahre Kriegskunst. Wie gut sich das auch ausnimmt, so muß
man diesen Irrtum doch zerstören, denn in so gefährlichen Dingen, wie
der Krieg eins ist, sind *die* Irrtümer, die aus Gutmütigkeit entstehen,
gerade die schlimmsten. Wer sich der Gewalt *rücksichtslos* bedient,
bekommt ein Übergewicht, wenn der Gegner anders handelt. So muß man die
Sache ansehen, und es ist ein unnützes, sogar verkehrtes Bestreben, aus
Widerwillen gegen das rohe Element die Natur des Krieges zu verkennen.
* * * * *
Der Kampf zwischen Menschen besteht aus zwei verschiedenen Elementen:
dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. Bei wilden Völkern
herrschen die dem Gemüt, bei gebildeten die dem Verstande angehörigen
Absichten vor. Allein dieser Unterschied liegt nicht im Wesen von Roheit
und Bildung selbst, sondern in den sie begleitenden Umständen und
Einrichtungen. Er ist also nicht in jedem einzelnen Falle notwendig,
sondern er beherrscht nur die Mehrheit der Fälle. Mit einem Worte: auch
die gebildetsten Völker können gegeneinander leidenschaftlich
entbrennen.
* * * * *
Gewalt, physische Gewalt ist das Mittel; dem Feinde unseren Willen
aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir
*den Feind wehrlos machen*. Dies ist dem Begriffe nach das eigentliche
Ziel der kriegerischen Handlung.
* * * * *
Wenn der Gegner unseren Willen erfüllen soll, so müssen wir ihn in eine
Lage versetzen, die nachteiliger ist als das Opfer, das wir von ihm
fordern. Die Nachteile dieser Lage dürfen aber natürlich, wenigstens dem
Anscheine nach, nicht vorübergängig sein, sonst würde der Gegner den
besseren Zeitpunkt abwarten und nicht nachgeben. Jede Veränderung dieser
Lage durch die fortgesetzte kriegerische Tätigkeit muß zu einer noch
nachteiligeren Lage führen, wenigstens in der Vorstellung. Die
schlimmste Lage, in die ein Kriegführender geraten kann, ist die
gänzliche Wehrlosigkeit.
* * * * *
Nun ist der Krieg nicht das Wirken einer lebendigen Kraft auf eine tote
Masse, sondern, weil ein reines Dulden auf der einen Seite kein Krieg
wäre, so ist er immer der Stoß zweier lebendiger Kräfte gegeneinander.
Solange ich den Gegner nicht niedergeworfen habe, muß ich befürchten,
daß er mich niederwirft. Ich bin also nicht Herr meiner selbst, sondern
er gibt mir das Gesetz, wie ich es ihm gebe.
* * * * *
Wollen wir den Gegner niederwerfen, so müssen wir *unsere* Anstrengung
nach *seiner* Widerstandskraft bemessen. Diese drückt sich durch ein
Produkt aus, deren Faktoren sich nicht trennen lassen, nämlich: die
Größe der vorhandenen Mittel und die Stärke der Willenskraft. Die Größe
der vorhandenen Mittel ließe sich bestimmen, da sie -- wiewohl nicht
ganz -- auf Zahlen beruht. Aber die Stärke der Willenskraft läßt sich
viel weniger bestimmen und nur etwa nach der Stärke des Beweggrunds
schätzen.
* * * * *
Das Gesetz des Äußersten, die Absicht, den Gegner wehrlos zu machen,
verschlingt gewissermaßen zunächst den politischen Zweck des Krieges. So
wie dieses Gesetz in seiner Kraft nachläßt, diese Absicht von ihrem
Ziele zurücktritt, muß der politische Zweck wieder hervortreten. Je
kleiner das Opfer ist, das wir von unserm Gegner fordern, um so
geringere Anstrengungen dürfen wir von ihm erwarten. Je geringer aber
diese sind, um so kleiner dürfen die unsrigen bleiben. Ferner, je
kleiner unser politischer Zweck ist, um so geringer wird der Wert sein,
den wir auf ihn legen; um so eher werden wir uns gefallen lassen, ihn
aufzugeben: also um so kleiner werden auch unsere Anstrengungen sein. So
wird der politische Zweck als das ursprüngliche Motiv des Krieges das Maß
sowohl für das Ziel, das durch die Kriegführung erreicht werden muß, als
auch für die Anstrengungen, die erforderlich sind.
* * * * *
Je großartiger und stärker die Motive des Krieges sind, je mehr sie das
ganze Dasein der Völker umfassen, je gewaltsamer die Spannung ist, die
dem Kriege vorhergeht, um so mehr wird der Krieg sich seiner abstrakten
Gestalt nähern, um so mehr wird es sich um das Niederwerfen des Feindes
handeln, um so mehr fallen das kriegerische Ziel und der politische
Zweck zusammen, um so reiner kriegerisch, weniger politisch scheint der
Krieg zu sein.
* * * * *
Der Krieg ist unter allen Umständen als kein selbständiges Ding, sondern
als ein politisches Instrument zu denken. Nur mit dieser Vorstellungsart
ist es möglich, nicht mit der sämtlichen Kriegsgeschichte in Widerspruch
zu geraten.
* * * * *
Der Krieg gehört nicht in das Gebiet der Künste und Wissenschaften,
sondern in das Gebiet des sozialen Lebens. Er ist ein Konflikt großer
Interessen, der sich blutig löst, und nur darin ist er von den anderen
verschieden. Besser als mit irgendeiner Kunst ließe er sich mit dem
Handel vergleichen, der auch ein Konflikt menschlicher Interessen und
Tätigkeiten ist, und viel näher steht ihm die Politik, die ihrerseits
wieder als eine Art von Handel in größerem Maßstabe angesehen werden
kann.
