MARIA (_unterbrechend_). Ja, kriegen denn die Zwei sich noch nicht?--

LESENDER ENGEL (_stockt_).--Ich weiß nicht, Immerwährende Jungfrau.

MARIA. Sieh' mal, wie viel Seiten die Geschichte noch hat?

LESENDER ENGEL zählt sorgfältig nach. Noch zwanzig, Allerseligste

Gottesmutter.

MARIA. Das ist schrecklich lang; kann man denn da nichts überschlagen?

Läßt sich das Buch geben.--Na, ich glaube, jetzt wird's etwas

lebhafter. Lies 'mal zu! (_Gibt ihm das Buch zurück._)

LESENDER ENGEL (_wie oben_): "... Je mehr sich die Hoffnung verringert,

so geschah es auch bei diesem armen Reitknecht, der sein verborgenes

Verlangen, das von keiner Hoffnung gelindert war, kaum mehr ertragen

konnte, und oft, da er sich von dieser Liebe nicht losmachen konnte,

den Entschluß faßte, zu sterben...."

_In diesem Augenblick ist_ das Weib, _ein junges, blühendes Wesen in

schwarzen Haaren, mit schwarzen, tiefliegenden Augen, in denen eine

verzehrende, aber noch nicht aufgeschlossene Wollust verborgen liegt,

in ganz weißem Gewand zaghaft auf die Schwelle getreten. Alles ist

bestürzt und, wie geblendet über den neuen Ankömmling, in die Höhe

gefahren; die Engel starr und wie unentschlossen, was zu tun, die

Blicke auf_ das Weib _gerichtet._

MARIA (_die sich erhoben hat, imperatorisch_). Wer ist diese

Person?--(als keine Antwort erfolgt). Wer hat Dich herein

gelassen?--Woher kommst Du?--Kommst du von drunten?--Bist Du eine

Gestorbene?--Oder 'was Besseres?--Eine Heilige?--Was willst Du

hier?--Mir Konkurrenz machen?--Mit welchem Recht...? (_fängt zu zittern

an_).

<p>In diesem Augenblick kommt der TEUFEL hinter DEM WEIB herein,

atemlos, als habe er sich verspätet, macht eine tiefe Reverenz vor

MARIA.</p>

TEUFEL. Gnädige Frau,--(DAS WEIB vorstellend.)--meine Tochter!

_Die Engel fahren kreischend nach links ab._

MARIA (_die Thronstufen hinabsteigend, mit dem Ausdruck höchster

Verwunderung_). Ah!--

TEUFEL (_den Eindruck abwartend; dann nach einer Pause_). Ich hoffe,

sie gefällt Dir?

MARIA (_zögernd, ihre Eindrücke sammelnd_). Gefallen?--Nein, dazu ist

sie zu schön. Dieses Biest schlägt alles im Himmel und auf Erden.--Ich

erwartete ein Scheusal.

TEUFEL. Gnädige Frau, damit....

MARIA (_unterbrechend, zornig_). "Gnäd'ge Frau!--Gnäd'ge Frau!" Ich

bin die Immerwährende Jungfrau und Allerseligste Gottesmutter!--Merk'

Dir's! (Mit einem Blick auf das Weib.)

TEUFEL (_sehr devot, halblaut_). Diese feinen Unterschiede erfaßt Die

noch nicht.--Sie ist wie ein Kind.

MARIA. Wie, spricht sie nicht?

TEUFEL. Gott bewahre!

MARIA. Sie spricht keine Sprache?

TEUFEL. Sie spricht die Sprache, die alle Weiber sprechen, die Sprache

der brennendsten Verführung.

MARIA. Ich meine, Du bist über unser Programm hinausgeschritten.--Was

soll diese superbe Person...?--

TEUFEL. Ich mußte sie in irgendeiner Art....

MARIA einfallend. Wenn ich das wollte, konnte ich einen meiner Engel,

ich konnte selbst....

TEUFEL. Oh, schönste Frau, nimmermehr; Ihr habt vergessen....

MARIA. Ja, ja!--Ganz richtig!--Jawohl!--Aber warum so blendend?--Das

reine Entzücken! (_zum Teufel gewendet halblaut_). Kann man sich hier

'was vergeben?

TEUFEL. Du kannst sie glatt bewundern; noch weiß sie gar nichts.

MARIA (_verschlingt das Weib mit ihren Blicken, geht dann in einer

plötzlichen Wallung auf sie zu, und küßt sie_).

DAS WEIB _fährt fast erschrocken zurück_.

Das Liebeskonzil: Eine Himmels-Tragödie in fünf Aufzügen · 第 46 / 56 题