Rom. Ein Saal im päpstlichen Palast; zur Rechten (von der Bühne aus)
ist an der Wand ein temporärer Altar errichtet, an dem ein Priester
amtiert; zur Linken bis gegen die Mitte der Bühne reichend, stehen
Armsessel, zum Teil mit Betpulten davor, auf denen der Papst mit seiner
Familie, darunter CESARE und LUCREZIA BORGIA, die VANOZZA und JULIA
FARNESE mit den Mitgliedern des heiligen Kollegiums, Bischöfen und
Erzbischöfen, Almosenieren, dem Zeremonienmeister BURCARD, dem Kapitän
der päpstlichen Garde und andern zum unmittelbaren Gefolge des Papstes
Gehörigen Platz genommen; zu äußerst links, hinter den Stühlen stehen
dichtgedrängt und ohne das Ende des Saales auf dieser Seite erkennen
zu lassen, teils Geistliche, teils niedere Beamte des päpstlichen
Hofstaates und ganz hinten auch etliche von der Dienerschaft, welche
alle mit größerer oder geringerer Aufmerksamkeit der heiligen Handlung
folgen. Erleuchtet wird der ganze Raum lediglich von den vier großen
Kerzen, die am Altar brennen, so daß die entfernter gelegenen Teile
in Halbdunkel gehüllt sind. Im Hintergrund befindet sich ein einziges
großes Portal, welches offen steht.
PRIESTER AM Altar, (_den man längere Zeit hantieren gesehen und
flüstern gehört hat_). Hoc est enim Corpus meum[1].--Das Flüstern
und Zischeln geht weiter.--Hic est enim Calix Sanguinis mei, novi
et aeterni testamenti; mysterium fidei; qui pro vobis et pro multis
effundetur in remissionem peccatorum[2].
_Während mitten unter den Zuhörern, die teils knien, teils stehen,
der Papst mit überschlagenen Knien und im Schoß gekreuzten Händen,
wie es scheint, gleichgültig dort sitzt, geht unter den übrigen,
besonders unter den weiblichen Mitgliedern, ein lebhaftes Plauschen und
Austauschen von Meinungen einher, welches von den rückwärts Stehenden
wiederholt durch ein diskretes "Pst!" unterbrochen wird._
PRIESTER (_am Altar_).... Hostiam puram, hostiam sanctam, hostiam
immaculatum ...[3]
LUCREZIA (_teilt aus einer Tüte Confetti an ihre jüngeren Geschwister
aus._)
PRIESTER (_am Altar_).... Panem sanctum vitae aeternae, et Calicem
salutis perpetuae....[4]
Die Jüngeren scheinen sich um die Confetti zu streiten; einiges
fällt zu Boden; sie eilen sich, es aufzuheben; man hört Raufen und
Schimpfwörter; Stühle werden gerückt; die Damen benehmen sich um die
Kleinen; die Herren mahnen zur Ruhe; der Papst schaut hinüber und
lächelt; von rückwärts wiederholte "Pst--Pst!".
PRIESTER (_am Altar, mit lauter Stimme_).... Per omnia saecula
saeculorum[5].
DIE ANWESENDEN (_mechanisch murmelnd_). Amen.
CESARE ist von seinem Stuhl aufgestanden und begibt sich hinter die
Lehnen seines Vaters, des Papstes, zu dem herübergebeugt er sich
längere Zeit halblaut unterhält; die Damen fangen ebenfalls unter sich
ein halblautes Gespräch an; die Kleinen, wieder beruhigt, molfern an
ihren Confetti.
PRIESTER (_am Altar halblaut_). Agnus Dei, qui tollis peccata
mundi...[6]
Bei diesen Worten ist DAS WEIB plötzlich auf die Schwelle des
rückwärtigen Portals getreten. Hinter ihr sieht man eine schwarze
Gestalt verschwinden. Sie ist in der gleichen naiv-zauberhaften
Attitüde wie oben im Himmel und trägt dasselbe weiße,
jugendlich-züchtige Gewand wie damals, von dem eine von der Beleuchtung
der Kerzen unabhängige Helle auszugehen scheint.