* * * * *
Der Krieg ist nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten
Falle seine Natur etwas ändert, sondern er ist auch seinen
Gesamterscheinungen nach in Beziehung auf die in ihm herrschenden
Tendenzen eine wunderliche Dreifaltigkeit, zusammengesetzt aus der
ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elements, dem Haß und der
Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem
Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer freien
Seelentätigkeit machen, und aus der untergeordneten Natur eines
politischen Werkzeugs, durch die er dem bloßen Verstande anheimfällt.
Kriegskunst und Theorie
Mit dem Bestreben, Grundsätze, Regeln oder gar Systeme für die
Kriegführung anzugeben, setzt man sich einen positiven Zweck, ohne die
unendlichen Schwierigkeiten gehörig ins Auge zu fassen, die sie in
dieser Beziehung hat.
* * * * *
Die Kriegführung verläuft fast nach allen Seiten hin in unbestimmte
Grenzen. Jedes System, jedes Lehrgebäude aber hat die beschränkende
Natur einer Synthesis, und damit ist ein nie auszugleichender
Widerspruch zwischen einer solchen Theorie und der Praxis gegeben.
* * * * *
Unstreitig gehören die der Kriegskunst zugrunde liegenden Kenntnisse zu
den Erfahrungswissenschaften. Denn wenn sie auch größtenteils aus der
Natur der Dinge hervorgehen, so muß man doch diese Natur selbst meistens
erst durch die Erfahrung kennen lernen. Außerdem aber wird die Anwendung
durch so viele Umstände modifiziert, daß die Wirkungen nie aus der
bloßen Natur des Mittels vollständig erkannt werden können.
* * * * *
Bei der Ungewißheit aller Daten im Kriege müssen wir uns sagen, daß es
eine reine Unmöglichkeit wäre, die Kriegskunst durch ein positives
Lehrgebäude wie mit einem Gerüste versehen zu wollen, das dem Handelnden
überall einen äußeren Anhalt gewähren könnte. Der Handelnde würde sich
in allen jenen Fällen, wo er auf sein Talent angewiesen ist, außer
diesem Lehrgebäude und mit ihm in Widerspruch befinden, und es würde,
wie vielseitig dasselbe auch aufgefaßt sein möchte, immer dieselbe Folge
wieder eintreten, von der wir schon gesprochen haben: daß das Talent und
Genie außer dem Gesetze handelt und die Theorie ein Gegensatz zur
Wirklichkeit wird.
* * * * *
Historische Beispiele machen alles klar und haben nebenher in
Erfahrungswissenschaften die beste Beweiskraft.
* * * * *
Wenn ein Sachverständiger sein halbes Leben darauf verwendet, einen
dunklen Gegenstand überall aufzuklären, so wird er wohl weiter kommen
als einer, der in kurzer Zeit damit vertraut sein will. Daß also nicht
jeder von neuem aufzuräumen und sich durchzuarbeiten brauche, sondern
die Sache geordnet und gelichtet finde, dazu ist die Theorie vorhanden.
Sie soll den Geist des künftigen Führers im Kriege erziehen, oder
vielmehr ihn bei seiner Selbsterziehung leiten, nicht aber ihn auf das
Schlachtfeld begleiten.
* * * * *
Im Kriege sind die Ideen meist so einfach und naheliegend, daß das
Verdienst der Erfindung gar nicht das Talent des Feldherrn ausmachen
kann. Die Hauptsache ist die Schwierigkeit der Ausführung. Im Kriege ist
alles einfach, aber das Einfache höchst schwierig. Das Kriegsinstrument
gleicht einer Maschine mit ungeheurer Friktion, die nicht wie in der
Mechanik auf ein paar Punkte zurückgeführt werden kann, sondern überall
mit einem Heere von Zufällen im Kontakt ist. Außerdem ist der Krieg eine
Tätigkeit im erschwerenden Mittel. Eine Bewegung, die man in der Luft
mit Leichtigkeit macht, wird im Wasser sehr schwer. Gefahr und
Anstrengung sind die Elemente, in denen sich der Geist im Kriege bewegt.
So kommt es denn, daß man immer hinter *der* Linie zurückbleibt, die man
sich gezogen hat, und daß schon keine gewöhnliche Kraft dazu gehört, um
nur nicht unter dem Niveau des Mittelmäßigen zu bleiben.
* * * * *
Beim Handeln folgen die meisten einem bloßen Takt des Urteils, der mehr
oder weniger gut trifft, je nachdem mehr oder weniger Genie in ihnen
ist. So haben alle großen Feldherren gehandelt, und darin liegt zum
Teil ihre Größe, daß sie mit diesem Takt immer das Rechte trafen. So
wird es für das Handeln auch immer bleiben. Dieser Takt reicht dazu
vollkommen hin. Aber wenn es darauf ankommt, nicht selbst zu handeln,
sondern in einer Beratung andere zu überzeugen, dann kommt es auf klare
Vorstellungen, auf das Nachweisen des inneren Zusammenhanges an.
* * * * *
Alles Handeln im Kriege ist nur auf *wahrscheinliche*, nicht auf
*gewisse* Erfolge gerichtet. Was an der Gewißheit fehlt, muß überall dem
Schicksal oder dem Glück -- wie man es nennen will -- überlassen
bleiben. Es gibt Fälle, wo das höchste Wagen die höchste Weisheit ist.
* * * * *
Man hat früher behauptet, der Krieg sei ein Handwerk. Damit war aber
mehr verloren als gewonnen, denn ein Handwerk ist nur eine niedrige
Kunst und unterliegt als solche auch bestimmteren und engeren Gesetzen.
In der Tat hat sich die Kriegskunst eine Zeitlang im Geiste des
Handwerks bewegt, nämlich zur Zeit der Condottieri. Aber diese Richtung
hatte sie nicht nach inneren, sondern nach äußeren Gründen, und wie
wenig sie in dieser Zeit naturgemäß und befriedigend war, zeigt die
Kriegsgeschichte.
* * * * *
Wenn man auf der einen Seite sieht, wie das kriegerische Handeln so
höchst einfach erscheint; wenn man hört und sieht, wie die größten
Feldherren sich darüber gerade am einfachsten und schlichtesten
ausdrücken, wie das Regieren und Bewegen der aus hunderttausend Gliedern
zusammengesetzten schwerfälligen Maschine in ihrem Munde sich nicht
anders ausnimmt, als ob von ihrer Person allein die Rede sei, so daß der
ganze ungeheuere Akt des Krieges zu einer Art von Zweikampf
individualisiert wird; wenn man dabei die Motive ihres Handelns bald
mit ein paar einfachen Vorstellungen, bald mit irgendeiner Regung des
Gemütes in Verbindung gebracht findet; wenn man diese leichte, sichere,
man möchte sagen leichtfertige Weise sieht, wie sie den Gegenstand
auffassen, -- und nun von der anderen Seite die große Anzahl von
Verhältnissen, die für den untersuchenden Verstand in Anregung kommen;
die großen, oft unbestimmten Entfernungen, in die die einzelnen Fäden
auslaufen, und die Menge von Kombinationen, die vor uns liegen; wenn man
dabei an die Verpflichtung denkt, die die Theorie hat, dies alles
systematisch, d. h. mit Klarheit und Vollständigkeit, aufzufassen und
das Handeln immer auf die Notwendigkeit des zureichenden Grundes
zurückzuführen, so überfällt uns die Besorgnis mit unwiderstehlicher
Gewalt, zu einem pedantischen Schulmeistertum hinabgerissen zu werden,
in den untersten Räumen schwerfälliger Begriffe herumzukriechen und dem
großen Feldherrn in seinem leichten Überblick also niemals zu begegnen.
Wenn das Resultat theoretischer Bemühungen von dieser Art sein sollte,
so wäre es ebensogut, oder vielmehr besser, sie gar nicht angestellt zu
haben. Sie ziehen der Theorie die Geringschätzung des Talentes zu und
fallen bald in Vergessenheit. Und von der andern Seite ist dieser
leichte Überblick des Feldherrn, diese einfache Vorstellungsart, diese
Personifizierung des ganzen kriegerischen Handelns so ganz und gar der
Kern jeder guten Kriegführung, daß sich nur bei dieser großartigen Weise
die Freiheit der Seele denken läßt, die nötig ist, wenn sie über die
Ereignisse herrschen und nicht von ihnen überwältigt werden soll.
* * * * *
Die Kriegskunst im eigentlichen Sinne ist die Kunst, sich der gegebenen
Mittel im Kampfe zu bedienen. Wir können sie nicht besser als mit dem
Namen der *Kriegführung* bezeichnen. Dagegen werden allerdings zur
Kriegskunst im weiteren Sinne auch alle Tätigkeiten gehören, die um des
Krieges willen da sind, also die ganze Schöpfung der Streitkräfte, d. i.
Aushebung, Bewaffnung, Ausrüstung und Übung.
Es ist für die Realität einer Theorie höchst wesentlich, diese beiden
Tätigkeiten zu trennen, denn es ist leicht einzusehen, daß, wenn jede
Kriegskunst mit der Einrichtung der Streitkräfte anfangen und diese für
die Kriegführung, sowie sie dieselben angegeben, bedingen wollte, sie
nur auf die wenigen Fälle anwendbar sein könnte, wo die vorhandenen
Streitkräfte dem gerade entsprächen. Will man dagegen eine Theorie
haben, die für die große Mehrzahl der Fälle geeignet, für keinen aber
ganz unbrauchbar sei: so muß sie auf die große Mehrheit der gewöhnlichen
Streitmittel, und bei diesen auch nur auf die wesentlichsten Resultate
gebaut sein.
Die Kriegführung ist also die Anordnung und Führung des Kampfes. Wäre
dieser Kampf ein einzelner Akt, so würde kein Grund zu einer weiteren
Einteilung sein. Allein der Kampf besteht aus einer mehr oder weniger
großen Zahl einzelner in sich geschlossener Akte, die wir Gefechte
nennen und die neue Einheiten bilden. Daraus entspringt nun die ganz
verschiedene Tätigkeit, diese einzelnen Gefechte in sich anzuordnen und
zu führen, und sie unter sich zum Zweck des Krieges zu verbinden. Das
eine ist die *Taktik*, das andere die *Strategie* genannt worden.
Es ist also nach unserer Einteilung die Taktik die Lehre vom Gebrauch
der Streitkräfte im Gefecht, die Strategie die Lehre vom Gebrauch der
Gefechte zum Zweck des Krieges.
Kriegerische Tugenden. Heer und Feldherr
Der Krieg ist ein bestimmtes Geschäft. Und wie allgemein auch seine
Beziehung sei, und wenn auch alle waffenfähigen Männer eines Volkes
dasselbe trieben, so bliebe es doch immer ein solches: verschieden und
getrennt von den übrigen Fähigkeiten, die das Menschenleben in Anspruch
nehmen.
Vom Geiste und Wesen dieses Geschäfts durchdrungen sein, -- die Kräfte,
die in ihm tätig sein sollen, in sich üben, erwecken und aufnehmen, --
das Geschäft mit dem Verstande ganz durchdringen, -- durch Übung
Sicherheit und Leichtigkeit in ihm gewinnen, -- ganz darin aufgehen, --
aus dem Menschen übergehen in die Rolle, die uns darin angewiesen wird:
das ist die kriegerische Tugend des Heeres in jedem einzelnen.
* * * * *
Die kriegerische Tugend ist für die Teile überall, was das Genie des
Feldherrn für das Ganze ist.
* * * * *
Je mehr ein Feldherr gewohnt ist, von seinen Soldaten zu fordern, um so
sicherer ist er, daß die Forderung geleistet wird. Der Soldat ist ebenso
stolz auf überwundene Mühseligkeiten als auf überstandene Gefahren. Aber
nur im Boden einer beständigen Tätigkeit und Anstrengung gedeiht dieser
Keim, auch nur im Sonnenlicht des Sieges.
* * * * *
Wenn wir ein rohes Volk betrachten, so ist ein kriegerischer Geist unter
den einzelnen Menschen viel gewöhnlicher als bei den gebildeten Völkern,
denn bei jenen besitzt ihn fast jeder einzelne Krieger, während bei den
gebildeten eine ganze Masse nur durch die Notwendigkeit und keineswegs
durch inneren Trieb mitfortgerissen wird. Aber unter rohen Völkern
findet man nie einen eigentlich großen Feldherrn und äußerst selten,
was man ein kriegerisches Genie nennen kann, weil dazu eine Entwicklung
der Verstandeskräfte erforderlich ist, die ein rohes Volk nicht haben
kann.
* * * * *
Der Krieg ist das Gebiet der Gefahr. Es ist also Mut vor allen Dingen
die erste Eigenschaft des Kriegers.
Der Mut ist doppelter Art: einmal Mut gegen die persönliche Gefahr, und
dann Mut gegen die Verantwortlichkeit, sei es vor dem Richterstuhl
irgendeiner äußeren Macht, sei es vor dem einer inneren, nämlich des
Gewissens.
Der Mut gegen die persönliche Gefahr ist wieder doppelter Art. Erstens
kann er Gleichgültigkeit gegen die Gefahr sein. Sei es, daß sie aus dem
Organismus des Individuums oder aus Geringschätzung des Lebens oder aus
Gewohnheit hervorgehe, in diesen Fällen ist der Mut als ein bleibender
Zustand anzusehen.
Zweitens kann er aus positiven Motiven hervorgehen, wie Ehrgeiz,
Vaterlandsliebe, Begeisterung jeder Art. In diesem Fall ist der Mut
nicht sowohl ein Zustand als eine Gemütsbewegung, ein Gefühl.
Es ist begreiflich, daß beide Arten von verschiedener Wirkung sind. Die
erste Art ist sicherer, weil sie, zur zweiten Natur geworden, den
Menschen nie verläßt; die zweite führt oft weiter. Der ersteren gehört
mehr die Standhaftigkeit, der zweiten mehr die Kühnheit an. Die erste
läßt den Verstand nüchterner, die zweite steigert ihn zuweilen,
verblendet ihn aber auch oft. Beide vereinigt geben die vollkommenste
Art des Mutes.
* * * * *
Der Krieg ist das Gebiet körperlicher Anstrengungen und Leiden. Um
dadurch nicht zugrunde gerichtet zu werden, bedarf es einer gewissen
Kraft des Körpers und der Seele, die, angeboren oder eingeübt,
gleichgültig dagegen macht. Mit diesen Eigenschaften, unter der bloßen
Führung des gesunden Verstandes, ist der Mensch schon ein tüchtiges
Werkzeug für den Krieg, und diese Eigenschaften sind es, die wir bei
rohen und halbkultivierten Völkern so allgemein verbreitet antreffen.
* * * * *
Die Kühnheit ist vom Troßknecht bis zum Feldherrn hinauf die edelste
Tugend, der rechte Stahl, der der Waffe ihre Schärfe und ihren Glanz
gibt.
* * * * *
Der Geist der Kühnheit kann in einem Heere zu Hause sein, entweder weil
er es im Volke ist oder weil er sich in einem glücklichen Kriege unter
kühnen Führern erzeugt hat.
* * * * *
Je höher wir unter den Führern hinaufsteigen, desto notwendiger wird es,
daß der Kühnheit ein überlegender Geist zur Seite trete, daß sie nicht
zwecklos, nicht ein blinder Stoß der Leidenschaft sei. Denn immer
weniger betrifft es die eigene Aufopferung, immer mehr knüpft sich die
Erhaltung anderer und die Wohlfahrt eines großen Ganzen daran. Was also
bei dem großen Haufen die zur zweiten Natur gewordene Dienstordnung
regelt, das muß in dem Führer die Überlegung regeln, und hier kann die
Kühnheit einer einzelnen Handlung schon leicht zum Fehler werden. Aber
dennoch bleibt es ein schöner Fehler, der nicht angesehen werden darf
wie jeder andere. Wohl dem Heere, wo sich unzeitige Kühnheit häufig
zeigt! Es ist ein üppiger Auswuchs, aber der Zeuge eines kräftigen
Bodens. Selbst die Tollkühnheit, d. h. die Kühnheit ohne allen Zweck,
ist nicht mit Geringschätzung anzusehen. Im Grunde ist es dieselbe Kraft
des Gemüts, nur ohne alles Zutun des Geistes, in einer Art von
Leidenschaft ausgeübt. Nur wo die Kühnheit sich gegen den Gehorsam
auflehnt, wo sie einen ausgesprochenen höheren Willen geringschätzend
verläßt: da muß sie, nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen des
Ungehorsams, wie ein gefährliches Übel behandelt werden; denn nichts
geht im Kriege über den Gehorsam.
* * * * *
Der Mut ist immer das erste Element im Krieger, aber er erhält sich in
den höheren Regionen großer Verantwortlichkeit nur dann, wenn ihn ein
kräftiger Kopf unterstützt. Darum gelangen von so vielen braven Soldaten
so wenige dazu, mutige und unternehmende Feldherren zu sein.
* * * * *
Die Kühnheit hat im Kriege eigene Vorrechte. Über den Erfolg des Kalküls
mit Raum, Zeit und Größe hinaus müssen ihr noch gewisse Prozente
zugestanden werden, die sie jedesmal, wo sie sich überlegen zeigt, aus
der Schwäche der anderen zieht. Sie ist also eine wahrhaft schöpferische
Kraft. Das ist selbst philosophisch nicht schwer nachzuweisen. Sooft die
Kühnheit auf die Zaghaftigkeit trifft, hat sie notwendig die
Wahrscheinlichkeit des Erfolgs für sich, weil Zaghaftigkeit schon ein
verlorenes Gleichgewicht ist. Nur wo sie auf besonnene Vorsicht trifft,
die, man möchte sagen, ebenso kühn, in jedem Falle ebenso stark und
kräftig ist als sie selbst, muß sie im Nachteil sein. Das sind aber die
seltenen Fälle. In der ganzen Schar der Vorsichtigen gibt es eine
ansehnliche Mehrheit, die es aus Furchtsamkeit ist.
* * * * *
Solange eine Truppe voll guten Muts mit Lustigkeit und Leichtigkeit
kämpft, ist für den Feldherrn selten Veranlassung da, große Willenskraft
in der Verfolgung seiner Zwecke zu zeigen. Sowie aber die Umstände
schwierig werden, und das kann, wo Außerordentliches geleistet werden
soll, nie ausbleiben, so geht die Sache nicht mehr von selbst wie mit
einer gut eingeölten Maschine, sondern die Maschine selbst fängt an,
Widerstand zu leisten, und diesen zu überwinden, dazu gehört die große
Willenskraft des Führers.
* * * * *
Kriegsgewohnheit kann kein Feldherr seinem Heere geben, und schwach ist
der Ersatz, den Friedensübungen gewähren, schwach im Vergleich mit der
wirklichen Kriegserfahrung, aber nicht im Vergleich mit einem Heere, bei
dem auch diese Übungen nur auf mechanische Kunstfertigkeiten gerichtet
sind. Die Übungen des Friedens so einzurichten, daß ein Teil jener
Friktionsgegenstände darin vorkomme, daß das Urteil, die Umsicht, selbst
die Entschlossenheit der einzelnen Führer geübt werde, dies ist von viel
größerem Wert, als die glauben, die den Gegenstand nicht aus Erfahrung
kennen. Es ist unendlich wichtig, daß der Soldat, hoch oder niedrig, auf
welcher Stufe er auch stehe, diejenigen Erscheinungen des Krieges, die
ihn beim erstenmal in Verwunderung und Verlegenheit setzen, nicht erst
im Kriege zum erstenmal sieht. Sind sie ihm früher nur ein einziges Mal
vorgekommen, so ist er schon halb damit vertraut. Das bezieht sich
selbst auf körperliche Anstrengungen. Sie müssen geübt werden, weniger,
daß sich die Natur, als daß sich der Verstand daran gewöhne. Im Kriege
ist der neue Soldat sehr geneigt, ungewöhnliche Anstrengungen für Folgen
großer Fehler, Irrungen und Verlegenheiten in der Führung des Ganzen zu
halten und dadurch doppelt niedergedrückt zu werden. Dies wird nicht
geschehen, wenn er bei Friedensübungen darauf vorbereitet wird.
Ein anderes, weniger umfassendes, aber doch höchst wichtiges Mittel, die
Kriegsgewohnheit im Frieden zu gewinnen, ist das Heranziehen
kriegserfahrener Offiziere anderer Heere. Selten ist in Europa überall
Frieden, und nie geht der Krieg in den anderen Weltteilen aus. Ein
Staat, der lange im Frieden ist, sollte also stets suchen, von diesen
Kriegsschauplätzen sich einzelne Offiziere, aber freilich nur solche,
die gut gedient haben, zu verschaffen, oder von den seinigen einige
dahin zu schicken, damit sie den Krieg kennen lernen.
Wie gering auch die Anzahl solcher Offiziere zur Masse eines Heeres
erscheinen möge, so ist doch ihr Einfluß sehr fühlbar. Ihre Erfahrungen,
die Richtung ihres Geistes, die Ausbildung des Charakters wirken auf
ihre Untergebenen und Kameraden.
* * * * *
Nicht immer bringt es ein gewöhnlicher Mensch im Gefecht bis zur
völligen Unbefangenheit und zur natürlichen Elastizität der Seele, und
so mag man denn erkennen, daß mit Gewöhnlichem hier wieder nicht
auszureichen ist, was um so wahrer wird, je größer der Wirkungskreis
ist, der angeführt werden soll. Enthusiastische, stoische, angeborene
Bravour, gebieterischer Ehrgeiz, auch lange Bekanntschaft mit der
Gefahr, viel von alledem muß da sein, wenn nicht alle Wirkung in diesem
erschwerenden Mittel hinter dem Maß zurückbleiben soll, das auf dem
Zimmer als ein gewöhnliches erscheinen mag.
* * * * *
Wie sorgfältig man sich auch den Bürger neben dem Krieger in einem und
demselben Individuum ausgebildet denken, wie sehr man sich die Kriege
nationalisieren, und wie weit man sie sich in eine Richtung hinausdenken
möge, entgegengesetzt derjenigen der ehemaligen Condottieri: niemals
wird man die Individualität des Geschäftsganges aufheben können, und
wenn man das nicht kann, so werden auch immer diejenigen, die es
treiben, und solange sie es treiben, sich als eine Art von Innung
ansehen, in deren Ordnungen, Gesetzen und Gewohnheiten sich die Geister
des Krieges vorzugsweise fixieren. Und so wird es auch in der Tat sein.
Man würde also bei der entschiedensten Neigung, den Krieg vom höchsten
Standpunkt aus zu betrachten, sehr unrecht haben, den Innungsgeist mit
Geringschätzung anzusehen, der mehr oder weniger in einem Heer vorhanden
sein muß.
* * * * *
Ein gewisser schwerer Ernst und strenge Dienstordnungen können die
kriegerische Tugend einer Truppe länger erhalten, aber sie erzeugen sie
nicht. Sie behalten darum immer ihren Wert, aber man soll sie nicht
überschätzen. Ordnung, Fertigkeit, guter Wille, auch ein gewisser Stolz
und eine vorzügliche Stimmung sind Eigenschaften eines im Frieden
erzogenen Heeres, die man schätzen muß, die aber keine Selbständigkeit
haben. Das Ganze hält das Ganze, und wie bei dem zu schnell erkalteten
Glase zerbröckelt ein einziger Riß die ganze Masse. Besonders verwandelt
sich die beste Stimmung von der Welt beim ersten Unfall nur zu leicht in
Kleinmut und, man möchte sagen, in eine Art von Großsprecherei der
Angst: das französische _sauve qui peut_. Man hüte sich, Geist des
Heeres und Stimmung im Heere zu verwechseln!
* * * * *
Ein Heer, das im zerstörendsten Feuer seine gewohnten Ordnungen behält,
das niemals von einer eingebildeten Furcht geschreckt wird und der
begründeten den Raum Fuß für Fuß streitig macht, das, stolz im Gefühl
seiner Siege, auch mitten im Verderben der Niederlage die Kraft zum
Gehorsam nicht verliert, nicht die Achtung und das Zutrauen zu seinen
Führern, dessen körperliche Kräfte in der Übung von Entbehrung und
Anstrengung gestärkt sind wie die Muskeln eines Athleten, das diese
Anstrengungen ansieht als ein Mittel zum Siege, nicht als einen Fluch,
der auf seinen Fahnen ruht, und das an alle diese Pflichten und Tugenden
durch den kurzen Katechismus einer einzigen Vorstellung erinnert wird,
nämlich der Ehre seiner Waffen: ein solches Heer ist vom kriegerischen
Geiste durchdrungen.
* * * * *
Wieviel Großes dieser Geist, diese Gediegenheit des Heeres, diese
Veredelung des Erzes zum strahlenden Metall schon geleistet, sehen wir
an den Makedoniern unter Alexander, den römischen Legionen unter Cäsar,
an der spanischen Infanterie unter Alexander Farnese, den Schweden unter
Gustav Adolf und Karl XII., den Preußen unter Friedrich dem Großen und
den Franzosen unter Bonaparte. Man müßte absichtlich die Augen
verschließen gegen alle historischen Beweise, wenn man nicht zugeben
wollte, daß die wunderbaren Erfolge dieser Feldherren und ihre Größe in
den schwierigsten Lagen nur bei einem so potenzierten Heere möglich
waren.
* * * * *
Soll der Feldherr den beständigen Streit mit dem Unerwarteten glücklich
bestehen, so sind ihm zwei Eigenschaften unentbehrlich, einmal ein
Verstand, der auch in dieser gesteigerten Dunkelheit nicht ohne einige
Spuren des inneren Lichtes ist, die ihn zur Wahrheit führen, und dann
Mut, diesem schwachen Lichte zu folgen. Der erstere ist bildlich mit dem
französischen Ausdruck _coup d'oeil_ bezeichnet worden, der andere ist
die Entschlossenheit.
* * * * *
Wir glauben, daß die Entschlossenheit einer eigentümlichen Richtung des
Verstandes ihr Dasein verdankt, und zwar einer, die mehr kräftigen als
glänzenden Köpfen angehört. Wir können diese Genealogie der
Entschlossenheit dadurch belegen, daß es eine große Anzahl von
Beispielen gibt, wo Männer, die in niederen Regionen die größte
Entschlossenheit gezeigt hatten, diese in den höheren verloren. Obgleich
sie das Bedürfnis haben, sich zu entschließen, so sehen sie doch die
Gefahren ein, die in einem falschen Entschluß liegen, und da sie mit den
Dingen, die ihnen vorliegen, nicht vertraut sind, so verliert ihr
Verstand seine ursprüngliche Kraft, und sie werden nur um so zaghafter,
je mehr sie die Gefahr der Unentschlossenheit, in die sie gebannt sind,
kennen, und je mehr sie gewohnt waren, frisch von der Faust weg zu
handeln.
* * * * *
Bei dem _coup d'oeil_ und der Entschlossenheit liegt es uns ganz nahe,
von der damit verwandten Geistesgegenwart zu reden, die in einem Gebiete
des Unerwarteten, wie der Krieg es ist, eine große Rolle spielen muß;
denn sie ist ja nichts als eine gesteigerte Besiegung des Unerwarteten.
Man bewundert die Geistesgegenwart in einer treffenden Antwort auf eine
unerwartete Anrede, wie man sie bewundert in der schnell gefundenen
Aushilfe bei plötzlicher Gefahr. Beide, diese Antwort und diese
Aushilfe, brauchen nicht ungewöhnlich zu sein, wenn sie nur treffen;
denn was nach reiflicher und ruhiger Überlegung nichts Ungewöhnliches,
also in seinem Eindruck auf uns etwas Gleichgültiges wäre, kann als ein
schneller Akt des Verstandes Vergnügen machen. Der Ausdruck
Geistesgegenwart bezeichnet gewiß sehr passend die Nähe und
Schnelligkeit der vom Verstande dargereichten Hilfe.
* * * * *
Man ist gewöhnt, sich den einfachen, tüchtigen Soldaten als Gegensatz zu
denken zu den überlegsamen oder an Erfindungen und guten Einfällen
reichen Köpfen und den im Bildungsschmuck aller Art glänzenden Geistern.
Nun ist dieser Gegensatz keineswegs ohne wirklichen Rückhalt, aber er
beweist nur nicht, daß die Tüchtigkeit des Soldaten bloß in seinem Mute
bestehe, und daß es nicht auch einer gewissen eigentümlichen Tätigkeit
und Tüchtigkeit des Kopfes bedarf, um nur das zu sein, was man einen
guten Degen nennt. Wir müssen immer wieder darauf zurückkommen, daß
nichts gewöhnlicher ist als das Beispiel von Männern, die ihre
Tüchtigkeit verlieren, sobald sie zu höheren Stellen gelangen, denen
ihre Einsichten nicht mehr gewachsen sind. Wir müssen aber auch immer
wieder daran erinnern, daß wir von *vorzüglichen* Leistungen reden, von
solchen, die Ruf in der Art von Tätigkeit geben, der sie angehören. Es
bildet daher jede Stufe des Befehls im Kriege ihre eigene Schicht von
erforderlichen Geisteskräften, von Ruhm und Ehre.
Eine sehr große Kluft liegt zwischen einem Feldherrn, d. h. einem
entweder an der Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters
stehenden General und der nächsten Befehlshaberstufe unter ihm, aus dem
einfachen Grunde, weil dieser einer viel näheren Leitung und Aufsicht
unterworfen ist, folglich der eigenen Geistestätigkeit einen viel
kleineren Kreis bietet. Dies hat denn veranlaßt, daß die gewöhnliche
Meinung eine ausgezeichnete Verstandestätigkeit nur in jener höchsten
Stelle sieht und bis dahin den gemeinen Verstand für ausreichend
erachtet. Ja, man ist nicht abgeneigt, in einem unter den Waffen
ergrauten Unterfeldherrn, den seine einseitige Tätigkeit zu einer
unverkennbaren Geistesarmut geführt hat, eine gewisse Verdummung zu
erblicken, und bei aller Verehrung für seinen Mut über seine Einfalt zu
lächeln. Es ist nicht unser Vorsatz, diesen braven Leuten ein besseres
Los zu erkämpfen. Dies würde nichts zu ihrer Wirksamkeit und wenig zu
ihrem Glück beitragen, sondern wir wollen nur die Sachen zeigen, wie sie
sind, und vor dem Irrtum warnen, daß im Kriege ein bloßer Bravo ohne
Verstand Vorzügliches leisten könne.
Wenn wir schon in den niedrigsten Führerstellen für den, der
ausgezeichnet sein soll, auch ausgezeichnete Geisteskräfte fordern und
diese mit jeder Stufe steigern, so folgt daraus von selbst, daß wir eine
ganz andere Ansicht von den Leuten haben, die die zweiten Stellen in
einem Heere mit Ruhm bekleiden; und ihre scheinbare Einfalt neben dem
Polyhistor, dem federtätigen Geschäftsmann, dem konferierenden
Staatsmann soll uns nicht irre machen an der ausgezeichneten Natur
ihres werktätigen Verstandes. Freilich geschieht es zuweilen, daß Männer
den Ruhm, den sie sich in niederen Stellen erworben haben, in die
höheren mit hinüberbringen, ohne ihn dort wirklich zu verdienen. Werden
sie nun in diesen nicht viel gebraucht, kommen sie also nicht in die
Gefahr, sich Blößen zu geben, so unterscheidet das Urteil nicht so
genau, welche Art von Ruf ihnen zukommt; und so tragen solche Männer oft
dazu bei, daß man einen geringeren Begriff von der Persönlichkeit faßt,
die in gewissen Stellen noch zu glänzen vermag.
* * * * *
Die ausgezeichneten Feldherren sind niemals aus der Klasse der
vielwissenden oder gar gelehrten Offiziere hervorgegangen. Meistens
konnten sie ihrer ganzen Lage nach auf keine große Summe des Wissens
eingerichtet sein. Darum sind auch die immer als lächerliche Pedanten
verspottet worden, die es für die Erziehung eines künftigen Feldherrn
nötig oder auch nur nützlich halten, mit der Erkenntnis aller Details
anzufangen. Es läßt sich ohne große Mühe beweisen, daß sie ihm schaden
wird, weil der menschliche Geist durch die ihm mitgeteilten Kenntnisse
und Ideenrichtungen erzogen wird. Nur das Große kann ihn großartig, das
Kleine nur kleinlich machen, wenn er es nicht wie etwas ganz Fremdes
ganz von sich stößt.
* * * * *
Je höher wir in den Führerstellen hinaufsteigen, um so mehr wird Geist,
Verstand und Einsicht in der Tätigkeit vorherrschend, um so mehr wird
also die Kühnheit, die eine Eigenschaft des Gemüts ist, zurückgedrängt,
und darum finden wir sie in den höchsten Stellen so selten, aber um so
bewunderungswürdiger ist sie auch dann. Eine durch vorherrschenden Geist
geleitete Kühnheit ist der Stempel des Helden. Diese Kühnheit besteht
nicht im Wagen gegen die Natur der Dinge, in einer plumpen Verletzung
des Wahrscheinlichkeitsgesetzes, sondern in der kräftigen Unterstützung
jenes höheren Kalküls, den das Genie, der Takt des Urteils in
Blitzesschnelle und nur halb bewußt durchlaufen hat, wenn er seine Wahl
trifft. Je mehr die Kühnheit den Geist und die Einsicht beflügelt, um so
weiter reichen diese mit ihrem Flug, um so umfassender wird der Blick,
um so richtiger das Resultat. Aber freilich immer nur in dem Sinne, daß
mit den größeren Zwecken auch die größeren Gefahren verbunden bleiben.
Der gewöhnliche Mensch, um nicht von den schwachen und unentschlossenen
zu reden, kommt höchstens bei einer eingebildeten Wirksamkeit auf seinem
Zimmer, entfernt von Gefahr und Verantwortlichkeit, zu einem richtigen
Resultat, soweit nämlich ein solches ohne lebendige Anschauung möglich
ist. Treten ihm aber Gefahr und Verantwortlichkeit überall nahe, so
verliert er den Überblick, und bliebe ihm dieser etwa durch den Einfluß
anderer, so würde er den Entschluß verlieren, weil da kein anderer
aushelfen kann.
* * * * *
Es ist eine sehr hervorstechende Eigentümlichkeit großer Feldherren, im
Unglück und in der Bedrängnis so wenig als möglich aufzugeben, sich und
dem Glücke zu vertrauen und es darauf ankommen zu lassen, ob bessere
Zeiten ohne große Verluste zu erreichen sind. Gelingt es, so sind wir
geneigt, jedesmal alles für sichere Rechnung und klares Bewußtsein zu
halten, was erst bloß dunkles Wagen war.
Je hervorstechender diese Eigentümlichkeit ist und je mehr wir die
innere Zuversicht bewundern, auf die alles gegründet gewesen zu sein
scheint, um so geneigter ist man, dieses hartnäckige Verweilen auf einer
Station der Laufbahn als eine notwendige Bedingung, als ein unfehlbares
Zeichen der Größe im Unglück zu betrachten. Hätte Napoleon im Jahre 1812
im Oktober jenseits Moskau durch irgendeinen Ministerwechsel in
Petersburg noch einen vorteilhaften Frieden erhalten, so spräche man mit
der höchsten Bewunderung von der Ausdauer, die man jetzt für eine Art
Raserei ansieht.
Daß sich unser Urteil so sehr nach dem Erfolge richtet, ist nichts
weniger als unvernünftig, denn in den meisten Fällen bleibt uns doch
nicht viel anderes übrig. Der Erfolg einer Unternehmung ist
gewissermaßen die Rechenprobe, und es ist sehr natürlich, daß man sich
an sie hält.
Dieser natürlichen, instinktartigen Richtung entgegen sieht man oft, daß
sich eine dünkelvolle Kritik darin gefällt: in den bestgelungensten
Unternehmungen gerade die größten Fehler zu entdecken. In den meisten
Fällen sind diese Urteile wirklich nicht viel besser, als wenn ein Arzt
behaupten wollte, ein Kranker, dem er das Leben abgesprochen, lebe zu
Unrecht weiter.
* * * * *
Wer sich in einem Elemente bewegen will, wie der Krieg es ist, darf
durchaus aus seinen Büchern nichts mitbringen als die Erziehung seines
Geistes. Bringt er fertige Ideen mit, die ihm nicht der Stoß des
Augenblicks eingegeben, die er nicht aus seinem eigenen Fleisch und Blut
erzeugt hat, so wirft ihm der Strom der Begebenheiten sein Gebäude
nieder, ehe es fertig ist. Es wird den anderen, den Naturmenschen,
niemals verständlich sein und wird gerade unter den ausgezeichnetsten
von ihnen, die selbst wissen, was sie wollen, das wenigste Vertrauen
genießen.
* * * * *
Der vollkommenste Generalstab mit den richtigsten Ansichten und
Grundsätzen reicht nicht hin, die ausgezeichnete Führung einer Armee zu
bedingen, wenn die Seele eines großen Feldherrn fehlt. Die einer großen
Feldherrnnatur angeborene Richtung des Blickes und des Willens aber ist
auch da ein vortreffliches Korrektiv gegen die sich in ihre eigenen
Pläne verwickelnde Generalstabsgelehrsamkeit, wo sie dieser übrigens als
Instrument nicht entbehren kann.
* * * * *
Da der Krieg kein reines Produkt notwendiger Beziehungen von Zweck und
Mittel ist, sondern immer etwas von der Natur des Glückspiels behält, so
kann auch die Kriegführung jenes Elements durchaus nicht entbehren, und
der Feldherr, der zu wenig Neigung zu diesem Spiel hat, wird, ohne es zu
ahnen, hinter der Linie zurückbleiben und im großen Kontobuche der
kriegerischen Erfolge in eine tiefere Schuld geraten, als er denkt.
* * * * *
Der Führer im Kriege muß das Werk seiner Tätigkeit einem mitwirkenden
Raume übergeben, den seine Augen nicht überblicken, den der regste Eifer
nicht immer erforschen kann, und mit dem er bei dem beständigen Wechsel
auch selten in eigentliche Bekanntschaft kommt. Diese höchst
eigentümliche Schwierigkeit muß er durch eine eigentümliche
Geistesanlage besiegen, die, mit einem zu beschränkten Ausdruck, der
Ortssinn genannt wird. Es ist das Vermögen, sich von jeder Gegend
schnell eine richtige geometrische Vorstellung zu machen und als Folge
davon sich in ihr jedesmal leicht zurechtzufinden. Offenbar ist dies ein
Akt der Phantasie. Zwar geschieht das Auffassen dabei teils durch das
körperliche Auge, teils durch den Verstand, der mit seinen aus
Wissenschaft und Erfahrung geschöpften Einsichten das Fehlende ergänzt
und aus den Bruchstücken des körperlichen Blicks ein Ganzes macht. Aber
daß dies Ganze nun lebhaft vor die Seele trete, ein Bild, eine innerlich
gezeichnete Karte werde, daß dies Bild bleibend sei, die einzelnen Züge
nicht immer wieder auseinanderfallen, das vermag nur die Geisteskraft zu
bewirken, die wir Phantasie nennen.
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Es ist natürlich, daß auch die Anwendungen dieses Talents sich nach
obenhin erweitern. Müssen sich Husar und Jäger auf einer Patrouille in
Weg und Steg leicht zurechtfinden, und bedarf es dafür immer nur weniger
Kennzeichen, einer beschränkten Auffassungs- und Vorstellungsgabe, so
muß der Feldherr sich bis zu den allgemeinen geographischen Gegenständen
einer Provinz und eines Landes erheben, den Zug der Straßen, Ströme und
Gebirge immer lebhaft vor Augen haben, ohne darum den beschränkten
Ortssinn entbehren zu können. Zwar sind ihm für die allgemeinen
Gegenstände Nachrichten aller Art, Karten, Bücher, Memoiren, und für die
Einzelheiten der Beistand seiner Umgebungen eine große Hilfe, aber gewiß
ist es dennoch, daß ein großes Talent in schneller und klarer Auffassung
der Gegend seinem ganzen Handeln einen leichteren und festeren Schritt
verleiht, ihn vor einer gewissen inneren Unbeholfenheit schützt und
weniger abhängig von andern macht.
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Die sehr große Masse von Kenntnissen und Fertigkeiten, die der
kriegerischen Tätigkeit im allgemeinen dienen, und die nötig werden, ehe
ein ausgerüstetes Heer ins Feld rücken kann, drängen sich in wenige
große Resultate zusammen, ehe sie dazu kommen, im Kriege den endlichen
Zweck ihrer Tätigkeit zu erreichen, so wie die Gewässer des Landes sich
in Ströme vereinigen, ehe sie ins Meer kommen. Nur diese sich
unmittelbar ins Meer des Krieges ergießenden Tätigkeiten hat der kennen
zu lernen, der sie leiten will.
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